Lukratives Wirbelsäulenzentrum Gardelegener OP-Skandal: Ein einziger Fall landet vor Gericht

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Vor acht Jahren machte der sogenannte OP-Skandal von Gardelegen Schlagzeilen. Von mehreren hundert Fällen fragwürdiger Wirbelsäulen-Operationen ist am Ende ein einziger Fall aus dem Jahre 2011 übrig geblieben – und das wohl nur aus Zufall. Der Fall wird derzeit am Stendaler Landgericht verhandelt. Ein ehemaliger Assistenzarzt ist wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Ehemals Verantwortliche sind nicht mehr greifbar.

Altmark-Klinikum in Gardelegen
Das Altmark-Klinikum in Gardelegen Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Der 56-jährige Arzt Dr. N. verfolgt die Sitzungen am Landgericht in Stendal mit stoischer Ruhe. Gesagt hat er nach drei Verhandlungstagen bisher nichts. Von der Staatsanwaltschaft Stendal wird ihm vorgeworfen, dass er am 22. November 2011 ohne Anwesenheit eines Facharztes eine Wirbelsäulen-OP durchgeführt hatte. Es geht um fahrlässige Körperverletzung.

Es war beileibe nicht seine erste Wirbelsäulen-OP, die Dr. N. an jenem Tag im November vor neun Jahren vorgenommen hatte. Der Arzt, der aus der Ukraine stammt, war bereits seit 2006 am Krankenhaus in Gardelegen beschäftigt und ein Mediziner mit viel Routine. Allerdings hatte man seine ausländische Qualifikation nicht vollständig anerkannt. In Gardelegen arbeitete er als "ärztlicher Kollege in Weiterbildung", seine Facharztausbildung absolvierte er parallel, nachdem er bereits zwölf Jahre zuvor ausweislich seiner Website-Biografie einen Dr.-Titel besaß. Der heute 56-Jährige arbeitet inzwischen als Unfallchirurg in Berlin, er hatte dem Krankenhaus in Gardelegen 2012 auf eigenen Wunsch den Rücken gekehrt.

Der OP-Skandal von Gardelegen

Der Fall von Dr. N. ist das letzte Überbleibsel des sogenannten OP-Skandals von Gardelegen. Vor acht Jahren machte dieser Schlagzeilen. Dr. N. war dabei nur eine Randfigur. Es ging dabei um lukrative Wirbelsäulen-Operationen, die an der Klinik zuhauf ohne eine medizinische Erfordernis vorgenommen worden sein sollen. Ärzte sprechen von "fehlender Indikation". Sechs Ärzte des Hauses waren Ende 2012 mit einem Brief an die Öffentlichkeit getreten und hatten Missstände angeprangert. Neben der fehlenden Indikation bei OPs zählte auch dazu, dass medizinische Leistungen nicht richtig abgerechnet worden sein sollen. Es gab den Verdacht der falschen Codierung. Das heißt, gegenüber Krankenkassen sollen falsche Codes für bestimmte Leistungen angegeben worden sein sollen.

Zwei Männer im Landgericht Stendal
Arzt Dr. N. mit seinem Anwalt Ulrich Wehner Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Die Staatsanwaltschaft Stendal nahm die Ermittlungen auf. Außerdem klagten einige Patienten auf Schadensersatz. Auch Krankenkassen meldeten Ansprüche an. Hinter den Kulissen gab es Grabenkämpfe zwischen Ärzten, Abteilungen und Geschäftsführung. Am Ende verließen die führenden Protagonisten das Altmark-Klinikum – teils freiwillig, teils wurden sie herausgeworfen.

Auch wenn es im Verfahren gegen Dr. N. lediglich um einen einzigen Fall geht, so sprechen die Zeugenaussagen jetzt Bände. Es wird von einem vergifteten Betriebsklima und haarsträubenden fachlichen Umständen berichtet. Insbesondere zwischen der Radiologie und des Wirbelsäulen-Zentrums krachte es regelmäßig. Grund: Bei Wirbelsäulen-OPs soll sich über fehlende Röntgenbefunde immer wieder hinweggesetzt worden sein. In einem späteren Arbeitsgerichtsprozess führte das Klinikum die Zahl von 42,7 Prozent "nicht indizierter OPs" an.

Anzahl ungerechtfertigter Wirbelsäulen-OPs unklar

Im Fokus war immer wieder das sogenannte Wirbelsäulen-Zentrum, das ab 2011 diesen Namen trug und in die Chirurgie integriert war. Der Name des Zentrums sei als Marketing-Instrument genutzt worden, sagte der damalige und später geschasste Geschäftsführer Matthias H. vor Gericht aus. Es habe einen großen Patientenzulauf gegeben, auch von weiter her. Das Zentrum sei der lukrativste Bereich für das gesamte Krankenhaus gewesen. Laut interner Dokumente wurden alle Patienten, die mit Rückenproblemen beim Altmark-Klinikum vorstellig wurden, gleich ans Wirbelsäulen-Zentrum weitergeleitet. Wie viele davon dann ungerechtfertigt an der Wirbelsäule operiert wurden, darüber gehen die Ansichten auseinander. Strafrechtlich blieben am Ende neun Fälle kleben.

Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums prozentual an OPs beteiligt

Als Spezialist war ab 2011 der Arzt Michail T. am Gardelegener Krankenhaus eingestellt worden, er leitete das Wirbelsäulen-Zentrum. Er hatte einen äußerst günstigen Vertrag, er war prozentual an jeder OP beteiligt. Nach Informationen von MDR Sachsen-Anhalt lag der Wert bei 25 Prozent. "Er konnte sich sein Gehalt selbst bestimmen", sagte der ehemalige leitende Oberarzt Dr. W. vor Gericht aus. Durch "optimale Codierung" habe Dr. T. dies noch entsprechend verbessern können. "Man nimmt die Nummer, ohne einen entsprechenden Zusatzeingriff gemacht zu haben. Das kann keiner nachprüfen", sagte Dr. W..

Obwohl das Wirbelsäulen-Zentrum seiner chirurgischen Abteilung zugeordnet gewesen sei, habe  er keine Weisungsbefugnis gegenüber Dr. T. gehabt. "Ich kann wenig zu ihm sagen, ich kannte ihn kaum." W. selbst hatte 2013 als Chef der Chirurgie mit 60 Jahren hingeschmissen. Er gehörte zu den altgedienten Mitarbeitern, arbeitete schon seit 1980 am Gardelegener Krankenhaus.

Klage gegen Dr. T.: Verfahren gegen Zahlung eingestellt

Ursprünglich war auch Dr. T. von der Staatsanwaltschaft angeklagt worden. Ihm war vorgeworfen worden, dass er zwischen August 2011 und September 2012 in acht Fällen eine Wirbelsäulen-OP ohne Indikation vorgenommen hatte. Wohlgemerkt: Dies waren Fälle, die übrig geblieben waren. Wohl auch aufgrund von fehlender Dokumentation seitens des Krankenhauses, waren viele Fälle nicht mehr nachvollziehbar. Aus Ermittlerkreisen heißt es, dass die Dokumentation vielfach "unter aller Sau" gewesen sei. Gegen eine Zahlung von 45.000 Euro war sein Verfahren im Juni 2020 vorläufig eingestellt worden.

Nach Informationen von MDR Sachsen-Anhalt hat auch Dr. N. die Möglichkeit gehabt, gegen Geldzahlung eine Verfahrenseinstellung zu erreichen. Dies hat er abgelehnt. Der heute 56-Jährige, der inzwischen in Berlin praktiziert, sieht sich offensichtlich zu Unrecht angeklagt und möchte dies durch Gerichtsurteil auch bestätigt wissen. Er hatte im Hintergrund gearbeitet, während Dr. T. das Zentrum leitete und auch viel Geld verdiente. "Zum Jahresende gab es Erfolgsmeldungen über das Zentrum", sagte Dr. W. aus.

Schild vor dem Altmark-Klinikum in Gardelegen
Das Altmark-Klinikum in Gardelegen Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Prozess zwischen Altmark-Klinikum und Dr. T endet mit Vergleich

Mit der größeren Öffentlichkeit und Berichten um Ungereimtheiten ab Ende 2012 endete auch die angebliche Erfolgsgeschichte des Wirbelsäulen-Zentrums. Anfang 2013 trennte sich das Klinikum von Dr. T. sowie von Geschäftsführer Matthias H.. Auch Dr. N., der jetzt angeklagt ist, hatte schon vorher das Haus verlassen. Am Landgericht Stendal zog die Sache langwierige juristische Verfahren nach sich und hatte ein teures Nachspiel für die Klinik.

Im Jahr 2016 zog das Altmark-Klinikum gegen Dr. T. vor das Berliner Landgericht und forderte exakt 354.142,6 Euro an Honorar zurück. Die Klinik führte dabei 434 Fälle von Fehlbehandlungen, falscher Dokumentation und Falschcodierung zurück. Dr. T. forderte seinerseits rund 105.000 Euro an Honoraren zurück. Am Ende kam es zu einem Vergleich, beide Seiten verzichteten auf ihre Forderungen. Das Krankenhaus hatte eingesehen, dass es ein Fass ohne Boden war, jeden einzelnen Fall durch Sachverständigen belegen zu lassen.

Patienten klagten gegen Wirbelsäulen-OPs

Mehr Erfolg hatte ein Patient, der 2012 mit Hüftbeschwerden ins Altmark-Klinikum gekommen war und mit einer Wirbelsäulen-Operation wieder herauskam. 2017 bekam der damals 64-Jährige vom Landgericht Stendal insgesamt 120.000 Euro für Schmerzensgeld und Verdienstausfall zugesprochen. Es gab weitere Fälle.

Ob im jetzt verbliebenen Fall beim Landgericht Stendal noch etwas herauskommt, ist fraglich. Richterin Simone Henze-von Staden deutete schon zum Auftakt an, dass sie als "medizinische Laiin" nicht ganz so einfach durchblicke. Als Zeugen kamen mehrere Ärzte zu Wort. Auch ein Sachverständiger ist noch geladen.

Möglicherweise beruht die Anklage von Dr. N. auch nur darauf, dass die Dokumentation der Operation vom 22. November 2011 "sauschlecht" war. Es wurde nie angezweifelt, dass keine korrekte Operation stattgefunden hat. Schadensersatz wurde nie gefordert. Es bleibt lediglich die Frage im Raum, ob es an dem Tag eine fachärztlich Kontrolle gegeben hat oder ob Herr N. alleinverantwortlich gehandelt hat. Dies sagen jedenfalls die Papiere aus, die zur OP vorliegen.

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Er berichtete auch von Olympischen Spielen. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/sp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. November 2020 | 08:30 Uhr

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