BER-Konkurrenzprojekt Wie der Hauptstadtflughafen fast in der Altmark gebaut worden wäre

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

In Schönefeld geht am Samstag der neue Hauptstadtflughafen BER an den Start. Als vor 20 Jahren die Vorbereitungen nur langsam vorankamen, gab es auch in der Altmark hochfliegende Pläne für ein Konkurrenzprojekt: Private Investoren verfolgten mehrere Jahre den Plan, einen Großflughafen südlich von Stendal zu bauen.

Pläne und Flyer für einen neuen Flughafen liegen auf einem Tisch
Keine Schnapsidee: Die Planung für das Stendaler Flughafen-Projekt war in Flyern und Planungsunterlagen festgehalten. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Nun ist er endlich fertig, der Hauptstadtflughafen in Schönefeld. Lang genug hat es gedauert. Dass der Flughafen überhaupt ins brandenburgische Schönefeld kommt, war lange gar nicht klar. Es gab ab Mitte der 1990er Jahre weitreichende Pläne, ein riesiges Luftkreuz in der Altmark zu bauen. Der Flughafen "Berlin International Stendal" (BIS) war von einer Firma namens Airail AG bis ins Detail geplant worden. Und: Er sollte spätestens 2009 fertig werden. Einige altmärkische Protagonisten können sich noch genau an die Pläne erinnern.

Bis heute vom Konzept überzeugt

Volker Stephan blättert in alten Unterlagen. Alte Flyer, Prospekte und eine große Studie hat er noch. Lange hat er sie nicht mehr angerührt. 2004 waren die hochfliegenden Pläne für einen Großflughafen südlich von Stendal in der Schublade verschwunden. Die Betreiber mussten Insolvenz anmelden. Der heute 82-Jährige ist immer noch überzeugt von dem damaligen Konzept: "Es war alles sehr durchdacht." Utopisch mutete es dennoch an. ICE-Züge von Berlin sollten unter dem Flughafen durchfahren. Schon im Zug sollten die Passagiere für die Flüge einchecken können. Die Zubringerzeit aus Berlin sollte gerade einmal 35 Minuten dauern. Private Investoren wollten drei bis vier Milliarden Euro aufbringen. Mit der Firma Airail AG wurden die Planungen angeschoben und damit letztlich mehrere Millionen Euro in den altmärkische Sand gesetzt.

Ein älterer Mann mit weißen Haaren und Bart sitzt in einem Sessel an einem Wohnzimmertisch und blättert durch Baupläne
Volker Stephan (82) war von 2001-2004 Mitarbeiter der Airail AG. Von 1994 bis 2001 war der promovierte Tiermediziner Oberbürgermeister von Stendal. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

"Die Landesregierung in Magdeburg hat sich nie so richtig positiv dazu geäußert", sagt Volker Stephan. Drei Jahre rührte er hauptamtlich die Werbetrommel für den geplanten Großflughafen bei Stendal. "Ich hatte sogar ein kleines Büro in der Fußgängerzone", sagt er. Von 1994 bis 2001 war Volker Stephan Oberbürgermeister von Stendal gewesen. Nach der Wende war der Tiermediziner in die Politik gegangen und machte in der SPD Karriere. "Ich wurde angesprochen, als das Flughafenprojekt 2001 im Landratsamt im großen Saal einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt wurde". Der damalige Geschäftsführer der Airail AG, Malte Maurer, war auf ihn zugekommen.

Es habe ihn überzeugt, wie detailliert die Pläne schon ausgefeilt waren, sagt Volker Stephan. Seit 1993 hatte es Vorbereitungen und Studien gegeben. Es habe eine Menge Vorteile gegenüber anderen Standorten gegeben, so Stephan. Der am Ende realisierte Standort Schönefeld sei der ungünstigste von allen gewesen. In Brandenburg hatten auch noch Sperenberg und Jüterbog zur Debatte gestanden, zwei ehemalige Militärflughäfen.

Stendal als Ablenkungsmanöver?

Nicht alle haben gleich an die Seriosität des Projektes in Stendal geglaubt. "Es gab einige, die dahinter ein Ablenkungsmanöver vermuteten", sagt Dirk Michaelis vom Bauplanungsamt des Landkreises. Es habe die vielfach geäußerte Ansicht gegeben, dass lediglich Druck aufgebaut werden sollte, um Schönefeld zu realisieren: "Nach dem Motto, wenn ihr nicht mitmacht, dann bauen wir in der Pampa." So hätten viele in Stendal gedacht, sagt er.

Ein Mann sitzt in einem Büro an einem Schreibtisch
Dirk Michaelis (62) ist Chef des Planungsamtes beim Landkreis Stendal Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Er habe selbst aber ein Schlüsselerlebnis gehabt, sagt Dirk Michaelis, der seinerzeit als junger Bauplaner beim Landkreis angefangen hatte. Seine Behörde war für die Genehmigung des Projektes zuständig. "Es gab eine Sitzung im damals noch existierenden Regierungspräsidium in Magdeburg, wo der Beginn des Planfeststellungsverfahren eingeleitet werden sollte", sagt er. Dort seien jede Menge Planer mit dicken Altenkoffern hingekommen, die zuvor den Flughafen München geplant hatten. "Da habe ich gedacht, nein, das ist hier kein Ablenkungsmanöver, die meinen es ernst", sagt der heute 62-jährige Michaelis.

Selbstverständlich habe er verfolgt, was später in Schönefeld für Dramen passierten. 2012 wurde kurz vor der geplanten Flughafeneröffnung die Sache gestoppt. Nun –erst acht Jahre später – kann der Flughafen am 31. Oktober an den Start gehen. "Wenn das in Stendal so gelaufen wäre, dann wäre es an mir als Chef der Genehmigungsbehörde gewesen, die Öffentlichkeit über eine Verschiebung zu informieren", sagt Michaelis mit einem Grinsen.

Bauplaner: "Standort hochgradig geeignet"

Für eine Schnapsidee hält der Kreismitarbeiter das Buchholzer Projekt auch rückwirkend nicht. "Die Planer sind da ganz sachlich mit den Kriterien umgegangen", sagt er. Es sei immer gesagt worden, dass die Fluglärmbelastung für die Bevölkerung entscheidend sei. In Berlin sind dies etliche mehr als dies in der dünnbesiedelten Altmark gewesen wäre. "Ich kann mich noch an die Zahl 1.700 betroffenen Personen erinnern", sagt Michaelis. Im Umfeld Berlin seien es eher 100.000 Menschen, die nun betroffen sind. "Der Standort war hochgradig geeignet", sagt der Planer. Das betraf nicht nur den Lärmschutz, sondern auch die naturrechtlichen Belange.  

Ein Mann sitzt in einem Büro an einem Schreibtisch
Lothar Riedinger (66, CDU) war von 1990-1994 erster Landrat des Landkreises Stendal. Er ist heute Rentner und  ehrenamtlicher Bürgermeister von Arneburg.    Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Dörfer wie Möringen, Heeren und Insel wären sicherlich betroffen gewesen, sagt Michaelis. Der Ort Buchholz wäre dagegen ganz von der Landkarte verschwunden gewesen. Der Ort sollte umgesiedelt werden. Die Kirche sollte Stein für Stein abmontiert und anderswo neu errichtet werden. Hieran kann sich jedenfalls Lothar Riedinger erinnern. Er war nach der Wende der erste Landrat des Landkreises Stendal. Schon mit Beginn der Planungen ab 1993 bekam der heute 66-Jährige Wind von dem riesigen Vorhaben. Der Geschäftsführer der Airail AG habe ihn informiert.

Lothar Riedinger vermutet, das Projekt hätte sicherlich eine wirtschaftliche Sogwirkung gehabt. Die Airail selbst sprach von 15.000 Arbeitsplätzen. Am Ende hätte es aber auch eine Abwägung mit den Naturbelangen geben müssen. "Die Entscheidung wurden uns abgenommen", sagt Riedinger. Mit der Insolvenz der Airail war 2004 Schluss.

Zahlen und Fakten zum Stendaler Flughafenprojekt

Gesamtfläche:  ca. 1.500 Hektar, zwei parallele 4.000 Meter lange Start- und Landebahnen; modulares Ausbaukonzept.

Standort: südlich von Stendal beim Ort Buchholz.

Der Baubeginn sollte 2004 sein und die Eröffnung 2008/2009. Für Planung und Planfeststellung waren 7,5 Millionen bis 9 Millionen Euro veranschlagt; für die Gesamtrealisation der ersten Ausbaustufe waren ca. 3 Milliarden Euro vorgesehen.

Die Fahrzeit mit dem ICE sollte vom Lehrter Bahnhof in Berlin bis Flughafen in 35 Minuten erfolgen; die ICE-Strecke sollte unter dem Flughafen durchführen Richtung Hannover. 

Geldgeber brachen weg

In der Dimension hätte der "Berlin International Stendal" (BIS) dem jetzt eröffnenden BER in nichts nachgestanden. Es sollten in einer ersten Ausbaustufe zwei Start- und Landebahnen von jeweils vier Kilometern Länge entstehen. Drei Milliarden Euro waren veranschlagt. Der BER kostet nach aktuellen Angaben rund 7,1 Milliarden Euro. Fünf Jahre Bauzeit waren vorgesehen. Im Jahre 2008/2009 sollte die Eröffnung sein.

"Es war nie eine 100-prozentige Garantie für das Projekt vorhanden. Jeder wusste, dass die Regierung Berlin bevorzugt", sagt Lothar Riedinger. Als immer klarer wurde, dass man in Berlin nur auf Schönefeld setzt, da brachen den Machern des Stendaler Vorhabens wohl auch nach und nach die Geldgeber weg.

Lothar Riedinger weiß bis heute nicht, was am besten für die Region gewesen wäre. Er habe jedoch manches Mal gedacht, dass es doch ganz schön gewesen wäre, einen Flughafen direkt vor der Haustür zu haben. "Dann hätte man mal eben nach Paris fliegen können, in die Oper gehen und dann abends wieder nach Hause kommen", sagt er mit einem Grinsen. Volker Stephan bedauert das Scheitern des Projekts: "Ich finde es schade, dass es nichts geworden ist." Das betreffe nicht nur die Region, sondern die ganze Bundesrepublik. "Es wäre jedenfalls viel Geld gespart worden."

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 31. Oktober 2020 | 16:40 Uhr

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