Blick durch Lkw-Seitenspiegel
Mit einem vorgeschriebenen Abbiege-Assistenten könnten 60 Prozent der tödlichen Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern verhindert werden. Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Einbau freiwillig – Gesetz fehlt Abbiege-Assistent kann Leben retten

Lkw rollen mit bis zu 40 Tonnen über den Asphalt. Dagegen haben Radfahrer kaum eine Chance. Viel zu häufig befinden sie sich im Toten Winkel und werden übersehen. Ein Abbiege-Assistent könnte helfen, Radfahrer rechtzeitig zu erkennen. Doch der Einbau ist bislang freiwillig.

von Hagen Tober, MDR SACHSEN-ANHALT

Blick durch Lkw-Seitenspiegel
Mit einem vorgeschriebenen Abbiege-Assistenten könnten 60 Prozent der tödlichen Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern verhindert werden. Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Sogenannte Ghost-Bikes, weiße Fahrräder tauchen immer mehr in unseren Städten auf. Meist stehen sie an Kreuzungen und Einmündungen. Hier ist ein Radfahrer bei einer Kollision mit einem Lkw gestorben. Das passiert in Deutschland im Schnitt jede zweite Woche. Wie können Radfahrer geschützt werden? Zwar gibt es Technik, die solche Unfälle verhindert, doch kein Gesetz das deren Einsatz vorschreibt.

Schulterblick im Lkw nicht möglich

Blick durch Lkw-Seitenspiegel
Eingeschränkte Sicht vom Lkw-Spiegel aus Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Die Spedition Hövelmann in Haldenleben leistet sich den Luxus eines Fahrertrainers. Christian Niebylski sensibilisiert seine Kollegen vor allem in punkto Toter Winkel – eine Prophylaxe zur Verhinderung schwerer Kollisionen zwischen Radfahrer und Lkw. Christian Niebylski sagt, der Lkw ist eigentlich ein gefährlicher Arbeitsplatz. Immerhin rollen da bis zu 40 Tonnen Masse über den Asphalt. Und gegen 40 Tonnen hat ein Radfahrer kaum eine Chance.

Die heutige Verkehrsdichte verlangt Kraftfahrern höchste Konzentration ab. Den Schulterblick nach rechts, den jeder Fahrschüler als erstes lernt, der funktioniert in einem Lkw nicht. Da schaut der Kraftfahrer auf die Kabinenwand.

Abbiege-Assistent per Gesetz gefordert

Dass die Technik, die solche Unfälle verhindert, nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, versteht Norman Dreimann vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub Magdeburg gar nicht. Er sagt, Speditionen müssten Gewinn erwirtschaften und sie sparen heutzutage an jedem Ende, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das Anschaffen eines Abbiege-Assistenten müsse die Politik gesetzlich regeln. Dann käme kein Spediteur mehr an dem System vorbei.

Lkw-Reifen und -Karosserie
Hinter dem schwarzen Deckel steckt der Sensor für den Abbiege-Assistenten. Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Inzwischen setzt sich das Bundesverkehrsministerium bei den Vereinten Nationen für die Ausrüstung schwerer Lkw mit Abbiege-Assistenz-Systemen ein. Dort wird auch das weitere Vorgehen zum verpflichtenden Einbau dieser Systeme beraten. In diesem Gremium sind neben Experten aus den EU-Mitgliedsländern auch die internationalen Lkw-Hersteller vertreten. Es gilt Kriterien für die Prüfung von Abbiege-Assistenz-Systemen festzulegen und international zu vereinheitlichen, um sie anschließend über die EU-Typgenehmigungsvorschriften verbindlich einzuführen. Bis dahin bleibt der Einsatz vom Abbiege-Assistenten freiwillig.

Lediglich ein Hersteller hat Assistenten im Angebot

Dreieckschalter an Lkw-Fenster
Im Gefahrenfall blinkt das Dreieck rot und gibt ein lautes Signal. Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Als einziger Lkw-Hersteller bietet Mercedes-Benz seit 2016 einen elektronischen Assistenten an, der Objekte vor und neben dem Fahrzeug erkennt. Eine Software sorgt dafür, dass im Gefahrenfall ein gelbes oder rotes Warnlicht blinkt und ein eindringlicher Signalton erklingt.  

Laut Herstellerverband VDA entwickeln auch andere Firmen Warnsysteme. Sie werden aber noch nicht angeboten. Mercedes Benz hat 2017 bei jedem vierten in Deutschland ausgelieferten Lkw den Abbiege-Assistenten eingebaut. Doch immer noch scheuen Speditionen die Investition in das lebensrettende System.

Harzer Spediteur investiert und zieht positive Bilanz

Lkw mit Werbung von Harzer Schmalspurbahnen
Spedition Otto setzt freiwillig auf Abbiege-Assistenten. Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Die Otto Spedition in Benneckenstein im Harz hat sich jetzt Fahrzeuge mit dem Abbiege-Assistenten angeschafft. Mit Zusatzkosten von 1.500 Euro pro Lkw. Der Spediteur zieht inzwischen eine positive Bilanz. Der Abbiege-Assistent macht den Alltag der Kraftfahrer sicherer. Denn mit dem Trauma einen tödlichen Unfall verursacht zu haben, will hier keiner leben.

Wäre der Abbiege-Assistent Pflicht, könnten nach Angaben der Unfallforschung der Versicherer 60 Prozent der tödlichen Kollisionen zwischen Radfahrern und Lastwagen verhindert werden.

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Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 20. Februar 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2018, 20:30 Uhr

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4 Kommentare

22.02.2018 10:57 Ralf 4

Sehr geehrter Herr Schnuffel 15, ich gebe Ihnen recht, es wäre im Sinne der LKW Fahrer. Schließlich ist es für die Fahrer ein Trauma wenn eine Person wegen fehlens dieser Sicherheitseinrichtung jemand zu Schaden oder zum Tode kommt. Ich finde es nur trauig das die EU solch eine Errungenschaft nicht von heute auf morgen verabschiedet. Auch wenn die Spediteure jammern. Ein Menschenleben muss immer an erster Stelle stehen, und nicht immer nur das Kapital!!
Darum wünsche ich mir von der EU , dass es für solch wichtige Entscheidungen sofort, ohne wen und aber dieses zum Wohl der Menschen entschieden wird.
Ich zahle auch gerne solche Sicherheitssysteme für mein Auto! Dadurch werde ich schließlich damit unterstützt. Auch wir machen Fehler!

21.02.2018 22:22 MD-Radler 3

Solche Assistenzsysteme können ein sinnvoller Beitrag zur Sicherheit sein, wenn sie denn auch aktiviert sind (siehe Notbremssysteme bei LKW).

Mindestens genauso wichtig, wenn nicht wichtiger ist eine sichere Infrastruktur für Radfahrer und Fußgänger. Straßenkreuzungen müssen sicher gestaltet werden. Das geht! Es gibt genug Beispiele aus den führenden Fahrradnationen. Hier können die Kommunen mit kleinem Einsatz sofort loslegen, wenn sie denn wollten.

Leider muss scheinbar immer erst etwas passieren, bevor die Infrastruktur Thema wird.

Als Beispiel führe ich mal den Radstreifen in der Trothaer Straße in Halle an, wo Radaktivisten seit einiger Zeit intensiv Verbesserung für die Gefahrenstelle fordern, aber nur hingehalten werden. Oder den Westring in Magdeburg, auf dem jeden Tag zu fast jeder Zeit die Radfahrspur im Kreuzungsbereich zugeparkt ist, auch hier passiert nichts!

Die Städte sind nur lebenswert mit Menschen und nicht wenn sie nur für Autos optimiert sind.

21.02.2018 21:35 Schnuffel 15 2

Sehr geehrter Herr Ralf, ich verstehe Ihre Ansichten. Leider sind diese rechtlich betrachtet nicht realisierbar. Ich bin als Kraftverkehrsmeister und freier Dozent für Güter.-und Personenverkehr in vielen Unternehmen zu Gast. Und glauben Sie mir, die Fahrer wollen diese Systeme. Es bringt aber nichts diese Systeme national verpflichtet zu verbauen wenn der Rest der EU Mitgliedsstaaten sich weigert. Ein nicht unerheblicher Teil des Güterkraftverkehrs wird nämlich von ausländischen Fuhrunternehmen durchgeführt. Deswegen ist es wichtig und richtig, dass eine grenzüberschreitende Lösung gefunden wird. Warum das Jahre dauert und täglich Radfahrer verletzt werden oder gar sterben weiß ich auch nicht. Aber bitte denken Sie daran, ohne die Jungs und Mädels auf den LKW, wäre unser Kühlschrank leer!7