Grenzstein: Ost-Prignitz | West-Prignitz
Eine Seite Ost-, eine Seite West-Prignitz: Die Satzung zum Glasfaserausbau kennt Grenzen. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Glasfaserausbau Geteiltes Dorf: Schnelles Internet nur für eine Straßenseite

Schnelles Internet ist gerade auch für viele Dörfer ein großes Thema. In der Altmark plant der Zweckverband Breitband Altmark ein weit verzweigtes Glasfasernetz. Bei diesem Glasfaserausbau droht dem Ort Kümmernitz bei Havelberg aber nun eine Zweiklassengesellschaft – weil ein paar Häuser schon auf Brandenburger Seite stehen.

von Andreas Müller, MDR SACHSEN-ANHALT

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Eine Seite Ost-, eine Seite West-Prignitz: Die Satzung zum Glasfaserausbau kennt Grenzen. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

In Kümmernitz im Landkreis Stendal treibt ein kleiner West-Ost-Konflikt seltsame Blüten. Eine Straße in dem Dorf ist - historisch gewachsen - zweigeteilt. Die eine Seite gehört zu Sachsen-Anhalt, aber gegenüber sind sechs Häuser schon Brandenburg. Nun soll Kümmernitz schnelles Internet bekommen. Allerdings haben die Planer vom Zweckverband Breitband Altmark die östliche und damit die brandenburgische Straßenseite ausgeklammert.

Der stellvertretende Kümmernitzer Ortsbürgermeister Hans-Günther Rose hat das Kuriosum bemerkt, als er den Lageplan studierte. Auf Anfrage bekam er vom Zweckverband den Hinweis, dass man sich damit an die Vorschriften halte: Die Satzung gelte nur für die Bürger in Sachsen-Anhalt.

Rose kann das sogar ein bisschen verstehen, denn es geht um Fördermittel vom Land Sachsen-Anhalt für Sachsen-Anhalt:

Aber wir sollten doch hier nicht den Amtsschimmel wiehern lassen. Niemand wird es uns abnehmen, wenn die sechs Häuser auf der anderen Straßenseite ausgeklammert werden – nur weil sie zu Brandenburg gehören. Es darf keine Zweiklassengesellschaft geben.

Hans-Günther Rose, Kümmernitzer Ortsbürgermeister

Die Bewohner fragen sich, warum die Planer nicht wenigstens von sich aus auf den Grenzkonflikt aufmerksam gemacht hätten. Stattdessen habe man die Grundstücke gegenüber einfach ignoriert.

Die Kümmernitzer und die Leute von der anderen Straßenseite, die offiziell in Breddin-Abbau wohnen, sind eine gute Gemeinschaft. Sie haben in den vergangenen Jahren schon so manche Nuss geknackt. So wurde die unterschiedliche Telefon-Vorwahl von einer Straßenseite zur anderen vereinheitlicht.

An der Straße durch Ortschaft stehen Häuser aus roten Ziegeln.
Rote Steine markieren mitten in Kümmernitz die Landesgrenze. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Und auch die Straße selbst wurde saniert. Seitdem markiert in deren Mitte auf der gesamten Länge eine Linie mit roten Steinen die Landesgrenze. Und nach wie vor kommen auch unterschiedliche Postautos, Müllfahrzeuge oder Tageszeitungen zu den Menschen in derselben Straße. Es sind eben verschiedene Bundesländer. Man hat sich daran gewöhnt.

Doch beim Zukunftsprojekt schnelles Internet, da melden sich die Bürger nun wieder zu Wort. "Wir können unsere Brüder und Schwestern von der anderen Straßenseite doch nicht im Stich lassen", sagt Anwohner Joachim Schmiedl, der in Kümmernitz auf Sachsen-Anhalt-Seite eine Autowerkstatt betreibt.

Glasfaserausbau Ein Dorf, zwei Internetwelten?

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Schon der Wechsel der Straßendecke auf der Hauptstraße verrät: Jenseits der Landesgrenze macht jeder seins. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
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Schon der Wechsel der Straßendecke auf der Hauptstraße verrät: Jenseits der Landesgrenze macht jeder seins. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
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Hier scheiden sich zwei Welten. Der Osten gehört zum Land Brandenburg, der Westen zu Sachsen-Anhalt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Schild: Zwei Bundesländer in einer Ortschaft.
Um Ortsfremden das Kuriosum zu erklären, wurde sogar eine Infotafel aufgestellt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Ein Postauto auf der Straße durch die Ortschaft.
Die rechte Straßenseite in Sachsen-Anhalt soll schnelles Internet bekommen. Um die Handvoll Häuser jenseits der Landesgrenze auf der anderen Straßenseite darf sich der "Zweckverband Breitband Altmark" nach eigenem Bekunden nicht kümmern. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
An der Straße durch Ortschaft stehen Häuser aus roten Ziegeln.
Rechte Straßenseite: Kümmernitz in Sachsen-Anhalt, linke Straßenseite: Breddin Abbau im Land Brandenburg Bildrechte: MDR/Andreas Müller
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Hier scheiden sich zwei Welten. Der Osten gehört zum Land Brandenburg, der Westen zu Sachsen-Anhalt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Schmiedl möchte unbedingt, dass auch seine gegenüberliegenden Nachbarn mit ans schnelle Internet angeschlossen werden – sozusagen, wenn man schon mal dabei ist.

Der Horizont der Planer darf doch nicht an der roten Linie auf der Straße enden. Gefragt sind bürgerfreundliche und mutige Entscheidungen anstatt Paragraphenreiterei. Alles andere wäre Schwachsinn. Sollte die Kleinstaaterei wieder aufleben, werde ich mich beim Ministerpräsidenten beschweren.

Anwohner Joachim Schmiedl

Hans-Günther Rose indes hofft, dass es noch eine Lösung gibt. Vielleicht könnte sich Brandenburg ja zugunsten seiner eigenen Landsleute am Ausbau des schnellen Internets im sachsen-anhaltischen Kümmernitz beteiligen.

Rose hat den Stendaler Landrat Carsten Wulfänger gebeten, sich mit seinem Amtskollegen im benachbarten Landkreis Ostprignitz-Ruppin zu verständigen. Es würden einige Durchstiche unter der Straße genügen, glaubt er. Ansonsten müsste für die sechs Häuser extra ein mehrere Kilometer langes neues Erdkabel verlegt werden.

Plakat Zweckverband Breitband Altmark
Bildrechte: Zweckverband Breitband Altmark

Zweckverband Breitband Altmark Der Zweckverband Breitband Altmark (ZBA) ist ein Zusammenschluss der Kommunen im Altmarkkreis Salzwedel und Landkreis Stendal zur Erschließung der Region mit Breitbandinternetanschlüssen. Mit einer Investition von rund 140 Millionen Euro soll ein zukunftssicheres Glasfasernetz entstehen. Dabei wird die Strategie verfolgt, besonders die dezentral gelegenen Orte der 4.700 Quadratkilometer großen Region im Norden von Sachsen-Anhalt mit einem flächendeckenden Glasfasernetz zu versorgen.

Quelle: MDR/agz,mg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 01. Februar 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Februar 2019, 13:57 Uhr

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5 Kommentare

03.02.2019 06:59 Volker Fischer 5

Da ran sieht man, das es in Deutschland sich alles nur ums Geld dreht. Der eine hat mehr und der andere weniger

02.02.2019 20:35 maheba 4

Eine weitere Posse verursacht durch unseren Förderalismus in Deutschland.
Schafft ihn endlich ab.

02.02.2019 18:20 KlausW 3

Wenn man die Situation aber korrekt wiedergegeben hätte, dann hätte man bemerkt, dass es nicht nur um die paar Häuser an dieser Straße geht, sondern um den gesamten Ort Breddin-Abbau, der nämlich komplett von Sachsen-Anhalter Territorium umschlossen ist. Auf der Karte kann man erkennen, dass Brandenburg von dort ca. 250 m nordöstlich entfernt ist und dass es sicherlich auch alle die Häuser in Breddin-Abbau trifft, die nicht an besagter Straße liegen. Technisch wäre es natürlich völlig unsinnig, die Anlagen hier auf Länderbasis voneinander zu trennen. Die Versorgung von Brandenburger Seite aus würde ohnehin nur über das Land Sachsen-Anhalt möglich sein.