Kati und Tobias Kremkau
Kati und Tobias Kremkau verbrachten ihren vergangenen Urlaub in der Altmark. Bildrechte: Tobias Kremkau

Großstädter auf dem Land Von Berlin aus durch die Altmark

Die Altmark ist für ihre ländliche Ausprägung bekannt. Durch den Ausbau der Bahnstrecken und der zunehmenden Digitalisierung wird die Gegend aber auch für Großstädter immer interessanter, meint unser Gastautor. Auf seiner jüngsten Reise stellte er fest, dass es durchaus Gemeinsamkeiten zwischen der ländlichen Region und der Haupstadt gibt.

von Tobias Kremkau, Gastautor

Kati und Tobias Kremkau
Kati und Tobias Kremkau verbrachten ihren vergangenen Urlaub in der Altmark. Bildrechte: Tobias Kremkau

Vor Kurzem ist mir aufgefallen, dass wer neu in Berlin ist, zu Beginn stets eine Viertelstunde zu spät kommt. In Berlin haben Entfernung und Zeit ein gänzlich anderes Verhältnis als außerhalb der Großstadt. Gefühlt braucht man in Berlin immer 45 bis 60 Minuten, um von A nach B zu kommen, unabhängig von der Distanz zwischen beiden Punkten. In der gleichen Zeit kann man außerhalb der überfüllt wahrgenommenen Großstadt ganze Landstriche durchqueren. Die meisten meiner Bekannten sind etwas überrascht, wenn ich ihnen erkläre, dass man in rund einer Stunde von Friedrichshain nach Stendal reisen kann. In Teile des Weddings oder des Berliner Südostens zu reisen, dauert im Schnitt nämlich ähnlich lang.

Noch überraschter waren sie, als meine Frau und ich unseren letzten Urlaub in der Altmark verbrachten. Mitte Oktober verreisten wir für vier Tage in den Norden Sachsen-Anhalts. Wir sind hier aufgewachsen und halten diese Region nicht für einen Teil von Brandenburg. Und uns gefällt es hier (wieder).

Lichtkunstwerk im Dom
Auf ihrer Reise besuchten Kati und Tobias Kremkau unter anderem die Stendaler Lichttage. Bildrechte: Tobias Kremkau

Von unserem schönen, mit dem nicht sehr zeitgemäßen Begriff Ferienwohnung inserierten, "Airbnb"-Apartment erkundeten wir Stendal und Umgebung. In den vergangenen zwei Jahren machten wir bereits mehrmals Kurzausflüge hierher. Nach einem Tag in Stendal fuhren wir mit einem Mietwagen durch die Region und hielten überall, wo es uns gefiel. Am Ende der Reise wurden es insgesamt 18 Orte in der Altmark.

Anschluss finden – digital und auf den Schienen

Ich kenne Stendal und die Altmark noch aus Kindheitstagen. Meine Frau verbrachte ihre Jugend in der Colbitz-Letzlinger Heide. Vor zwölf Jahren verließen wir beide Sachsen-Anhalt, um uns in Großstädten wie Berlin und München zu verwirklichen. Die Altmark kann sich von diesen Orten weit entfernt anfühlen und war auch lange Zeit nur schwer zu erreichen. Seit 2014 aber merkte man, jedes Jahr ein bisschen mehr, wie Stendal näher an Berlin und Hamburg heranrückte. Es fuhren immer öfter Züge zwischen diesen Städten, die auch in Stendal hielten. Die Fahrtzeiten wurden kürzer, die Altmark geriet wieder in unseren Blickwinkel. Es klingt banal, aber diese Zuganbindung macht den Unterschied zu anderen Regionen um Berlin aus.

Es ist aber nicht nur die Zuganbindung, die uns wieder von der Altmark überzeugt. In den sozialen Netzwerken folgen wir Bürgermeistern wie Andreas Brohm aus Tangerhütte oder René Schernikau von der Verbandsgemeinde Arneburg-Goldbeck und sind teilweise besser über die Belange der Region informiert als wir es über Berlin sind. Und die Themen der Altmark beschäftigen auch uns. Schnelles Internet ist sowohl in der Stadt als auch auf dem Land existenziell geworden – für Arbeit und Privatleben. Wir können unserer Arbeit durch das Internet oft auch ortsunabhängig nachgehen, wenn es leistungsfähiges Internet gibt. Genau wie für die digitale Unterhaltung Zuhause, jetzt wo es auch keine Videothek mehr in Stendal gibt.

Vor Kurzem erklärte die Hamburger Journalistin Dagmar Hotze, warum sie der Hansestadt an der Elbe den Rücken kehrte, um in die Hansestadt an der Uchte zu ziehen: "Ein Leben in der Provinz funktioniert nur, wenn digital und mobil alles auf der Höhe der Zeit ist. Damit hatte ich zwei Kriterien, nach denen ich meinen neuen Standort ausgewählt habe und die mich relativ schnell in das rund 41.000 Einwohner zählende Stendal führten." Was Dagmar Hotze sich durch Analyse der Sachlage und ihrer privaten Bedürfnisse erarbeitete, haben wir auf unserer viertägigen Urlaubsreise durch die Altmark ebenfalls wahrgenommen: Die Digitalisierung hilft der Provinz aus ihrem Dornröschenschlaf. Vor allem aber hilft sie den Menschen hier vor Ort.

Urbane Lebensvorstellungen im ländlichen Raum

Kleine Markthalle Stendal
Die "Kleine Markthalle" in ein Bürgertreff in Stendal. Hier geht es um das produktive Miteinander zwischen Zuflucht suchenden Menschen und ehrenamtlich Helfenden. Bildrechte: Tobias Kremkau

An sehr vielen Orten in der Altmark stießen wir auf Projekte und Menschen, die man eher in Berlin als in der Altmark vermutet. Die Stendaler "Kleine Markthalle" ist ein nach den Werten des Coworking – Offenheit, Kollaboration, Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Zugänglichkeit – ausgerichteter Bürgertreff geworden. In Berlin denkt man bei dem Begriff Coworking meist an das "St. Oberholz" oder das "betahaus", also an Startups und Freelancer. Hier in Stendal allerdings geht es nicht um das Geschäftsmodell eines Coworking Space, sondern um eine vor allem von Werten getriebenen Organisation des produktiven Miteinanders von in Stendal Zuflucht suchenden Menschen und den ihnen ehrenamtlichen helfenden Stendalern.

Schloss Storkau
Schloss Storkau birgt unerwartet einen Bioladen. Bildrechte: Tobias Kremkau

In dem beschaulichen Altmark-Dorf Kremkau sahen wir am Dorfaushang vor der Kirche den Aufruf für eine dörfliche Begrünungsinitiative, von im Ort lebenden Frauen. In Berlin nennt sich so etwas "Urban Gardening" und ist äußerst angesagt. In Gardelegen erfuhren wir, dass es auf der Webseite der Stadt die Rubrik "Sag's uns einfach" gibt, in der Einheimische die kommunale Verwaltung online auf Missstände hinweisen können und die Bearbeitung transparent nachvollziehbar ist. Ähnliches hat Berlin als selbsternannte "Smart City" auch vor. Und als in Friedrichshain lebende, Anfangdreißiger mit Sinn für Nachhaltigkeit, begeisterten uns Entdeckungen wie die automatische Milchtankstelle in Rochau oder der Bioladen des Schlosses Storkau.

Etablierung urbaner Lebensstile im ländlichen Raum

Der in München als Professor lehrende Mark Michael nennt das, was meine Frau und ich so euphorisch in der Altmark an Neuem wahrnahmen, im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, die "Etablierung urbaner Lebensstile im ländlichen Raum". Wenn eine moderne, digitale Infrastruktur in der Region vorhanden ist, werden auch zukunftsweisende Entwicklungen wie der Onlinehandel, die ortsunabhängige Arbeit, vernetzte Mobilität und die Telemedizin nicht mehr allein der Stadt vorbehalten sein, sondern können genauso auf dem Land stattfinden. Dazu kommt das auf dem Land, im Vergleich zur Stadt, vollkommen andere Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Das sind für uns wichtige Werte, die man nicht vernachlässigen sollte.

Es kommt auf die Menschen an

Herrenhaus des Ritterguts Krevese
Das Herrenhaus in Krevese ist zum Treffpunkt für Engagement und Zusammenarbeit geworden. Bildrechte: Tobias Kremkau

Nach unserem Urlaub schrieb ich auf Twitter, dass es mir so vorkommt, dass die Altmark langsam erwacht. Vielleicht das erste Mal wieder seit dem Dreißigjährigen Krieg, der diese Region für drei Jahrhunderte zurückwarf. Auf diesen Gedanken brachte mich Rainer Kranz, der zusammen mit Ralf Engelkamp das Herrenhaus in Krevese bewohnt, rettet und von dort aus als Kommunikationsdesigner arbeitet. Die beiden verwandeln das Rittergut Krevese der Familie von Bismarck in einen Treffpunkt für Engagement und Zusammenarbeit. Im Gespräch mit ihnen wurde uns bewusst, dass es am Ende die Menschen sind, die die Altmark voranbringen. Egal ob sie von hier sind, zugezogen oder lange weg waren und jetzt zurückkamen.


Über den Autor: Tobias Kremkau ist Coworking-Manager des "St. Oberholz" in Berlin und berät Unternehmen und Institutionen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Er ist Mitgründer des Instituts für Neue Arbeit (IfNA) und der German Coworking Federation (GCF). Kremkau ist in Magdeburg geboren und hat Politikwissenschaft in München, Venedig und Berlin studiert, bevor er unter anderem für Unternehmen wie McKinsey & Company Inc., Tumblr Inc., Bündnis 90/Die Grünen und die Netzpiloten AG arbeitete.

Quelle: MDR/pat

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2017, 15:13 Uhr

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