Kampf gegen Diskriminierung Alltagsrassismus in Stendal: "Lernen wir nur aus Gewalt?"

Sarah Bötscher
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Assion Lawson engagiert sich in Stendal seit 20 Jahren gegen Rassismus und Diskriminierung. Er selbst hat im Alltag häufig Erfahrungen mit Rassismus gemacht – und fordert unter anderem eine konsequentere Strafverfolgung.

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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Mo 22.06.2020 11:00Uhr 00:18 min

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Vorsichtig gießt sich Assion Lawson eine Tasse Tee ein, als er sich in seinem Wohnzimmer auf das rote Sofa setzt. Er ist, das sagt er selbst, ein bisschen aufgeregt. In einem hohen Bücherregal stapeln sich Bücher über andere Kulturen, neben Kinderfotos sticht das Buch "Noahs Arche" hervor. Assion Lawson hat Zeit mitgebracht. Denn das Thema, über das er gleich sprechen möchte, ist keines, das man leicht verdauen kann.

In Deutschland gibt es für ihn noch immer ein großes Problem mit Rassismus – vor allem bei kurzen Blicken, die misstrauisch oder böse sind. Oder bei Wörtern, die viele Menschen benutzen und nicht wissen, wie rassistisch sie sind. "Es sind viele kleine Sachen", sagt er. "Zum Beispiel sagen Leute oft: 'Ich habe einen Nachbar, der spricht nicht so gut Deutsch. Aber er ist nett. Er ist wirklich ein netter Mann.' Viele wissen nicht, dass das schon Rassismus ist."

#MDRklärt Fünf Tipps gegen Alltagsrassismus

5 Tipps gegen Alltagsrassismus  Auf dem Bild sind zwei Schokoküsse auf einem Teller.
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5 Tipps gegen Alltagsrassismus  Auf dem Bild sind zwei Schokoküsse auf einem Teller.
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Sprechen Sie MEnschen direkt an, die sich rassistisch verhalten.
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Unterstützen Sie andere, die sich gegen Rassismus stark machen.
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Ziehen Sie klare Grenzen. Weisen Sie auch Familienmitglieder darauf hin, wenn sie sich rassistisch verhalten.
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Machen Sie sich und Betroffenen klar, dass Sie nicht das Problem sind, sondern diejenigen, die sich rassistisch verhalten.
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Holen Sie sich professionelle Hilfe. Ob als Betroffener oder als Helfer: Es gibt Beratungsstellen, die Tipps und Ratschläge geben.
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. Juni 2020 | 16:00 Uhr

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Ob bei Kindern oder Erwachsenen: Lawson klärt über Rassismus auf

Assion Lawson wurde 1965 in Togo geboren, lebte später in Kanada, Frankreich und forschte zu Sprachwissenschaften in Osnabrück. Dort lernte er auch seine Frau kennen, die sich ebenfalls gegen Rassismus engagiert. Heute leben sie mit ihren Kindern schon seit vielen Jahren in Stendal.

In Magdeburg arbeitet Lawson unter anderem im Weltladen. An seinem Blick wird klar, wie sehr ihm der Kampf gegen Diskriminierung am Herzen liegt. Deshalb überlegt er sich Konzepte für Kitas, um zu zeigen, dass Menschen zwar anders aussehen können – aber trotzdem die gleichen Träume und Wünsche haben. Deutlich macht er das über ein Kunstprojekt mit Buntstiften.

Assion Lawson aus Stendal 1 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Mo 22.06.2020 12:00Uhr 00:31 min

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Außerdem möchte Lawson ein Gefühl dafür vermitteln, welchen weiten Weg die Produkte zurücklegen, die bei uns auf dem Frühstückstisch landen. So geht er mit den Kindern zum Beispiel jeden Schritt der Kakaobohne durch – von der Ernte bis zum Supermarkt.

"Ich sehe das sehr kritisch, dass Kinder in der Schule kaum etwas über Kolonialismus lernen", sagt Lawson. "Sie haben davon vielleicht mal etwas gehört, aber wie viel er mit Rassismus zu tun hat, kaum."

Aber auch Erwachsene klärt Lawson in Seminaren über Rassismus auf. So seien viele Pädagoginnen und Pädagogen überrascht, dass es rassistisch ist, ein Kind mit fremdem Namen zu fragen, woher der Name denn komme. Oder ob es überhaupt Schweinefleisch essen dürfe.

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Seine Forderung: konsequentere Strafverfolgung bei Rassismus

Um diesen Alltagsrassismus zu bekämpfen, fordert Lawson vor allem eine konsequentere Strafverfolgung. Denn natürlich sei es möglich, rassistische Vorfälle bei der Polizei zu melden. Aber oft sei es schwierig, sie zu beweisen. Die Proteste in den USA kommen ihm auch teilweise zu spät.

Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT sieht Assion Lawson manchmal traurig aus. Trotzdem möchte der 55-Jährige optimistisch bleiben – und in Zukunft weiter auf die Parallelen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft hinweisen. Und zum Abschied sagt er lächelnd: "Wussten Sie, dass der Afrikaforscher Gustav Nachtigal aus Stendal kommt?" Es geht ihm um Gemeinsamkeiten, nicht um Unterschiede.

Sarah Bötscher
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Über die Autorin Sarah Bötscher kommt aus Halle und volontiert zurzeit beim MDR in Leipzig. Davor hat sie Kommunikations-und Medienwissenschaft studiert und nebenbei ihre Liebe zum Radio bei mephisto 97.6 entdeckt. Nach dem Volontariat sieht sie sich am ehesten in der Nachrichtenredaktion, produziert aber auch sehr gerne Reportagen. An ihrer Heimatstadt gefällt ihr vor allem die Peißnitz und dass man auf dem Fahrrad immer Menschen trifft, die man kennt.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Juni 2020 | 16:00 Uhr

27 Kommentare

Altmeister 50 vor 6 Wochen

Oh je,. Wenn ich hier lese, dass schon falsche Blicke und Fragen als Rassismus eingeordnet werden, dann ist ja jede Begegnung mit einem, den es betreffen könnte, ein Minenfeld. Da möchte man wegen des Risikos, als Rassist gebrandmarkt zu werden, schon gar nicht in die Nähe dieses Menschen kommen. Oh je. Das ist ja auch schon wieder Rassismus, genauso wie wenn ich ihn dann unnatürlich, übersensibel anspreche und anders umgehe als mit alten weißen Männern. Wir schaffen das nicht. Wo ist die Bildungseinrichtung, bei der ich den richtigen Umgang lernen kann ?

Stealer vor 6 Wochen

@Haller: Da es hierbei im Artikel um Informationen für Pädagogen bezüglich Kindern ging: wie oft hat Ihnen Ihr Lehrer denn im Unterricht Schnitzel und Wurst serviert? Und was gehen ihn die ethischen, religiösen oder gesundheitlich bedingten Essensvorlieben der Schüler an? Sollte er auch fragen, ob etwas beleibtere Kinder Schokolade essen dürfen? Solche Fragen können zum Bloßstellen vor der Klasse führen - da Sie auch mal ein Kind waren, sollten Sie das nachvollziehen können.

ralf meier vor 6 Wochen

Ich habe mein letztes Statement an Sie bewußt neutral formuliert und damit vielleicht bei Ihnen ein Missverständnis hervorgerufen. Bei dem ' von Vorurteilen geprägten Denkmuster' dachte ich nicht an die von Herrn Lawlow als rassistisch titulierten Menschen. Eher dachte ich an die, die diesen Menschen etwas unterstellen , was diese nicht gesagt haben. So, ich denke das reicht und ich möchte die Geduld und Toleranz der heutigen Moderation nicht weiter ausreizen.

In dem Sinne wünsche ich Herrn Lawson, der Moderation und allen anderen noch einen lauschigen Sommerabend

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