Windpark bei Osterburg Vögel vor Windrädern schützen: "Birdscan" will Naturschützer überzeugen

Immer häufiger klagen Naturschützer gegen den Bau neuer Windkraftanlagen. Sie sehen in ihnen eine tödliche Falle für Vögel. Ein Windpark-Betreiber aus der Altmark hat ein Vogelradar entwickeln lassen, um Rotmilan und Co. zu schützen. Viele Naturschützer überzeugt aber auch das nicht.

MDR-Reporter Hagen Tober
Bildrechte: Hagen Tober

von Hagen Tober, MDR SACHSEN-ANHALT

Neben einer Windkraftanlage liegen Bauteile einer weiteren Windkraftanlage.
Der Windpark von Fabian Schwarzlose bei Osterburg: Bis eine neue Windkraftanlage gebaut werden kann, dauert es wegen vieler Klagen immer länger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Pfützen spritzen, der Allrad schaukelt heftig über die provisorisch angelegte Versorgungsstraße. Es geht durchs Gelände hin zu einem Windpark unweit der Stadt Osterburg im Landkreis Stendal. Fabian Schwarzlose hat mit seiner Crew hier den sogenannten Birdscan installiert, einen Vogelradar. Seit Anfang Mai sammelt das Gerät Daten über die Flugbewegungen von Vögeln auf einem 500 Hektar großen Areal rund um den jetzt bald ans Netz gehenden neuen Windpark.

Mit einem Seufzer schaut Fabian Schwarzlose auf die Windkraftanlagen die sich gerade in der Endmontage befinden.  Fünf  Jahre hat das Genehmigungsverfahren gedauert. "Viel zu lang", sagt der Windparkentwickler. Sehr oft verzögern Klageverfahren den Baubeginn. Kein Wunder, dass die Branche in der Krise steckt und große Hersteller wie Enercon tausende Mitarbeiter entlassen.

Naturschützer sehen tödliche Falle für Vögel

Fabian Schwarzlose
Windpark-Betreiber Fabian Schwarzlose will Naturschützern entgegen kommen. Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Hauptsächlich klagen Schwarzlose zufolge Naturschützer. Die Windräder sind als Vogelhäcksler verschrien. Doch da sei eine Menge Populismus dabei , so der Windparkentwickler. Denn echte Daten und Statistiken darüber, wie oft ein Vogel mit einer Windkraftanlage kollidiert und dabei zu Tode kommt, die gäbe es nicht.

Schwarzlose beklagt, dass Ornithologen mit ihren Ferngläsern am Windpark stehen, die Vögel beobachten, daraus ihre Schlüsse ziehen und dann gegen den Bau eines Windparks klagen. Dabei sind Verzögerungen nur eine Seite der Medaille, meistens läuft es darauf hinaus, dass das komplette Projekt abgeblasen wird.

Doch Fabian Schwarzlose, Chef des Stendaler Windparkentwicklers FEFA Wind, sah das Defizit fehlender Daten als Chance für eine Neuentwicklung. Seit 2013 forscht er gemeinsam mit der Schweizer Vogelwarte an einem Radar, das schützenswerte Vögel im Anflug auf Windkraftanlagen erkennt und dann innerhalb von Sekunden den Rotor der Windräder stoppt. Erst wenn der Vogel aus der Gefahrenzone heraus geflogen ist, dreht die Anlage langsam wieder hoch.

Erstmals valide Zahlen

Seit Mai dieses Jahres hat das Vogelradar Birdscan rund um die Uhr Daten gesammelt – bis heute fast fünf Millionen Tracks. Erstmal – und darauf ist Fabian Schwarzlose besonders stolz – gibt es valide Zahlen, die der Verhaltensforschung zum Vogelflug eine echte Grundlage geben.

Ergebnisse des Vogelradars
Der Birdscan misst unter anderem die Flughöhen der Vögel. Bildrechte: FEFA Wind

Besonders interessant: die Analyse der Flughöhen. Demnach bewegen sich über 85 Prozent der Vögel unterhalb der Gefahrenzone, also der sich drehenden Rotorblätter.  Diese Werte werden von zwei Referenzanlagen, die FEFA Wind in Nordrheinwestfalen und der Schweiz auch aufgebaut hat, bestätigt. Allerdings überzeuge das die Naturschützer nicht, beschwert sich Windparkentwickler Schwarzlose. Jetzt, da sich Birdscan hundertprozentig bewähre, würden sie eine 120-prozentige Evaluation fordern.

Und das produziert Frust. Sieben Jahre Entwicklungsarbeit, ein langer steiniger Weg. Das Vogelradar Birdscan sollte eigentlich die Klagen von Tierschützern gegen Windkraftanlagen überflüssig machen.

Tests bis Herbst 2020

Blick auf einen Laptop, der ein Vogelradar zeigt.
In dem Radar werden seit Mai dieses Jahres Millionen Daten gesammelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bis Herbst nächsten Jahres soll das Vogelradar jetzt noch weiter getestet werden. Zumindest bis dahin wird sich an den langen Genehmigungsverfahren offenbar nichts ändern.

In dem kleinen gelben Überseecontainer, in dem die Rechner die Daten von Birdscan sammeln, schaltet Schwarzlose die Präsentationsmonitore aus. Er freut sich, dass seine Anlage funktioniert und dabei alle Erwartungen übertroffen hat.

Schön wäre es, sagt Schwarzlose, wenn Naturschutz - und Genehmigungsbehörden sich auch von den Daten überzeugen lassen würden und ihre Skepsis gegen Birdscan endlich in Vertrauen eintauschen könnten. Mit gemischten Gefühlen steigt der Windkraftentwickler wieder in seinen Allradwagen und verlässt die Windparkbaustelle unweit der Stadt Osterburg.

Vogelradar wird auf Praxistauglichkeit getestet Aus dem Archiv: "Birdscan" weltweit erstmals in Windparkgelände installiert

Windräder sind ein wichtiger Teil der Energiewende. Für Vögel können sie jedoch eine tötliche Falle sein. Ein Stendaler Wildparkbetreiber hat zusammen mit Schweizer Spezialisten jetzt ein Vogelradar entwickelt.

Menschen verfolgen in einem Zelt eine Präsentation
In der Altmark ist am Donnerstag ein Vogelradar für Windkraftanlagen in den Probebetrieb gegangen. Das System mit dem Namen "Birdscan" wurde von einem Stendaler Windparkbetreiber gemeinsam mit Spezialisten aus der Schweiz entwickelt. Ziel ist es Naturschutz und Energiewende in Einklang zu bringen. Bildrechte: MDR/Hagen Tober
Menschen verfolgen in einem Zelt eine Präsentation
In der Altmark ist am Donnerstag ein Vogelradar für Windkraftanlagen in den Probebetrieb gegangen. Das System mit dem Namen "Birdscan" wurde von einem Stendaler Windparkbetreiber gemeinsam mit Spezialisten aus der Schweiz entwickelt. Ziel ist es Naturschutz und Energiewende in Einklang zu bringen. Bildrechte: MDR/Hagen Tober
Vogelradar-Anlage bei Osterburg
Bis Oktober werde das System jetzt von Experten begutachtet, sagte der Windparkbetreiber MDR SACHSEN-ANHALT. Begleitet werde der Feldversuch bei Osterburg im Landkreis Stendal von Naturschutzverbänden und dem Kompetenzzentrum "Naturschutz und Energiewende". Bildrechte: MDR/Hagen Tober
Kamera auf Mast
In dem Windpark wurde auf einem Gittermasten eine grüne Box sowie eine Kamera mit diversen Applikationen installiert. Der Vogelradar "Birdscan" soll verhindern, dass Greifvögel mit den Flügeln von Windrädern kollidieren. Bildrechte: MDR/Hagen Tober
Tafel mit Funktionsprinzip von Vogelradar
Fliegt ein Vogel in den Gefahrenbereich einer Windkraftanlage, dann erkennt "Birdscan" die Situation und schaltet innerhalb von 20 bis 30 Sekunden das Windrad ab. Bildrechte: MDR/Hagen Tober
Tafel mit Flügelschlagmuster
Das System erkennt laut Betreiber am Flügelschlag sogar, um welchen Vogel es sich handelt. Bildrechte: MDR/Hagen Tober
Zwei Monitore zeigen Kamerabilder
Seit 2014 tüftelt der Stendaler Windparkbetreiber gemeinsam mit einer Schweizer Firma an dem System. Wenn das Radar die Praxisanforderungen erfüllt, könnte es im Herbst ein Zertifikat bekommen. Bildrechte: MDR/Hagen Tober
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MDR-Reporter Hagen Tober
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Über den Autor Hagen Tober begann seine Fernsehlaufbahn 1992 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Mitte der Neunziger sammelte der gebürtige Sachse weitere Erfahrungen beim NDR, dem ORB und dem SFB. Nach 15 Jahren Reportertätigkeit für das Auslandsfernsehen Deutsche Welle TV kam er 2013 wieder zurück zum MDR. Hier arbeitet Hagen Tober hauptsächlich im Bereich Fernsehen, aber auch für den Hörfunk und die Onlineredaktion. Seine Lieblingsorte in Sachsen Anhalt sind die Altmark, der Harz und die Flusslandschaften von Elbe, Saale und Unstrut.

Quelle: MDR/ld,cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 27. November 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. November 2019, 15:57 Uhr

5 Kommentare

Hans Frieder leistner vor 12 Wochen

Nachdem das EU Parlament den Klimanotstand ausgerufen hat, gehören alle Vögel für vogelfrei erklärt. Europa steht kurz vor dem Untergang und die Leute klagen über Vogelsterben. Die Windrädchen gehören unter Naturschutz gestellt. Die sind doch viel wichtiger. Die Erde wackelt nicht durch Erdbeben sondern vom Lachen der USA, China und Rußland über so viel Einfalt.

Denkschnecke vor 12 Wochen

Bei der ganzen Diskussion um die Gefahr durch Windenergieanlagen würde mich ja mal interessieren, wie viele Greifvögel so pro Jahr an deutschen Autobahnen verenden. Und wie viele Insekten - obwohl, das sind ja immer weniger geworden.

Erna vor 12 Wochen

Wessen Brot ich ess dessen Lied ich sing. Wer von neutraler Stelle hat denn das Radar wie getestet? Es gibt massenweise validierte Studien zu Flughöhen von Vögeln, Fledermäusen und mittlerweile sogar Insekten. Alles Opfer der Schredder da die Flughöhen eben genau in der gefährlichen Zone und wesentlich höher als ursprünglich angenommen liegen. Das sich unter jedem Windpark nach ein paar Jahren "Futterwege" von Fuchs, Luchs etc. finden lassen wurde schon mehrfach nachgewiesen, womit sich das Nichtauffinden von Kadavern ganz einfach und natürlich erklären lässt.


Im Übrigen hat ein Rotmilan mit Mindestabstand 3000m mehr Rechte als ein Mensch in Deutschland, dem man ja selbst 1000m verweigern möchte. Dabei gelten in anderen Ländern 20km. Kein Wunder das die proteste weiter zunehmen. Wenn die Grünwähler aus Berlin, München, Hamburg etc. Windräder haben möchten, dann doch bitte vor Ihrer eigenen Haustür!

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