Klatschmohn statt Kohlrabi Investor für IP-Garten in der Altmark gesucht

Ferngesteuerte Gemüsebeete mit Überwachungskameras und Sensoren im Boden: Das vor drei Jahren in der Altmark begonnene Berliner Projekt der Internetgärten liegt vorerst auf Eis. Das Startup-Unternehmen hat sich wegen Geldmangels in dieser Saison für eine abgespeckte Zwischenvariante entschieden und die Kleinstparzellen nur mit Wiesenkräutern anstatt mit Gemüse bepflanzt. Die Existenzgründer sind überzeugt davon, dass ihr Projekt dennoch eine Zukunft hat.

von Andreas Müller, MDR SACHSEN-ANHALT

Zwei Männer laufen über verwildertes Feld, auf dem grüne Masten mit Kameras stehen
Die IP-Gärten im Sommer 2019: Benötigt wird Hilfe, damit hier wieder Gemüse wächst. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

In Lindenberg bei Seehausen in der Altmark sind die 400 Öko-Gemüseparzellen von je 16 Quadratmetern in diesem Jahr nur eine große Wiese. Klatschmohn, Kornblumen und Gräser wiegen sich im Sommerwind. Bienen und Schmetterlinge tummeln sich in der Naturoase unter den zahllosen Überwachungskameras und einer großen Satellitenschüssel. Eigentlich sollten wieder hunderte Pächter über das Internet ihre kleinen Gemüseflächen beobachten, per Mausklick die Beregnung anwerfen oder den Gärtnern vor Ort Anweisungen geben. Doch die sogenannten IP-Gärten pausieren.

Finanzstarker Investor gesucht

Projektmanager Boris Wiesmayr sagt, gemeinsam mit Partnern sowie Fördermitteln aus dem Programm Landaufschwung habe man schon viel auf den Weg gebracht. Die Idee sei eingeschlagen und habe für Hunderte Menschen aus den Großstädten eine Brücke zum Land gebaut. Doch nun müsse neues Geld gesammelt werden, um im nächsten Jahr die Gemüsebeete wieder anlegen und das Projekt ausbauen zu können: "Wir suchen einen weiteren schweren Investor. Es werden sicher noch zwei Millionen Euro benötigt, bis sich die IP-Gärten tragen."

Wildblumen als Zwischenlösung für innovatives Gartenprojekt

Mann hockt zwischen Wildblumen auf einem Feld
Projektmanager Boris Wiesmayr aus Berlin sagt: "Mit den Wiesenblumen haben wir eine sinnvolle Zwischenlösung gefunden. Wir zollen der Natur ein Stück Respekt." Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Mann hockt zwischen Wildblumen auf einem Feld
Projektmanager Boris Wiesmayr aus Berlin sagt: "Mit den Wiesenblumen haben wir eine sinnvolle Zwischenlösung gefunden. Wir zollen der Natur ein Stück Respekt." Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Zwei Männer laufen über verwildertes Feld, auf dem grüne Masten mit Kameras stehen
Helfer aus der Altmark kümmern sich um die IP-Kräuterwiese bei Lindenberg. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Mann begutachtet grünen Mast auf Feld
Kein Acker in Deutschland ist besser überwacht. Techniker betreuen die Kameras. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Sprenger an beschriftetem grünen Mast auf verwildertem Feld
Im Boden der IP-Gartenanlage liegen Kabel- und Schlauchtrassen. Für die Datenübertragung oder einfach zum Wässern. Jede Parzelle wird extra versorgt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Grüne Masten mit Kameras auf verwildertem Feld
Wo die Kabel liegen, wird nicht gemäht. Dort ist ein geschützter Korridor entstanden. Martin Kruszka nennt ihn Autobahn für Insekten und Kleingetier. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Eingezäuntes kleines Holzhaus mit Werbung für Hühnerställe
Hier wohnte das Lindenberger Huhn "Lady Gaka". Es konnte über Video beobachtet werden. Allerdings wurde es vom Fuchs geholt. Martin Kruszka will nun neue Hühner in die Voliere bringen: "Wir lassen uns nicht unterkriegen." Bildrechte: MDR/Andreas Müller
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Zwischenlösung mit Wildblumen

Wiesmayr ist zuversichtlich, dass das gelingen wird. Er verweist auf zahllose E-Mails, in denen sich vor allem Berliner für die Fortführung des IP-Gartenprojektes einsetzten. Allein schon, weil sie sich an die regelmäßigen Internetausflüge in den "eigenen" Garten oder an die Lieferungen mit Biogemüse gewöhnt haben. Die Zwischenlösung mit den Wildblumen sei als sinnvoll akzeptiert worden, zumal man damit einen Beitrag zur Artenvielfalt leiste.

Musteranlagen weltweit gefragt

Projektbegründer Martin Kruszka sagt, dass es im kommenden Jahr "auf jeden Fall" mit den Öko-IP-Gemüsegärten weitergeht. Mit dem Projekt schaffe man nicht zuletzt Arbeitsplätze, etwa für die Betreuer der Anlagen vor Ort.

Wir bekommen ganz viele Anfragen und Hilfszusagen von Privatleuten. Auch einige große Unternehmen und renommierte Gastronomieketten stehen uns bei. Aus Südkorea wurden wir gebeten, dort eine Musteranlage zu errichten. Anfragen liegen auch aus Chile, der Schweiz, Polen und Österreich vor.

Martin Kruszka, Projektbegründer

Der IT-Experte Christoph Holowaty von der Partnerfirma mdex begründet das Interesse mit dem wachsenden Bewusstsein für eine nachhaltige Landwirtschaft und dem Reiz der modernen Technologien: "Das wird ein Erfolg. Viele Leute warten darauf. Das Interesse an Landwirtschaftssimulatoren oder am virtuellen Gärtnern im Internet spricht doch Bände. Der wesentliche Unterschied ist allerdings, dass man beim IP-Garten echte Früchte ernten und genießen kann."

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Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 04. Juli 2019 | 11:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2019, 20:03 Uhr

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2 Kommentare

05.07.2019 09:25 Leser 2

War wohl kein Erfolg. Dachte ich mir voriges Jahr schon. Bitte lassen Sie es.

04.07.2019 21:07 Groni 1

Tausende Kleingärten liegen brach. Die sollte man wieder bewirtschaften und nicht Millionen für diese Internetspielerei ausgeben. Zumal die Betätigung im Garten gesünder ist als am Computer oder Smartphone zu "gärtnern". Auch ebenbürtig mit dieser schwachsinnigen Schinderei im Fitnessstudio.

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