Jemand hält die Postkarte mit dem Spruch "Ich bin #Journarrator" in die Kamera.
Das "Journarrator"-Projekt setzt sich für Transparenz im Journalismus ein. Jeder kann mitmachen. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Das "Journarrator"-Projekt Für mehr Transparenz im Journalismus und gegen Hasskommentare

Beleidigungen scheinen im Internet immer normaler zu werden. Sie richten sich vermehrt gegen Journalisten und deren Arbeit. Auch unter Artikeln von MDR SACHSEN-ANHALT sind immer wieder Begriffe wie beispielsweise "Fake News" und "Lügenpresse" zu lesen. Das "Journarrator"-Projekt von Redakteurin Johanna Daher will die Beziehung zwischen Nutzern und Journalisten verbessern, indem es den Journalismus transparenter macht.

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

von Johanna Daher, MDR SACHSEN-ANHALT

Jemand hält die Postkarte mit dem Spruch "Ich bin #Journarrator" in die Kamera.
Das "Journarrator"-Projekt setzt sich für Transparenz im Journalismus ein. Jeder kann mitmachen. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

"Lügenpresse" und "Fake News": Solche Kommentare lesen Journalistinnen und Journalisten immer wieder unter ihren Artikeln. Dass die Rückmeldungen der Nutzerinnen und Nutzer noch hasserfüllter sein können, wurde spätestens nach dem Todesfall des 22-Jährigen aus Köthen im September deutlich. Knapp 42 Prozent der Kommentare, die auf der Homepage des MDR SACHSEN-ANHALT unter die Artikel zu diesem Thema geschrieben wurden, konnten wir als Online-Redakteure nicht freischalten. Die Gründe: Die Kommentare waren ausländerfeindlich oder enthielten Drohungen und Beleidigungen.

Beleidigungen gegen Journalisten

Der Ton im Internet scheint rauer geworden zu sein. Früher dachten viele, dass das daran liegt, dass jeder dort einfach mit Synonym oder Pseudonym seinen Frust loswerden kann. Aber das ist es nicht mehr. Diese Hasskommentare werden meistens unter Klarnamen geschrieben. Sie richten sich sowohl gegen andere Nutzer und Protagonisten von Geschichten als auch gegen die Medienhäuser und Journalisten.

Dabei sind gerade die vermehrten "Lügenpresse"- und "Fake-News"-Rufe mehr als bloße Beleidigungen. Vor allem extreme politische Parteien nutzen diese Ausdrücke, um ihre Anhänger gegen die Medien aufzuspielen, weil sie kritisch über diese Parteien berichten. Seit dem Start der Pegida-Demonstrationen in Dresden in 2014 werden diese Begriffe beispielsweise verstärkt genutzt. Da steckt also ein gewisses Kalkül dahinter. Journalismus hat aber die Aufgabe zu kritisieren, zur politischen Meinungsbildung beizutragen und zu informieren. Wenn das nicht mehr der Fall wäre, wäre das eine Gefahr für die Demokratie.

Das Journarrator-Projekt für mehr Transparenz

Gleichzeitig habe ich als Online-Redakteurin beim MDR SACHSEN-ANHALT das Gefühl, dass die Gespräche zwischen den Nutzern und den Journalisten nicht auf Augenhöhe stattfinden. Überspitzt gesagt halten einige User die Medienakteure generell für Lügner. Manche Journalisten wiederum fühlen sich von den Usern oft angegriffen und beleidigt. Ganz oft merke ich das aber, wenn ich eine der Social Media-Schichten habe und die Kommentare der Nutzer auf unserer Homepage oder bei Facebook lese. "Ihr lügt doch eh nur, alles Fake News", kann man da immer wieder lesen, genau wie "Systempresse. Ihr schreibt doch eh nur das, was Merkel euch vorgibt".

Ich glaube, die Hasskommentare würden nicht so oft verfasst, wenn die User wüssten, wie Journalisten genau arbeiten. Wieso sie so berichten, wie sie berichten. Wenn die Nutzer sie einfach besser kennen würden und es eine persönliche Beziehung gäbe. Diese Fragen beschäftigen mich auch privat. Deshalb habe ich das "Journarrator"-Projekt gegründet. Das ist eine Wort-Neuschöpfung aus den Begriffen "Journalist" und "Narrator" (Englisch für Erzähler). Es geht dabei darum, dass Journalisten Einblick in ihre Arbeit geben. Was haben sie gemacht? Was beschäftigt sie? Welche Probleme haben sie? Wieso haben sie das Thema auf eine bestimmte Weise umgesetzt?

Journarrator-Projekt: Wie kann die Umsetzung aussehen?

Damit diese Einblicke nicht in der Journalisten-Filterblase passieren, nutzen alle, die bei dem Projekt mitmachen wollen, den Hashtag #Journarrator in den sozialen Netzwerken Twitter, Facebook, Instagram und Youtube. So kann der Austausch da stattfinden, wo ich den Hasskommentaren begegne: im Internet. Ganz leicht für jeden einsehbar und einfach zum Mitmachen. Bei der Umsetzung sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Es kann ein kurzer Tweet bei Twitter sein, der ein Problem schildert. Es können aber auch längere Blog-Artikel sein, die Hintergründe liefern. Auch Videos, Podcast-Folgen und Bilder bei Instagram sind möglich. Je nachdem, was zu dem Journalisten, der über seine Arbeit berichtet, passt. Beispiele dafür gibt es hier: "Ideen für Journarrator – So kannst du mitmachen"

Was können Nicht-Journalisten tun? Fragen stellen. Sich aktiv daran beteiligen, hinter die Kulissen schauen. Denn alle können dafür sorgen, dass die Gespräche auf Augenhöhe wieder möglich werden und weniger Hass stattfindet. Dafür benötigt es beide Seiten. Journalisten, die ins Leere reden oder schreiben, machen keinen Sinn. Jeder ist wichtig und wird dafür dringend gebraucht. Auch die neue Rubrik "Wieso, weshalb, warum" auf der Homepage des MDR SACHSEN-ANHALT soll genau dazu beitragen: Transparenz im Journalismus, Einblicke hinter die Kulissen und darüber mit den Nutzern ins Gespräch kommen.

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Über die Autorin Seit Februar 2018 ist Johanna Daher Teil der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Ihr typischer Satz in den sozialen Medien beschreibt sie ihrer Meinung nach ziemlich gut: "Christin, Journalistin und Optimistin mit einer Liebe zum Multimedialen, Interaktiven und Programmieren." Johanna Daher kommt gebürtig aus Nordhessen, hat in Dortmund Journalistik und in Wernigerode an der Hochschule Harz "Medien- und Spielekonzeption" studiert.

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Quelle: MDR/jd

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2018, 14:54 Uhr

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1 Kommentar

12.11.2018 15:56 Bernd L. 1

Journalismus hat die Aufgabe zu informieren, sachlich, neutral, wahrheitsgemäß und sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, auch mit einer gute nicht (H.j Friedrichs). Leider ist das in den öffentlichen Medien eher die Seltenheit. Daher kommt die Unzufriedenheit mit den Medien.