Wildgänse auf einer frostigen Wiese im Elbe-Biosphärenreservat.
Im Elbe-Biosphärenreservat treiben sich Tausende Wildgänse herum. Dieser Zustand ist jedoch nur temporär, denn sie überwintern hier nur. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Brutvögel-Sterben Angst vor stummem Frühling

Sachsen-Anhalt verliert immer mehr Vögel. Das belegt die aktualisierte Rote Liste. Demnach hat das Bundesland in den letzten 25 Jahren eine Million Brutvögel verloren. Es gibt aber auch gute Neuigkeiten.

von Andreas Müller, MDR SACHSEN-ANHALT

Wildgänse auf einer frostigen Wiese im Elbe-Biosphärenreservat.
Im Elbe-Biosphärenreservat treiben sich Tausende Wildgänse herum. Dieser Zustand ist jedoch nur temporär, denn sie überwintern hier nur. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Sachsen-Anhalts Vogelkundler haben eine beunruhigende Statistik vorgelegt. Nach Angaben des Ornithologenverbandes und des Naturschutzbundes hat das Bundesland innerhalb von 25 Jahren eine Million Brutvögel verloren. Die aktualisierte Rote Liste über gefährdete Arten belege "teils dramatische Bestandsrückgänge", erklärten beide Verbände.

Hälfte der Vogelarten gefährdet

Die Rote Liste gibt Auskunft über die aktuelle Gefährdung der Arten. Sie wurde von den Vogelkennern Mark Schönbrodt und Martin Schulze mit Hilfe hunderter ehrenamtlicher Beobachter zusammengestellt. Sie kommen zu dem Schluss, dass mit 111 Arten derzeit nur etwas mehr als die Hälfte der 202 regelmäßigen Brutvogelarten ungefährdet ist.

Wir müssen alles tun, um die Vielfalt der Natur für folgende Generationen zu erhalten.

Stefan Fischer, Ornithologe

Ein positiver Trend werde bei vormals gefährdeten Arten wie Fisch- und Seeadler, Weißstorch und Kranich beobachtet. Sie konnten inzwischen sogar aus der Roten Liste gestrichen werden. Der Ornithologe von der Verwaltung des Biosphärenreservates Mittelelbe (Nord), Stefan Fischer, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, bei diesen Arten haben sich der Schutz der Brutplätze, die Ausweisung von Schutzgebieten und das Verbot spezieller Insektenvernichtungsmittel positiv ausgewirkt.

14 Arten bereits ausgestorben

Allerdings mache die neue Rote Liste zugleich auf eine dramatische Entwicklung aufmerksam. So seien im Bundesland inzwischen 14 Arten ausgestorben, zuletzt das Birkhuhn. Weitere 15 Arten gelten als akut vom Aussterben bedroht. Kaum noch Chancen sehen die Fachleute für die Uferschnepfe. Fischer sagt: "Damit geht uns ein Stück unserer Heimat verloren. Zum Beispiel sind der Große Brachvogel, die Bekassine oder der Kiebitz gefährdet. Wir müssen alles tun, um die Vielfalt der Natur für folgende Generationen zu erhalten."

Winterliches Vogeltreiben in Sachsen-Anhalt

In einem Baum bei Kalbe/Milde sitzen viele Krähen.
Krähenkolonien bringen etwa in Kalbe (Milde) Anwohner mit Lärm und Schmutz zum Verzweifeln. Hier hat niemand das Gefühl, dass die Zahl der Vögel zurückgeht. Die Rote Liste spricht eine andere Sprache. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
In einem Baum bei Kalbe/Milde sitzen viele Krähen.
Krähenkolonien bringen etwa in Kalbe (Milde) Anwohner mit Lärm und Schmutz zum Verzweifeln. Hier hat niemand das Gefühl, dass die Zahl der Vögel zurückgeht. Die Rote Liste spricht eine andere Sprache. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Auf einem Feld fährt ein Traktor zwischen einer Möwenschar.
Vor der Kalihalde von Zielitz: Scharen von Möwen und Krähen lassen sich den Tisch von einer Landmaschine decken. Hier finden sie ausreichend Nahrung. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Schwalben sitzen auf Stromleitungen.
Die Schwalben sind derzeit im warmen Süden. Wie viele von ihnen in diesem Frühling einfliegen und brüten, ist offen, denn auch ihr Bestand geht zurück. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Schwäne auf einer Wiese im Elb-Havel-Winkel.
Diese grazilen Schwäne überwintern hingegen im Elb-Havel-Winkel. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Wildgänse auf einer frostigen Wiese im Elbe-Biosphärenreservat.
Tausende Wildgänse bevölkern das Elbe-Biosphärenreservat. Aber der Schein trügt, es sind nur Wintergäste aus Nordosteuropa. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
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Besonders Wiesenbrütern gehe es schlecht. Ihr Lebensraum sei durch intensive Landwirtschaft beeinträchtigt worden. Auch habe sich auf die Artenvielfalt negativ ausgewirkt, dass die EU die Stilllegung von Ackerflächen nicht mehr fördere. "Dort waren Paradiese für Vogelarten wie Ammern und Wachteln entstanden, das ist jetzt vorbei", so Fischer

Brutvögel brauchen Natur

Fischer wies darauf hin, dass es sich bei großen Schwärmen oftmals nur um Zugvögel handele, die hierzulande rasten aber nicht brüten. Für den Rückgang der heimischen Arten macht er auch den großen Flächenverbrauch verantwortlich. Sobald Brachflächen und Blühstreifen angelegt, Hecken gepflanzt und sterile Rasen durch Wiesenblumen ersetzt würden, kehrten Vogelarten auch zurück. Thujahecken seien kein Ersatz für heimische Gehölze und Obstbäume.

Der Ornithologe nannte es besorgniserregend, dass selbst "Allerweltsarten" wie Spatzen, Stare und Lerchen auf dem Rückzug seien. Das bereitet ihm Sorge: "Ich fürchte mich vor einem stummen Frühling", so Fischer.

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Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 01. März 2018 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2018, 17:42 Uhr

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3 Kommentare

02.03.2018 09:43 Wolfis 3

Wenn ich meine Umgebung betrachte sehe ich immer mehr versiegelte Flächen und kahle Flächen wo Bäume sowie Sträucher weg sind. Felder soweit das Auge reicht, kein Baum kein Strauch dazwischen. Aber auch die Menschen die noch einen Garten haben oder Grünflächen könnten den Vögeln helfen mit Nistkästen. Da an sanierten Häusern und Bauten die versteckten Winkel zum Nestbau fehlen werden Vögel auch neben dem Futtermangel, aus der Stadt vertrieben. Ja es gibt regelrechte Grenzen. Oder warum sind Vögel in einem Obstgarten und einhundert Meter weiter, obwohl ich Futter hinhänge, keine mehr und ich muss es wieder entfernen.

01.03.2018 20:21 Nordharzer 2

Ein Rückgang ist auch bei uns in der Innenstadt zu erkennen. In diesem Jahr kommen kaum Vögel zur Winterfütterung. Es sind wenige Kohlmeisen, die noch kommen und ein paar Amseln. Aber auch bei Wildenten ist bei uns am Mühlgraben ein starker Rückgang zu verzeichnen. Im letzten Jahr habe ich keine Entenküken gesehen. Das führe ich auf die immer stärkeren Populationen von Mardern und vor allem Waschbären zurück.

01.03.2018 17:49 Dorfbewohner 1

“....Der Ornithologe nannte es besorgniserregend, dass selbst "Allerweltsarten" wie Spatzen, Stare und Lerchen auf dem Rückzug seien. Das bereitet ihm Sorge: "Ich fürchte mich vor einem stummen Frühling", so Fischer.”.

Also ich im gewissen Sinn auch.

Hier meine diesjährige Beobachtung.
Ich füttere meine Wintervögeln seit Weihnachten täglich mit ca. 0.9l(Behältnisgröße) Sonnenblumenkernen. Anfangs hätte es auch mehr sein können, nachmittags war die Futterstelle ständig leer bzw. nur noch die Schalen der Kerne vorhanden. Jetzt jedoch ist am nächsten Tag immer noch fast ⅓ des Futters nicht vertilgt. Die Entwicklung verlief kontinuierlich.
Auch hat sich die Vielfalt der Arten ziemlich reduziert, meistens nur noch Meisenarten.