Mindestlohn
8,84 Euro Stundenlohn – nicht jedes Unternehmen in Sachsen-Anhalt zahlt den Mindestlohn. Bildrechte: IMAGO

Studienergebnis Jedes siebte Unternehmen in Sachsen-Anhalt umgeht Mindestlohn

Unternehmen in Deutschland umgehen weiter den Mindestlohn. In Sachsen-Anhalt sind es 14,5 Prozent der Firmen, die nicht den Mindeststundenlohn von 8,84 Euro zahlen. Das hat eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Boeckler-Stiftung ergeben. Der Zoll will daher verstärkt kontrollieren.

Mindestlohn
8,84 Euro Stundenlohn – nicht jedes Unternehmen in Sachsen-Anhalt zahlt den Mindestlohn. Bildrechte: IMAGO

Jedes siebte Unternehmen in Sachsen-Anhalt umgeht den Mindestlohn. Das ist das Ergebnis einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Boeckler-Stiftung. Die Studie hat Daten von 30.000 Befragten ausgewertet. In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen liegt die Umgehungsquote demnach bei 14,5 Prozent.

Der Leiter der Studie, Toralf Pusch, sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Es gibt nach wie vor viele Unternehmen, die beim Mindestlohn schummeln." Betroffen seien vor allem Branchen, die gewerkschaftlich schwach organisiert seien.

Häufig kein Mindestlohn für private Putzhilfe

Gebäudereiniger
Putzhilfen in Privathaushalten bekommen häufig nicht den Mindestlohn. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

So werde im Einzelhandel bei rund 20 Prozent der Beschäftigten der Mindestlohn umgangen. Im Hotel- und Gaststättengewerbe seien es 38 Prozent, bei privaten Haushalten sogar 43 Prozent der Beschäftigten – etwa Minijobber, die als Putzhilfe oder in der Kinderbetreuung arbeiteten. Pusch betonte, dass die Umgehung des Mindestlohns kein Problem sei, das allein die Dienstleistungsbranche betreffe. "In der Nahrungsmittelindustrie liegt die Umgehungsquote bei 17 Prozent. Das hat auch etwas mit dem Preisdruck der Discounter zu tun."

Studienleiter Pusch verwies zugleich auf ein Gefälle beim Umgehen des Mindestlohns zwischen Ost und West. So betrage die Quote im Osten Deutschlands und dem früheren West-Berlin 12,6 Prozent, im Westen Deutschlands 9 Prozent. Insgesamt habe sich die Situation aber seit Einführung des Mindestlohns 2014 verbessert, sagte Pusch.

Unternehmen tricksen

Die Möglichkeiten für Unternehmen, den Mindestlohn nicht zu zahlen, sind demnach vielfältig. Getrickst werde vor allem bei der Dokumentation der Arbeitszeit. "Beschäftigte arbeiten in der Realität länger als dokumentiert, damit ist der Stundenlohn geringer. Für Kontrolleure ist das schwierig nachzuvollziehen, wenn es korrekt in den Büchern steht", so Pusch.

Es gebe aber auch Fälle, in denen zum Beispiel Schlachthöfe Lohnabzüge für Arbeitsmittel wie Messer oder ähnliches berechneten oder überteuerte Kosten für die Unterkunft von Erntehelfern, die vom Lohn abgezogen würden. "Da sind Arbeitgeber kreativ", sagte der Forscher. Die Unternehmer bewegten sich in einer Grauzone.

Klare Gesetze gegen Manipulationen

Um des Problems Herr zu werden, fordern die Macher der Studie präzisere Gesetze. So müsse die Frist für die Dokumentation der Arbeitszeiten verkürzt werden. "Derzeit hat der Arbeitgeber dafür zehn Tage Zeit. Manipulationen sind da alle Tore geöffnet", sagte Pusch. Außerdem wäre es seiner Einschätzung nach hilfreich, wenn die Unterlagen zur Arbeitszeitdokumentation am Arbeitsplatz aufbewahrt werden müssten, damit sie bei Kontrollen nicht noch manipuliert werden könnten.

Zollbeamtin nimmt Daten auf.
Der Zoll in Sachsen-Anhalt will Personal aufstocken. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Pusch forderte auch, das Klagerecht der Arbeitnehmer bei Verdacht auf Umgehung des Mindestlohns auf die Gewerkschaften zu übertragen. "Das Risiko, einen Prozess zu verlieren, hält viele Arbeitnehmer von einem Gang vor Gericht ab." Auch die damit verbundenen Kosten trügen dazu bei, sagte Pusch weiter.

Der Zoll in Sachsen-Anhalt will der Umgehung des Mindestlohns mit mehr Personal begegnen. Die Sprecherin des Hauptzollamts Magdeburg, Annica Wieblitz, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, die Zahl der Beschäftigten soll bis 2019 von 160 auf 200 steigen. Der Zoll ist dafür zuständig, die Einhaltung des Mindestlohns zu prüfen.

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Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 31. Januar 2018 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2018, 20:40 Uhr

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4 Kommentare

31.01.2018 20:18 Kein Erbsenzähler 4

@1 Joachim - Wieso ist der Mindestlohn Unsinn? Sie arbeiten wohl noch für 3,33 € und sind ihrem Arbeitgeber für unbezahlte Überstunden dankbar?
Im Übrigen hat nicht die SPD in einem derartigen Falle die Arbeitszeit verkürzt oder ähnliches. Es waren die von der "Geiz ist Geil" Mentalität geprägten Deutschen. Es ist genauso wie, sich über Massentierhaltung aufregen, aber im Supermarkt nur das billigste Fleisch im Angebot kaufen. Oder was kümmert mich anderer Leute Elend.

31.01.2018 17:14 Kritischer Bürger 3

Wer den Mindestlohn unterschreitet hat den Ausgleich für die Arbeitszeit und den fehlenden Betrag zwischen Mindestlohn und gezahlten Lohn nachzureichen für die gesamte Zeit der Tätigkeit. Auch bei privaten Haushalten wo Haushaltshilfen tätig sind ist ein Stunden nachweis wie die Zahlung des Mindestlohne für diese Zeit schriftlich nachzuweisen mit einen Stundenzettel den ArbN wie ArbG zu führen haben unabhängig voneinander! entstehen Differenzen sind diese auszugleichen!

31.01.2018 15:47 Fragender Rentner 2

Wir wollen keine Kontrollen, um so mehr und eher können wir den Mindestlohn unterlaufen. :-(((

31.01.2018 14:45 Joachim 1

Der Mindestlohn ist der größte Unsinn der jemals eingeführt wurde und wird von der SPD zu Unrecht gefeiert. Es wird meistens zwar Mindestlohn gezahlt, im Gegenzug aber die Arbeitszeit verkürzt, so dass die Leute weniger Geld haben als vor der Einführung. An der Kasse im Supermarkt oder anderswo zahlt aber jeder für den Mindestlohn mit.