Collage aus einem 50-Euro-Schein, in den der Verlauf eines Aktienkurses eingerissen ist.
"Kleinvieh macht auch Mist": Auch kleine Geldbeträge können zum Vermögensaufbau beitragen. Bildrechte: imago/MDR/Max Schörm

Vermögensaufbau Verbraucher-Beraterin: Sparen lohnt sich – trotz niedriger Zinsen und kleiner Beträge

In der Verbraucherzentrale Halle berät Yvonne Röhling zum Sparen und Geldanlegen. Ob sich Sparen aktuell überhaupt lohnt und was vor der Entscheidung für eine bestimmte Anlageform wichtig ist, beantwortet sie im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT. Teil 3 unserer Serie zu den Themen Sparen und Vermögen.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Collage aus einem 50-Euro-Schein, in den der Verlauf eines Aktienkurses eingerissen ist.
"Kleinvieh macht auch Mist": Auch kleine Geldbeträge können zum Vermögensaufbau beitragen. Bildrechte: imago/MDR/Max Schörm

MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Röhling, ist es bei den niedrigen Zinsen gerade überhaupt noch sinnvoll, zu sparen?

Yvonne Röhling: Ja. Denn was ich nicht an Vermögen zurückgelegt habe, wenn Ausgaben anstehen, muss ich mit einem Kredit finanzieren. Und das ist wirtschaftlich ganz klar weniger sinnvoll, als Geld zu sparen. Viele Verbraucher denken, Rücklagen zu bilden ist sehr mühevoll. Das ist es nicht. Aber man muss sich überwinden, diesen Schritt zu gehen, vielleicht auch seine Hausbank verlassen. Man muss sich bewegen, wenn man zum Beispiel ein neues Konto oder ein Festgeld eröffnet. Man muss etwas tun. Doch wer das geschafft hat, ist dann eben oft zufrieden – und überrascht, wie einfach es gehen kann.

Viele Verbraucher denken, Rücklagen zu bilden ist sehr mühevoll. Das ist es nicht. Aber man muss sich dazu überwinden.

Und selbst heutzutage sind durchaus noch gute Renditen zu erzielen. Man muss dafür Chancen und Risiken abwägen. Wir sprechen in der Geldanlage immer von einem magischen Dreieck aus Liquidität, Sicherheit und Rendite. Man kann nicht alles davon gleichzeitig mit einer Anlageform haben und muss darum immer entscheiden: Auf was verzichte ich?

Wie risikobereit sind Sachsen-Anhalter denn?

Das ist durchwachsen. Wir können aber nur dazu raten, dass man Aktienfonds nicht außer Acht lässt und ein Stück davon beimischt. Es muss ja nicht das Gesamtvermögen so angelegt werden, sondern je nach eigener Risikoneigung vielleicht 25 Prozent. Die Renditechancen sind dadurch schon immens besser.

Natürlich gibt es auch Menschen, die etwa durch schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit nicht mehr bereit sind, Risiko einzugehen. Und wir haben Verbraucher, denen wenig im Monat übrig bleibt und die sich trotzdem Gedanken machen, wie sie damit für das Alter vorsorgen können. Sie wollen häufig aufgrund des Wenigen, das übrig bleibt, weniger Risiko eingehen und das Geld sicher anlegen.

In Sachsen-Anhalt sind die Löhne relativ niedrig. Wie kann man davon überhaupt Geld zurücklegen?

Da lohnt sich ein Blick auf die Ausgaben. Wo geht mein Geld hin? Kann ich da etwas reduzieren? Wir gucken in den Beratungen auch auf die Versicherungen: Sind die wirklich wichtigen Versicherungen vorhanden – also wie eine private Haftpflicht und ein ausreichender Berufsunfähigkeitsversicherungsschutz? Oder wenn ich eine junge Single-Mama mit Kind berate: Hat sie einen ausreichenden Todesfallschutz? Manchmal hat man aber auch Versicherungen dabei, die nicht notwendig sind. Dann kann man da Geld sparen.

Yvonne Röhling, Verbraucherzentrale Halle
Yvonne Röhling, Verbraucherzentrale Halle Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Und: Auch mit kleinen Geldbeträgen lohnt es sich, zu beginnen. Aber man sollte es eben tun und nicht abwarten. Selbst wer im Monat nur 30 Euro übrig hat, sollte versuchen, diese 30 Euro zu sparen. Auch Kleinvieh macht Mist – so ist es hier tatsächlich. Und wer in jungen Jahren anfängt, muss auch weniger zahlen. Da bringt es dann die Laufzeit. Und mancher, der arbeitet, bekommt noch zusätzliche vermögenswirksame Leistungen vom Arbeitgeber. Das haben wir oft in der Beratung: Wenn wir danach fragen, wissen die Verbraucher gar nicht, dass sie solche Leistungen bekommen können. Auch wenn das nur sechs Euro sind, sammelt sich das über die Zeit einfach an – und schon hat man einen Puffer.

Selbst wer im Monat nur 30 Euro übrig hat, sollte versuchen, diese 30 Euro zu sparen. Auch Kleinvieh macht Mist.

Sollte man versuchen, Vermögen anzusparen, obwohl man noch Schulden hat?

In der Niedrigzinsphase ist es häufig wirtschaftlich sinnvoller, erst die Schulden zurückzuzahlen, bevor man auf die Geldanlage setzt. Es hat keinen Sinn, separat auf einem Tagesgeldkonto Geld anzusparen, wenn ich auf der anderen Seite für einen Kredit drei oder vier Prozent Zinsen zahle. Da raten wir, nicht gleich mit der Vermögensbildung zu beginnen, sondern alles dafür zu tun, den Kredit schnellstmöglich abzubezahlen. In den meisten Fällen gilt: Schuldentilgung ist die bessere Geldanlage. Aber wenn man einen zinslosen Kredit hat, zum Beispiel für einen Küchenkauf, brauche ich keine Sondertilgung auf den Kredit, sondern kann Geld irgendwo ansparen, wo ich Verzinsung habe.  

In den meisten Fällen gilt: Schuldentilgung ist die bessere Geldanlage.

Und eines muss immer stehen: Wir raten dazu, dass zwei bis drei Monatsnettoeinkommen als Liquiditätsreserve da sind – falls etwas kaputt geht und eine Reparatur kommt. Und wenn konkrete Ausgaben anstehen: Man weiß, das Auto kommt nicht mehr durch den TÜV, dann sollte man versuchen, diese Gelder separat anzusparen, sodass ich dafür keinen Kredit aufnehmen muss.

Laut Ostdeutschem Sparkassenverband sparen einige ihr Geld auf dem Girokonto. Was sagen Sie dazu?

Davon rate ich ab. Ich empfehle eher, ein separates Tagesgeldkonto zu eröffnen. Einmal, weil es auf dem Girokonto überhaupt keine Zinsen gibt und auf dem Tagesgeldkonto wenigstens ein bisschen. Und zweitens: Wir wissen, dass es immer mal Phishing-Fälle gab. Wenn die Karte gestohlen wird und ein Betrugsversuch passiert, Geld abgehoben wird – dann ist das Geld erstmal weg. Und wenn ich nur eine begrenzte Summe auf dem Girokonto habe, kann eben nur eine begrenzte Summe abgehoben werden.

Ist eine eigene Wohnung, ein eigenes Haus ein wichtiges Sparziel der Sachsen-Anhalter?

Tatsächlich haben wir viele Verbraucher in der Beratung, für die eine Immobilie das Wunschziel ist. Dann habe ich nur einen begrenzten Anlagehorizont und muss meine Geldanlage darauf ausrichten. Also beispielsweise einen Banksparplan abschließen oder ein Tagesgeldkonto eröffnen, sodass ich möglichst flexibel bin und eben wirklich schnell an mein Geld komme, wenn "meine" Immobilie gerade auf dem Markt ist.

Angenommen, ich bin etwas risikobereiter und mir ist eine hohe Rendite wichtig. Wie sollte ich dann anfangen?

Würfel mit ETF und Geldscheinen.
Wer beim Geldanlegen etwas risikobereiter ist, für den kommt ein Aktien-ETF infrage. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Panthermedia

Denkbar wäre dann das Sparen in einen Aktien-ETF, möglichst einen weltweiten, der also automatisch schon sehr breit gestreut ist. Da haben Sie das Risiko nicht, dass Sie auf eine Einzelanlage setzen. Sie sollten mit Kleinbeträgen anfangen, möglichst auch mit monatlichen Beträgen. Durch das monatliche Sparen minimieren Sie das Risiko des falschen Einstiegszeitpunkts, also dass Sie sehr teuer kaufen. Dann haben Sie schon den ersten Schritt gemacht und ein gutes Basis-Investment gewählt. Wenn Sie dazu noch ein Tagesgeldkonto haben, wo Sie überschüssige Geldbeträge vom Girokonto umbuchen, haben Sie schon Ihr erstes Portfolio aufgebaut. Mehr bedarf es nicht.

Was ist ein ETF?

ETFs sind Fonds, die einen Aktienindex nachbilden, beispielsweise den Deutschen Aktienindex (DAX). Der DAX beinhaltet die 30 größten deutschen Aktienunternehmen. Ein Fonds, der den DAX nachbilden würde, macht nichts anderes als das, was der DAX macht: Gehört ein Unternehmen beispielsweise nicht mehr zu den 30 größten in Deutschland und fliegt aus dem DAX, verkauft der DAX-Fonds auch alle Aktien dieses Unternehmens. Weil kein Manager bezahlt werden muss, der Kauf- und Verkaufsentscheidungen für den Fonds trifft, sind die laufenden Kosten für diese Anlageform sehr gering.

Was gilt vor der Entscheidung für eine Geldanlageform ganz allgemein?

Ich kann nur dazu raten, möglichst bei jedem Produkt oder Vertragsabschluss, nicht gleich bei dem Bankmitarbeiter zu unterschreiben, sondern sich die Unterlagen mit nach Hause zu nehmen. Sie sich in Ruhe durchsehen, in der Familie noch einmal besprechen. Wenn man ein ungutes Gefühl hat oder glaubt, nicht alles verstanden zu haben, ist das keine Schande. Man sollte nur dann eine Geldanlage abschließen, wenn man alles verstanden hat. Wenn man nur ein Fünkchen Zweifel hegt, sollte man es eher nicht machen. Vielleicht dann die Verbraucherzentrale aufsuchen und zur Beratung kommen.

Man sollte nur dann eine Geldanlage abschließen, wenn man alles verstanden hat.

Manche Verbraucher haben ein gutes Gespür dafür. Sie sagen: "Ich habe den Eindruck, der Verkäufer wollte mir etwas verkaufen, weil er es mir verkaufen wollte – und nicht, weil es zu mir passt." Wir können prüfen, was individuell wirklich passt und schauen uns die Kosten an. Dann erörtern wir im Gespräch mit dem Verbraucher die Vor- und Nachteile von den Produkten. Wir würden nie sagen: "Machen Sie dies oder tun Sie das." Wir geben immer nur Entscheidungshilfen.

Aber wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist, können wir häufig nur noch bedingt helfen. Und das kann man vermeiden, indem man sagt: "Ich nehme Ihr Angebot mit und denke darüber nochmal in Ruhe nach." Wenn man dann zu dem Entschluss kommt, es ist das Richtige, kann man es auch noch 14 Tage später abschließen.

Maria Hendrischke
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Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2019, 18:00 Uhr

4 Kommentare

Bernd L. vor 1 Wochen

Im Artikel vermisse ich den Hinweis, dass die Politik des "Gelddruckens" und die Negativzinsen, den deutschen Sparer de facto enteignet, aber die Schuldenpolitik der Südländer und auch dem deutschen Staat nutzt.

Gesinnungsgeschrei vor 1 Wochen

Alle die Geld auf der Bank haben, abheben, dann bin ich gespannt, was die Banken machen.
Der Euro (Teuro) ist nur bedrucktes Papier, elektronisch erschaffen ohne Gegenwert.
Gold ist der Gegenwert, nur wo liegt das Gold von Deutschland und warum kann man nicht alles zurückholen?

ralf meier vor 1 Wochen

Verbrauchern, denen im Monat wenig übrig bleibt, kann ich nur raten: Geb alles aus, was Du hast, denn das kann Dir unsere Regierung nicht mehr nehmen.
Wer dagegen dem guten Rat unserer letzten Regierungen gefolgt ist, und fürs Alter angespart hat, der mußte in den letzten Jahren oft feststellen, das er weniger zurück bekam, als er eingezahlt hatte. Unsere letzten Regierungen haben dabei massiv mitgeholfen, in dem Sie (un)gesetzliche Regelungen verabschiedeten, die den Staat rückwirkend auch für bereits abgeschlossene Verträge zum Nachteil des Sparers bereicherten.

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