Gemeinsamer Gedenklauf Osterburg erinnert in Partnerstadt Wielun an den Beginn des Zweiten Weltkriegs

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Was lange nicht bekannt war: Es war die polnische Kleinstadt Wielun, die zuerst in Schutt und Asche gelegt wurde. Rund 1.000 Menschen starben am 1. September 1939. Auch am Sonntag wurde wieder mit einem Gedenklauf daran erinnert. Mit dabei waren Schüler aus Osterburg in der Altmark.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Annette Schneider-Solis, MDR SACHSEN-ANHALT

Osterburgs Bürgermeister Nico Schulz und sein Amtskollege aus Wielun in Polen stehen nebeneinander und recken den Daumen nach oben.
Osterburgs Bürgermeister Nico Schulz (rechts) und sein Amtskollege Pawel Okrasa aus Wielun gedenken der Opfer des Zweiten Weltkriegs bei einem Gedenklauf. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

92 Kilometer. So weit ist es von Opole nach Wielun. 92 Kilometer lang, von Opole nach Wielun, ist der Lauf der Versöhnung, an dem neben vielen polnischen auch drei Schülerinnen und ein Schüler vom Osterburger Gymnasium teilnehmen. Wielun ist die Partnerstadt von Osterburg im Landkreis Stendal – und Bürgermeister Nico Schulz geht gemeinsam mit seinem Wieluner Amtskollegen Pawel Okrasa und der Schülergruppe als erster auf die Strecke.

Mit dem Lauf erinnern die Polen am Sonntag an den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Denn in Opole, das damals noch in Deutschland lag und Oppeln hieß, starteten in der Nacht zum 1. September 1939 die Bomber, die die polnische Kleinstadt Wielun in Schutt und Asche legten.

Es war die erste militärische Handlung in diesem Krieg, der als Zweiter Weltkrieg in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Für die Wieluner kam dieser Angriff völlig überraschend. Als die Sirenen heulten, glaubten die meisten an eine Übung. Das erste Ziel der Angreifer: ein Krankenhaus mit einer Wochenstation. Die ersten Opfer des Krieges starben dort. Mehr als 1.000 der 16.000 Bewohnerinnen und Bewohner von Wielun starben in den frühen Morgenstunden des 1. September.

Sie verbrannten bei lebendigem Leib, erstickten unter den Trümmern ihrer Häuser, wurden mit den Bordgewehren der Stukas niedergemetzelt – noch bevor überhaupt eine Kriegserklärung ausgesprochen worden war und noch vor dem Angriff auf die Westerplatte, die lange als Beginn des Zweiten Weltkriegs galt.

Wie in Wielun an den Zweiten Weltkrieg erinnert wird

Der Zweite Weltkrieg begann im polnischen Wielun: Rund 1.000 Menschen starben dort am 1. September 1939. Gemeinsam mit Schülern und dem Bürgermeister von Osterburg wurde daran am Sonntag erinnert.

Eine ältere Frau und ein älterer Mann unterhalten sich.
Im polnischen Wielun ist am Sonntag an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erinnert worden. Das Bild zeigt Hanna Witt-Paszta und Historiker Tadeusz Olejnik, der den Überfall auf Wielun am 1. September 1939 akribisch aufgearbeitet hat. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Eine ältere Frau und ein älterer Mann unterhalten sich.
Im polnischen Wielun ist am Sonntag an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erinnert worden. Das Bild zeigt Hanna Witt-Paszta und Historiker Tadeusz Olejnik, der den Überfall auf Wielun am 1. September 1939 akribisch aufgearbeitet hat. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Gedenken an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs
Für die Menschen in Wielun war die Attacke damals völlig überraschend gekommen. Als die Sirenen heulten, glaubten viele zunächst eine Übung. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Auf einer niedrigen Mauer stehen Kerzen.
In den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 starben mehr als 1.000 Bewohnerinnen und Bewohner von Wielun. An sie wird am Sonntag mit Kerzen erinnert.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 01.09.2019 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/ld
Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Alle (3) Bilder anzeigen

Nele Esstedt aus Osterburg ist bereits zum dritten Mal dabei beim Lauf der Versöhnung. "Das Gedenken der Polen ist sehr beeindruckend", erzählt sie am Rande der Gedenkstunde am Flughafen in Opole. "Ich bin aufgeregt, wir stehen ja auch im Mittelpunkt, wenn wir bei der Gedenkfeier in Wielun ankommen." Unbedingt wollte sie wieder dabei sein, obwohl der Lauf über 92 Kilometer anstrengend ist. Die Schüler wechseln sich ab mit dem Laufen – in der Nacht aber finden sie keinen Schlaf. Pünktlich um 4:40 Uhr müssen sie in Wielun auf dem Platz der Legionen sein. Es ist genau die Zeit, zu der die Bomber ihre tödliche Fracht abwarfen – am Sonntag vor 80 Jahren. Sirenen heulen, sonst rührt sich niemand von den Teilnehmern des Gedenkens, die zu Tausenden gekommen sind. beklemmend ist die Stimmung, als die Erinnerung mit einer Projektion an eine Häuserwand gemalt wird. Flugzeuge heulen, Bomben detonieren.

Gerührt von den Worten des Bundespräsidenten

Osterburgs Bürgermeister Nico Schulz steht mit Schülerinnen und Schülern in einer Reihe.
Die Erinnerung wach halteN: Schülerinnen und Schüler aus Osterburg mit Bürgermeister Nico Schulz am Flugplatz von Opole. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Der polnische Staatspräsident Andrzej Duda und der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nehmen an diesem Gedenken zum Beginn des Zweiten Weltkriegs teil, und Steinmeiers Worte beeindrucken Tom Schiewe. Der Zehntklässler aus Osterburg ist sichtlich gerührt von den Worten, die das deutsche Staatsoberhaupt gefunden hat – auf Deutsch und auf Polnisch. "Ich finde es gut, dass er nach all den Jahren das polnische Volk um Entschuldigung gebeten hat", findet Tom und gesteht, dass ihm mulmig zumute war.

Ich finde es gut, dass er nach all den Jahren das polnische Volk um Entschuldigung gebeten hat.

Schüler Tom Schiewe über die Worte von Bundespräsident Steinmeier

Am Tag davor und im Bus, der den Lauf begleitet hat, haben die Schülerinnen und Schüler aus der Altmark viele Gespräche mit gleichaltrigen Polinnen und Polen geführt. Auch Vorteile wurden dabei laut, erzählt Nele. Ein Pole habe ihnen vorgeworfen, dass die Deutschen Rechte sind. "Wir haben darüber diskutiert, und er erzählte, dass er die Vorurteile von seinem Großvater übernommen hat. Im Gespräch haben wir das ausgeräumt." Begegnungen, die mindestens genauso wichtig sind wie die Gespräche auf dem politischen Parkett.

Die Osterburgerinnen und Osterburger werden die Tage in Wielun ganz sicher nicht vergessen. Und Tom will sich nun nach einem Polnischkurs erkundigen. "Die Sprache hat mir sofort gefallen", schwärmt er. Vielleicht kann er im nächsten Jahr ja dann sogar auf Polnisch diskutieren.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele - dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

Mehr zum Thema

Nachrichten

Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede an einem Stehpult
Bildrechte: imago images / Eastnews
Ein älterer Mann neben einem Zaun + Video
Jan Tyszler erlebte als 6-jähriger den Beginn des Zweiten Weltkriegs in seiner Heimatstadt Wielun. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 01. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. September 2019, 12:48 Uhr

1 Kommentar

fcm-magdeburg vor 13 Wochen

Und die Menschheit hat daraus nichts gelernt, siehe NATO Erweiterung

Mehr aus Altmark und Elb-Havel-Winkel

Mehr aus Sachsen-Anhalt