Eine Fahrradfahrerin radelt auf einem Radweg, während Autos rechts abbiegen
Reicht es, wenn Klimaschutz allein an umweltfreundlichen Handlungen des Einzelnen hängt? (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Joachim Weimann Wirtschaftswissenschaftler: Warum wir beim Klimaschutz eine politische Lösung brauchen

Aufs Auto verzichten bringt eh nichts? Joachim Weimann ist Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Magdeburg. Er hat mit einem Experiment die These widerlegt, dass die Handlung einer Einzelperson nichts bewirken kann. Warum er trotzdem für eine kollektive politische Lösung beim Klimaschutz plädiert.

Eine Fahrradfahrerin radelt auf einem Radweg, während Autos rechts abbiegen
Reicht es, wenn Klimaschutz allein an umweltfreundlichen Handlungen des Einzelnen hängt? (Symbolbild) Bildrechte: dpa

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Weimann, Sie haben mit einem Experiment eine jahrelang gültige Theorie der Wirtschaftswissenschaften widerlegt, die heißt: Der Einzelne kann mit seinem Verhalten nichts verändern. Können Sie das Ergebnis Ihres Experiments mi einem Beispiel verdeutlichen?

Joachim Weimann: Stellen Sie sich vor, 10.000 Menschen wollen ein Feuerwerk angucken. Und der Veranstalter sagt: "Wir machen das auf freiwilliger Basis. Wir stellen überall Spendendosen auf und jeder kann was reinschmeißen." Die Theorie hat bisher gesagt: Dann fällt das Feuerwerk aus. Jeder Einzelne wird überlegen: "Ob ich da ein paar Euros reintue – die tun mir zwar weh, aber am Feuerwerk ändert das gar nichts. Also warum soll ich das machen, zumal ich das Feuerwerk ja auch angucken kann, wenn ich nichts reintue?" Also wird kein Feuerwerk stattfinden.

Weimanns Experiment

Weimann ließ 5.000 Testpersonen in insgesamt vier Laboren Geldbeträge für den Klimaschutz setzen. Pro Runde hatten sie dabei 1,20 Euro zur Verfügung, insgesamt gab es zehn Runden – macht 12 Euro. Die Theorie hätte besagt, dass die Teilnehmer des Experiments in keiner Runde Geld setzten, sondern alle die 12 Euro selbst einsteckten. Allerdings zeigte sich, dass tatsächlich ein Drittel der Probanden durchaus bereit waren, Beträge für den Klimaschutz zu spenden. Weimanns Experiment hat die Theorie also widerlegt.

Was wir in unserem Experiment gezeigt haben, ist: Ganz so schlimm ist es nicht. Es wird ein Feuerwerk stattfinden, weil doch ein kleiner Teil der Leute was dazutun wird. Allerdings wird das Feuerwerk vergleichsweise mickrig ausfallen. Eine gute Lösung dagegen ist, eine kollektive Lösung herbeizuführen. Das heißt, dass man sagt: "Okay, wir sperren das Ganze ab, und jeder, der das Feuerwerk angucken will, muss fünf Euro Eintritt bezahlen." Bei 10.000 Leuten haben Sie dann 50.000 Euro, ein brillantes Feuerwerk – und jeder ist am Ende froh, dass er für nur fünf Euro dieses schöne Feuerwerk gesehen hat.

Eine Frau interviewt in einem Fernsehstudio einen Mann. 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Do 12.09.2019 11:00Uhr 05:05 min

https://www.mdr.de/mdr-um-11/video-338198.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Frau interviewt in einem Fernsehstudio einen Mann. 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Do 12.09.2019 11:00Uhr 05:05 min

https://www.mdr.de/mdr-um-11/video-338198.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Was heißt das Ergebnis auf den Klimaschutz übertragen? Greta Thunberg zieht ja derzeit ganz viele mit. Andererseits kann sich kein Mensch vorstellen, selber aufs Fliegen zu verzichten, wenn andere privat und dienstlich weitermachen wie bisher.

Das ist genau das Problem wie bei dem Feuerwerk: "Warum soll ich etwas zahlen, wenn alle anderen nichts zahlen und dann auch gucken?" Deswegen brauchen wir kollektive Entscheidungen. Politik muss hier handeln.

Und Politik muss vor allen Dingen die Last von den Einzelnen nehmen. Ihnen das schlechte Gewissen nehmen, wenn sie jetzt in den Urlaub fliegen. Das ist alles nicht notwendig, wenn wir vernünftige Klimapolitik machen, also zum Beispiel CO2-Steuer oder Emissionshandel. Dann kann jeder so handeln, wie er will: Er kann sicher sein, dass wir trotzdem eine gute Klimapolitik haben.

Frau Thunberg ist wertvoll für alle, weil sie Menschen motiviert, weil sie sie aufgerüttelt. Aber sie zeigt keine wirklich guten politischen Lösungen auf.

Kommen wir zu politischen Lösungen: Plastiktüten aus dem Verkehr zu ziehen, wäre das sinnvoll?

Prof. Joachim Weimann, Wirtschaftswissenschaftler Otto-von-Guericke Universität
Joachim Weimann, Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Magdeburg, plädiert für einen kollektiven, politisch verankerten Klimaschutz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das ist so ein schönes Beispiel dafür, was passiert, wenn man Aktivisten das Feld überlässt und nicht gute, politische Entscheidungen trifft. Natürlich haben wir ein Plastikproblem, die Weltmeere sind voller Plastik – das ist eine Katastrophe, da muss man unbedingt was tun. Aber wir haben in Deutschland eine Verwertungsquote bei Plastik, bei Kunststoff, von 99,5 Prozent. Und der Anteil von ganz Europa am Plastikmüll in den Weltmeeren liegt bei 0,28 Prozent.

Das heißt, wenn wir hier Plastiktüten verbieten, lösen wir das Problem nicht im Geringsten. Wir nehmen hohe Kosten in Kauf, aber die Lösung irgendeines Problems erreichen wir damit nicht. Das ist nur Symbolik. Wir fühlen uns vielleicht besser – aber wir tun nichts Gutes. Das ist genau das, was dabei herauskommt, wenn man immer nur an das Gewissen der Leute appelliert: "Wenn du jetzt eine Plastiktüte benutzt, dann verhältst du dich aber ökologisch völlig unkorrekt." Und deswegen nehme ich eine Papiertüte und fühle mich gut. Aber ich löse überhaupt kein Problem.

Am Ende ist ein effektiver Schutz des Klimas also nicht eine Frage der Motivation des Einzelnen?

In gewisser Weise ist die Motivation des Einzelnen natürlich auch wichtig. Weil: In einer Demokratie ist der Einzelne dazu aufgerufen, die Politiker dahin zu bringen, dass sie die guten, kollektiven Entscheidungen treffen. Also zum Beispiel beim Klimaschutz eine CO2-Steuer einführen oder den Emissionshandel ausweiten.

So könnte eine CO2-Steuer aussehen

Um den CO2-Verbrauch zu senken, sollen Produkte, die viel CO2 erzeugen – wie beispielsweise Benzin oder Heizöl – teurer werden. Das könnte über eine Steuer auf solche Produkte umgesetzt werden. Dadurch würden CO2-intensive Erzeugnisse für jeden, der sie kauft, teurer werden. Der Vorschlag kommt von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Wie hoch die Besteuerung ausfallen könnte, steht noch nicht fest.

So funktioniert Emissionshandel

31 europäische Staaten, darunter Deutschland, beteiligen sich bereits an einem sogenannten Emissionshandel. Der funktioniert so: Zunächst wird für eine bestimmte Handelszeitspanne festgesetzt, wie viel CO2 insgesamt höchstens produziert werden soll. Wenn diese CO2-Obergrenze feststeht, werden für die entsprechende Menge CO2 Zertifikate herausgegeben. Die Zertifikate stehen für die Erlaubnis, eine bestimmte Menge Treibhausgase produzieren zu dürfen. Die Kraftwerke und große Industriebetriebe dieser Staaten können diese Zertifikate nach ihrem Bedarf kaufen und auch untereinander weiterverkaufen. Insgesamt ist die Menge der verfügbaren Zertifikate nach oben begrenzt – und wird zudem in der nächsten CO2-Handelsperiode weiter reduziert.

Nun gibt es den Vorschlag, der vor allem von der CDU unterstützt wird, den Emissionshandel von Kraftwerken und großen Industriebetrieben auf Benzin und Heizöl auszuweiten.

Das führt natürlich dazu, dass die Menschen – also Sie, ich und alle anderen auch – etwas bezahlen müssen. Das wird nicht so viel sein. Aber wir kriegen für das, was wir dann bezahlen – weil wir die Steuern zahlen müssen, weil wir die Preise zahlen müssen – einen brillanten Klimaschutz. Das geht aber nur, wenn jeder Einzelne seinen Politiker dahin bringt, wo er ihn haben will.

Die Fragen stellte Andrea Horn.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 12. September 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2019, 15:01 Uhr

3 Kommentare

Bernd L. vor 11 Wochen

Ein Artikel, der sprachlos macht.
- Es werden Umweltschutz und Klimaschutz durcheinander gebracht. Das Plasteverbot ist ein Umweltproblem und die am stärksten betroffenen Gewässer sind nicht in Europa.
- Der Feuerwerkvergleich klappt beim CO2 nicht: selbst wenn Deutschland Null CO2 ausstossen würde, ändert dies am Klimaverlauf nichts. Das ist völlig nutzlos.
- Das Hauptproblem in Sachen Klima (die Überbevölkerung) wird nichtmal erwähnt- dazu fehlte dem Herrn wohl der Mut.
- Es wird die herrschende CO2 Philosophie kritiklos übernommen.
Bitte, lieber MDR, in Zukunft kompetene Leute interviewen.

W.Merseburger vor 11 Wochen

Der Autor versucht, aus der gegenwärtigen allgemeinen Hysterie zum Thema Klimaschutz etwas Dampf herauszunehmen. Allen, die den Kunstoff, wie z. B. Folien, verdammen sollten sich obige Zahlen merken: Deutschland; Verwertungsquote für Altkunststoff 99,5%; Anteil von Europa am Kunststoffmüll in den Weltmeeren: 0,28%. Natürlich muss man die Genauigkeit dieser Zahlen hinterfragen. Auch wenn sie zu niedrig ausfallen sollten, so zeigen sie, dass dieses Problem der Umweltverschmutzung durch Altkunststoffe durch Vorbildwirkung nicht gelöst werden kann.

MDR-Team vor 11 Wochen

Es handelt sich hierbei um ein Interview und keinen Autorentext.

Mehr aus Sachsen-Anhalt