Landratswahl Überraschungserfolg bei der Wahl in Stendal: Das ist Patrick Puhlmann

Bei der ersten Runde der Landratswahl im Landkreis Stendal hat Patrick Puhlmann einen überraschenden Erfolg verbucht. Der Kandidat der SPD, Grünen und Linken holte mit Abstand die meisten Stimmen. Doch wer ist der Newcomer? Patrick Puhlmann im Porträt.

Olga Patlan im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Olga Patlan/Gaby Conrad

von Olga Patlan, MDR SACHSEN-ANHALT

Junger Mann im Hemd mit übergeworfenem Sacko schaut in die Kamera. (Patrick Puhlmann)
Patrick Puhlmann bekam rund 47 Prozent der Stimmen bei der Landratswahl in Stendal. Bildrechte: Patrick Puhlmann

Erst Ende Juni hatte sich Patrick Puhlmann dazu entschlossen, für den Landratsposten im Landkreis Stendal zu kandidieren. Viereinhalb Monate später holt er die meisten Stimmen bei der Wahl. Mit 46,9 Prozent hat der gemeinsame Kandidat der SPD, Grünen und Linken nur knapp die absolute Mehrheit verpasst. Daher wird er am 1. Dezember in eine Stichwahl gegen den Amtsinhaber Carsten Wulfänger (CDU) antreten. Dennoch ist die Menge an Stimmen herausragend. Wir stellen den Herausforderer vor.

Wer ist Patrick Puhlmann?

Patrick Puhlmann ist mit 36 Jahren recht jung. Er lebt im Tangermünder Ortsteil Storkau mit seiner Frau. Er hat Englisch und Philosophie/Ethik auf Lehramt studiert. Wie er MDR SACHSEN-ANHALT sagte, merkte er aber bereits im Studium, dass ihm die Organisationsarbeit mehr Spaß macht. Daher habe er sich umentschieden und arbeitet nun seit 2014 bei der Borhardtstiftung Stendal als Bereichsleiter für stationäres Wohnen für Menschen mit Behinderung. Hier leite er auch einen Chor, bei dem Menschen mit Behinderung einmal die Woche zusammenkommen zum Singen.

Sachsen-Anhalter und Mann von Welt: Wo kommt Puhlmann her?

Der Kandidat der SPD, Grünen und Linken ist Sachsen-Anhalter. Geboren ist er in der Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Coswig und Griebo. Hier hat er auch sein Abitur gemacht. Zum Studium zog es ihn dann an die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Später arbeitete er unter anderem in Frankfurt.

Generell ist der junge Kandidat viel gereist. Während der Schulzeit war er zum Austausch ein Jahr lang in den USA. Im Studium trieb es ihn zum Auslandssemester nach Australien an die Griffith-University Brisbane. Und seinen Zivildienst verrichtete er in Frankreich bei einer Einrichtung für Behinderte im Olbey im Elsass.

Newcomer oder alter Hase: Wie lange ist er in der Politik?

Zur Politik ist Puhlmann bereits 2002 gekommen, als Mitglied der SPD. Seit 2017 ist er Vorsitzender der SPD Tangermünde sowie des SPD-Kreisverbandes. Die Entscheidung, für den Landratsposten zu kandidieren, habe er erst Ende Juni dieses Jahres getroffen, nachdem alle drei Unterstützerparteien auf ihn zugegangen seien, so Puhlmann im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT. Nach kurzer Überlegungszeit mit seiner Frau habe er sich für die Kandidatur entschieden. "Weil ich mit meiner Frau nicht nur über die Wahlkampfphase sprechen musste, sondern auch über die Zeit danach, im Falle eines Erfolgs", so Puhlmann.

Überwältigt sei er von der Unterstützung, die er bekam: "In der Regel hat man ein Jahr Vorbereitungszeit für eine Wahlkampagne, daher ist es erstaunlich, wie viele Menschen in der kurzen Zeit mich unterstützt haben". Sei es bei der logistischen Organisation, beim Flyer verteilen oder beim Entwerfen von Plakaten. Puhlmann selbst habe die vergangenen acht Wochen unbezahlten Urlaub genommen, um am Wahlkampf zu arbeiten und zu Veranstaltungen zu gehen. "Der Dialog mit Menschen ist mir wichtig. Ich bin auch einfach ein neugieriger Typ", so der Kandidat.

"Jung.dynamisch.SDL – Zukunft machen": Wofür steht seine Politik?

Auf diese Frage antwortet Puhlmann: "Querdenken und praktische innovative Lösungen für altbekannte Probleme suchen. Aktuelle Probleme in Ordnung bringen. Und die nahe Zukunft der nächsten zehn bis 15 Jahre in den Blick nehmen." Deshalb heiße auch seine Kampagne "Jung.dynamisch.SDL – Zukunft machen".

Konkreter heißt es Themen wie Digitalisierung, Mobilität, Schulen und Wirtschaftsförderungen anpacken. Also die Region attraktiver für junge Menschen machen und generell attraktiver als Wohn- und Arbeitsort werden. Denn: "Im Augenblick sind die Geburtenzahlen konstant, aber über eine lange Zeit waren wir im Landkreis Stendal Vorreiter des demografischen Wandels gewesen." Dafür wolle er auf Lösungen aus der Forschung und innovative Modelle zurückgreifen, die an anderen Orten bereits funktionieren.

So hat er sich den Umbau des Nahverkehrs auf die Fahne geschrieben. "Was ich in den letzten Monaten gehört habe ist, dass junge Menschen abends nicht mehr von Zuhause wegkommen oder auch nach der Schule außerhalb der üblichen Zeiten nicht. Selbstständig unterwegs sein, schaffen sie im ländlichen Raum nicht. Ebenso ist es für ältere Menschen das Problem, wenn sie nicht mehr fahren können."

Es gebe mehrere Konzepte, bei denen es keinen Linienverkehr mehr gibt. "Im Moment fahren die Linienbusse zu Schulen und den Rest der Zeit sind sie leer. Das heißt wir stecken viel Geld in ein System, das für keinen richtig attraktiv ist." Dafür wolle er beispielsweise das Konzept des Bürgermobils ausweiten, den es bereits in Werben gibt. Dabei wird der Transport vorbestellt, wenn gebraucht.

Mann in Arbeitskleidung steht vor grünem Bus mit der  Aufschrift: Bürgermobil
Das Bürgermobil Werben gibt es bereits seit über fünf Jahren. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Auch beim Schulsystem will Puhlmann anpacken. Dafür schaut er sich unter anderem Konzepte aus Skandinavien an, wo es Schulen mit nur wenigen Schülern gibt. "Für den ländlichen Raum ist es entscheidend, dass die Schulen nicht schließen, sonst fahren die Schüler immer weiter." Deshalb müsse man die Schulkonzepte um Zweifelsfall verändern, um die Attraktivität für junge Familien zu steigern. Dafür kämen zum Beispiel Schulen mit jahrgangsübergreifendem Unterricht in Frage.

Wo sieht Puhlmann den Landkreis Stendal in sieben Jahren?

"Noch nicht ganz anders als heute, aber viele Dinge auf dem Weg", so Puhlmann. "Ich meine damit nicht, dass wir sieben Jahre lang Visionen entwickeln, sondern, dass erste Ergebnisse zu sehen sind, wie zum Beispiel der überarbeitete Nahverkehr. Und wenn sich erst eine Kultur entwickelt hat, in der auch neue moderne Arbeitsplätze und Produkte etabliert sind, wirkt sich das in der Regel auch auf das kulturelle Umfeld aus. Wir sind ein starker Landkreis, aber wir müssen uns fit machen für die Entwicklungen, die auf uns zukommen und wenn wir das schaffen, dann stehen wir besser da als zuvor", sagt der Landratskandidat.

Ein Beispiel nehme er sich an Wittenberge in Brandeburg, wo vor zwei Jahren ein neuer Bürgermeister kam, der Neues ausprobierte. "Vor Kurzem habe ich über die Stadt eine Schlagzeile gelesen 'Das Aussterben ist abgesagt' – so eine Schlagzeile würde ich mir am Ende der Amtszeit für den Landkreis Stendal wünschen", so Puhlmann.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. November 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Dezember 2019, 07:34 Uhr

3 Kommentare

MDR-Team vor 4 Wochen

Puhlmann hat fast aus dem Stand viele Stimmen geholt. Vorher war er dem breiten Publikum noch nicht bekannt. Aus unserer Sicht ist es angemessen, ihn vorzustellen.

pkeszler vor 4 Wochen

Das ist richtig so, was der MDR hier macht. Bildung lohnt sich immer wieder und wenn der Kandidat sogar noch die SPD, die Grünen und die Linken vertritt, dann allemal. Da kann die AfD machen was sie will, sie wird von den Bürgern nur wenig akzeptiert.

Rain Man vor 4 Wochen

Toll, wie der MDR hier kostenlos und medienwirksam Werbung für den linksgrünen Kandidaten macht!

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