Funktionierender Distanzunterricht In Stendal ist das virtuelle Klassenzimmer gelebte Realität

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Bildungsminister Marco Tullner (CDU) hat Schüler und Lehrer darauf eingeschworen, dass es wohl auch noch im Februar Distanzunterricht geben wird. An vielen Schulen klappt das noch nicht besonders gut. Wenn die Lernplattform Moodle mal läuft, dann werden dort bestenfalls Arbeitsblätter herruntergeladen. Von richtigem Unterricht kann oftmals kaum die Rede sein. Dass das jedoch funktionieren kann, zeigt das Beispiel der Bilingualen Grundschule aus Stendal.

Zwei blonde Mädchen gucken auf einen Laptop in eine Videokonferenz
Anna und Magdalena aus der 3b verfolgen im Klassenzimmer auf einem PC den Unterricht. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Eine Schulglocke hat nicht geschrillt. Trotzdem begann für die rund 210 Schülerinnen und Schüler der Bilingualen Grundschule in Stendal am Montag nach den Winterferien pünktlich um 8 Uhr der Unterricht – virtuell.

Genau wie die Lehrer sitzen die meisten Schüler zuhause vor ihren Computern. Nur die Kinder aus der Notbetreuung versammeln sich im regulären Klassenraum der Privatschule. Sie können dem Unterricht über ein Smartboard folgen. Auf dem großen Bildschirm können sie die Gesichter ihrer Klassenkameraden sehen und mit ihnen und dem Lehrer sprechen. Insgesamt sind 48 Kinder in der Notbetreuung, sie sind auf die verschiedenen Klassen verteilt und werden pro Klasse von einer pädagogischen Mitarbeiterin betreut. Dass auch sie ins virtuelle Klassenzimmer integriert werden, wurde am ersten Schultag spontan umgesetzt. Ursprünglich war mit weniger Kinder gerechnet worden. Nun ist es fast ein Viertel der Schülerschaft.

Distanzunterricht funktioniert

Die stellvertretende Schulleiterin Birgit Richter ist begeistert, wie der Distanzunterricht angelaufen ist. "Der Start war optimal. Die Kinder waren vollständig am Bildschirm vertreten." Es könne ein fast regulärer Unterricht stattfinden, berichtet Richter. Unterrichtet wird von 8 bis 13:30 Uhr. In der Woche vor dem Schulstart hatte sie zusammen mit Schulleiterin Antje Kopp den Stundenplan aufgestellt und dann am vergangenen Freitag virtuell mit dem Lehrer-Kollegium besprochen.

Die Hauptfächer mit Deutsch, Englisch, Mathe, Sachunterricht und auch Musik sind im Stundenplan vertreten. Lediglich bei Mathe auf Englisch und Gestalten mussten Abstriche gemacht werden. Aber selbst Sport wird über den Computer unterrichtet. "Die Kollegin hat einige Videos vorbereitet und macht auch live Übungen mit den Kindern."

Zwei Mädchen mit Headsets sitzen vor ihren Laptops 2 min
Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

An der Bilingualen Grundschule in Stendal ist der Distanzunterricht gut angelaufen. Fast alle Fächer können digital unterrichtet werden. Dem ging jedoch eine Menge Arbeit voraus.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Do 14.01.2021 13:10Uhr 02:29 min

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Dass das alles möglich ist, hat eine Menge Arbeit und die Verantwortlichen nach eigenen Angaben einige schlaflose Nächte gekostet. Vor allem war sehr frühzeitig begonnen worden. Ein erster Schritt war die Auswertung der Erfahrungen aus dem ersten Lockdown im März des vergangenen Jahres. Es wurde mit verschiedenen Methoden des Distanzlernens und auch Wechselunterricht gearbeitet. Richtig zufriedenstellend sei das nicht gewesen, so Richter. Außerdem wurde mit einem Fragebogen bei den Eltern abgeklopft, welche technischen Voraussetzung die Kinder zuhause haben.   

Die Bilinguale Grundschule Altmark An der Bilingualen Grundschule Altmark in Stendal werden rund 210 Kinder in zehn Klassen unterrichtet. Es sind 14 Lehrerinnen und Lehrer und acht pädagogische Mitarbeitende tätig. Außerdem gibt es einen Hausmeister, eine Sekretärin und einen Teilzeitgeschäftsführer sowie einen FSJdler. Träger der Schule ist eine gGmbH. Seit 2007 besteht eine Genehmigung für die Schule. Das besondere Profil der Schule liegt darin, dass viele Fächer in Englisch unterrichtet werden. Der Hort deckt eine Betreuung von 6 Uhr bis 17:30 Uhr ab. Eltern müssen Schule und Hort bezahlen. Das Schulgeld beträgt monatlich 175 Euro. Der Hort kostet zwischen 32 Euro und 53 Euro.

Anregung aus der Elternschaft

Einen wichtigen Anstoß gab in der Phase der Vater einer Schülerin. IT-Spezialist Axel Braune machte die Schul- und Geschäftsführung auf die Plattform Microsoft-Teams aufmerksam. Das Unternehmen stellt kostenlos die Software an deutschen Schulen zur Verfügung, wenn dort Mitarbeiterkinder unterrichtet werden.

Blick auf einen Laptop-Bildschirm mit einer Videokonferenz vieler Kinder
Mit einem fiktiven Hintergrund werden die Kinder im Homeschooling in einen Hörsaal gesetzt. Bildrechte: Axel Braune

Axel Braune sieht den Schlüssel dazu, dass es in Stendal an der Bilingualen Grundschule nun so gut klappt darin, dass frühzeitig mit der Organisation begonnen wurde. Noch im Sommer, als viele kaum an einen zweiten Lockdown glauben wollten, schulte der IT-Experte ehrenamtlich die Lehrer. Die Lehrer ihrerseits übten mit den Schülern. "Das wurde konsequent mit allen Klassen gemacht. Mindestens einmal die Woche wurde die Software ausprobiert", so Braune. Die Kinder hätten so ihr virtuelles Klassenzimmer ansteuern, den Lehrplan finden sowie mit einem Klick am Unterricht teilnehmen können. Vor den Weihnachtsferien wurde dann bereits in Wochenplänen gearbeitet, so wie sie die Kinder nun auf ihrem PC vorfinden.

Eine neue Form des Unterrichts

Kinder in einem Klassenzimmer machen über einen großen Bildschirm Videotelefonie
Die Kinder der Klasse 3b im Klassenraum, während die Lehrerin Julian Lobban Brandt per Smartboard zugeschaltet ist. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

"Es musste auch Überzeugungsarbeit geleistet werden", sagt Lehrerin Richter. Nicht alle der 14 Lehrerkollegen seien gleich begeistert von der technikunterstützten Unterrichtsmethode gewesen. "Man ist Lehrer geworden, weil man mit den Kindern in unmittelbarem Kontakt zusammen etwas machen möchte", beschreibt sie. Am Ende sei es wichtig gewesen, dass man sich für das Distanzlernen auf eine einheitliche Linie geeinigt habe. "Das ist bei Lehrern ja nicht immer so leicht, viele machen gerne ihr Ding", sagt die erfahrene Pädagogin. Zur klaren Linie gehört, dass alle Mitarbeiter in Teams vertreten sind und darin mitarbeiten.

IT-Experte Axel Braune ist begeistert, wie es klappt. "Dass mit vollem Lehrplan und kompletter Digitalisierung, mit digitalem Klassenzimmer, Videoberatung, Videounterricht und Whiteboard im Klassenzimmer gearbeitet wird, ist schon eine Ausnahme." Zahlreiche Eltern gaben eine sehr positive Rückmeldung.

Stendaler Schule investiert

Obwohl die Schule für die Lernplattform kein Geld bezahlen musste, wurde im vergangenen Jahr dennoch kräftig in die digitale Infrastruktur investiert. Die Schule bekam ein neues Wlan-Netz und zwei weitere Klassensätze an Laptops. Darüber hinaus bekamen die Lehrer und pädagogischen Mitarbeiter jeweils eigene Computer. "Das war wichtig, damit sie von zuhause aus arbeiten können", sagt Geschäftsführer Andy Zimmer. Demnächst kommen auch noch weitere Smartboards für die Klassenzimmer.

Ein großer Bildschirm mit Videokonferenz steht neben einer Kreidetafel in einem Klassenraum
Die Kreidetafel hat bald ausgedient. Hier sind die Kinder auf dem Smartboard im Homeschooling zu sehen. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

"Die letzten Wandtafeln sollen in dieser Woche abgeschraubt werden", sagt Zimmer. Insgesamt wurden rund 200.000 Euro investiert. 113.000 Euro davon aus dem Digitalpakt des Bundes. "Wir mussten in Vorleistung gehen und hoffen, dass wir das Geld vom Land bald zurückbekommen", sagt Zimmer. Der formale Aufwand sei beträchtlich gewesen. Laut Sozialministerium in Magdeburg haben 179 Schulen in Sachsen-Anhalt mittlerweile Anträge aus dem Digitalpakt bewilligt bekommen. Insgesamt 24,6 Millionen Euro seien bislang geflossen, sagte eine Sprecherin auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT.

Die Schule kann wohl bald auch von einem noch schnelleren Internet profitieren. Bisher ist die Altmark noch sehr unterversorgt. Im vergangenen Jahr wurde immerhin ein Glasfaserkabel bis ans Grundstück gelegt. Warum es bis jetzt noch nicht angeschlossen werden konnte, versteht der Geschäftsführer nicht. "Aber das wird auch noch irgendwann klappen", sagt Zimmer.

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Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/pow/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. Januar 2021 | 13:10 Uhr

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