Totes Rind in Stall
Die Behörden weisen die Vorwürfe der Tierschützer zurück. Diese sehen einen Behördenskandal. Bildrechte: Soko Tierschutz

Tier-Misshandlungsvorwürfe in Demker Verdacht gegen Milchviehbetrieb erhärtet sich

Die Bilder, die Tierschützer öffentlich gemacht haben, zeigen schockierende Zustände. Landkreis und beschuldigter Betrieb in Demker verwahren sich dagegen. Nun hat MDR SACHSEN-ANHALT die Videos einsehen können. Darauf ist der beschuldigte Betrieb ersichtlich. Den Behörden hält "Soko Tierschutz" Untätigkeit vor und spricht von einem Behördenskandal.

von Annette Schneider-Solis, MDR SACHSEN-ANHALT

Totes Rind in Stall
Die Behörden weisen die Vorwürfe der Tierschützer zurück. Diese sehen einen Behördenskandal. Bildrechte: Soko Tierschutz

Im Fall um den Milchviehbetrieb in Demker bei Stendal erhärtet sich der schwere Verdacht, den der Verein "Soko Tierschutz" vorbringt. Dort sollen Tiere misshandelt und vernachlässigt worden sein. MDR SACHSEN-ANHALT wurden nun die ungeschnittenen Videoaufnahmen vorgelegt, die belegen, dass sie tatsächlich in dem beschuldigten Betrieb entstanden sind.

Zu sehen sind auch Ohrmarken. Jedes Tier ist mit der Nummer auf der Ohrmarke in einer Datenbank registriert. Auch ohne Abgleich ist damit ersichtlich, dass die Nummern zu Tieren aus dem Landkreis Stendal gehören. Friedrich Mülln von "Soko Tierschutz" bekräftigt: "Ich habe 1,4 Terrabyte Videomaterial und kann alles genau belegen. Dieses Material habe ich auch dem zuständigen Veterinäramt angeboten. Doch dort hatte niemand Interesse daran."

Mehrfach habe er, so Friedrich Mülln, in der Behörde angerufen und auf Missstände in dem Betrieb hingewiesen. So soll eine tote Kuh mehrere Tage zwischen ihren lebenden Artgenossen gelegen haben. Diese seien in der Zeit gemolken worden und die Milch in die Verarbeitung gegangen.

Mülln habe sich zuerst mit anonymen Anrufen an die Behörden gewandt. Erst als sich Mülln schließlich als Vertreter der "Soko Tierschutz" zu erkennen gegeben habe, sei die Behörde tätig geworden und habe eine unangekündigte Kontrolle vorgenommen. Dabei hatten die Tierärzte nach Angaben des Landkreises nichts Wesentliches zu beanstanden.

Alles deutet darauf hin, dass die Mitarbeiter des Veterinäramts den Stall gar nicht betreten haben.

Friedrich Mülln, Soko Tierschutz

"Soko Tierschutz" sieht Behördenversagen

Für Friedrich Mülln kam dieser Befund des Kreises völlig überraschend. Er selbst habe das Veterinäramt darauf hingewiesen, dass es in dem Betrieb mehrere tote Tiere gebe, zum Teil schon stark verwest. Zu finden im Stall und dahinter, wie er es genau beschrieben habe. Mülln: "Eine tote Kuh in einem Laufstall zu übersehen, ist unmöglich.“ Doch die tote Kuh aus den Videoaufnahmen habe sowohl vor als auch nach dem Besuch der Veterinäre in der Anlage gelegen.

Als Beweis zeigte er MDR SACHSEN-ANHALT Videoaufnahmen mit entsprechenden Tageszeiten. Außerdem Bilder, auf denen Mitarbeiter unbeeindruckt um das tote Tier herumlaufen und weiter ihrer Arbeit nachgehen. "Alles deutet darauf hin, dass die Mitarbeiter des Veterinäramts den Stall gar nicht betreten haben."

Betreiberfamilie weist Vorwürfe zurück

Tim Geven, Sohn der Betreiberfamilie, weist die Vorwürfe zurück. Tote Tiere würden umgehend aus dem Bestand entfernt. Dass von 700 Tieren auch welche stürben, sei normal.

Eine Auffälligkeit weist der Betrieb in Demker allerdings auch nach Angaben des Landkreises selbst auf. So ist die Sterblichkeit innerhalb des Tierbestandes in Demker ungewöhnlich hoch. Zwischen dem 1. Januar und dem 9. Mai sind dort demnach 46 Tiere verendet. Außerdem hatte es in der Vergangenheit immer wieder Beanstandungen gegeben. Genannt werden etwa unterlassene Hinzuziehung eines Tierarztes, verbesserungswürdige Klauengesundheit oder Meldefehler in der HIT-Datenbank, also bei dem deutschlandweiten Verzeichnis, in dem alle Tiere registriert werden. Das hatte bereits zu Auflagen und Bußgeldverfahren geführt.

Eine Grafik mit stichpunktartiger AUfzählung von Mängeln in der Tierhaltung.
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

Landkreis: Kein Kontrollproblem beim Veterinäramt

Auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT beim Veterinäramt des Kreises, wie die hohe Zahl toter Tiere im Bestand des Betriebs in Demker zu bewerten sei, antwortete die Behörde schriftlich: "Die Anzahl der verendeten Tiere in dem Betrieb ist höher als der Durchschnitt anderer Betriebe." Nähere Angaben zu den Hintergründen machte die Behörde nicht. Dazu würde die Datengrundlage fehlen. "Verendete Tiere werden nicht routinemäßig untersucht. Dazu haben wir keine Angaben."

Ob möglicherweise eine Krankheit im Bestand sein könnte oder die Tiere womöglich schlecht versorgt werden – solchen durch die auffälligen Zahlen aufgeworfenen Fragen sind die Veterinäre nicht nachgegangen.

Der Landkreis sieht hier keine Versäumnisse beim Veterinäramt. Auf eine entsprechende Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT kam die kurze Antwort: "Nein".

"Soko Tierschutz" hält Betreiber für überfordert

Ein Kuhstall
Der Milchviehbetrieb in Demker steht in der Kritik. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Friedrich Mülln von "Soko Tierschutz" sieht das anders. Er will in den nächsten Tagen Beweise vorlegen, die den Fall aus seiner Sicht zu einem Behördenskandal machen. Auch gegen das Veterinäramt habe er inzwischen Anzeige erstattet. Die Familie sei, so schätzt er die Lage ein, mit dem Führen des großen Betriebes überfordert. Der Betrieb in Demker hat neben den beiden Betreibern, einem holländischen Ehepaar, noch drei Mitarbeiter.

An 365 Tagen im Jahr müssen diese fünf Personen 700 Rinder versorgen und zwei Mal am Tag 350 Kühe melken. Die Arbeitstage beginnen morgens um 4 und enden abends um 18 Uhr, informiert die Familie in einer Pressemitteilung.

Trotz aller Mängel hat der Betrieb verschiedene Qualitätssiegel, auch das für Milch. Die Milchwerke Mittelelbe, die bisher aus Demker beliefert worden war, nimmt seit Bekanntwerden der Vorwürfe keine Milch mehr ab. Das stellt die Betreiber vor große Probleme, weil die Einnahmen fehlen. Wobei sich die Situation auf dem Milchmarkt aktuell ohnehin wieder zugespitzt hat – ein Grundproblem für das gesamte Marktsegment: Die Handelsketten zahlen derzeit wieder so niedrige Preise an die Erzeuger, dass es für sie schwer ist, ohne Querfinanzierung aus anderen Bereichen genug Mitarbeiter einzustellen.

Den Fall in Demker prüft nun weiterhin die Staatsanwaltschaft. Der Verein "Soko Tierschutz" hatte Anzeige erstattet.

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Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 12. Mai 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Mai 2018, 18:29 Uhr

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19 Kommentare

15.05.2018 11:13 Eckard Wendt 19

Z in Nr. 13: Seine Einlassung ist wieder einmal typisch für Landwirte, die sich vom Bauernverband „einnorden“ lassen, weil er sagt:
„Das Amt war mehrfach offiziell vor Ort und hat kontrolliert mit dem Ergebnis, das nicht alles i. O. ist. Es gab Bussgeldbescheide.“ Fragt sich nur, ob diejenigen in der Vergangenheit zu niedrig waren und nach der Veröffentlichung hoch genug, um abschreckende Wirkung für die Zukunft zu entfalten.
Z in Nr.14: „Ich kann aber auch Aufnahmen innerhalb einer Nacht machen und verstelle zwischendurch die Aufnahmedaten und datiere diese in die Zukunft.“ Hierzu gibt es ein passendes Sprichwort: „Was ich selber denk und tu, trau ich andern zu!“

14.05.2018 22:03 steffen 18

Was kommt unterm Strich raus. Nichts. Eine große Presseshow, in der sich die selbsternannten Retter des Tierwohls feiern lassen. Sicher gibt es schwarze Schafe in der Branche. Aber das festzustellen ist Sache der Veterinärämter und falls nötig der Gerichte.

14.05.2018 15:50 M. 17

Ja diese "Schützer", immer gesetzeswidrig unterwegs, aber im Namen des Tierschutzes....naja die Beweise, was zu beweisen wäre....interessant das diese Tierschützer bspw. auch den Wolf schützen, obwohl dieser doch in einer Nacht diverse Schafen oder auch Kälber tötet, jämmerlich verbluten lässt ohne sie zu fressen....hmm kleine Gewissenskonflikte???Es wird wie immer mit unterschiedlichem Maß gemessen...
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