Unbefristete Streiks Wie sich der Tarifstreit an den Ameos-Kliniken zugespitzt hat – eine Chronologie

Der Klinikbetreiber Ameos gehört mit etwa 4.000 Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern in Sachsen-Anhalt. Die Gewerkschaft Verdi hat für die Mitarbeiter im Juli 2019 Tarifverträge gefordert – bisher erfolglos. Seit Anfang 2020 streiken Ärzte und Pfleger unbefristet. Was dazwischen passiert ist: eine Chronik.

Eine Gruppe streikender Menschen in gelben Warnwesten mit Schildern und Ver.di-Fahnen in den Händen.
Ameos-Mitarbeiter in Sachsen-Anhalt streiken unbefristet für Tarifverträge. Wie es dazu gekommen ist, zeigt diese Chronologie. Bildrechte: MDR/Cornelia Müller

Juli 2019 – Gewerkschaft fordert Tarifverhandlungen

Die Gewerkschaft Verdi fordert Ameos zu Tarifverhandlungen auf. Wichtigste Forderung: Mehr Gehalt und dass Ameos den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes anerkennt. Es folgen vier weitere Aufforderungen zu Gesprächen von Seiten Verdis bis November. Ameos kündigt an, erst im Januar 2020 nach Entscheidungen über Umstrukturierungen mit der Gewerkschaft zu reden.

November 2019 – Ganztägige Warnstreiks, Ameos droht mit Konsequenzen

Am 8. November ruft die Gewerkschaft Verdi zu ganztägigen Warnstreiks in den Krankenhäusern Aschersleben, Staßfurt, Schönebeck, Haldensleben und Bernburg auf. Mehr als 400 Beschäftigte streiken. Ihr Ziel: die Aufnahme von Tarifverhandlungen für die rund 4.000 Beschäftigten der Klinikgruppe. Ameos-Beschäftigte werden nach Haustarifen bezahlt. Damit liegen sie im Schnitt rund 500 Euro unter dem regionalen Durchschnittsgehalt der Branche.

Ameos-Beschäftigte streiken für Aufnahme von Tarifverhandlungen

Warnstreik der Ameos-Beschäftigten in Aschersleben
Warnstreik der Ameos-Beschäftigten in Aschersleben: Dazu aufgerufen hatte die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe
Warnstreik der Ameos-Beschäftigten in Aschersleben
Warnstreik der Ameos-Beschäftigten in Aschersleben: Dazu aufgerufen hatte die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe
Streikende mit ver.di-Westen protestieren mit Schildern
Sie fordert für die rund 4.000 Beschäftigten der Klinikgruppe die Aufnahme von Tarifverhandlungen. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe
Streik der Ameos-Beschäftigen in Aschersleben
In Sachsen-Anhalt betreibt Ameos Standorte in Haldensleben, Aschersleben-Staßfurt, Schönebeck, und Bernburg. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe
Streikende mit ver.di-Westen protestieren mit Schildern
Laut ver.di bekommen Krankenschwestern und Krankenpfleger hier durchschnittlich 500 Euro weniger als im regionalen Vergleich. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe
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Der Klinikbetreiber Ameos droht den Streikenden in einer internen Mail mit Konsequenzen. Ein Streik werde den Erhalt von Fachabteilungen und Arbeitsplätzen gefährden, heißt es darin. Für Mitarbeiter würde das unter anderem längere Arbeitswege bedeuten. Verdi sieht das als Erpressungsversuch und harte Drohung.

Ameos weist Kritik an der Bezahlung der Mitarbeiter zurück. Regionalgeschäftsführer Lars Timm sagte MDR SACHSEN-ANHALT, man zahle nach geltenden Tarifen. Nach Entscheidungen über Umstrukturierungen werde Ameos im Januar auf Verdi zugehen.

Dezember 2019 – Ameos kündigt Mitarbeitern

Nach erneuten Warnstreiks Anfang Dezember in Aschersleben, Staßfurt und Haldensleben schaltet sich der Landrat des Salzlandkreises ein, Markus Bauer (SPD). Ohne Erfolg.

Ameos hat den Mitarbeitern ein sogenanntes Zukunftspaket angeboten. Darin enthalten: zehn Prozent Lohnsteigerung über fünf Jahre und ein Kündigungsschutz während dieses Zeitraums. Allerdings müssen die Mitarbeiter zugleich auf Rechtsstreitigkeiten mit Ameos verzichten – und auf mögliche Nachzahlungen. Auf die Forderungen von Verdi könne man nicht eingehen, sagt der Ameos-Regionalleiter Lars Timm. Dann müsste man mindestens 800 Stellen streichen.

Ein weißes Schild mit der Aufschrift "AMEOS" steht vor einem Gebäudekomplex.
Ameos bietet seinen Beschäftigten eine Lohnsteigerung von zehn Prozent und Kündigungsschutz an. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Ameos stellt seinen Mitarbeitern ein Ultimatum: Bis 27. Dezember sollen mindestens 85 Prozent der Belegschaft den Vorschlägen des Klinikbetreibers zustimmen. Zum Stichtag haben allerdings nur 20 Prozent eingewillt. Die Geschäftsführung überlegt, das Ultimatum zu verlängern.

Kurz vor Weihnachten kündigt Ameos nach eigenen Angaben 20 Beschäftigten in Bernburg, Aschersleben, Staßfurt, Schönebeck und Haldensleben. Ameos wirft ihnen in einem Schreiben respektloses Verhalten gegenüber Mitarbeitern, Patienten und Vorgesetzen vor. Laut Geschäftsführung waren die Kündigungen aufgrund von Erlösausfällen nötig.

Januar 2020 – Mitarbeiter beginnen mit unbefristeten Streiks

Die Ameos-Klinik Aschersleben-Staßfurt stellt den leitenden Oberarzt und Betriebsratsmitglied Holger Waack frei. Die Klinikleitung nennt einen arbeitsrechtlichen Vorfall als Grund. Der Urologe Waack dagegen vermutet im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT Anfang Januar, Ameos wolle ihn mit der Freistellung aus dem Betriebsrat und aus den Arbeitskampfmaßnahmen herausnehmen.

Seit dem 27. Januar streiken die Beschäftigten unbefristet. Verdi sagt, man sei auf bis zu 15 Wochen Streik vorbereitet und habe Ameos eine Notdienstvereinbarung angeboten. Ameos habe darauf nicht reagiert. Bis heute verweigert das Unternehmen Gespräche mit der Gewerkschaft. Von Ameos heißt es, dass die Gründe dafür in vergangenen Gesprächen mit Verdi lägen.

Der zuständige Regionalgeschäftsführer Ost des Klinikbetreibers Ameos, Lars Timm, muss am 27. Januar seinen Posten aufgeben. Er verlässt das Unternehmen mit sofortiger Wirkung. Der neue Ameos-Geschäftsführer im Osten heißt Frank-Ulrich Wiener.

Februar 2020 – Es soll Tarifverhandlungen geben

Der unbefristete Streik wird nach gut zwei Wochen unterbrochen. Das ist das Ergebnis eines Treffens der Ameos-Regionalgeschäftsführung mit der Gewerkschaft Verdi. Laut Frank-Ulrich Wiener sollen Tarifverhandlungen aufgenommen werden. Ein Verdi-Sprecher sagte, man sei mit dem Ergebnis zufrieden und steige zielgerichtet in die Verhandlungen ein.

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Quelle: MDR/mh,kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 28. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2020, 19:00 Uhr

1 Kommentar

ElBuffo vor 4 Wochen

Hm, die Chronologie beginnt doch nicht erst im Juli 2019. Die müsste der Vollständigkeit halber doch ungefähr da beginnen, als zweimal in Folge gefälschte Bilanzen vorgelegt wurden? Die Verantwortliche musste übrigens keine Konsequenzen tragen, was dafür spricht, dass dies mindestens mit Wissen der Verantwortlichen geschah. Blöd nun für die aktuelle Gesundheitsministerin, dass dieser das gleiche Parteibuch wie sie hat. Dann kam man in Staßfurt noch auf die glorreiche Idee wie ein bockiges Kind nun einfach die Patienten nicht mehr zu den Salzlandkliniken zu schicken, sondern nach Magdeburg oder sonstwohin. Das brach dem ohnehin angeschlagenen Klinikum Aschersleben-Staßfurt endgültig das Genick. Also da müssen sich auch andere den Schuh anziehen an einer Eskalation beigetragen zu haben.

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