Das Braunkohlebergbau- und Kohlechemie-Unternehmen Romonta Amsdorf im Landkreis Mansfeld-Südharz
Niedrige Löhne, kaum Steuereinnahmen: Der Landkreis Mansfeld-Südharz ist besonders vom Strukturwandel betroffen. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Teilhabe-Atlas Welche Chancen wir in Sachsen-Anhalt haben

In einer Studie, dem "Teilhabe-Atlas Deutschland", ist analysiert worden, welche Möglichkeiten auf gesellschaftliche Teilhabe die Menschen haben: Gibt es abgehängte Regionen? Können überall gleiche Lebensbedingungen hergestellt werden? Und welche Chancen haben die Menschen in den einzelnen Landkreisen Sachsen-Anhalts? Hier die Antworten und Empfehlungen der Studie, wie mit dem demografischem Wandel und Bevölkerungsschwund umzugehen ist.

Das Braunkohlebergbau- und Kohlechemie-Unternehmen Romonta Amsdorf im Landkreis Mansfeld-Südharz
Niedrige Löhne, kaum Steuereinnahmen: Der Landkreis Mansfeld-Südharz ist besonders vom Strukturwandel betroffen. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Schwaches Wirtschaftswachstum, niedrige Steuereinnahmen, langsames Internet und eine geringe Lebenserwartung: Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat zusammen mit der Wüstenrot Stiftung in der Studie "Ungleichwertige Lebensverhältnisse – und wie die Menschen sie wahrnehmen" die Teilhabechancen von Menschen in den Regionen Deutschlands analysiert.

Dafür haben die Autoren öffentliche Daten wie die Daten der Statischen Landesämter und vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung ausgewertet, eigene Berechnungen angestellt und Befragungen der Bewohner vor Ort durchgeführt.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Teilhabe-Atlas

Die schlechtesten Teilhabechancen Deutschlands haben Landkreise in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Hier verdienen die Menschen am wenigsten und die Kommunen haben die geringsten Steuernahmen. Außerdem werden Mängel in der Versorgung der ländlichen Regionen festgestellt.

Viele Landkreise weisen eine höhere Quote an Transferleistungsempfängern (beispielsweise Hartz-IV) auf und jeder elfte Schüler beendet im Durchschnitt die Schule ohne Hauptschulabschluss. Außerdem ist die Lebenserwartung niedriger und viele junge Menschen wandern aus den benachteiligten Regionen ab.

Für die Studienautoren wird anhand der analysierten Zahlen und Werte deutlich, dass Benachteiligung und Abgehängtsein in Deutschland Realität ist. "Im Vergleich mit einem der wohlhabenden und erfolgreichen Kreise Süddeutschlands zeigt sich, dass die Menschen in der Altmark benachteiligt sind", stellt die Studie fest. Vor allem die ländlichen Regionen seien schlecht aufgestellt. Ihnen fehle es an Geld, Jobs und Perspektiven, "die Abwärtsspirale von Abwanderung und schrumpfender Infrastruktur ist vielerorts bereits Realität".

Wie sind die Autoren der Studie vorgegangen?

Um die regionalen Teilhabechancen aufzuschlüsseln, haben die Autoren der Studie, unterschieden in städtischen und ländlichen Raum, sechs unterschiedliche Kategorien gebildet. Hier sind die Analysen aus unterschiedlichen Merkmalen in die verschiedenen Bewertungen eingeflossen. So wurde die Nahversorgung und Breitbandverfügbarkeit, die Lebenserwartung, die kommunale Steuereinnahmekraft, die SGB II-Quote der unter 65-Jährigen, Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss, das Haushaltseinkommen je Einwohner und das Wanderungssaldo der 18- bis 29-Jährigen untersucht und bewertet.

In den drei städtischen Kategorien wird der Unterschied zwischen "reichen Großstädte und ihre Speckgürtel", "attraktiven Großstädten" und "Großstädte mit Problemlagen" gezeigt. In den drei ländlichen Kategorien reicht die Einordnung von "erfolgreichen ländlichen Regionen", "ländlichen Regionen mit vereinzelten Problemen" bis zu "abgehängten Regionen".

Für die qualitative Befragung sind aufgrund der Analyse 15 exemplarische Regionen ausgewählt worden, um mit den Menschen vor Ort zu sprechen. Im Vorfeld der Befragungen wurden Einzelinterviews vereinbart und zu ein bis zwei Gruppendiskussionen pro Region eingeladen. Bei der Auswahl der Interviewpartner sei auf ein möglichst breites Spektrum an Personen geachtet worden.

Nicht immer muss das aber auch mit der Wahrnehmung der Menschen vor Ort übereinstimmen. In ausgewählten Landkreisen, wie in Mansfeld-Südharz haben die Studienautoren qualitative Befragungen durchgeführt. Ihr Ergebnis: "Trotz allem leben jene Menschen, die sich aktiv für ein Leben in Mansfeld-Südharz entschieden haben, gerne hier. Für sich selbst sehen sie sogar gute Perspektiven – nicht aber für den Landkreis insgesamt." Viele Gründe wie Heimatgefühl oder die Identifikation mit dem Gemeinwesen und das "Gefühl der Selbstwirksamkeit" würden die Menschen in den ländlichen Regionen halten.

Das sind die Erkenntnisse im Detail:

Versorgung

Grundsätzlich ist in den Städten eine höhere Versorgungsdichte und Erreichbarkeit von Schulen, Supermärkten und Ärzten gewährleistet als auf dem Land. Am Beispiel der Ärzteversorgung zeigt die Studie, dass in Sachsen-Anhalt rund 1.400 Landärzte fehlen. Während sich im bundesdeutschen Durchschnitt 67,5 Hausärzte rund 100.000 Einwohner behandeln, stünden beispielsweise im Altmarkkreis Salzwedel nur jeweils rund 50 Ärzte den Menschen zur Verfügung. Auch bei der Internetversorgung sieht es in Sachsen-Anhalt nicht gut aus. In vier Landkreisen, in der Börde, im Jerichower Land, in Mansfeld-Südharz und im Landkreis Anhalt-Bitterfeld lag im Jahr 2017 der Anteil der Haushalte, die einen Internetanschluss mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde haben, in der niedrigsten Kategorie bei unter 40 Prozent.

Bildung

In keinem anderen deutschen Bundesland verlassen so viele Schüler ohne Hauptschulabschluss die Schule, wie in Sachsen-Anhalt. Allein in neun von fünfzehn Landkreisen und kreisfreien Städten lag 2017 der Anteil an Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss an allen Absolventen bei mehr als zehn Prozent.

Abwanderung

In allein zehn Regionen Sachsen-Anhalts gibt es ein negatives Wanderungssaldo in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen. Das heißt, mehr junge Menschen ziehen aus der Region weg, als in den Landkreis hinein. Nur die Städte Magdeburg und Halle sowie Dessau und der Burgenlandkreis können mehr junge Menschen anziehen, als wegziehen. Für die Studienautoren liegt dieser Trend an der Suche nach Arbeit. Die demografischen und wirtschaftlichen Zukunftsaussichten der ländlichen Regionen würden dadurch zwar eingeschränkt, aber kurzfristig auch der ländliche Arbeitsmarkt entlastet, heißt es weiter.

Lebenserwartung

Die Studie sieht einen Zusammenhang zwischen den Teilhabechancen und der Lebenserwartung. Je besser gebildet Menschen seien, je mehr Möglichkeiten zur Teilhabe und zur Selbstverwirklichung sie haben, desto länger würden sie auch im Schnitt leben, so die Autoren. Als Gründe werden dabei die besseren Arbeitsbedingungen, eine gesündere Ernährung, mehr Sport, eine höhere soziale Absicherung und eine bessere medizinische Versorgung genannt. In Sachsen-Anhalt liegt dabei die Lebenserwartung von Neugeborenen im Altmarkkreis Salzwedel, im Landkreis Stendal, im Salzlandkreis und im Harz unter 79 Jahren. In keinem Landkreis oder kreisfreier Stadt liegt die Lebenserwartung über 81 Jahren, wie beispielsweise in Bayern oder Baden-Württemberg.

Einkommen und Steuer

In Sachsen-Anhalt haben zehn Landkreise eine Steuereinnahmekraft unter 600 Euro je Einwohner. Die einnahmestärksten Gebiete Deutschlands haben Steuereinahmen von 1.050 Euro oder mehr pro Einwohner. Flächendeckend liegt das verfügbare jährliche Haushaltseinkommen in Sachsen-Anhalt zwischen 17.500 und 20.000 Euro je Einwohner. Nur Mecklenburg-Vorpommern hat niedrigere Werte im deutschlandweiten Vergleich.

Welche Schlussfolgerungen werden gezogen?

Für die Autoren der Studie steht fest, dass sich ein Auseinanderentwickeln der Regionen kaum vermeiden lässt. Insgesamt hänge der Osten im deutschlandweiten Vergleich weiterhin zurück. Und auch der Wohnort bestimme über die Chancen der Menschen, an der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung teilzuhaben.

Es sei fraglich, ob sich wirtschaftliches Wachstum und damit eine Stabilisierung der Bevölkerungszahlen in angeschlagenen Räumen, ob ländlich oder städtisch, erzwingen lasse. Auch das Ziel der Politik "gleichwertige Lebensbedingungen" zu einem Hauptziel zu machen, ist für die Studie fraglich. "Damit weckt sie Erwartungen, die sich kaum erfüllen lassen und programmiert Enttäuschungen und weitere Frustrationen", wird dieses Ergebnis zusammengefasst.

Was kann getan werden?

Als Handlungsempfehlung listet die Studie vier Hauptpunkte auf. Es sollte "regionale Vielfalt zur Grundlage der Politik" gemacht werden. Die "Kommunen müssten gestärkt und Versorgung neu gedacht werden". Die "Identifikation und der Zusammenhalt" sollen gestärkt werden und es muss ein "Ordnungsrahmen für unterschiedliche Entwicklungen" geschaffen werden. Konkret könne das durch folgende Maßnahmen erreicht werden:

  1. die "Gleichwertigkeit" als Ziel hinterfragen
  2. eine Grundversorgung garantieren
  3. gleiche Bildungschancen überall ermöglichen
  4. Ideen "von unten" zulassen
  5. in Dienstleistungen statt in Strukturen denken
  6. die Förderung der Kommunen entbürokratisieren
  7. die soziale Mischung in den Städten stärken
  8. das Verantwortungsgefühl wecken und demokratische Teilhabe fördern
  9. das Ehrenamt und Engagement fördern
  10. Kreisgebietsreformen mit Bedacht durchführen
  11. Schrumpfung akzeptieren
  12. Wachstum gestalten

Was ist das "Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung"?

Nach eigenen Angaben ist das "Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung" ein sogenannter Thinktank, der sich mit regionaler und globaler demografischer Veränderungen beschäftigt. Das Institut ist als gemeinnützig anerkannt und erhalte keinerlei öffentliche institutionelle Unterstützung, Projektförderungen oder Forschungsaufträge. Als Ziel wird formuliert, das "Bewusstsein für den demografischen Wandel zu schärfen, nachhaltige Entwicklung zu fördern, neue Ideen in die Politik einzubringen und Konzepte zur Lösung demografischer und entwicklungspolitischer Probleme zu erarbeiten".

Als Unterstützer werden unter anderem die Bayer Foundation, eine BMW Stiftung, die Daimler und Benz Stiftung, Generali Deutschland, die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), RWE/ innogy SE, die Siemens Stiftung, Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) aufgezählt.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 22. August 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2019, 19:48 Uhr

1 Kommentar

nilux vor 3 Wochen

Zunächst mal sollten wir nicht alle in Panik verfallen. Die meisten der aufgelisteten Indizien sind z.B. sehr stark untereinander korreliert und fast alles lässt sich aus der Überalterung der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt ableiten (etwa durchschnittliches Einkommen, Bedarf an schnellem Internet, ÖPNV, Gesundheit).
Was mich generell bei solchen Studien sehr stört ist die Tatsache, dass eine Auswertung nur auf Ebene der Landkreise erfolgt. So entsteht beispielsweise der falsche Eindruck, dass es den Landkreisen in Brandenburg besser gehen würde als in Sachsen-Anhalt. Bei genauerem Hinsehen erkannt man hingegen, dass fast alle Landkreise Brandenburgs einen Zipfel am Speckgürtel Berlins haben. Geht es deshalb den Menschen in Frankfurt/Oder besser als in Halle?


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