Interview mit Mamad Mohamad Umgang mit Alltagsrassismus: "Wer schweigt, stimmt zu"

Durch die Bewegung "Black Lives Matter" wurde kürzlich auch in Sachsen-Anhalt wieder gegen Alltagsrassismus demonstriert. Mamad Mohamad vom Landesnetzwerk für Migrantenorganisation fordert mehr Zivilcourage und erklärt, was jeder gegen Rassismus tun kann.

Mamad Mohamad
Mamad Mohamad ist Geschäftsführer des Landesnetzwerks für Migrantenorganisation (LAMSA). Bildrechte: dpa

Herr Mohamad, wie bewerten Sie die Demonstrationen der Bewegung "Black Lives Matter" in Sachsen-Anhalt?

Mohamad: Sie sind Ventile im Umgang mit Alltagsrassismus. Eine Möglichkeit, um Rassismus sichtbar zu machen. Das ist auch ganz wichtig, dass Menschen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, dafür auf die Straße gehen. Alltagsrassismus ist auch in Sachsen-Anhalt jeden Tag präsent. Deshalb ist es auch wichtig, dass die schweigende Mehrheit kleiner wird.

Was meinen Sie damit?

Dass mehr Leute den Mut haben sollten, die Auseinandersetzung zu suchen, wenn sie Alltagsrassismus erleben. Wir brauchen einfach mehr Zivilcourage. Wenn ein Verwandter bei einer Familienfeier zum Beispiel einen rassistischen Spruch bringt, vielleicht aus Spaß, dann kann ich ihn fragen, warum er das denkt, warum er das sagt. Wer schweigt, stimmt zu. Rassismus gibt es nicht erst seit der Black-Lives-Matter-Bewegung und dieses Problem wird auch nicht so schnell verschwinden. Wir alle müssen etwas dagegen tun.

Über LAMSA

Mamad Mohamad ist Geschäftsführer des Landesnetzwerks für Migrantenorganisation, kurz LAMSA. Der gebürtige Syrer lebt seit 25 Jahren in Deutschland. LAMSA vertritt die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der Bevölkerung mit Migrationshintergrund.

Was können die Menschen gegen Alltagsrassismus tun?

Zum einen: darüber reden, ihn sichtbar machen. Deshalb sind solche Demos ganz wichtig. Betroffene sollten solche Vorfälle außerdem nicht runterschlucken, sondern sich Hilfe bei Beratungsstellen suchen. Ihnen muss klar sein, dass sie nicht das Problem sind, sondern die anderen, die rassistische Äußerungen von sich geben. Diejenigen, die sich gegen Rassismus einsetzen, sollten sich außerdem gegenseitig unterstützen, sich Mut machen und Allianzen bilden mit Menschen und Organisationen, die ähnliche Probleme haben.

#MDRklärt Fünf Tipps gegen Alltagsrassismus

5 Tipps gegen Alltagsrassismus  Auf dem Bild sind zwei Schokoküsse auf einem Teller.
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk
5 Tipps gegen Alltagsrassismus  Auf dem Bild sind zwei Schokoküsse auf einem Teller.
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Sprechen Sie MEnschen direkt an, die sich rassistisch verhalten.
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Unterstützen Sie andere, die sich gegen Rassismus stark machen.
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Ziehen Sie klare Grenzen. Weisen Sie auch Familienmitglieder darauf hin, wenn sie sich rassistisch verhalten.
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Machen Sie sich und Betroffenen klar, dass Sie nicht das Problem sind, sondern diejenigen, die sich rassistisch verhalten.
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Holen Sie sich professionelle Hilfe. Ob als Betroffener oder als Helfer: Es gibt Beratungsstellen, die Tipps und Ratschläge geben.
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. Juni 2020 | 16:00 Uhr

Quelle: MDR/mx
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Wo fängt Rassismus an?

Ich habe da immer ein gutes Beispiel: Wenn mich jemand bei unserer ersten Begegnung, gleich mit der zweiten oder dritten Frage fragt, wo ich herkomme – am besten noch mit dem Nachsatz, dass ich aber gut Deutsch spreche. Da fängt Rassismus schon an, weil das im Grunde keine Rolle spielen sollte.

Welche Beispiele für Alltagsrassismus werden Ihnen von Betroffenen immer wieder geschildert?

Das geht los beim Arbeitsmarkt, wo Bewerber mit Migrationshintergrund oft benachteiligt werden. Deshalb fordern wir auch eine anonymisierte Bewerbung, ohne Foto zum Beispiel. Weiter geht es dann mit der Bezahlung: ausländische Kollegen verdienen oft weniger als deutsche in den gleichen Positionen.

Beim Wohnungsmarkt verhält es sich ähnlich. Da werden Interessenten mit ausländischem Nachnamen manchmal erst gar nicht zur Besichtigung eingeladen. Ich mache da selber regelmäßig den Test: meine Frau, die einen deutschen Namen hat, erhält eine Antwort, ich nicht, weil ich Mohamad heiße. Das ist eine Katastrophe. Denn das Resultat ist eine Selektierung. In bestimmten Stadtteilen ist der Anteil an Anwohnern mit Migrationshintergrund enorm, in anderen dagegen verschwindend gering.

Bei vielen Alltagssituationen in ganz unterschiedlichen Bereichen steckt außerdem immer eine Note Rassismus drin. Ob das in der Schule ist oder bei der Kontrolle am Bahnhof – Rassismus zeigt sich immer wieder. Dabei gibt es aber eine große Herausforderung.

Welche wäre das?

Rassismus ist ein Emotionsthema. Es ist oft schwer, das klar zu benennen. Alles, was jeden Tag auf der Straße passiert, ein abwertender Blick oder ein rassistischer Spruch, ist schlecht zu erfassen. Das passiert im Vorbeigehen, innerhalb von 60 Sekunden, aber trotzdem hinterlässt es Narben. Alltäglicher Rassismus macht die Betroffenen psychisch krank.

Du hast kaum eine Chance, jemanden anzuklagen. Die Beweispflicht liegt nur auf der Seite der Betroffenen. Das sollte sich ändern. Außerdem braucht es eine Dokumentationsplattform, auf der alle Fälle sichtbar gemacht werden.

Die "Black-Lives-Matter"-Bewegung prangert vor allem rassistisch motivierte Polizeigewalt an. Wie schätzen Sie die Situation diesbezüglich in Sachsen-Anhalt ein?

Das Vertrauen in die Polizei ist verlorengegangen. Nicht zuletzt durch den Fall Oury Jalloh, der wohl nie aufgeklärt werden wird. Außerdem schildern uns Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder, dass sie grundlos kontrolliert oder unter Verdacht gestellt werden. Also: Racial profiling ist auch in Sachsen-Anhalt ein Problem.

Und da ärgert es mich, dass Innenminister Holger Stahlknecht das Berliner Antidiskriminierungsgesetz als blödsinnig bezeichnet hat. Wenn es keine Probleme in der Polizei gibt in diese Richtung, dann könnten wir in Sachsen-Anhalt doch auch so ein Gesetz einführen. Oder wovor hat er Angst?

Über das Antidiskriminierungsgesetz

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) hat das neue Berliner Antidiskriminierungsgesetz scharf kritisiert. Er halte dieses "blödsinnige Gesetz" für ein "völlig falsches Signal an die, die jeden Tag den Rücken für uns hinhalten", sagte Stahlknecht der DPA. Das Gesetz unterstelle der Polizei, dass sie diskriminiere – das tue sie aber nicht.

Das Antidiskriminierungsgesetz (LADG) soll Menschen in Berlin vor Diskriminierung etwa wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft durch Behörden schützen. Es soll Klagen zum Beispiel gegen Polizisten erleichtern. Ein Kritikpunkt ist, durch das Gesetz werde die Beweislast umgekehrt, so dass etwa Polizisten nachweisen müssten, dass Diskriminierungsvorwürfe gegen sie falsch seien.

Das Interview führte Daniel George.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Juni 2020 | 16:00 Uhr

58 Kommentare

Erichs Rache vor 13 Wochen

@Stippe

Sie sollten vielleicht mal an Ihrer politischen Einstellung "arbeiten", dann sehen Sie auch nicht den ganzen Tag Rassisten.

Mir jedenfalls, begegnen jeden Tag MENSCHEN!

Erichs Rache vor 13 Wochen

@Stippe

Was ist denn nun die "Definition von Rassismus"???
Ich finde im Deutschen Grundgesetz als auch in dessen Kommentaren leider KEINE passende Textpassage!
Helfen Sie mir bitte weiter.

ralf meier vor 13 Wochen

@stippe: Hallo, also der Vorwurf des Herrn Mohamad ist öffentlich. Das macht es so unverschämt. Sollte mir jemand Rassismus vorwerfen, weil ich nach seinem Namen frage, würde ich ihm vielleicht noch sagen, was ich davon halte . Spätestens danach wäre das Gespräch beendet.

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