Geschichtsforschung Denkmal für Weltkriegsopfer in Cobbel wird geändert

Man sieht sie in beinah jedem Dorf – die Denkmale für die Gefallenen der Weltkriege. Auch in Cobbel bei Tangerhütte steht eins. Zum Herbst soll es umgestaltet und der aktuellen Geschichtsforschung angepasst werden: So kommen noch vier Namen mehr auf die Tafel.

von Katharina Häckl, MDR SACHSEN-ANHALT

Denkmal für Weltkriegs-Opfer
Die Gedenktafel in Cobbel soll erweitert werden. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Von etwa 300 Einwohnern, die Cobbel in den 1940er-Jahren hatte, sind 43 Menschen infolge des Zweiten Weltkriegs umgekommen. Der Prozentsatz ist ziemlich hoch. Edda Ahrberg vom Geschichtsverein "Grenzland" hat alle Opfer-Biografien aufgearbeitet und festgestellt: Nicht alle sind gefallen. Zu den Opfern gehören laut Ahrberg auch eine Mutter und ihre Tochter, die im Rahmen der Euthanasie umgebracht wurden, ein Konzentrationslagerhäftling und ein Mann, der im sowjetischen Speziallager 1947 sein Leben lassen musste.

Zwei Euthanasie-Opfer und niemand reagierte

Die geistig behinderte Margarethe Strumpf war wegen ihres Handicaps während des Krieges erst in die Landesanstalt nach Uchtspringe gekommen, danach in ein Lager nach Schönebeck. Die Ärzte dort fragten in Cobbel sogar an, ob man Frau Strumpf nicht wieder nach Hause holen wolle. Niemand reagierte. Edda Ahrberg geht dennoch nicht von bösem Willen aus.

Die Männer waren alle weg. Dann sind solche Personen natürlich durch sämtliche Raster gefallen. Ich vermute, das ist in den Dörfern hier ringsum öfter passiert, als wir das heute wissen.

Edda Ahrberg, Vorstand von Grenzland e.V.

Margarethe Strumpfs Tochter war bereits Ende der 1920er-Jahre nach Uchtspringe gebracht worden. Von ihr hörten die Cobbeler nie wieder etwas.

Weder Prozess noch Urteil

Ein Mann, der für die NSDAP die Mitgliedsbeiträge im Dorf kassierte, den verhafteten die Russen nach dem Krieg. Er bekam weder einen Prozess noch ein Urteil. Er starb in einem Speziallager.

Die Überlieferung im Dorf geht dahin, dass er niemand gewesen ist, der Schuld auf sich geladen hat im Sinne von Verfolgung einzelner Personen. Sondern eher Personen unterstützt hat, zum Beispiel einen Mann jüdischer Herkunft.

Edda Ahrberg, Vorstand von Grenzland e.V.

Dank der Aufarbeitung weiß nun auch die heute 86-jährige Christa Koch mehr über das Schicksal ihres Onkels. Ernst Ulrich galt in der Ukraine als vermisst.

Durch Frau Ahrberg habe ich erst erfahren, dass mein Onkel richtig krank war und verstorben war. Man ist zufriedener, dass man weiß, wo er ist, und nicht irgendwo im Graben liegt und verfault ist.

Christa Koch, Angehörige eines Kriegsopfers

Realisierung mit Spendengeldern

Der Cobbeler Grenzland-Verein sammelt Spenden für die Umgestaltung und Vervollständigung des Opferdenkmals. Das Schicksal aller Opfer, sagt Edda Ahrberg, müsse einen Stellenwert im kollektiven Gedächtnis bekommen. Am Volkstrauertag soll das umgestaltete Opferdenkmal in Cobbel eingeweiht werden.

Aufklärung dank Geschichtsforschung in Cobbel

Denkmal für Weltkriegs-Opfer
Das Gefallenendenkmal vor der Kirche von Cobbel. Bislang fehlen die Namen der Opfer des Zweiten Weltkriegs. Der Verein "Grenzland" wird das ändern. Vorstand Edda Ahrberg hat sämtliche Biografien aufgearbeitet; am Volkstrauertag sollen neue Tafeln alle Opfer benennen. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Denkmal für Weltkriegs-Opfer
Das Gefallenendenkmal vor der Kirche von Cobbel. Bislang fehlen die Namen der Opfer des Zweiten Weltkriegs. Der Verein "Grenzland" wird das ändern. Vorstand Edda Ahrberg hat sämtliche Biografien aufgearbeitet; am Volkstrauertag sollen neue Tafeln alle Opfer benennen. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Edda Ahrberg und Christa Koch
Christa Koch (86, rechts) ist Edda Ahrberg dankbar: Endlich weiß sie, wo ihr Onkel Ernst Ulrich sein Ende fand – er starb an schwerer Krankheit in einem ukrainischen Lager. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
aufgeschlagenes Buch mit historischen Quellen
Selbst Cobbel verzeichnet Euthanasie-Opfer: Die geistig behinderte Margarethe Strumpf war erst nach Uchtspringe, dann in ein Lager nach Schönebeck gebracht worden. Ihre Tochter war bereits Ende der 1920er Jahre in die Landesanstalt nach Uchtspringe gekommen; hier verliert sich ihre Spur. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
aufgeschlagenes Buch mit historischen Fotos und Quellen
Aus Erich Wiese sollte ein guter Musiker werden. Doch der Cobbeler wurde noch im März 1945 im Alter von 16 Jahren eingezogen und fiel im April. Nicht für alle Opfer des Zweiten Weltkriegs fand Edda Ahrberg so viele Unterlagen und Fotos.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 24.06.2019 | 10:40 Uhr
Quelle: MDR/ahr
Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
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Euthanasie: Vernichtung "lebensunwerten Lebens"

Den Krankenmorden während der NS-Zeit sind laut Deutschem Ärzteblatt etwa 216.000 Menschen in Deutschland und den zeitweise annektierten Gebieten zum Opfer gefallen. Als Grund für die Tötung galten körperliche, seelische oder geistige Behinderungen.

Bis zu 400.000 Männer und Frauen wurden zwangssterilisiert, etwa 5.000 starben dabei.

Dem Euthanasie-Programm fielen mindestens 5.000 Kinder zum Opfer. Im heutigen Sachsen-Anhalt galt die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg als Tötungsstation. Die damalige Landesheilanstalt Uchtspringe fungierte als Zwischenstation für die umfassendste Euthanasie-Aktion "T4". Das Krankenhaus hatte zudem eine entsprechende Kinderfachabteilung.

Quelle: MDR/ahr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wir wir | 24. Juni 2019 | 10:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Juni 2019, 17:24 Uhr

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