Corona-Maßnahmen in Kliniken Der Alltag des Krisenmanagers im Johanniterkrankenhaus Stendal

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Thomas Krössin ist Direktor des Johanniterkrankenhauses in Stendal – und außerdem erster Krisenmanager. Er überblickt die Corona-Maßnahmen. MDR SACHSEN-ANHALT hat ihn einen Tag lang bei seiner Arbeit begleitet.

Außenansicht Johanniter Krankenhaus Stendal.
Der Haupteingang des Johanniter Krankenhauses in Stendal Bildrechte: MDR/MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

Die Seiteneingänge vom Johanniterkrankenhaus in Stendal sind wegen des Coronavirus schon seit Wochen geschlossen. Nur über den Haupteingang erhält man Zutritt, vorbei am Desinfektionsgerät. Das muss zwingend benutzt werden. Thomas Krössin ist Direktor des Krankenhauses und auch erster Krisenmanager. Nicht nur hier – der Mediziner ist deutschlandweit für sämtliche Krankenhäuser im Johanniterverbund zuständig.

Sein erster Weg führt Krössin an diesem Tag zur Isolierstation. Auch hier wieder: Hände desinfizieren, Mundschutz anlegen. Mit dem Ellbogen drückt Thomas Krössin den Hebel des Spenders herunter, reibt sich die Hände ein. 30 Sekunden lang.

Isolierstation mit Pflegekräften anderer Stationen aufgestockt

Danach öffnet er die Tür zur Station, ebenfalls mit dem Ellbogen. Vor ihm liegt ein fast leerer Flur. Ein Krankenpfleger kommt ihm entgegen, der Direktor fragt nach den Patienten. Ein bestätigter Covid-19-Patient liege hier, bei zwei weiteren stehe das finale Ergebnis noch aus, erfährt er. Die Zimmer der Patienten können nur über Schleusen betreten werden, in der sich Pfleger und Schwestern Schutzkleidung anlegen. Im Flur können sie sich noch ohne Schutzausrüstung bewegen. "Wenn die Patientenzahlen steigen, können wir uns auf der gesamten Station nur noch in Schutzausrüstung bewegen", weiß Krankenschwester Isabelle Deinert. "Darum haben wir diesen Teil der Station abgetrennt."

Intensivbett in Johanniter Krankenhaus Stendal.
Ein Intensivbett im Stendaler Krankenhaus Bildrechte: MDR/MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

Die Station ist gut auf mehr Patienten vorbereitet. Intensivbetten mit Beatmungsgeräten wurden aufgestockt. Das Personal wurde durch Schwestern und Pfleger von anderen Stationen verstärkt, allesamt erfahrene Pflegekräfte, die zwar nicht in kurzer Zeit Intensivpatienten betreuen können, aber sie können die Intensivpfleger und -schwestern entlasten. Das erfährt Thomas Krössin im Gespräch mit Stationsarzt Sebastian Klemstein und Pfleger Johannes Schulz. Die Einarbeitung laufe gut.

Schutzkleidung im Pandemielager wird knapp

Nächste Station: das Lager. Hier sind mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter damit beschäftigt, Waren in die Regale zu sortieren und neue zu bestellen. Was nicht so einfach ist, erfährt Thomas Krössin von Constanze Dulich. "Unser Pandemielager war entsprechend den Vorgaben gefüllt, aber nur wie bei einer normalen Influenzapandemie", erklärt sie.

Hier in Stendal haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Logistik schon im Januar sehr aufmerksam die Situation in China beobachtet und begonnen, die Lager aufzufüllen. "Spätestens nach dem Ausbruch in Heinsberg sind wir an unsere Grenzen gestoßen. Die Preise sind in die Höhe geschossen und es war nichts mehr lieferbar", sagt Dulich. "Wir haben in Berlin einen zentralen Einkauf für unsere Krankenhäuser", sagt Krössin.

Das Problem ist, dass wir derzeit mit unseren Lieferanten keine neuen Verträge abschließen können. Wir können nur den Durchschnitt des Jahresverbrauchs von 2019 bestellen.

Thomas Krössin

"Es gibt keine zusätzlichen Kapazitäten für Schutzkleidung. Damit sind wir auf eine Krise, wenn es schlimmer wird, nicht vorbereitet. Hier erwarten wir deutlich mehr Unterstützung durch die Politik."

Für die nächsten Tage reichen die Vorräte aber aus. Dann wird hoffentlich Nachschub kommen. Bei den Masken wird derzeit probiert, sie in Sterilisatoren aufzubereiten. Über Erfahrungen wolle das Uniklinikum in Magdeburg spätestens am Nachmittag berichten, lässt sich Thomas Krössin in der Sitzung der Task Force informieren, zu der er als Nächstes geeilt ist.

Frau mit Mundschutz in Materiallager von Johanniter Krankenhaus Stendal.
Im Pandemielager werden Schutzkleidung und -masken knapp. Bildrechte: MDR/MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

Hilfsgelder der Bundesregierung noch nicht eingegangen

Dort sind alle wichtigen Bereiche vertreten. Jörg Fahlke, der Ärztliche Direktor, berichtet von einem Vorfall in der vergangenen Nacht. Dort hatte sich ein Patient mit Corona-Symptomen den Anweisungen des Personals widersetzt und war kreuz und quer durch die Notaufnahme gelaufen. "Da stellt sich noch einmal die Frage nach Verfügbarkeit und Funktionalität unseres Wachschutzes", so der Ärztliche Direktor. "Es bestätigt einmal mehr, dass wir in dieser Ausnahmesituation die Sicherheit im Klinikum sichern müssen", sagt Krössin.

Der Krisenmanager erkundigt sich bei der Kaufmännischen Direktorin nach den Finanzen und ob bereits etwas von den angekündigten Hilfsgeldern der Bundesregierung angekommen ist. Ines Donner verneint. Man melde wöchentlich Zahlen und Bedarf, Geld allerdings sei noch nicht eingegangen. "Wir leben derzeit von der Versorgung der Patienten", fasst Krisenmanager Krössin zusammen. "Aber bei einem Rückgang von 50 Prozent aktuell stehen wir in absehbarer Zeit vor argen Liquidationsproblemen", warnt Ines Donner.

Nur kurze Verschnaufpausen

Nach der täglichen Sitzung der Task Force eilt Krössin ins Büro. Eine kleine Verschnaufpause, ein Kräutertee. Die Situation geht auch bei ihm an die Substanz. Thomas Krössin macht seinem Ärger Luft. Nicht zufällig sind Nordrhein-Westfalen und Bayern am stärksten von Corona betroffen. "Hätte man im Februar reagiert und die Karnevalsveranstaltungen untersagt, wären die Zahlen nicht so in die Höhe geschnellt", meint der Krisenmanager. "In Bayern waren es die Skiurlauber. Doch über diese Verantwortlichkeiten wird überhaupt nicht gesprochen."

Möglicherweise geschieht das ja im Nachgang. Derzeit muss jeder seine eigenen Probleme lösen. Thomas Krössin die in den Johanniterkrankenhäusern – bundesweit. Dabei kann er sich auf einen guten Stab von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort verlassen. Auch in Stendal. Wie er arbeiten viele hier am Limit. "Unser vordringlichste Ziel ist, dass die Krankenhäuser intakt bleiben", sagt Thomas Krössin. "Nur so können wir die Versorgung der Menschen gewährleisten. Darum tun wir alles, um unseren Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sie gut geführt und gehört werden."

Die Verschnaufpause für den Krisenmanager ist nur kurz. Er greift zum Telefonhörer, um eines von vielen Gesprächen zu führen, bevor die nächste Sitzung in wenigen Minuten beginnt.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele – dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

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Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. April 2020 | 19:00 Uhr

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