Wohnungen sollen "sexy" werden Große Schönheitskur für Tangerhütter Platte

Tangerhüttes Plattenbau-Wohnungen am Stadtrand sollen "sexy" werden. Zumindest die gut 300, die der örtlichen Wohnungsgenossenschaft gehören. Deren neuer Geschäftsführer, Ingo Buchali, will das Viertel zu einem wirklichen Zuhause machen.

 Bunte Platte von außen
Mit unerwartbaren Plänen sollen die Plattenbau-Wohnungen in Tangerhütte wieder aufgehübscht werden. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Die Tangerhütter Wohnungsgenossenschaft verwaltet Wohnungen in Altneubauten und in Wohnblocks vom DDR-Typ WBS 70. In ihnen leben Menschen, die gleich nach Freigabe der Blocks in den 1970er- und 1980er-Jahren eingezogen sind, aber auch junge Leute, Familien, Bedürftige, Migranten. Ein bunter Mix, den Ingo Buchali dem Viertel auch unbedingt erhalten will.

Dafür muss er aber etwas tun. Auch der Tangerhütter Wohnungsmarkt ist hart umkämpft. Neben der Wohnungsgenossenschaft, der früheren AWG, gibt es noch die Städtische Wohnungsgesellschaft SWG und etliche private Vermieter. 24,6 Prozent der Wohnungen der Tangerhütter Genossenschaft stehen derzeit leer. Bei der städtischen Gesellschaft sind es noch mehr.

Graue Fassaden werden gereinigt

Um neue Mieter anzuziehen und die "alten" zu halten, muss "die Platte sexy" werden, sagt der neue Geschäftsführer. In der Schönwalder Chaussee fängt Ingo Buchali außen an: Wer sexy ist, sieht sauber und chic aus. Das trifft nicht auf alle Blocks zu. Dreck und Algen –beides aus der Luft – haben sich mit den Jahrzehnten seit der Wende auf dem Rauputz der Fassaden abgesetzt. Deshalb hat Ingo Buchali eine Firma beauftragt, die Wände mit biologischen Mitteln zu reinigen. "Erst hatte ich graue Häuser", strahlt der Geschäftsführer. "Heute habe ich wunderschöne beigefarbene, hell- und dunkelblaue Fassaden."

Mit dem vergleichsweise kleinen Schritt hat Buchali für ein frisches Äußeres im Viertel gesorgt und für einen Aha-Effekt bei den Mietern. Doch bei Kosmetik soll es nicht bleiben. Wer sexy sein will, muss auch überraschen können.

Aus grau wird bunt: Tangerhütter Platte soll schöner werden

Schmutzige Fassade einer Platte wird gereinigt
Am Stadtrand von Tangerhütte sollen rund 300 Plattenbau-Wohnungen verschönert werden. Los geht's beim Äußeren. Bildrechte: Wohnungsgenossenschaft Tangerhütte eG
Schmutzige Fassade einer Platte wird gereinigt
Am Stadtrand von Tangerhütte sollen rund 300 Plattenbau-Wohnungen verschönert werden. Los geht's beim Äußeren. Bildrechte: Wohnungsgenossenschaft Tangerhütte eG
Schmutzige Fassade einer Platte wird gereinigt
Vor der Reinigung waren die Fassaden der Plattenbauten voll von Dreck und Algen. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Schmutzige Fassade einer Platte wird gereinigt
Schon nach einer kurzen Reinigung mit einem Kärcher sieht man den Unterschied. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Plattenbau in gelb von außen
So soll ein Großteil der Wohnungen mal von Außen aussehen. Bildrechte: Wohnungsgenossenschaft Tangerhütte eG
 Bunte Platte von außen
Angedacht sind aber auch bunte Fassaden, Grafitti-Kunst und eine eigene Stromversorgung auf dem Dach. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Mann sitz an Schreibtsich vor Computer
Ideengeber ist der Geschäftsführer der Tangerhütter Wohnungsgenossenschaft, Ingo Buchali. Er sagt: "So kann man Leute nicht wohnen lassen." Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Platte von außen mit Bäumen davor
In dieser Platte sitzt die Wohnungsgenossenschaft – nicht gerade sexy im Moment, aber irgendwann soll der Block aussehen "wie eine Zitadelle", sagt der Geschäftsführer. Mit unterschiedlich hohen Stockwerken und moderner unerwarteter Fassadengestaltung.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 29. September 2020 | 09:30 Uhr

Quelle: MDR/agz
Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
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Geplant: Strom vom eigenen Dach

Im kommenden Jahr lässt die Wohnungsgenossenschaft deshalb von zwei WBS-70-Blöcken die oberen beiden Etagen – die vierte und die fünfte also – abtragen. Auf das neue Dach werden Photovoltaik-Platten montiert. Mit dem dann angebotenen so genannten Mieterstrom können die Mieter bis zu 200 Euro im Jahr sparen.

Die Blöcke bekommen Terrassen. Außerdem werden im Viertel die Außenanlagen völlig neu gestaltet: Die piksigen Sträucher und verunglückten Rosenbögen sollen weg. Dafür erwarten die Mieter blühend-grüne Beete, moderne Gräser und gestaltete Flächen. Zwei historische Loren – in den stählernen Wagen transportierte man in Tangerhütte einst das hier entdeckte und verhüttete Raseneisenerz – sollen aufgestellt werden.

Was ist Raseneisenerz?

Gusseiserner Pavillon im Stadtpark Tangerhütte
Tonnenschwere Gusskunst von Weltrang: der Pavillon im Tangerhütter Stadtpark. Bildrechte: MDR/André Plaul

Raseneisenerz ist Erdreich, das besonders eisenhaltig ist. Es liegt relativ nahe der Oberfläche. Der Industrielle Franz Wagenführ hatte die Vorkommen um Vaethen – dem Dorf, aus dem die Stadt Tangerhütte 1935 hervorging – entdeckt und sie abbauen lassen. Die großen Plocken Erde mit dem Raseneisenerz darin wurden auf Schienen in Loren ins Mitte des 19. Jahrhunderts gebaute Eisenwerk gebracht. Dort entstanden aus dem Eisen legendäre Kunstguss-Werke. Für einen Pavillon erhielt Wagenführ auf der Weltausstellung in Paris 1889 die Goldmedaille. Der Pavillon steht heute im Stadtpark in der Nähe des Alten Schlosses – alles angelegt durch und für die Industriefamilie Wagenführ. Heute gehört das Ensemble zu den Gartenträumen Sachsen-Anhalts.

Grafitti-Kunst soll Stadtgeschichte zeigen

Besonders gespannt ist Ingo Buchali auf die Gestaltung zweier über Eck stehender Giebelflächen. Dafür hat er die Magdeburger Graffiti-Künstler gewinnen können, die schon an den Giebeln von Stendaler Häusern verschmitzte, romantische, optimistische Graffiti-Gemälde entstehen ließen. Die beiden Tangerhütter Bilder sollen die Vergangenheit und die Gegenwart der Stadt zeigen.

Zuhause für mehrere Generationen

Mann sitz an Schreibtsich vor Computer
Hat viele Ideen für ein komfortables Leben in der Platte: Ingo Buchali. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Ingo Buchali träumt von einer Art Tagesstätte, die in einem Wohnblock durch das gesamte Erdgeschoss reicht. Mit Arzt und Physiotherapie, Senioren- und Freizeitklub, kreativen Angeboten und Essensmöglichkeiten. Mit der gerade sanierten Fröbel-Kita gegenüber wird die Genossenschaft eine Patenschaft eingehen. Erste Abstimmungen dazu sind bereits gelaufen. Ein aktives Mehrgenerationenviertel könnte so entstehen, in dem sich auch neue Mieter schnell wie Zuhause fühlen.

Denn auf die setzt Ingo Buchali für die Zukunft. Tangerhütte sei überhaupt nicht alt und morbide, wie viele behaupten, sagt er. Im Gegenteil, rühmt er die Lage der Stadt: Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten seien vorhanden, mit Bahn, Bus oder Auto sei man schnell in der Kreis- oder der Landeshauptstadt. Keine Kommune ähnlicher Größe könne das vorweisen, schwärmt der Chef der Wohnungsgenossenschaft.

Die Arbeiten an den WBS-70-Blöcken, die nach dem Willen der Genossenschaft gleich zwei "Köpfe kürzer" gemacht werden, beginnen im April. Bis dahin sollen nahezu alle Genossenschafts-Fassaden im Plattenbauviertel am Rand von Tangerhütte erstrahlen.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 29. September 2020 | 09:30 Uhr

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