Schwimmunterricht in Corona-Zeiten Das Schulschwimmen in Stendal geht trotz Corona weiter

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Nur noch 41 Prozent der Grundschulabgänger können sicher schwimmen. Das zeigen Zahlen der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). Grund sind vor allem Bäderschließungen und fehlende Schwimmlehrer. Durch Corona drohen nun noch mehr Kinder durchzurutschen. In Stendal wird dem entgegengewirkt.

Jurina Jungherr mit Grundschülern aus Tangerhütte im Schwimmbad Altmark-Oase Stendal 2 min
Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Nur noch 41 Prozent der Grundschulabgänger im Land können wirklich sicher schwimmen. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft bemängelt das schon lange. Und jetzt kommt noch hinzu, dass Bäder und Schwimmhallen dicht sind.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 27.11.2020 13:40Uhr 01:44 min

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Der Respekt ist einigen Kindern anzusehen. Eine Hand voll Drittklässler aus Gardelegen steht auf dem Drei-Meter-Turm in der Stendaler Altmark-Oase. Für das Schwimmabzeichen in Silber müssen sie dort herunterspringen. Lehrerin Jurina Jungherr steht am Beckenrand und notiert die bestandene Prüfungsleistung. "Der Sprung darunter ist für viele schon eine große Hürde", sagt sie.   

Das Hallenbad ist an diesem Morgen knacke voll. Es ist nicht nur das Platschen zu hören, wenn wieder eines der Kinder auf dem Sprungturm allen Mut zusammengenommen hat und heruntergehüpft ist. Nein, der gesamte Geräuschpegel mit seinem Stimmengewirr erinnert an einen ganz normalen Badetag. Doch ganz normal ist in diesen Zeiten auch im Schwimmbad gar nichts mehr. Das Bad ist aufgrund der Corona-Verordnungen für den regulären Badebetrieb seit Anfang November geschlossen – wie schon von März bis Mai.

Am Ende fehlen fünf Monate

Ein Schild mit der Aufschrift "gesperrt" hängt am Beckenrand des Schwimmbades Altmark-Oase Stendal
Das Bad ist seit Anfang November für den Besucherverkehr gesperrt. Nur den Schulschwimmunterricht darf stattfinden. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

"Eigentlich ist jetzt die Zeit mit den meisten Badegästen", sagt Geschäftsführer Marcus Schreiber. Bislang kamen rund 77.000 Gäste, nachdem es eine gute Sommerbilanz gab. Allerdings waren es zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr bereits 130.000 Besucher. "Uns werden am Ende fünf Monate fehlen." Die Stadt Stendal hat schon jetzt 265.000 Euro als Defizitausgleich gewährt. Das Bad erhält ohnehin jährlich 400.000 Euro für den Schul- und Vereinssport und eine Ausgleichszahlung von rund 300.000 Euro. "Wir hoffen, dass es auch noch Geld vom Land als Ausgleich gibt", sagt Schreiber.

Anders als beim ersten Lockdown im Frühjahr wird in der Altmark-Oase zumindest das Schulschwimmen weiter fortgesetzt. Das Sozialministerium hat die Ausnahme zugelassen, auch mit dem Hintergrund, dass es bundesweit nicht gut bestellt ist um die Schwimmfähigkeit von Kindern. Gerade einmal vier von zehn Schülerinnen und Schülern, die die Grundschule verlassen, können ein Schwimmabzeichen in Bronze und damit ein "sicheres Schwimmen" vorweisen.

Schwimmabzeichen Bronze und Silber

Bronze

  • Kenntnis der Baderegeln
  • Sprung kopfwärts vom Beckenrand und 15 Minuten Schwimmen. In dieser Zeit sind mindestens 200 Meter zurückzulegen, davon 150 Meter in Bauch- oder Rückenlage in einer erkennbaren Schwimmart und 50 Meter in der anderen Körperlage (Wechsel der Körperlage während des Schwimmens auf der Schwimmbahn ohne Festhalten)
  • Einmal ca. 2 Meter Tieftauchen von der Wasseroberfläche mit Heraufholen eines kleinen Gegenstandes (z.B. kleiner Tauchring)
  • 1 Paketsprung vom Startblock oder 1-Meter-Brett


Silber

  • Kenntnis von Baderegeln und Verhalten zur Selbstrettung (z.B. Verhalten bei Erschöpfung, Lösen von Krämpfen)
  • Sprung kopfwärts vom Beckenrand und 20 Minuten Schwimmen. In der Zeit sind mindestens 400 Meter zurückzulegen, davon 300 Meter in Bauch- oder Rückenlage, in einer erkennbaren Schwimmart und 100 Meter in der anderen Körperlage (Wechsel der Körperlage während des Schwimmens auf der Schwimmbahn ohne Festhalten)
  • Zweimal ca. 2 Meter Tieftauchen von der Wasseroberfläche mit Heraufholen je eines kleinen Gegenstandes (z.B. kleiner Tauchringe)
  • 10 Meter Streckentauchen mit Abstoßen vom Beckenrand im Wasser
  • ein Sprung aus 3 Metern Höhe oder 2 verschiedene Sprünge aus 1 Meter Höhe

"Wir sind sehr froh, dass wir weiterhin den Schwimmunterricht durchführen und damit unserem Bildungsauftrag nachkommen können", sagt Lehrerin Jurina Jungherr aus Tangermünde. Sie koordiniert das Schulschwimmen. Rund 1.670 Kinder kommen so jede Woche ins Stendaler Schwimmbad. "Wir müssen ehrlich gestehen, dass im Frühjahr als das Bad ganz geschlossen war, viele Kinder nicht die vorgesehene Stufe erreicht haben, obwohl sie auf dem besten Wege waren", sagt Jungherr.

Dies sei auch in den Sommermonaten nicht mehr auszugleichen gewesen, auch weil dies in den Freibädern kaum zu organisieren gewesen sei. "Da reichen die ausgebildeten Schwimmlehrerinnen und Schwimmlehrer nicht. Eine Ausnahme ist das Freibad in Tangermünde gewesen. Dort wird mit der Ortsgruppe der DLRG ohnehin das Schwimmen für Kinder hochgehalten."

Schwimmabzeichen in Silber und Bronze sind das Ziel

Geschäftsführer Marcus Schreiber in Schwimmbad Altmark-Oase Stendal
Geschäftsführer Marcus Schreiber muss eine schwierige Zeit in seinem Bad bewerkstelligen. Die 17 Mitarbeitenden sind in Kurzarbeit. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Die Kinder kommen mit höchst unterschiedlichen Voraussetzungen, sagt die Koordinatorin. "Wir holen sie dort ab, wo sie sind", sagt Jungherr. Anschließend werden sie in unterschiedlichen Technikklassen einsortiert und entsprechend gefördert. Die Schwimmabzeichen in Bronze und Silber sind das Ziel.

In die Altmark-Oase kommen alle Grundschüler aus dem Landkreis Stendal, auch einige Schulen aus dem Altmarkkreis Salzwedel nutzen das Hallenbad. Für die Kinder aus Gardelegen, die an diesem Morgen da sind und später von einer Gruppe aus Tangerhütte abgelöst werden, ist es fast schon ein Tagesausflug mit dem Bus.

Wir können hier nicht einfach den Schlüssel umdrehen und nach Hause gehen.

Schwimmbadchef Marcus Schreiber
Raiko Jantsch im Schwimmbad Altmark-Oase Stendal
Der Auszubildende Raiko Jantsch nimmt eine Wasserprobe. Die Wasserqualität wird regelmäßig überprüft. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Schwimmbadchef Marcus Schreiber freut sich, dass mit den Schulkindern zumindest vormittags was los ist im Bad. "Wir können hier nicht einfach den Schlüssel umdrehen und nach Hause gehen. So eine Anlage lässt sich nicht so ohne weiteres herunterfahren. Wir müssen die Wasserwerte und die Temperatur halten in dieser Anlage." Die 17 Mitarbeitenden sind in Kurzarbeit. Dass das Bad überhaupt für den Schulunterricht geöffnet werden kann, liegt an den sieben Azubis und ihrer Ausbilderin. Sie halten den Laden am Laufen.

"Neben dem Saubermachen müssen wir uns auch um die Technik kümmern. Klappen müssen überprüft, Filter ausgewechselt werden", sagt der 18-jährige Raiko Jantsch. Auch regelmäßige Wasserproben sind vorzunehmen. Darüber hinaus kann auch an der eigenen Schwimmleistung gearbeitet werden. "Ich habe bereits in der Schule mein Rettungsschwimmerabzeichen gemacht", sagt der Azubi.

Die Altmark Oase (Altoa)

Das Freizeitbad Altmark Oase (Altoa) wurde im Oktober 2002 eröffnet. Die GmbH ist eine hundertprozentige Tochter der Stadt Stendal. Neben einem Schwimmbecken mit 50-Meter-Bahnen für den Schul- und Vereinssport gibt es auch ein Wellenbecken, eine Röhrenrutsche sowie eine Saunawelt und ein Bistro. Darüber hinaus gibt es ein Außenbecken mit Liegewiese. In den vergangenen Jahren hatte das Bad stets mehr als 140.000 Besucher. Durch Schwimm- und Fitnesskurse konnte die Zahl gesteigert werden. Geschäftsführer ist Marcus Schreiber.

Nach Ansicht von Schwimmkoordinatorin Jurina Jungherr klappt das Zusammenspiel mit den Auszubildenden und der Schwimmbadleitung hervorragend. Immerhin müssen zahlreiche Hygienevorschriften umgesetzt werden. "Das klappt sehr gut, wir werten das auch täglich aus", so Jungherr. Die Kooperation sei auch deshalb wichtig, weil alle Beteiligten angesichts der Corona-Pandemie nicht in Gefahr gebracht werden sollen und "es sind schließlich immer sehr viele Kinder hier".

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Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 27. November 2020 | 13:40 Uhr

2 Kommentare

Critica vor 7 Wochen

Das ist doch mal vernünftig... Endlich ein Lichtblick.
Es wäre auch zu überleben, Schwimmbäder (nicht Spaßbäder) und Saunen für alle wieder zu öffnen. Beides - Schwimmen und Saunieren - stabilisiert die Gesundheit und hilft deswegen wahrscheinlich auch "gegen" Coronainfektionen.

ossi1231 vor 7 Wochen

Da wäre doch mal nachzudenken oder zumindest nachzufragen wie Hot & Spottig es im Umfeld der Kinder ist.
Liegen Oma, Opa. Eltern, Tanten und sonstige Anverwandten mit Lungenentzündung im Spital?

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