Datenwoche Trockenheit "Kräht der Hahn auf dem Mist, ..." – Was an Bauernregeln dran ist

Julia Heundorf
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Der Erfolg von landwirtschaftlicher Arbeit hängt stark vom Wetter ab. Früher orientierten sich Bauern an ihren Erfahrungswerten. Daraus entwickelten sie die sogenannten Bauernregeln. Welche Rolle diese kleinen Weisheiten heutzutage noch spielen – und ob überhaupt was dran ist – erklären Landwirte und ein Wissenschaftler. Teil 5 der Datenwoche Trockenheit.

Collage: Eine landwirtschaftliche Maschine im Einsatz und ausgetrockneter Boden
Collage: Eine landwirtschaftliche Maschine im Einsatz und ausgetrockneter Boden. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Westend61/YAY Images | Collage MDR

Landwirte sind zu 100 Prozent wetterabhängig, sagt Phillip Krainbring, der "Erklärbauer" aus der Börde. Auf seinem Instagram-Profil gibt er seinen Followern einen Einblick in die Arbeit als Landwirt. Ende April veröffentlichte er das Foto eines rot leuchtenden Horizonts und schrieb, die schönen Sonnenauf- und -untergänge seien für ihn jedes Mal ein Highlight und dann: "Die Trockenheit macht mir schon wieder große Sorgen."

Von der Bauernregel zur Wetter-App

Mit dem Smartphone kann Phillip Krainbring auf dem Acker Fotos machen, sie bei Instagram für die ganze Welt hochladen. Und er kann seine Wetter-App aufmachen und sich die Vorhersage für die nächsten Tage und sogar Wochen ansehen. Wo immer er gerade ist.

Erklärbauer Phillip Krainbring aus Hohendodeleben Börde
Phillip Krainbring erklärt seinen Followern auf Instagram Landwirtschaft. Bildrechte: MDR/Mario Köhne

Aber Smartphones sind erst seit einem guten Jahrzehnt Teil des Alltags. Das Internet wurde erst vor etwa 30 Jahren erfunden und sogar die Meteorologie selbst ist eine eher junge Wissenschaft.

Aber es gab Bauernregeln. Bernd Dohmen, Professor für Agrarwissenschaft an der Hochschule Anhalt erklärt: "Da es früher keine Wettervorhersagen auf Basis hochkomplexer Computermodelle und Wettersatelliten gab, mussten sich die Menschen auf ihre Beobachtungen verlassen." Diese hätten sie dann über Jahrhunderte zu ‚Gesetzmäßigkeiten' verdichtetet, teilweise in lustige Reime umformuliert und Namenstage als Fixpunkte verwendet.

Diese Arten von Bauernregeln gibt es

Prof. Bernd Dohmen erklärt: "Allgemein können die Bauernregeln in folgende Gruppen gegliedert werden:

  • Wetterregeln
  • Witterungsregeln
  • Ernteregeln
  • Kalendergebundene Klimaregeln
  • Tier- und Pflanzenregeln."

"Gehen die Eisheiligen ohne Frost vorbei, schreien die Bauern und Winzer juchhei."

Im Mai gehören zu den Namenstagen zum Beispiel die Eisheiligen vom 11. bis 15. Tag des Monats: "Mamertus, Pankratius und hinterher Servatius, sind gar gestrenge Herrn, die ärgern die Bauern und auch die Winzer gern." Oder "Gehen die Eisheiligen ohne Frost vorbei, schreien die Bauern und Winzer juchhei." Bauern haben vermutlich über Jahre hinweg beobachtet, dass die Temperaturen an diesen Tagen Mitte Mai immer wieder stark sinken.

In diesem Jahr waren sie sehr frostig. Sachsen-Anhalts Obstbauern hätten teilweise hohe Ernteeinbußen, sagt die studierte Landwirtin Caroline Lichtenstein vom Bauernverband. Im schlimmsten Fall werden die Tage so kalt, dass Pflanzen aufhören zu wachsen.

"Mai kühl und nass, füllt des Bauern Scheun' und Fass"

Glaubt man den Bauernregeln muss es im Januar kalt sein und schneien, im Februar soll es nicht regnen, aber auch die Sonne soll nicht scheinen. Der März soll noch trocken bleiben, aber im April und Mai regnen.

Die Landwirte und der Wissenschaftler sind sich einig, dass eine Bauernregel stimmt: "Ist der Mai kühl und nass, füllt's dem Bauern Scheun' und Fass." Phillip Krainbring erklärt: "Im Mai passiert viel." Die Getreidepflanze hat im Mai einen Entwicklungsschub. Bei Hitze und Trockenheit ging sie stattdessen in den Notfallmodus und reduziere etwa Pflanzenteile.

Professor liest im Hörsaal aus dem Buch Bauernregeln.
Prof. Bernd Dohmen liest in einer Vorlesung aus dem Buch "Bauernregeln". Bildrechte: Bernd Dohmen

Bernd Dohmen hat mit einem Team auf Versuchsflächen bei Bernburg vor etwa zehn Jahren die Bedeutung der Temperatur- und Niederschlagsverteilung für Weizenerträge durchgeführt.

Die Bedeutung des Maiwetters sei dabei durchaus erkennbar gewesen: "Wenn man nämlich die Niederschlagssummen der Monate März bis Juni und die Durchschnittstemperaturen von April bis Juni betrachtet, erhält man die höchsten signifikanten Korrelationen zum Ernteertrag, 0,66 beziehungsweise -0,57."

Ein vereinfachtes Ertragsprognosemodell, das nur diese beiden Größen heranzog, habe über 60 Prozent der Ertragsschwankungen der untersuchten Jahre ‚erklären.'"

Dies ist beachtlich und zeigt, dass auch in der modernen Landwirtschaft das Wetter in diesen Monaten über Gewinn oder Verlust entscheidet.

Prof. Bernd Dohmen Hochschule Anhalt

Eine Auswahl an Bauernregeln

Januar: Januar muss vor Kälte knacken, wenn die Ernte gut soll sacken.
Eis und Schnee im Januar, künden ein gesegnet' Jahr. 
Regen im Januar, bringt die Saat in Gefahr.

Februar: Wenn's im Februar regnerisch ist, hilft's soviel wie guter Mist.
Je nasser der Februar, desto nasser wird das ganze Jahr.
Ist der Februar trocken und kalt, kommt im Frühjahr Hitze bald.
Weißer Februar stärkt die Felder.

März: Gibt's im März viel Regen, bringt die Ernte wenig Segen.
Im Märzen kalt und Sonnenschein, wird's eine gute Ernte sein.

April: April warm und nass, tanzt die Magd ums Butterfass.
Regen im April, jeder Bauer will.
April windig und trocken, macht alles Wachstum stocken.

Mai: Trockener Mai – Wehgeschrei, feuchter Mai bringt Glück herbei.
Donnert's im Mai recht viel, hat der Bauer ein gutes Spiel.

Juni: Soll Feld und Garten wohl gedeihn, dann braucht's im Juni Sonnenschein.
Juni, feucht und warm, macht keinen Bauern arm.
Ist der Juni warm und nass, gibt's viel Korn und noch mehr Gras.

Juli: Wenn im Jul' das Vieh nicht schwitzt, es im August oft donnert und blitzt.
Soll gedeihen Obst und Wein, muss der Juli trocken sein.
Juli Sonnenstrahl gibt eine gute Rübenzahl.

August: Der August muss Hitze haben, sonst Obstbaumsegen wird begraben.
Ein trockener August hat die Leute noch nie arm gemacht – ein nasser schon.
Bringt der August viel Gewitter, wird der Winter kalt und bitter.

September: Septemberregen ist für Saat und Vieh gelegen.
Ein warmer September ist des Jahres Spender.

Oktober: Bringt der Oktober viel Regen, ist's für die Felder ein Segen.
Nichts kann mehr vor Raupen schützen, als wenn der Oktober erscheint mit Pfützen.

November: November warm und klar, wenig Segen fürs nächste Jahr.
November nass, bringt jedem was.

Dezember: Es folgte noch allezeit und immerdar auf kalten Dezember ein fruchtbar Jahr.
Auf kalten Dezember mit tüchtigem Schnee folgt ein fruchtbar Jahr mit reichlich Klee.

Im Juni soll es den Bauernregeln nach also noch regnen, aber die Sonne muss genauso scheinen, Juli und August sollen trocken und heiß sein. Ab September darf es wieder regnen bis zum Dezember: Kälte und Schnee sind erwünscht.

Juli und August sind Erntemonate. Das Getreide verliere bei zu viel Nässe dann an Qualität, sagt Caroline Lichtenstein. Mais und Rüben bräuchten noch Feuchtigkeit. Im Winter soll es schneien.

Aber: "Frost ist schlecht," erklärt die Landwirtin – die Pflanzen könnten erfrieren –, "aber die Schneedecke schützt das Getreide vor dem Erfrieren. Wintergetreide braucht den Kältereiz."

Maiwetter "kriegsentscheidend"

Liest und hört man das alles, bleibt die bange Frage: Was, also, wenn das Wetter eben nicht mitspielt? Wenn es beispielsweise im Mai nicht regnet? Bernd Dohmen sagt, "zwischenzeitlich [hat] der Klimawandel die Getreideernte immer weiter nach vorne verlagert, so dass die Maiwitterung heutzutage auch auf mittleren und guten Böden eine immer größere Rolle für die Getreideerträge in unserer Region spielt."

Vor allem wenn – wie in den letzten Jahren – die Winterniederschläge die Böden nicht mehr aufgefüllt hätten. Dann würde der Mairegen "kriegsentscheidend."

Praktisch sei da auch nicht viel zu machen, sagt Phillip Krainbring. Einige Regionen in Sachsen-Anhalt würden in Bewässerungstechnik investieren, so zum Beispiel ein Betrieb in Niederndodeleben. So eine Bewässerung sei aber teuer und gehe ans Grundwasser.

In seinem Betrieb gebe es vorerst Überlegungen Sonderkulturen anzubauen. Neben Weizen, Raps, Mais und Zuckerrüben würde er dann etwa Kartoffeln, Gemüse oder Salat anbauen. Die würden dann auch bewässert – weil es sich lohnt.

Landwirte müssen aktiv mit dem Risiko arbeiten

Außerdem könne man auf widerstandsfähigere Sorten setzen, so Caroline Lichtenstein, und die Fruchtfolge anpassen.

Blonde junge Frau steht auf einem Feld
Caroline Lichtenstein vom Bauernverband. Bildrechte: Caroline Lichtenstein

Aber: Ungünstige Witterung habe eben Auswirkungen auf die Entwicklung der Ackerkulturen und die Erträge.

Professor Dohmen rät zur "Diversifikation des 'Produktportfolios'": Raps- und Getreidekulturen würden untereinander korrelieren. Zuckerrüben- und Maiserträge stünden aber nicht im Zusammenhang mit Getreide und Rapserträgen. "Fruchtfolgen mit relativ hohen Getreide- und Rapsanteilen sind daher risikoreicher als Fruchtfolgen mit einem entsprechenden Anteil der Sommerungen im Portfolio."

Er vergleicht das mit einem Aktienportfolio: "Wenn Sie nur Automobilaktien – VW, Ford, BMW etc. – im Korb haben, dann haben Sie schlecht ‚gemischt', da die Kursbewegungen dieser Aktien untereinander positiv korrelieren."

Die Bedingungen ändern sich mit der Zeit

Die passende Bauernregel dazu hat er auch parat: "Drei Ernten braucht der Landwirt, eine auf der Bank, eine in der Scheune und eine auf dem Halm". Im Agrarrisikomanagement gäbe es dafür einen technischeren Ausdruck: "Risikoakzeptanz mit Rücklagenbildung". Heute werde sie von den meisten Landwirten nicht realisiert und könne auch gar nicht mehr umgesetzt werden, weil die Erlös-Kosten-Situation es nicht mehr hergebe.

Risikomanagement sei auch im Hinblick auf den Klimawandel notwendig, erklärt Bernd Dohmen. Die Vegetationsperiode sei heute länger als noch vor 50 Jahren. Pflanzen, die den nahenden beziehungsweise einsetzenden Frühling anzeigen, darunter Schneeglöckchen, Forsythie und Apfel, würden inzwischen im Schnitt etwa drei Wochen früher blühen als noch Mitte des 20. Jahrhunderts. "Die Erntezeiten sind heute circa zehn Tage früher als noch zu den Zeiten, als ich meine Praktika auf Bauernhöfen absolviert habe", sagt der Professor.

Mit dem Wetter Geld verdienen

"Im Rahmen des Klimawandels werden auf vielen Standorten daher Risikomanagement-Instrumente erforderlich, die das zunehmende Produktionsrisiko teilweise auf Dritte übertragen", so der Agrarwissenschaftler. Es gebe Wetterderivate, also Wertpapiere, mit denen sich Unternehmen gegen negative Auswirkungen ungünstiger Wetterlagen absichern könnten.

"So macht beispielsweise die regionale Tourismusbranche keine guten Geschäfte, wenn der Mai verregnet ist,", erklärt Bernd Dohmen, "Landwirte aber würden sich darüber freuen." Bei diesen Derivaten würde für beide Seiten ein Index aus der Niederschlagssumme beispielsweise für Mai gebildet.

Sinkt die Niederschlagsmenge dann unter 35 Millimeter, würde dem Bauern ein Betrag x für jeden Millimeter unter diesem Niederschlagswert ausgezahlt. Die Tourismusbranche gehe leer aus – habe aber den guten Umsatz auf ihrer Seite. Landwirte würden diese Wetterderivate aber selten kennen oder  sie als "Hexenwerk" sehen.

Eine Bauernregel kennen Phillip Krainbring, Caroline Lichtenstein und Professor Bernd Dohmen und sich einig: Die stimmt jedes Mal. Sie lautet: "Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder es bleibt wie es ist."

Über Bernd Dohmen

Prof. Dr. Bernd Dohmen ist Professor für Agrarmanagement und Studienberater für die Studiengänge in der Landwirtschaft an der Hochschule Anhalt.  Er hat in Bonn studiert, promoviert und als Wissenschaftler gearbeitet. In Buenos Aires arbeitete er in den Achtziger Jahren im Farm-Management, in Berlin im Agro-Produktmanagement.

Über Phillip Krainbring

Phillip Krainbring ist gelernter und studierter Landwirt und arbeitet in einem Betrieb im Landkreis Börde. Auf seinem Blog namens "Erklärbauer" und auf Facebook und Instagram informiert er über die Arbeit in der Landwirtschaft.

Über Caroline Lichtenstein

Caroline Lichtenstein, ist auf einem Ackerbaubetrieb in nördlichen Saalkreis aufgewachsen und hat Agrarwissenschaften in Halle studiert. Sie arbeitet beim Bauernverband Sachsen-Anhalt als Referentin für Tierhaltung.

Das sind die Themen der Datenwoche Trockenheit

MDR SACHSEN-ANHALT sucht in der Datenwoche zum Thema Trockenheit in Sachsen-Anhalt nach Antworten, spricht mit Landwirten und Wissenschaftlern über Trockenheit und Dürre.

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 31. Mai 2020 | 19:00 Uhr

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