Interview zum Gemeinwohlatlas Feuerwehr und Co. tragen am meisten zum Gemeinwohl bei

Der Gemeinwohlatlas 2019 zeigt: Die Menschen in Sachsen-Anhalt sorgen sich ums Gemeinwohl. Allerdings sind sie weniger bereit, dafür auf Gehalt zu verzichten. Und: Etwa 15 Prozent haben keine klare Vorstellung davon, was Gemeinwohl eigentlich bedeutet. Wirtschaftspsychologe Timo Meynhardt hat den Gemeinwohlatlas herausgegeben und kennt die Antworten.

von Nicole Franz, MDR SACHSEN-ANHALT

Feuerwehrmann spricht mit Kind in Feuerwehrkleidung.
Den größten Beitrag zum Gemeinwohl trägt nach Ansicht der Befragten die Feuerwehr bei – hier ein ehrenamtlicher Helfer der Jugendfeuerwehr in Jävenitz im Altmarkkreis Salzwedel. Bildrechte: MDR/Susann Meier

MDR SACHSEN-ANHALT: Erklären Sie uns kurz, was hinter diesem Gemeinwohl und dieser Erstellung des Gemeinwohlatlas eigentlich steckt.

Professor Timo Meynhardt: Das Gemeinwohl ist das, wenn sich die Menschen in ihrer Umgebung wohlfühlen, wenn sie Luft zum Atmen haben, die Beziehungen stimmen, man sich sicher fühlt, man sich aufgehoben und angenommen fühlt. Das Gemeinwohl fasst diese Erfahrungen zusammen. Es verdichtet gewissermaßen die Lebenserfahrung der Menschen zu einem Begriff, der dann auch im Gemeinwohlatlas eine Rolle spielt.

Sie haben im Atlas ein Ranking erstellt. Es gibt Organisationen, die ganz oben stehen und es gibt welche, die sind weiter unten. Wer hat es in die Top 10 geschafft?

Ganz oben stehen Feuerwehr, THW, DRK – insgesamt Hilfswerke und staatliche beziehungsweise halbstaatliche soziale Institutionen. Weit vorn sind auch die Bundespolizei, aber auch Institutionen wie die Caritas.

Warum sie da oben sind, ist nicht selbstverständlich aus dem Auftrag abzuleiten. Da sind Männer und Frauen aktiv, die sich jeden Tag einsetzen. Das wird von der Bevölkerung honoriert. Denn die Feuerwehr löscht nicht nur Brände, sie nimmt auch Angst und schafft Sicherheit.

Die ARD, der MDR sind auch mit dabei in diesem Atlas?

Es ist insgesamt tatsächlich so, dass die Öffentlich-Rechtlichen, sowohl ARD als auch die Dritten und das ZDF eine sehr hohe Wertschätzung genießen, wenn es um das Gemeinwohl geht. Die Öffentlich-Rechtlichen, so die Kritik oftmals, werden in den Medien auch teilweise zu Unrecht angegriffen. Zumindest in der Bevölkerung haben sie aber einen guten Stand und werden im Gemeinwohlatlas hoch gelobt.

Internationale Konzerne wie VW, Mercedes und BMW arbeiten auch für das Gemeinwohl, schaffen zum Beispiel Arbeitsplätze und haben trotzdem ein schlechtes Image. Wer wird im Atlas mit aufgeführt?

Der Automobilsektor hat insgesamt gelitten und seit 2015 massiv an Boden verloren, wenn es um den Gemeinwohlbeitrag geht – insbesondere VW, mit einem Minus von einem Drittel. Das ist sehr heftig. Die Deutschen haben nichts gegen Autos an sich. Man sieht, dass ausländische Automobilbauer tatsächlich zugelegt haben. Die deutschen Automobilbauer hingegen wurden abgestraft. Das hat viele Gründe, sicherlich auch durch den Dieselskandal. Insgesamt sehen wir aber, dass das Misstrauen gegenüber Institutionen, die Gewinne privatisieren und Verluste externalisieren oder sozialisieren, eher gewachsen ist. Da wird eine Reibungsfläche zwischen dem was Großkonzerne, die international agieren und den Familienunternehmen, die deutlich besser dastehen, sichtbar.

Prof. Dr. Timo Meynhardt.
Federführend bei der Erstellung des Gemeinwohlatlasses: Professor Timo Meynhardt Bildrechte: MDR/Nicole Franz

Zwei Punkte möchte ich für Mitteldeutschland besonders hervorheben: Wenn man sich die Wirtschaft anschaut, ist die Carl Zeiss AG auf Platz eins. Das ist eine tolle Geschichte der deutschen Wiedervereinigung. Mit mit den Standorten Oberkochen und Jena, ist das offenbar ein Modell als Stiftungsunternehmen, womit die Deutschen sehr viel anfangen können.

Ein zweiter Punkt ist: Uns ist aufgefallen, dass Unterschiede zwischen Ost und West darin liegen, dass die Ostdeutschen die Wirtschaftsinstitutionen eher positiver und die staatlichen eher negativer als die Bürgerinnen und Bürger in den alten Bundesländern betrachten.  

Wir haben aktuell viele Populisten am Markt. Wir haben aber auch noch etwas anderes, so eine gefühlte Solidarisierung in der Bevölkerung, also viele Leute, die sagen: Eigentlich driftet alles mehr oder weniger in diesem Land auseinander. Können Sie dieses Bild so bestätigen?

Prof. Dr. Timo Meynhardt, Mitinitiator des Public Value Awards 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In dieser globalen Einschätzung kann ich es nicht bestätigen. Vergleicht man die beiden Messungen 2015 und 2019, bleibt über alle vergleichbaren Institutionen das Gemeinwohl gleich hoch. Das zweite was wir sehen ist, dass die Sorge ums Gemeinwohl sehr stabil hoch ist. Acht von zehn Deutschen machen sich Sorgen, dass dem Gemeinwohl nicht genug Rechnung getragen wird. Der Wert ist in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen relativ ähnlich.

Im Atlas wird ersichtlich, dass dieses Auseinanderdriften zur Folge hat, dass 92 Prozent der Befragten sagen, im Grunde können wir auch selbst etwas zum Gemeinwohl beitragen. Diese Überzeugung ist in Sachsen-Anhalt zwar etwas niedriger als in den anderen beiden Bundesländern in Mitteldeutschland, aber immer noch sehr hoch. Acht von zehn Menschen sagen auch hier, wir können es beeinflussen, wir sind dabei und haben da auch eine Mitwirkungsgelegenheit.

Sind Sie da guten Mutes und optimistisch, dass eigentlich alles ganz gut ist und auch relativ stabil bleibt?

Ein klares "Jein". Es gibt Anzeichen für Hoffnung, es gibt aber auch Anzeichen für Kritik. Der tiefere Grund, warum wir heute wieder mehr denn je übers Gemeinwohl reden, ist tatsächlich die von Ihnen beobachtete und auch von uns diagnostizierte Gefühlslage der Entsolidarisierung, Fragmentierung und des Auseinanderfallens. Und je mehr etwas auseinanderfällt, desto eher besteht der Bedarf über das Gemeinsame zu reden.

Der Gemeinwohlatlas:

Prof. Dr. Timo Meynhardt, Mitinitiator des Public Value Awards
Prof. Dr. Timo Meynhardt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gemeinwohl bedeutet, dass sich Individuen in ihrem sozialen Umfeld wohlfühlen und dieses als positiv wahrnehmen. Der Gemeinwohlatlas widmet sich dabei der Frage, welcher gesellschaftliche Nutzen von deutschen sowie internationalen Organisationen und Institutionen ausgeht.

2019 wurde dies bereits zum zweiten Mal untersucht. Hierfür nahmen knapp 12.000 Personen an der Befragung teil und konnten die Organisationen bewerten. Um zu untersuchen, wie groß die Auswirkung auf das Gemeinwohl aus Sicht der Bürger und Bürgerinnen tatsächlich ist, wurden vier Kategorien angewandt: Aufgabenerfüllung, Zusammenhalt, Lebensqualität und Moral.

Diese vier Dimensionen gehen auf eine vergleichende Studie des amerikanischen Psychologen Seymour Epstein zurück und identifizieren menschliche Grundbedürfnisse. Erhält eine Institution eine gute Bewertung in diesen vier Kategorien, wird der Anteil am Gemeinwohl hoch eingestuft. Federführend bei der Erstellung des Gemeinwohlatlasses war Prof. Dr. Timo Meynhardt.

Nicole Franz
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über die Autorin Seit August 2019 ist Nicole Franz im Rahmen eines Praktikums beim MDR SACHSEN-ANHALT. Währenddessen hat sie vor allem die Beitragsserie zum "Gemeinwohlatlas" fürs Radio und für die Website umgesetzt. Gebürtig kommt Nicole Franz aus Würzburg, lebt aber seit zwei Jahren in Leipzig. Ihre ersten Erfahrungen in Sachsen-Anhalt gefallen ihr sehr gut: "Ich gehe gerne an der Elbe spazieren oder esse ein Eis in der Magdeburger Innenstadt". Durch ihre Beitragsserie konnte sie auch weitere Teile Sachsen-Anhalts kennenlernen, unter anderem den Harz, die Altmark und den Saalekreis.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 25. September 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2019, 12:56 Uhr

1 Kommentar

August vor 11 Wochen

Das Gemeinwohl ist die Zufriedenheit mit allem was die ''Gesellschaft'' zu bieten hatt und für jung und alt. Warum schaffen es gewisse Parteien die alles in Frage stellen immer mehr an zuspruch zu bekommen wo uns doch die Sonne aus dem
A. scheint. Wir feiern am 3 Oktober Tag der Deutschen Einheit und sind denoch ideologisch gespalten weil die DDR als Zombie noch allgegenwärtig ist hier im Osten. Wir sind Deutsche und die Gruppe OOMPH bringt es auf den Punkt das
schönste hier auf Erden ist Hassen und gehasst zu werden kein Liebeslied.

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