Mehr Berechtigte durch neue Verordnung des Landes Nach fünf Wochen in die Kita-Notbetreuung – ein Erfahrungsbericht

Anne Gehn-Zeller
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Durch die neue Corona-Verordnung dürfen seit 20. April mehr Eltern ihre Kinder in die Notbetreuung der Kita bringen. Auch unsere Redakteurin profitiert davon. Wie sie die fünf Wochen davor erlebt hat, und was es heißt, Notbetreuung zu beantragen – ein Erfahrungsbericht.

Buntes Transparent an Zaun vor Kita in Stendal
Auch bei Kindern ist die Corona-Krise angekommen – dennoch scheint die Kita ein sicherer Platz in der aktuellen Zeit. Bildrechte: MDR/Anne Gehn-Zeller

Dienstagmorgen. Einen Tag, nachdem die vierte Corona-Verordnung des Landes Sachsen-Anhalt in Kraft getreten ist, sollte auch mein Sohn endlich wieder in die Kita gehen können. Seit der Corona-Krise Mitte März war er ziemlich genau fünf Wochen nicht unter seinesgleichen, so wie er es eigentlich jeden Tag kannte und wie es ihm gefiel.

Doch nun gehöre ich als Mitarbeiterin der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT auch zu dem Personenkreis, der zum einen als systemrelevant gilt, und bei dem es reicht, wenn ein Elternteil der Familie in einem solchen Bereich arbeitet.

Welche Berufsgruppen gehören zu den unentbehrlichen Schlüsselpersonen?

Nach der vierten Eindämmungs Verordnung vom 16. April 2020 zählen zu den Schlüsselpersonen insbesondere:

1. die gesamte Infrastruktur zur medizinischen, veterinärmedizinischen, pharmazeutischen und pflegerischen Versorgung einschließlich der zur Aufrechterhaltung dieser Versorgung notwendigen Unternehmen (z. B. Pharmazeutische Industrie, Medizinproduktehersteller, MDK, Krankenkassen) und Unterstützungsbereiche (z. B. Reinigung, Essensversorgung, Labore und Verwaltung), der Altenpflege, der ambulanten Pflegedienste, der Kinder-​ und Jugendhilfe, der Behindertenhilfe auch soweit sie über die Bestimmung des Sektors Gesundheit in § 6 der BSI-​Kritisverordnung hinausgeht;

2. Landesverteidigung (Bundeswehr), Parlament, Justiz (einschließlich Rechtsanwälte), Regierung und Verwaltung, Justiz-​, Maßregel-​ und Abschiebungshaftvollzugseinrichtungen, der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (Polizei) einschließlich Agentur für Arbeit, Jobcenter, Behörden des Arbeits-​, Gesundheits-​ und Verbraucherschutzes, der Straßenmeistereien und Straßenbetriebe sowie Einrichtungen der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr [(freiwillige) Feuerwehr und Katastrophenschutz, Rettungsdienst], soweit Beschäftigte von ihrem Dienstherrn unabkömmlich gestellt werden;

3. notwendige Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge zur Sicherstellung der öffentlichen Infrastrukturen (Medien, Presse, Telekommunikationsdienste (insbesondere Einrichtung zur Entstörung und Aufrechterhaltung der Netze), Energie (z. B. Strom-​, Wärme-​, Gas- und Kraftstoffversorgung), Wasser, Finanzen-​ und Versicherungen (z. B. Bargeldversorgung, Sozialtransfers), ÖPNV, Schienenpersonenverkehr, Entsorgung), der Landwirtschaft sowie der Versorgungseinrichtungen des Handels  (Produktion, Groß- und Einzelhandel) jeweils inkl. Zulieferung und Logistik;

4. Personal von Bildungs-​ und Kinderbetreuungseinrichtungen, Beratungspersonal der Schwangerschaftskonfliktberatung, des Frauen-​ und Kinderschutzes sowie sozialer Kriseninterventionseinrichtungen;

5. Bestatter und Beschäftigte in den Krematorien.

Oma und Opa helfen

Das bedeutet für uns als Familie in erster Linie aufatmen – denn in den vergangenen Wochen kamen wir uns schon vor, wie ein kleines Fuhrunternehmen. Auch wenn von Experten davon abgeraten wurde, holten wir nämlich die Großeltern für die Kinderbetreuung mit ins Boot. Denn ein Arbeiten im Homeoffice und die Betreuung unseres dreijährigen Knirpses "irgendwie nebenbei" wollten wir keinem zumuten. Das hieß also für uns, jeden Morgen den Kleinen ins Auto zu setzen und ihn zu den Großeltern in der Nähe von Stendal zu bringen. Morgens hin und abends zurück – wir kamen so locker auf zwei Stunden Fahrzeit am Tag. Das ging anfangs zwar noch, wurde aber zunehmend nervig für alle.

Ohne Antrag auf Notbetreuung geht nix

Doch so einfach, wie wir uns das mit der Notbetreuung gedacht hatten, war es dann doch nicht. Schließlich leben wir in Deutschland, und da hat alles seine Ordnung. Soll heißen: Zunächst musste ein Antrag auf Notbetreuung gestellt werden, damit das Kind wieder in seine Kita gehen darf.

Beutel mit gepackten Sachen stehen auf dem Boden
Nach fünf Wochen Kita-Pause ging's mit reichlich gepackten Sachen wieder los. Bildrechte: MDR/Anne Gehn-Zeller

Dafür kann man auf den Seiten des Landes ein Formular herunterladen. Das muss dann ausgefüllt und vom Arbeitgeber unterschrieben, gestempelt und beim Träger der Kindereinrichtung abgegeben werden. In unserem Fall ist das die Hansestadt Stendal. Die jedoch hat wiederum einen eigenen Antrag, mit dem die Eltern die Berechtigung zur Notbetreuung ihres Kindes nachweisen müssen. Und als hätte ich es geahnt, hatte mein Arbeitgeber auch ein eigenes Schreiben parat, das mich als "notbetreuungsberechtigt" ausweist.

Okay, drei Anträge – das sollte passen, dachte ich. Allerdings war es mit dem einfachen Abgeben desselbigen nicht getan. Erst musste das Formular von der Stadt geprüft und grünes Licht gegeben werden. Aber wir hatten Glück – kurzfristig gestellt, sollte sich das als reine Formalie am Telefon herausstellen.

Voller Vorfreude packte ich also einen Tag vorher die Sachen für die Kita zusammen: Ich bezog das kleine Bettzeug, packte den Beutel mit Ersatzklamotten, prüfte alles auf seine Vollständigkeit. Auf die Frage, wie es Sohnemann denn findet, wenn er morgen wieder zu den anderen Kindern spielen gehen kann, bekam ich keine eindeutige Antwort – jedenfalls war sie nicht so euphorisch, wie ich gehofft hatte.

Verständnis in der Kita – aber hohe Auslastung

In der Kita selbst war es am Morgen im Vergleich zu sonst ziemlich ruhig und entspannt. Im Gruppenraum meines Sohnes hatte eine Handvoll Kinder eine Eisenbahnstrecke quer durch den Raum aufgebaut. Seine Erzieherin zeigte mir gegenüber Verständnis dafür, dass ich meinen Sohn jetzt auch in die Kita bringe: "Das ist doch das Beste für die Kleinen".

Die stellvertretende Leiterin der Kita "Nordspatzen" in Stendal betonte aber auch, dass die Betreuungskapazitäten mittlerweile am Limit seien. Von den rund 100 Kindern, die üblicherweise in den Kindergarten kämen, sei nun fast die Hälfte wieder zurück. Da sich aber wegen der aktuellen Hygienemaßnahmen maximal fünf Kinder in einem Gruppenraum aufhalten sollten, werde es langsam eng.

Das leuchtet mir ein und ich frage mich, wie das offene Konzept der Kita so umgesetzt werden kann. Gar nicht, heißt es von der Leitung. Dort, wo die Kinder sonst von Gruppenraum zu Gruppenraum und von Etage zu Etage nach Lust und Laune wechseln konnten, müssten die Kleinen nun in ihrer Gruppe bleiben. Schade, denke ich – bin aber gleichzeitig froh, dass es hier zumindest die Option gibt, rauszugehen und bei dem schönen Wetter gemeinsam auf dem Spielplatz der Kita herumzutollen.

Als wir nach dem ersten Kita-Tag am Nachmittag wieder zusammen sind, fragte ich meinen dreijährigen Sohn neugierig, wie es denn nun heute in der Kita war. Und was er gespielt habe und mit wem. Seine Antwort lautete wie meistens: "Schön". Na dann ist ja alles gut!

Anne Gehn-Zeller
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Anne Gehn-Zeller arbeitet seit 2009 in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Ihre Schwerpunkte sind Themen aus Gesellschaft und Kultur. Außerdem interessiert sie sich für die netten Geschichten "von nebenan". Die gebürtige Stendalerin arbeitete, bevor sie zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, bei der Volksstimme. Während ihres Studiums in Magdeburg absolvierte sie u.a. Praktika beim MDR, beim Mitteldeutschen Verlag in Halle und beim Deutschen Evangelischen Institut in Jerusalem. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind ihr Garten, das Unstruttal und die Radwege entlang der Elbe.

Quelle: MDR/agz

4 Kommentare

FrauWolf vor 26 Wochen

Was möchte man denn mit dem Bericht genau ausdrücken?

Den Luxus auf Großeltern zurückzugreifen haben viel Eltern wahrscheinlich auch nicht, denn die meisten Großeltern sind selbst noch berufstätig.

Ich finde auch, dass in irgend einer Hinsicht alle Berufe systemrelevant sind, denn jeder Beruf ernährt sozusagen die Familie, ganz gleich ob man Bäcker oder Facharzt ist..

Ich bin gespannt, wo das alles noch hinführen wird.

Babsie vor 26 Wochen

Ich selbst betreue seit 5 Wochen meine 4 Kinder Zuhause während ich sonst auf Arbeit gehen würde. Meine Arbeit und mein Lohn ist nur für meine Familie systemrelevant...Den Kindern wird der gesamte normale Kinderalltag verwehrt: Keine Schule/Kita, keine Freunde, kein Hobby und selbst die Spielplätze sind tabu. Hat irgendjemand bestätigt, dass Kinder solche "Spreader " sind, dass man sie wie Häftlinge behandelt? Sie brauchen soziale Kontakte, neue Impressionen und eine Förderung. Warum läßt man sich derartig lang Zeit, um Hygienepläne und Wiedereröffnungsszenarien zu erstellen? Welche Arbeitgeber finden monatelange Abwesenheit von Müttern oder Vätern, die sonst auch schon Kinderkranktage sammeln und nicht Überstunden machen können, toll??? Warum lässt man uns Familien derartig im Stich In unserer Situation??? Ich bitte um Belege, dass wir das Coronavirus mehr verbreiten als normale Arbeitnehmer, Urlaubsrückkehrer und Pflege- und Medizineinrichtungen.

Saso12 vor 26 Wochen

Ich finde diesen Bericht eher fragwürdig. Es reiche zwar nunmehr aus, dass lediglich ein Elternteil einen systemrelevanten Beruf ausübt, jedoch ist meines Wissens nach ebenfalls erforderlich, dass eine private Betreuung und flexible Arbeitszeiten (z.B. auch Home Office) nicht möglich sind. Da dies bei der Autorin doch anscheinend der Fall war (Großeltern, Home Office) verstehe ich die Inanspruchnahme/ Genehmigung der Notbetreuung nicht. Ich denke es gibt Familien, die gerade in schwierigeren Situationen stecken und denen diese Möglichkeit verwehrt bleibt.

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