Der Wolf in Sachsen-Anhalt – Besuch im Wolfskompetenzzentrum "Wir wissen, dass der Wolf polarisiert"

Der Name ist ein wenig sperrig: Wolfskompetenzzentrum heißt die Einrichtung des Landes, die sich seit Februar 2017 um die Auswirkungen der Wiederansiedlung des Wolfs in Sachsen-Anhalt kümmert. Dort werden sämtliche Hinweise dokumentiert, Nutztierrisse begutachtet und die Öffentlichkeit über den Wolf informiert. MDR SACHSEN-ANHALT hat sich für den zweiten Teil des Themenschwerpunkts zum Wolf ein Bild vor Ort gemacht.

von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Zeichnung eines Wolfsgesichts auf einem weißen Blatt Papier
Wer den Besprechungsraum des Wolfskompetenzzentrums in Iden betritt, blickt diesem gezeichneten Wolf in die Augen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer | Zeichnung: Simone Dahlmann

Gerissene Tiere begutachten – sieben Tage, rund um die Uhr

Das Bereitschaftshandy hat seinen Dienst gestern einmal mehr erfüllt. Zweimal hat es am Ostermontag geklingelt, erzählt Peter Oestreich, als er am Tag darauf über seine Arbeit spricht. Seine Aufgabe, das ist die Nutztierrissbegutachtung. Tote Tiere untersuchen, meist Schafe, ab und an Kälber. Wurden sie vom Wolf gerissen? Oder sind sie auf andere Weise zu Tode gekommen? Das sind die Fragen, die sich Oestreich am Ort des Geschehens stellt. Denn: Der Mann mit dem freundlichen Lächeln und dem kargen Haar arbeitet im sogenannten Wolfskompetenzzentrum in Iden.

Weißes Hinweisschild mit dem Logo von Sachsen-Anhalt und der Aufschrift -Landesamt für Umweltschutz Wolfskompetenzzentrum-
Das Wolfskompetenzzentrum in Iden gehört zum Landesamt für Umweltschutz. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das Wolfskompetenzzentrum gibt es inzwischen seit etwas mehr als einem Jahr. Zu fünft arbeiten sie am Ortsrand von Iden bei Stendal, um die "natürliche Wiederansiedlung des Wolfes fachlich" zu begleiten. Die Öffentlichkeitsarbeit zählt zu ihren Aufgaben, die Herdenschutzberatung oder das sogenannte Monitoring. Und die Nutztierrissbegutachtung, für die Peter Oestreich zuständig ist.

Zweimal musste er am Ostermontag raus. In der Nähe von Genthin hatte ein Hobbytierhalter eines seiner Lämmer tot entdeckt. "Die Anlage war gut gesichert", erzählt Oestreich. Nur an einem Tor seien die Lücken zu groß gewesen. "Das Lamm hat nach draußen geguckt", sagt der Wolfsexperte. Das sei dem Tier wohl zum Verhängnis geworden. Ob die Verletzungen wirklich von einem Wolf stammen, soll jetzt eine DNA-Analyse zeigen. Der zweite Anruf am Ostermontag kam aus Karow im Jerichower Land. Dort war ein Kalb gerissen worden. Es hatte sich außerhalb der Weide aufgehalten, erzählt Oestreich. Auch hier war klar: Es braucht eine DNA-Analyse. Die ist nötig, um den Wolf als Verursacher nachzuweisen. Für die Landwirte ist das wichtig. Denn nur dann gibt es eine Entschädigungszahlung.

"Von heulen bis nüchtern"

Oestreich sitzt jetzt im Besprechungsraum des Wolfskompetenzzentrums, einem weißen Gebäude mit niedrigen Decken. Er spricht über die Emotionen, die der Fund eines gerissenen Tieres bei Züchtern und Herdehaltern auslöst. "Die Bandbreite ist groß", sagt er. "Von heulen bis nüchtern." Er könne das auch verstehen, sagt Oestreich – und bekommt Zustimmung von seiner Kollegin Antje Weber, die im Wolfskompetenzzentrum für das wissenschaftliche Monitoring zuständig ist. "Ich möchte auch keines meiner Schafe tot da liegen sehen", sagt sie. Und Andreas Berbig, der Leiter des Wolfskompetenzzentrums, sagt: "Das tut natürlich weh. Viele Tierhalter sind wirklich betroffen." Die Schäden nähmen mitunter eine Größenordnung an, die wirtschaftlich zur Bedrohung werden könne. Auch deshalb wird in Sachsen-Anhalt viel über Prävention diskutiert – und über die Höhe der Entschädigungszahlungen, die Landwirte für gerissene Tiere bekommen.

Eine Frau steht vor einem Baum und lächelt in die Kamera
Biologin Antje Weber Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das Wolfsmonitoring Zu den Aufgaben des Wolfskompetenzzentrums gehört auch das sogenannte wissenschaftliche Monitoring, für das Biologin Antje Weber verantwortlich ist. Nach ihren Angaben wird zwischen passivem und aktivem Monitoring unterschieden. Im passiven Monitoring werden demnach all die Daten gesammelt, die von Bürgern, Jägern oder Landwirten an das Wolfskompetenzzentrum herangetragen werden. Das funktioniere inzwischen bereits ziemlich gut, sagt Weber. Hinzu komme das Material aus Fotofallen.

Wenn sich Hinweise verdichteten, spreche man von "aktivem Monitoring". Antje Weber geht dann auf Spurensuche im Wald – auch mal um die 14 Kilometer zu Fuß. Weber sucht und dokumentiert Trittsiegel und Kothaufen, beim Wolf Losung genannt. Auch das Heulen von Wölfen wird im Monitoring erfasst. All die gesammelten Informationen fließen in einen Bericht zum Monitoringjahr. Der Bericht für das Monitoringjahr 2017/18 soll im Sommer dieses Jahres veröffentlicht werden.

Vorbehalte, Angst und großes Interesse

Andreas Berbig ist der Leiter des Wolfskompetenzzentrums. Wenn er bei Fragestunden oder Vorträgen über die Rückkehr des Wolfs spricht, stellt Berbig regelmäßig ein großes Interesse fest – vom Heimatverein, der örtlichen Kita oder Anwohnern insgesamt. Trotzdem: "Wir spüren natürlich Vorbehalte, die dem Wolf entgegen gebracht werden. Viele Menschen fragen sich, warum ein Raubtier, das Hunderte Jahre verpönt war und gejagt wurde, sich wieder in unserer Kulturlandschaft ausbreiten muss."

Weißes Gebäude, vor dem zwei Fahrräder stehen
Das Wolfskompetenzzentrum in Iden Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Ab und an, erzählt Berbig, werde ihm und seinen Kollegen gar vorgeworfen, den Wolf aktiv wiederangesiedelt zu haben. Der Leiter des Kompetenzzentrums weist das zurück. "Das wäre überhaupt nicht nötig. Der Wolf ist auch so in der Lage, sich in kurzer Zeit auszubreiten", sagt Berbig. Dass der Wolf polarisiert, kann der Experte trotzdem gut nachvollziehen. Er verweist darauf, dass Anwohner in ländlichen Gegenden den Wolf immer wieder zu Gesicht bekommen, auch tagsüber. "Das ist bei anderen Wildtieren wie dem Fuchs nicht anders", sagt er und schiebt hinterher: "Die strömen vielleicht nicht so eine Gefahr aus, wie der Wolf."

Müssen Menschen Angst vor dem Wolf haben?

Stichwort Gefahr. Muss man als Mensch Angst vor dem Wolf haben? Andreas Berbig antwortet ohne zu zögern: "Man muss keine Angst haben. Man muss Respekt haben – wie vor anderen Wildtieren auch." Schließlich könnten auch führende Bachen gefährlich werden. Berbig wirbt deshalb dafür, die Situation so gut es geht einzuordnen. Wenn ein Wolf in der Ferne zu sehen sei, sei das in der Regel ohnehin ungefährlich. Wenn er doch näher kommen sollte, stellt für sich Berbig vor allem eine Frage: Ist der Wolf vielleicht einfach nur neugierig? Für diesen Fall hat der Wolfsexperte einen Rat: in die Hände klatschen und versuchen, den Wolf zu vertreiben. Es bringe jedenfalls nichts, in Panik zu verfallen.

Ein Mann steht vor einem Baum und lächelt in die Kamera
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wir wissen, dass der Wolf als Raubtier sehr polarisiert, motiviert und irritiert.

Andreas Berbig, Leiter des Wolfskompetenzzentrums in Iden

Ob die Angst nun berechtigt ist, oder nicht. Für Berbig ist klar: "Wir können sie den Menschen nicht nehmen, versuchen jedoch, mit Argumenten und Informationen aufzuklären." Der Leiter des Wolfskompetenzzentrums verweist darauf, dass Angst oft wegen medialer Berichterstattung entstehe. Bis der Wolf in der Öffentlichkeit akzeptiert werde, werde wohl noch einige Zeit vergehen, vermutet Berbig. Er und seine Kollegen wollen aktiv daran mitarbeiten: indem sie aufklären, über Prävention informieren und ihre Arbeit in die Öffentlichkeit stellen.

Eines ist dabei klar: Es scheint noch ein weiter Weg vor ihnen zu liegen.

Im dritten Teil des Themenschwerpunkts Wolf wird MDR SACHSEN-ANHALT am Mittwoch über Landwirte berichten, deren Tiere vom Wolf gerissen wurden.

Monitoring und Fotofallen Dem Wolf auf der Spur

Seit 2008 leben wieder Wölfe in Sachsen-Anhalt. Für die Beobachtung von insgesamt elf Rudeln sind die Experten des Wolfskompetenzzentrums in Iden zuständig, vor allem Biologin Antje Weber.

Zwei Wölfe an einer Lichtung im Wald
Biologin Antje Weber ist im Wolfskompetenzzentrum in Iden für das sogenannte Monitoring zuständig. Dazu zählen auch Fotofallen-Bilder wie dieses. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Zwei Wölfe an einer Lichtung im Wald
Biologin Antje Weber ist im Wolfskompetenzzentrum in Iden für das sogenannte Monitoring zuständig. Dazu zählen auch Fotofallen-Bilder wie dieses. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Ein Wolf steht auf dem Foto einer Wildkamera in einem Wald und sieht sich um.
Diese Fotos gehören zu den festen Bestandteilen, die in einen jährlichen Monitoringbericht einfließen. In dem Bericht steht, wie viele Wölfe in wie vielen Rudeln in Sachsen-Anhalt leben. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Losung bzw. Kothaufen eines Wolfs auf einem Waldweg, daneben ein Zollstock
Zum Monitoring gehört auch, die Losung des Wolfs, also Kothaufen, zu dokumentieren. Bildrechte: Antje Weber
Trittsiegel eines Wolfs auf einem leicht mit Schnee bedeckten Feldweg
Auch werden Trittsiegel dokumentiert. Bildrechte: Antje Weber
Trittsiegel eines Wolfs auf einem schneebedeckten Feldweg
Der neue Monitoringbericht zeigt: In Sachsen-Anhalt haben im Monitoringjahr 2017/18 mindestens 95 Wölfe gelebt.

Quelle: MDR/ld
Bildrechte: Antje Weber
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Ein Mann steht vor einer grauen Wand.
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Anfang 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – meist in der Online-Redaktion, außerdem für den Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07.05.2018 | 11:40 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2018, 18:34 Uhr

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1 Kommentar

09.05.2018 10:40 matze 1

Ich muss mich immer wieder fragen, warum wir ein Wolfskompetenzzentrum benötigen, ein Wildtierkompetenzzentrum wäre halbwegs sinnvoll, wenn dort auch Fachleute sitzen würden. Der Wolf polarisiert, das ist klar, aber warum befinden sich dann im Wolfskompetenzzentrum keine kompetenten Personen aus Forst/Jagd und Landwirtschaft, die Erfahrung mit Wildtieren haben? Nicht jeder aus diesen Reihen ist gegen den Wolf, jedoch sollte die Ausbreitung kontrolliert erfolgen.
Wenn Artenschutz dann sinnvoll und transparent und nicht so anheizend wie jetzt. Der Wolf braucht unseren Schutz nicht, er macht eh was er will und breitet sich weiter aus, andere Tiere wie Großtrappe, Milan und Schwarzstorch brauchen jedoch unseren aktiven Schutz.