Notaufnahme der Uniklinik Magdeburg
Finanzieller Notstand an den Unikliniken in Sachsen-Anhalt: Beide Kliniken sind auf Investitionen angewiesen. Bildrechte: imago/Christian Schroedter

Krankenversorgung Unikliniken in Sachsen-Anhalt kämpfen mit Investitionsstau

800 Millionen Euro braucht die Uniklinik Magdeburg bis 2030, um "konkurrenzfähig" zu bleiben, weil aus den Einzelgebäuden Fachzentren entstehen sollen. Die zweite Uniklinik Sachsen-Anhalts in Halle schrieb 2018 zum ersten Mal seit Jahren keine roten Zahlen, fordert aber ebenfalls weitere Investitionen vom Land. Zwei Kliniken zwischen Konkurrenz und Zusammenarbeit.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Notaufnahme der Uniklinik Magdeburg
Finanzieller Notstand an den Unikliniken in Sachsen-Anhalt: Beide Kliniken sind auf Investitionen angewiesen. Bildrechte: imago/Christian Schroedter

Das Problem ist mit einem Blick auf den Lageplan der Uniklinik Magdeburg schon erkennbar: Dutzende Einzelgebäude, die sich über den Campus verteilen. Ihre Nummern sind anscheinend willkürlich verteilt, Haus 60b steht neben 8, Haus 4 gegenüber der 44. Die meisten wurden Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts saniert und sind denkmalgeschützt. Manche Decken würden Schwerlastpatienten nicht mehr tragen. OP-Säle haben kaum genug Platz für moderne Geräte. In manchen Trakten steht für zehn Patienten nur eine Dusche auf dem Gang zur Verfügung.

"Selbst wenn man die alten Gebäude in Stand setzen würde, sie würden das logistische Problem, dass sie alle als Pavillons stehen, nicht lösen“, erklärt der Ärztliche Direktor Jan Hülsemann. Moderne medizinische Versorgung ist so künftig kaum noch möglich.

Fachzentren statt Einzelkliniken

Der Campus des Uniklinikums Magdeburg soll ein neues Gesicht bekommen: Statt engen Einzelgebäuden sollen Fachzentren entstehen. Etwa ein Kopf-Hals-Zentrum oder ein Mutterkind-Zentrum, das die Gynäkologie – die sich derzeit noch an der Gerhard-Hauptmann-Straße befindet – mit der Neu- und Frühgeborenenstation unter ein Dach bringt. Das würde Wege, Zeit und Aufwand sparen, Patienten quer über den Campus zu schicken. Wo möglich, sollen die alten Gebäude für neue Zwecke verwendet werden.

Die Uniklinik hat einen "Masterplan Bau 2030" erstellt. Unter oberste Priorität fallen geschätzte 142 Millionen Euro auf die wichtigsten Neu-, Um- und Erweiterungsbauten, 474 Millionen Euro für weitere Baumaßnahmen und 117 Millionen Euro sind bereits für das neue Herzzentrum bewilligt, für das ein Gebäude abgerissen wird.

Jan Hülsemann
Jan Hülsemann, Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Magdeburg Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Den laufenden Betrieb zahlen die Krankenkassen. Für Geräte und bauliche Investitionen ist das Land Sachsen-Anhalt zuständig. "In den letzten Jahren haben aber viele Bundesländer ihre Finanzierungspflichten nicht erfüllt", kritisiert Hülsemann. "Man sieht an den Summen, die an anderen Standorten geplant sind, dass unsere Zahlen nicht zu hoch gegriffen sind – wir sind als Maximalversorger schließlich in der Verantwortung um die Versorgung der Bevölkerung."

Der Verband der Universitätsklinika Deutschlands empfiehlt eine Investitionsquote von zehn bis zwölf Prozent des Gesamtumsatzes. Magdeburg liegt derzeit bei rund 4,4 Prozent.

Kritik an kurzen Planungshorizonten

Und auch aus Halle kommen Forderungen. Allerdings weniger für bauliche Maßnahmen, sagt der Ärztliche Direktor Thomas Moesta. Zwar sollen langfristig die Forschungsinstitute aus der Innenstadt auf den Mediziner-Hauptcampus ziehen, doch für den Moment sehe man sich gut aufgestellt. "Wir würden uns aber wünschen, dass besondere Aufgaben der Unimedizin besser unterstützt würden: also etwa Spielraum für Innovationsinvestitionen, das sind Technologien zwischen der ersten wissenschaftlichen Etablierung und der Etablierung im Markt", so Moesta. Hierzu wären auch längere Planungshorizonte nötig. "Die Medizin braucht eigentlich eine längerfristige Ausrichtung über fünf, sechs Jahre – nicht die politischen Jahreswirtschaftspläne", sagt der Ärztliche Direktor.

Das Universitätsklinikum Halle.
Am Uniklinikum Halle fehlen Forschungsgelder. Bildrechte: dpa

Die Magdeburger Forderung kann Moesta fachlich nachvollziehen, "auf der anderen Seite muss man auch sagen, dass die Uniklinik in Halle strukturellen Entwicklungsbedarf hätte." Das betreffe besonders die Vorklinik, die Verzahnung von Wissenschaft und klinischer Forschung. Die Mittel müssten immer sorgfältig abgewogen werden, um beide Standorte gut auszustatten.

Festgelegt auf zwei Standorte

Dass es diese Konkurrenz gibt, wurde 2013 erneut beschlossen. Damals legte sich die Landesregierung nach zahlreichen Protesten fest, beide Standorte zu erhalten. Im Vergleich zu anderen Bundesländern: Thüringen hat bei einer vergleichbar großen Landesfläche nur ein Uniklinikum, Sachsen bei doppelter Einwohnerzahl zwei. Bundesweit gibt es pro 100.000 Einwohnern im Schnitt 63 Uniklinik-Betten, in Sachsen-Anhalt sind es 93.

Ein mehrstöckiges Backstein-Gebäude der Uniklinik Magdeburg
Das Herzzentrum in Magdeburg wird erneuert. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Doch bei der Krankenversorgung ergänzen sich die Unikliniken, heißt es von beiden. Patienten aus dem Norden Sachsen-Anhalts gingen nach Magdeburg, diejenigen aus dem Süden nach Halle. In manchen Bereichen wie Transplantationen gibt es eine Aufgabenteilung: Nieren werden in Halle transplantiert, Leber in Magdeburg. "Auch im Bereich IT oder Verwaltungsstrukturen gibt es sicher noch Potenzial zusammenzuarbeiten", meint der Hallenser Moesta.

Ministerium kennt Investitionsstau

Auch für das Wissenschaftsministerium ist die Koexistenz der beiden Kliniken sinnvoll. "Der hauptsächliche Sinn und Zweck der Universitätskliniken besteht in der Unterstützung von Forschung und Lehre der jeweiligen medizinischen Fakultäten – mit anderen Worten in der Ausbildung von Medizinern. Angesichts des vorhandenen Bestandes sowie der Planung von Neu- und Ausbauten in den umliegenden Ländern ist der Erhalt der bestehenden Ausbildungsstätten ein vernünftiger Weg, dem vorhandenen Bedarf an Medizinern annähernd zu entsprechen", heißt es aus dem Ministerium. Auch dort wird von einem Investitionsstau gesprochen.

Daher werden die Investitionsbudgets für Geräte bis 200.000 Euro auch angehoben: von 6,25 Millionen Euro pro Klinik in diesem Jahr auf jeweils zehn Millionen Euro in den Jahren bis 2024. "Eine auskömmliche Finanzierung", nennt Moesta das.

An Großinvestitionen sind in den nächsten Jahren knapp 260 Millionen Euro geplant, rund 144 Millionen Euro in Magdeburg und 119 Millionen Euro in Halle. Beide können behaupten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region zu sein. In Halle arbeiten 4.000 Menschen für die Uniklinik, Magdeburg beschäftigt 4.300 Mitarbeiter.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 15. Februar 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2019, 20:30 Uhr

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Im Bild sind Fahnen mit der Aufschrift Love is Love zu sehen. + Video
Liebe ist Liebe – egal, ob zwischen Mann und Frau, Mann und Mann. Seit 2017 können gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland auch heiraten. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / Christian Spicker