Weil Schenken einfach Spaß macht Erster Umsonstladen der Altmark eröffnet

Schenken macht Freude. Deshalb hat in Stendal der erste Umsonstladen der Altmark eröffnet. Doch einfach so Dinge nehmen und sie unentgeltlich weitergeben – ganz so leicht geht es nicht. MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Jan-Malte Wagener war bei der Eröffnung dabei.

Jan-Malte Wagener
Bildrechte: MDR/Anne Gehn-Zeller

von Jan-Malte Wagener, MDR SACHSEN-ANHALT

Elke Klaus ist überglücklich. Bereits am Eröffnungstag war ihr kleiner Umsonstladen in Stendal rappelvoll. "Ich kann heute schon sagen, dass die Ladeneröffnung ein Erfolg war." Dass es nicht jeden Tag so voll sein werde, sei ihr klar. "Aber jeder Einzelne, der kommt und etwas mitnimmt, trägt zum Erfolg des Ladens bei", freute sich die Geschäftsführerin des Chausseehaus Hassel nach der feierlichen Eröffnung.

Auch Daniel Erdmann, einer der insgesamt sechs ehrenamtlichen Mitarbeiter des Ladens, war begeistert. "Es sind ganz viele Menschen gekommen, die Sachen gebracht haben. Es waren auch relativ viele Leute hier, die mit Sachen gegangen sind. Von daher würde ich schon sagen, dass es ein Erfolg war."

Laden ist aus einer Urlaubsidee entstanden

Menschen in Raum mit gebrauchten Sachen in Regalen und auf Ständern
Andrang im Stendaler Umsonstladen am Eröffnungstag Bildrechte: MDR/Jan-Malte Wagener

Ladengründerin Elke Klaus ist Geschäftsführerin des Chausseehauses Hassels, einer gemeinnützigen GmbH, die Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen betreut. Sie selbst hat keine finanziellen Probleme. Gerade weil es ihr so gut geht, will sie etwas zurückgeben. Und so ist in einem Urlaub die Idee entstanden, einen Umsonstladen in Stendal zu eröffnen. "Als dann die Idee stand, habe ich das meinen Kindern, meinem Lebensgefährten und einem Mitarbeiter erzählt. Als dann immer noch keiner gesagt hatte 'Oh Gott, was ist das denn für eine Idee?', habe ich mich damit weiter beschäftigt", erzählt Klaus. Im Gegenteil, ihr Lebensgefährte Rico Grahn war von Anfang an überzeugt: "Es ist eine gute Sache, da hilft man gern", sagt er.

Im März 2019 stellte Klaus die Pläne ihren Mitarbeitern im Chausseehaus vor. Sie habe die Mitarbeiter in einer Einladung gebeten, etwas mitzubringen, was sie zu Hause nicht mehr brauchten, aber zu schade zum Wegwerfen sei. Die Mitarbeiter hätten vermutet, dass sie nun einen Flohmarkt aufmachen wolle, sagt Klaus lachend. Aber es ging ihr um etwas Größeres.

Geschenkt – zumindest fast

Gruppe von Menschen in grünen T-Shirts
Elke Klaus mit ihren Helfern bei der Eröffnung des Ladens Bildrechte: MDR/Jan-Malte Wagener

Um die Idee in die Praxis umzusetzen, mussten einige bürokratische Hürden genommen werden: "Das Chausseehaus Hassel ist eine gemeinnützige GmbH", betont Klaus. Und deshalb müsse auch ein Laden, der unter dem Namen des Chausseehauses laufe, gemeinnützig sein. Einfach so Dinge an jeden zu verschenken, ist darum nicht erlaubt. In enger Zusammenarbeit mit dem Finanzamt in Stendal hat sie einen Plan erarbeitet. "Wir verschenken die Sachen nun an diejenigen, die einen Sozialhilfebescheid vorzeigen können", berichtet Klaus. "Menschen ohne diesen Bescheid müssen einen kleinen Obolus zahlen."

Zugegeben: Auch Menschen mit Sozialhilfebescheid müssen einmal monatlich eine kleine Gebühr von fünf Euro bezahlen. Doch dann dürfen sie sich im Umsonstladen bedienen. "Das ist für uns eine Form der Wertschätzung unserer ehrenamtlichen Arbeit", so Klaus. Mit dem eingenommenen Geld soll dann unter anderem Unkosten bezahlt werden.

Geschenke machen und weniger wegwerfen

Neben der Idee des Schenkens liegen dem Umsonstladen noch weitere Überlegungen zugrunde. "Verwenden statt verschwenden" heißt eine davon. "Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, produzieren so viel Müll. Viele Dinge sind aber noch gut", sagt Klaus. Sie findet das ärgerlich. Deswegen sei es doch viel schöner, wenn man alten Dingen eine neue Verwendung gibt – und damit andere Leute glücklich macht.

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, produzieren so viel Müll. Viele Dinge sind aber noch gut.

Elke Klaus

Kaffee-Ecke für Inklusion

Logo Umsonstladen
Von der Idee bis zur Umsetzung des Ladens dauerte es nicht lange. Bildrechte: MDR/Jan-Malte Wagener

Außerdem ist der neue Laden im Chausseehaus in das Konzept für den Umgang mit Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung eingebaut worden. "Da stand auch der Inklusionsgedanke dahinter. Hier kann ein Ort der Begegnung für Menschen mit und ohne Behinderung entstehen", erklärt Klaus.

Dafür wurde im Laden eine Kaffee-Ecke eingerichtet, für das die Bewohner in der Förderung Kuchen backen werden. Die Geschäftsführerin erklärt das Konzept: Einem Klienten mit einer psychischen Erkrankung, der große Probleme mit dem Kontakt zu Außenstehenden habe, könne die Kaffee-Ecke helfen, es auszuhalten, dass hier viele Menschen da seien. "Vielleicht kann er dann auch auf Kunden zugehen und ihnen einen Kaffee oder ein Stück Kuchen anbieten."

Darüber hinaus können die Bewohner im Laden mit anpacken: Staub wischen, aufräumen, bügeln und waschen. "Diese ganzen Tätigkeiten wollen wir in die Konzeption unserer Einrichtung einbauen", sagt Klaus.

Sitzecke mit alten Möbeln und Geschirr
Die Kaffee-Ecke: ein Ort der Begegnung und des Verweilens Bildrechte: MDR/Jan-Malte Wagener

Spenden von Haushaltsgegenständen gefragt

Aber damit der Laden überhaupt funktionieren kann, braucht er zunächst einmal Dinge zum Verschenken. Und die müssen gespendet werden. Dafür eigne sich alles, was man im Haushalt gebrauchen und mit zwei Händen tragen könne, so Klaus.

Wir haben schon Geschirr, Kleidung, Haushaltswaren. Es sind Koffer da, Schuhe, Spielsachen, alles Mögliche. Wir werden einfach sehen, was davon angenommen wird und was nicht.

Elke Klaus
Alte Buffets mit Geschirr und Tischedecken
Auch Geschirr und kleine Möbel haben den Weg in den Laden gefunden. Bildrechte: MDR/Jan-Malte Wagener

Zur Eröffnung waren die Regale und Kleiderständer des Umsonstladens voll. Sogar in einem kleinen Lagerraum stehen noch einige Sachen bereit, freute sich Ehrenamtler Daniel Erdmann.

Gespendet werden kann zu den Öffnungszeiten, also jeden Donnerstag zwischen 17 und 20 Uhr. Für die Zukunft ist laut Elke Klaus sogar die Vermittlung von Möbeltransporten vom Geber zum Abnehmer geplant. Für Möbel gebe es nicht genug Lagerfläche im Laden, hinzu komme der Transport. "Unsere Idee ist deshalb, dass wir eine große Pinnwand aufhängen, an der jemand bekunden kann, dass er etwas zu verschenken hat. Wenn dann jemand Interesse hat, können wir versuchen, den Transport zu organisieren."

Das ist aber noch Zukunftsmusik. Erst einmal muss der Laden richtig ins Laufen kommen.

Jan-Malte Wagener
Bildrechte: MDR/Anne Gehn-Zeller

Über den Autor Jan-Malte Wagener ist seit Juni 2018 für MDR SACHSEN-ANHALT unterwegs – hauptsächlich im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen im Sport und im Bereich Stendal. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, studierte der gebürtige Prignitzer Journalismus an der Hochschule in Magdeburg. Während des Studiums absolvierte er Praktika beim NDR, bei der Fachzeitschrift "Leichtathletik" und bei der Tageszeitung "The Argus" in Brighton/England. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind der Wissenschaftshafen in Magdeburg und der Bürgerpark in Stendal. In seiner Freizeit guckt er gern jegliche Arten von Sport – egal ob live oder im Fernsehen. Selbst ist er viel mit dem Rad oder laufend im Park unterwegs.

Mehr zum Thema

Eine ältere Frau in einem vollgestellten Raum.
Petra Rauchfuß aus dem Umsonstladen in Magdeburg weiß nicht mehr weiter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 02. August 2019 | 09:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. August 2019, 15:56 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

1 Kommentar

04.08.2019 14:29 Interessierter 1

Tolle Idee. Es wäre schön wenn ab und an mal berichtet wird wie der Laden so läuft. Aber ich denke das wird er. Alles Gute Frau Klaus und all ihren Mitarbeitern. Ich denke an sie :D

Mehr aus Altmark und Elb-Havel-Winkel

Mehr aus Sachsen-Anhalt