Sommerreise durch Sachsen-Anhalt Osterburg: Wie eine Stadt gegen den Ärztemangel kämpft

MDR SACHSEN-ANHALT ist seit Montag auf Sommerreise: Nachdem sich die Reporter Florian Leue und Luca Deutschländer an den ersten beiden Tagen starke Dorfgemeinschaften und ein intaktes Vereinsleben angesehen haben, ging die Reise am Mittwoch nach Osterburg. Dort hat die Stadt ein innovatives Konzept entwickelt, um etwas gegen den Ärztemangel auf dem Land zu tun.

von Luca Deutschländer und Florian Leue, MDR SACHSEN-ANHALT

Eine Straße mit einer Kirche
Osterburg, die idyllische Hansestadt im Norden Sachsen-Anhalts: Hier leben rund 10.000 Menschen. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Am Anfang wurde sie belächelt. Als Lena Grünthal ihren Kommilitonen damals erzählte, dass sie später, nach Ende des Studiums, zurück in ihre Heimat gehen möchte, konnten viele das nicht verstehen. Osterburg? In der Altmark? Mitten auf dem Land? Ernsthaft?

Knapp zwei Jahre ist das her. Heute wird Lena kaum noch belächelt, wenn sie von ihren Plänen in der Zukunft erzählt. Ihr Ziel ist, später mal als Ärztin auf dem Land zu arbeiten. Und das kann einem viel geben, ist Lena überzeugt – bei allem Stress, der da später auf sie zukommen wird.

11 Jahre Ausbildung? Für Mediziner keine Seltenheit.

Eine junge Frau steht vor einem Gebüsch und lächelt in die Kamera.
Will Ärztin werden – und später in ihrer Heimat Osterburg praktizieren: Lena Grünthal Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die 21-Jährige fand es schon im Biologieunterricht früher spannend, wenn über den menschlichen Körper gesprochen wurde. Diese Komplexität, die hat sie immer schon interessiert. Und weil Lena gut mit Menschen kann, war für sie irgendwann klar: Ich werde Ärztin.

Lena Grünthal studiert inzwischen im dritten Jahr Medizin an der Universität in Magdeburg. Bis sie mal als Ärztin arbeiten wird, ist es noch ein langer Weg. 12 Semester hat so ein Medizinstudium üblicherweise. Danach dann die Facharztausbildung. 11 Jahre insgesamt sind da keine Seltenheit. Das muss erst einmal bezahlt werden.

An dieser Stelle kommt die Stadt Osterburg ins Spiel.

Mittwochvormittag, Ernst-Thälmann-Straße. Hier hat die Stadtverwaltung ihren Sitz. Das renovierungsbedürftige Gebäude lässt Besucher nicht unbedingt erwarten, wie innovativ es im Innern zugeht. Rein äußerlich nagt hier der Zahn der Zeit. Trotzdem wird im Innern über Bürgerbusse, intensivere Brandschutzerziehung in der Kita – und über Wege gegen den Ärztemangel im ländlichen Raum gesprochen.

Außenansicht der Stadtverwaltung von Osterburg
Die Stadt Osterburg hat ihre Verwaltung in der Ernst-Thälmann-Straße. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Dafür zuständig ist Anke Müller. Sie ist Leiterin des Amts für Verwaltung, Steuerung und Demographie – und kümmert sich um einen Leitfaden zur Ärzteversorgung, den es in Osterburg seit gut zwei Jahren gibt. Damals hatte der Stadtrat fast einstimmig beschlossen, was sie sich in der Verwaltung ausgedacht hatten, um Osterburg attraktiv zu machen für Ärzte.

Ein Stipendium von der Stadt

Ein wesentlicher Punkt ist ein Stipendium, das sich an Medizinstudenten richtet. Bewerben kann sich jeder, der am Gymnasium in Osterburg Abitur gemacht hat – und sich verpflichten will, nach Ende von Studium und Facharztausbildung in Osterburg zu praktizieren. Das mag erst einmal nach einer relativ harten Verpflichtung klingen. Einzig: Die Stadt möchte mit dem Stipendium ohnehin diejenigen ansprechen, die später in ihre Heimat zurückkommen könnten – so wie Lena Grünthal.

Die junge Frau ist die erste Stipendiatin der Stadt. Im November 2017 ging für sie alles los mit dem Stipendium. Seitdem bekommt sie für ihr Versprechen an die Stadt 700 Euro monatlich – die eine Hälfte von der Stadt, die andere von der Kassenärztlichen Vereinigung. Während der Facharztausbildung zahlt die Stadt später 200 Euro im Monat. Ein fairer Deal, findet Lena Grünthal – aber zugleich ein teurer: Osterburg investiert in das Stipendium rund 100.000 Euro. "Das Geld ist es uns wert", sagt Anke Müller von der Stadtverwaltung.

In Osterburg sind sie der Meinung, manches besser selbst anzupacken und nicht auf Landes- oder Bundesregierung zu warten. Es sei schon gut, auch mal selbst Dinge ins Rollen zu bringen. "Nur zu sagen: Wir sind nicht zuständig, das muss die große Politik machen, bringt ja auch nichts", meint Anke Müller.

Eine Frau sitzt an ihrem Schreibtisch.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Mein Rat an die Landesregierung Anke Müller, Amtsleiterin der Stadt Osterburg im Amt für Verwaltung, Steuerung und Demographie – und seit 1991 bei der Stadt: "Bürokratische Hürden müssten abgebaut werden. Gerade in Modellprojekten müsste einfach mal gesagt werden: Ja, es gibt die und die Gesetze und Vorschriften. Aber lasst es uns über drei Jahre doch erst einmal ausprobieren, auch wenn man vielleicht gegen die eine oder andere Vorschrift verstößt. Aber die Gesetze sind viel zu träge, um den schnellen Entwicklungen nachzukommen. Mein Wunsch ist schon, dass bei einem Modellprojekt mal gesagt wird: 'Ihr könnt das durchziehen.' Alles andere zermürbt manchmal."

Mit der Infrastruktur im ländlichen Raum ist das so eine Sache. Überall in Sachsen-Anhalt schließen Einkaufsläden, die Busse fahren immer seltener. Und das Durchschnittsalter der niedergelassenen Mediziner in Sachsen-Anhalt lässt für die Zukunft nicht unbedingt Gutes erwarten. Ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte im Land ist laut Ärztekammer älter als 59 Jahre.

Wer übernimmt die Praxen, wenn die Mediziner in einigen Jahren in Ruhestand gehen?

Ortsschild der Hansestadt Osterburg
In Osterburg gibt es rund 20 Arztpraxen. Noch. Die Zukunft birgt auch in der Hansestadt Herausforderungen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wie schwierig das ist, das wissen sie auch in der Hansestadt Osterburg. Der Altersschnitt der niedergelassen Ärzte liegt hier bei knapp 60 Jahren. Zum Ende des Jahres wird eine der beiden Gynäkologinnen in Osterburg ihre Praxis aufgeben. Jahrelang habe die versucht, eine Nachfolgerin für ihre Praxis zu finden, sagt Anke Müller. Vergeblich. Ab 2020 wird es in Osterburg wohl nur noch eine Gynäkologin geben. Wer dort keinen Termin bekommt, muss nach Stendal fahren.

Und damit ist schon ein weiteres Problem genannt: Die Wege in ländlichen Gegenden sind weit, in der Altmark wissen die Menschen das nur zu gut. Auch an diesem Punkt haben sie in Osterburg angesetzt: Seit einiger Zeit fährt ein Bürgerbus die Stadtteile ab, bringt insbesondere ältere Menschen ins Zentrum – zum Einkauf, zum Quatschen, oder eben zum Arzt. Ein Förderprogramm des Landes hat das ermöglicht. Die Alten in Osterburg wissen das zu schätzen.

In Osterburg leben rund 6.000 Menschen. Zählt man die Ortsteile dazu, sind es um die 10.000 Einwohner. Es gibt hier eine kleine, aber sehr feine Innenstadt, Osterburg liegt inmitten der Natur in der Altmark. Man kann es hier gut aushalten, findet Anke Müller. "Wenn man hier lebt, braucht man nicht in den Urlaub fahren", sagt sie. Die Versorgung hier sei gut. Aber wird das auch in Zukunft so sein? Anke Müller sagt: Ja.

Das Interesse am Stipendium ist da

Apropos Zukunft: Auch beim Landarzt-Stipendium der Stadt ist inzwischen für Nachwuchs gesorgt. Für die zwei verbliebenen Stipendien, die eigentlich bis 2023 hatten vergeben werden sollen, haben sich allein dieses Jahr vier Interessierte gemeldet. Amtsleiterin Müller geht davon aus, dass die Plätze dieses Jahr besetzt werden – und das Landarzt-Stipendium, früher als ursprünglich mal geplant, junge Menschen auf dem Weg durch ihr Medizinstudium begleitet.

Eine der Interessenten heißt Paula Gitzel. Die 19-Jährige ist in Baben aufgewachsen, einem kleinen Dorf bei Osterburg. Inzwischen lebt sie in Rostock, hat neulich ihren Bundesfreiwilligendienst in einem Krankenhaus absolviert. Ihr nächstes Ziel ist, Medizin zu studieren. Am liebsten auch in Rostock. Im Moment hofft sie darauf, den Studienplatz zu bekommen.

Eine junge Frau steht vor einem Gebüsch und lächelt in die Kamera.
Paula Gitzel will Medizin studieren – und dann gern das Stipendium der Stadt in Anspruch nehmen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Irgendwann in Zukunft möchte Paula Gitzel wieder nach Osterburg zurückkommen – und in ihrer Heimat als Ärztin praktizieren. "Für mich passt das Stipendium komplett auf meine Träume und Ziele", sagt sie. "Ich wollte schon immer zurück in die Heimat. Ich will hier meine eigene Familie gründen, meine Eltern im Alter begleiten."

Neulich in Rostock hat Paula Gitzel erfahren, wie das ist, wenn Ärzte kaum noch Zeit für Patienten haben. Anonym sei das alles gewesen, erzählt sie. Eine Bindung zum Patienten? Kaum möglich. Zu viel zu tun. Viel zu tun haben auch Ärzte auf dem Land. Paula aber glaubt, dass der Draht zu den Patienten hier ein ganz anderer ist. Man kennt sich, weiß um die Probleme des anderen. Es ist auch diese Aussicht, die sie darin bestätigt, später in Osterburg arbeiten zu wollen.

Osterburg als Vorreiter in Sachsen-Anhalt

Anke Müller hört so etwas gern. Und ihr ist bewusst, dass Projekte wie das Osterburger Stipendium Signalwirkung auch für andere Kommunen oder Landkreise haben können. Erst vorige Woche hat sich der Landkreis Stendal über das Stipendium informiert, für diesen Herbst wurden Müller und Osterburgs Bürgermeister Nico Schulz außerdem zu einem Gesundheitsforum im Landkreis Börde eingeladen.

Ist Osterburg ein Vorreiter in Sachsen-Anhalt? Anke Müller zögert nicht lange, ehe sie sagt: "Ich denke schon."

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über Luca Deutschländer Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Florian Leue
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über Florian Leue Florian Leue ist seit März 2018 Teil der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Er kommt gebürtig aus Magdeburg und hat dort an der Hochschule ein Journalistik-Studium absolviert. Nach verschiedenen Jobs und Praktika bei Medienunternehmen zog es ihn für ein medienwissenschaftliches Masterstudium noch einmal an die Uni nach Marburg. Zum MDR ist er dann durch ein Volontariat gekommen. Er findet an Online-Journalismus vor allem spannend, dass dort alle Gewerke zusammenlaufen und Geschichten durch den Mix von Text, Ton und Visuellem ganz neu erzählt werden können.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. Juli 2019 | 18:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2019, 20:45 Uhr

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2 Kommentare

25.07.2019 12:34 Frank von Bröckel 2

Schon wieder ein äußerst löblicher Artikel des MDR, der zumindest in die richtige Richtung führt!

Tatsächlich gab es in der gesamten Geschichte der Bundesrepublik Deutschland noch NIEMALS soviele(!!!) praktizierende Ärzte wie heutzutage!

Laut der offiziellen(!!) Ärztestatistik der Bundesärztekammer zum 31.12.2017 gab es im Jahre 2017 offiziell 385.149 hier in Deutschland praktizierenden Ärzte, das sind fast 100.000 Ärzte MEHR(!!!), als zum Beispiel im Vergleichszeitraum Jahr 1998, im dem es damals lediglich "NUR" 287.032 hier in Deutschland praktizierenden Ärzte gab!

Das Problem ist also in Wahrheit überhaupt KEIN(!!) Ärztemangel, den gibt es in Wahrheit auch überhaupt NICHT, sondern das die lieben Ärzte sich heutzutage sehr viel LIEBER(!!) in den struktur- und einkommensstarken Großstädten mit ihrer ärztlichen Praxis niederlassen, als persönlich in eher strukturschwachen Landgemeinden einhergehend mit einem persönlich geringeren Einkommen, zu ziehen!

24.07.2019 21:43 insider 1

Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt, in der Pamba gibt es keine Infrastruktur, noch attraktive Verdienstmöglichkeiten, nur unzählige Dienste für die verbliebenen Ärzte. Deswegen wollen auch ausländsiche Ärzte nichtmehr dorthin.
Natürlich kann man mit Geld locken, jedoch ändert sich die Meinung eines Medizinstudenten was die richtige Fachrichtung ist oftmals während des Studiums. Solche Stipendien gibt es auch im Erzgebirge mit mäßigem Erfolg. Zahlt im Osten ortdentliche Gehälter und die Leute kommen zurück, weil die meisten heimatverbunden sind. Wer sich sozial und finanziell abgehängt fühlt den ködert man auch nicht mit peanuts. Ein Abiturient kann noch gar nicht die Tragweite einer solchen Festlegung bemessen. Fertige Ärzte rechnen in Einkommen und work-live-balance, wie alle anderen Berufe auch.
Im übrigen ist die Uniklinik Magdeburg dermaßem unterfinanziert, dass eine Funktion als studentische Ausbildungsstätte oder Universitätskrankenhaus in Zukunft fraglich ist.

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