Urlaub zu Hause Wie Tino Braune im Waldbad Wischer alte Erinnerungen weckt

Fabian Frenzel
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

MDR SACHSEN-ANHALT macht diese Woche "Urlaub zu Hause". Die Reporter Sören Thümler und Fabian Frenzel reisen einmal quer durch das Bundesland und stellen verborgene Ecken und die Menschen dahinter vor. Zum Beispiel Tino Braune. Der gelernte KfZ-Meister hat vor anderthalb Jahren einen runtergewirtschafteten Campingplatz übernommen. Dort versucht er, alte Erinnerungen wieder für eine ganze Region zum Leben zu erwecken.

Tino Braune am Waldbad Wischer bei Stendal
Tino Braune war als Teenager jeden Tag im Waldbad Wischer. Jetzt will er an die alten Zeiten anknüpfen und wieder mehr Besucher an den Strand und auf den Campingplatz locken. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel | Grafik: MDR Annalise Batista/Pixabay

Tino Braune steht alleine am Sandstrand. Spiegelglatt liegt das Wasser vor ihm. "Wir sind zwar nicht die Ostsee, aber den Leuten gefällt's", sagt der 38-Jährige Campingplatzbetreiber. Er ist Chef auf dem Waldbad-Campingplatz in Wischer. Rund zehn Kilometer nordöstlich von Stendal hat sich Braune der Region verschrieben – und seiner Vergangenheit.

Braune ist jung, ehrgeizig, aber realistisch. Er ist erst seit anderthalb Jahren auf dem Campingplatz, hat keine Reserven anlegen können. Als er hier übernahm, war der Platz runtergewirtschaftet. Sein Vorgänger hat wenig investiert. Und jetzt Corona. Es ist schwer. Dennoch blickt er optimistisch in die Zukunft. Und der ganze Platz dankt es ihm.

Früher ist Braune als Jugendlicher im Sommer täglich an den Baggersee gefahren. Der See entstand, als Kies für das geplante Kernkraftwerk in Arneburg abgebaut wurde. Das Kraftwerk hat es nie ans Netz geschafft, doch der See ist geblieben und wurde zum Badeort für ganze Generationen. Hier hat man sich getroffen, ist geschwommen und hat es sich gut gehen lassen. "Ende der 80er war es hier voll wie am Ballermann".

So voll ist es heute lange nicht mehr. Der Strand ist am Montagvormittag leer. Nur ein Pärchen hat sich einen Platz gesucht. Abstandsregeln wären hier problemlos einzuhalten. Der Strand ist riesig. Und er gehört zum Campingplatz dazu. Wer ihn nutzen möchte, muss Eintritt zahlen. Der ist moderat. Zwischen 2,50 Euro und 4,00 Euro liegen die Preise. Im vergangenen Sommer hatte der Strand teilweise 1.500 Besucher am Tag. Stolz berichtet Braune von einem Kinderfest mit bis zu 2.000 Eltern und Kindern, die sich im Waldbad tummelten. Seine Augen leuchten, als er das erzählt. Genau für solche Momente macht er das alles.

Ein Strand an einem Baggersee
Reichlich Platz im Waldbad Wischer Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Meckern und Nörgeln bringen Tino Braune zum Campingplatz

Er möchte etwas für die Menschen in der Region schaffen. Ihnen einen Erholungsort bieten. "Ich mache das auch für die Eisdiele in Arneburg und das Museum in Stendal". Touristen und Anwohner sollen gleichermaßen angelockt werden und von hier aus die Umgebung erkunden. Man merkt Braune seine Heimatverbundenheit an. Er lebt nur zwei Kilometer entfernt vom Platz.

Vor zwei Jahren wirft er seinen alten Beruf – er arbeite als KfZ-Meister in einem Autohaus in Stendal – hin und übernimmt im Januar 2019 den Campingplatz. Zu dem Zeitpunkt ist er schon lange unzufrieden mit seinem Job. Er meckert immer wieder. Freunde sagen dann irgendwann zu ihm: "Wenn dir dein Job im Autohaus nicht mehr gefällt, übernehme doch den Campingplatz in Wischer." Der alte Pächter möchte den Platz eh loswerden. Und innerhalb von wenigen Tagen reift die Entscheidung. Gesagt, getan. Braune setzt sich gegen einen Mitbewerber durch und wird Campingplatzbetreiber.

Eine ältere Frau und ein älterer Mann vor ihrem Wohnwagen
Die Bergners sind froh, dass sie "ihren Tino" haben, der sich um den Platz kümmert. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Und die Camper danken es ihm. Gundula und Jürgen Bergner sind seit 36 Jahren Dauercamper im Waldbad. Sie sind nur wenige Jahre nach der Eröffnung des Platzes hier heimisch geworden und haben den zwischenzeitlichen Niedergang des Platzes miterlebt. Sie hat zwar nie wirklich gestört, dass der ehemalige Pächter wenig investiert hat. Sie haben es sich einfach selbst schön gemacht, wie ihr bunt ausgeschmücktes Areal mit Gartenzwergen, Blumen und kleinem Zaun und Hecke zeigen. "Seit der Tino hier ist, geht es aufwärts", sagt Jürgen Bergner. Auch seine Frau schwärmt vom neuen Betreiber. "Der Tino ist fleißig und kümmert sich". Die Laubboxen hebt Gundula Bergner hervor. "Die waren mit das Erste, was neu war". Der Platz sei, seit Braune übernommen, hat, viel aufgeräumter. Und die Bergners müssen das wissen. Wohnen doch Sohn und Enkelin nur ein paar Meter weiter auch als Dauercamper auf dem Platz. Die beiden machen sich zwar Sorgen, ob Braune der Corona-Krise trotzen wird. Aber eigentlich sind sie sicher, dass "der Tino" das packt. Ein anderer Campingplatz kommt für die Bergners jedenfalls nicht mehr in Frage.

20 Quadratmeter Strand für jeden

Wohnwagen auf einem Campingplatz
Jeder darf selbst entscheiden, wo er sein Zelt aufschlägt. Das schätzen die Besucher auf dem Platz von Tino Braune. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Tino Braune merkt, dass seine Ideen funktionieren. Er hat einen Draht zu seinen Dauercampern. "Die Menschen mögen das Ungezwungene", sagt der 38-Jährige. Die Besucher können sich hinstellen, wo sie mögen. Der Platz ist nicht, wie eigentlich üblich, parzelliert. Und auch sonst läuft es gut – trotz Corona. Zu Pfingsten waren 50 Familien da. "Die Situation hat Angst gemacht", erzählt er von den Wochen, in denen auf seinem Platz wegen der Coronabeschränkungen gar nichts mehr ging. Braune hätte sich gewünscht, dass die Regierung differenzierter entscheidet. Stattdessen: Alles zu, auch sein Strand. Dabei hätte er 2.000 Menschen am Strand unterbringen können und "jeder hätte trotzdem 20 Quadratmeter Platz für sich gehabt." Aber Braune sieht die Maßnahmen generell gelassen. Sagt, dass die Menschen sich an die Regeln zu halten haben. Und auch er tut das. Überall sind Warnschilder angebracht, die auf den Mindestabstand hinweisen. An Strandtoiletten sind Desinfektionsmittel angebracht.

Er hofft, dass mehr Menschen in diesem Jahr in der Heimat Urlaub machen, zu ihm auf den Campingplatz kommen. Aber er fragt sich auch: "Was ist denn im nächsten Jahr, wenn wieder alles normal sein sollte?" Einige werden vielleicht dieses Jahr notgedrungen das Campen ausprobieren. "Davon bleiben ein paar vielleicht dabei." Aber es könne niemand vorhersehen, wie viele das seien. Einige könnten doch wieder ins Flugzeug steigen und in die Ferne schweifen, befürchtet er.

Letztes Jahr dachte ich, ich bin wieder 14 Jahre alt.

Tino Braune

Dabei ist das Gute doch so nah. In der Altmark. Bei Stendal. In Wischer. Und manchmal ist es auch schon wieder so wie früher. Als es hier wie auf den Balearen zuging. "Letztes Jahr dachte ich, ich bin wieder 14 Jahre alt", schwärmt Tino Braune. Der Strand und der Campingplatz waren voll. So wie damals, als er jeden Tag hier als Teenager war. "Sogar der schwarze Strand, der nicht offizielle, war leerer als das Waldbad." Das sei jahrelang genau umgekehrt gewesen. Tino Braune lächelt. Der Wetterbericht sieht gut aus. Zum Wochenende sollen es bis zu 28 Grad werden. Dann wird hier wieder mehr los sein und nicht nur ein Paar alleine am Strand sitzen.

Hier liegt das Waldbad Wischer


Das war der erste Teil unserer Wochenserie "Urlaub zu Hause". Am Dienstag besuchen wir den Erlebnishof in Parey. Ebenfalls ein Ort, der zum Reisen in die Region einlädt.

Fabian Frenzel
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über Fabian Frenzel Fabian Frenzel arbeitet seit November 2014 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Online-Redaktion. Dabei liegt sein Schwerpunkt vor allem im Bereich Social-Media. Er würde gerne mehr Texte über sein Hobby "Männerballett" schreiben, hat aber noch nicht die richtige Rubrik dafür gefunden.

Sein Journalismus-Studium hat der gebürtige Brandenburger in Berlin und Eichstätt/Ingolstadt absolviert. Die ersten journalistischen Schritte machte er bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung und RADIO ENERGY Berlin. Sein Lieblingsort in Sachsen-Anhalt ist Calbe (Saale), wo ein Teil seiner Verwandtschaft lebt. Hätte er dort nicht für ein paar Monate Unterschlupf gefunden, wäre er heute vermutlich nicht beim MDR. Und: Er ist gern da, wo man auch Lasertag spielen kann.

Quelle: MDR/ff

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 08. Juni 2020 | 08:40 Uhr

1 Kommentar

Rotti vor 8 Wochen

Das Waldbad in Wischer als herunter gewirtschaftet zu bezeichnen, das ist nicht richtig und unsachlich.
Die Gemeinde hatte, und es dauert seine Zeit, mit Fördermitteln den Sanitärtrakt saniert.
Das Bad gibt den Charme vergangener Zeiten.
Ich bin mal gespannt, was der jetzige Betreiber mit seinen eigenen Mitteln daraus macht.
Die Gemeinde Hassel ist dafür schon für zwei Jahre in Vorleistung gegangen, erfährt man im Ort.
Es wäre schön, wenn es dem jetzigen Pächter gelingt, mit seinen tollen Ideen das Waldbad Wischer in eine gute Zukunft zu führen.
Dazu wünsche ich ihm immer ein gutes Händchen.

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