Wassermangel und trockene Böden Diese Folgen hat die anhaltende Dürre in Sachsen-Anhalt

Die niedrigsten bisher gemessenen Elbepegel werden erwartet, Wasser soll gespart werden: Die lange Trockenheit hat zunehmend Auswirkungen in Sachsen-Anhalt. Was die Dürre für die einzelnen Regionen des Landes bedeutet.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Martin Paul, MDR SACHSEN-ANHALT

Eine Karte, die die Bodenfeuchtigkeit des Gesamtbodens (bis etwa 1,80 Meter) im Juli 2019 zeigt.
Dürremonitor des Umweltforschungszentrums (UFZ) für den 7. Juli 2019: Die dunkelroten Flächen, die für eine "außerordentliche Dürre" stehen, haben im Vergleich zu 2018 deutlich zugenommen. Bildrechte: MDR/Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ

"Die Dürre dieses Jahres ist keine neue Dürre. Das ist immer noch die Dürre des Jahres 2018." So beurteilt der Klimaforscher Andreas Marx vom Mitteldeutschen Klimabüro des Umweltforschungszentrums (UFZ) die derzeitige Trockenheit in Sachsen-Anhalt. Sie habe über den Winter gar nicht aufgehört, sagte Marx dem MDR im Interview. Das werde besonders deutlich, wenn man den gesamten Boden bis etwa 1,8 Metern Bodentiefe anschaue. "Das hängt damit zusammen, dass es bis in den Dezember 2018 hinein viel zu trocken war. Der normale Niederschlag, den es seitdem in vielen Regionen gegeben habe, hätte nicht ausgereicht, aus der Dürre herauszukommen, so Marx.

Dürremonitor zeigt außergewöhnlich trockene Böden

Im Sommer 2018 war es aufgrund der extremen Trockenheit zu einer ausgeprägten Dürreperiode gekommen. Wegen Missernten musste Bauern finanziell von Land und Bund unterstützt werden.

Das Umweltforschungszentrum veröffentlicht regelmäßig Daten im Rahmen des sogenannten Dürremonitors. Er zeigt, wie sich die Bodenfeuchtigkeit im Vergleich zu den Jahren zuvor entwickelt. Seit etwa einem Jahr herrscht in Teilen Sachsen-Anhalts den Daten zufolge eine sogenannte außergewöhnliche Dürre.

Dürreentwicklung in Sachsen-Anhalt

Bodenfeuchte bis 1,80 Meter für Juli 2018 (links) und 2019 (rechts)

Eine Karte, die die Bodenfeuchtigkeit des Gesamtbodens (bis etwa 1,80 Meter) im Juli 2018 zeigt.
Dürre im Gesamtboden (bis etwa 1,80 Meter) am 7. Juli 2018 Bildrechte: MDR/Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ
Eine Karte, die die Bodenfeuchtigkeit des Gesamtbodens (bis etwa 1,80 Meter) im Juli 2018 zeigt.
Dürre im Gesamtboden (bis etwa 1,80 Meter) am 7. Juli 2018 Bildrechte: MDR/Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ
Eine Karte, die die Bodenfeuchtigkeit des Gesamtbodens (bis etwa 1,80 Meter) im Juli 2019 zeigt.
Dürre im Gesamtboden (bis etwa 1,80 Meter) am 7. Juli 2019 Bildrechte: MDR/Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ
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Was außergewöhnliche Dürre bedeutet

Laut Umweltforschungszentrum wird die Bodenfeuchte in Abhängigkeit von der tatsächlichen Bodenart für den gesamten Bodenhorizont (etwa 1,80 Meter) und die obersten 25 Zentimeter berechnet. Der Bodenfeuchteindex SMI basiert auf der Bodenfeuchteverteilung über einen 65-jährigen Zeitraum seit 1951. Ein Wert von 0,3 (ungewöhnliche Trockenheit) bedeutet, dass die aktuelle Bodenfeuchte so niedrig wie in 30 Prozent der Fälle von 1951 bis 2015 ist. Ein Wert von 0,02 (außergewöhnliche Dürre) bedeutet, in zwei Prozent der Fälle ist die Bodenfeuchte so niedrig. Schäden können bereits vor Erreichen des Dürreschwellenwertes 0,2 (moderate Dürre) eintreten.

Die Dürre-Arten in Sachsen-Anhalt

Es gebe vier Arten von Dürre, die in der Dürreforschung definiert sind, erklärte Marx im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT: die meteorologische Dürre, die landwirtschaftliche Dürre, die hydrologische Dürre und die sozio-ökonomische Dürre.

Dr. Andreas Marx, Klimaforscher am Umweltforschungszentrum (UFZ)
Andreas Marx ist Klimaforscher am Umweltforschungszentrum (UFZ) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die meteorologische Dürre bedeute, dass es trockener als üblich sei. Diese habe bereits im Februar 2018 eingesetzt und halte bis heute an. Die landwirtschaftliche Dürre beziehe sich auf die Bodenfeuchte. "Im Mai 2018 hat die Dürre eingesetzt und gerade in Sachsen-Anhalt, im Nordosten Deutschlands hält die immer noch an", so der Wissenschaftler. Die hydrologische Dürre betreffe die Flusspegel und die Seen. Diese habe im letzten Jahr im Juni eingesetzt und endete im Dezember 2018. Aber nur vorübergehend: "Mittlerweile sind wir seit vier Wochen wieder drin", so Marx.

Die sozio-ökonomische Dürre betreffe die Ernteeinbußen und gesellschaftlichen Auswirklungen, erklärt Marx. Begonnen habe diese Dürreart mit den Schäden am Wintergetreide im Juni 2018, später seien der niedrige Mais-Ertrag im September und der Winterraps-Ertrag 2019 dazugekommen. Auch weniger Holzzuwachs, Probleme durch Schädlingsbefall, Einschränkung der Frachtschifffahrt auf Elbe und Verteuerung der Fracht auf Mosel Rhein – diese Flüsse speisen sich bei Niedrigwasser durch Gletscherwasser – gehörten zu den Auswirkungen der sozio-ökonomischen Dürre. Auch die produzierende Wirtschaft, oder Chemiewirtschaft wie BASF und die Energieproduzenten seien davon betroffen.

Regionale Auswirkungen der Dürre

Konkret wirkt sich die anhaltende Trockenheit in Sachsen-Anhalt im Moment auf die Landwirtschaft und die Schifffahr aus. Das hat eine Befragung der Landkreise von MDR SACHSEN-ANHALT ergeben.

Altmark und Elb-Havel-Winkel: "Man merkt überall, dass Wasser fehlt"

In der Altmark und dem Elb-Havel-Winkel warten vor allem die Landwirte auf Regen. Geschäftsführerin Annegret Jacobs vom Bauernverband des Altmarkkreises Salzwedel sagte MDR SACHSEN-ANHALT, wenn Regen falle, dann zu kleinräumig. Man merke überall, dass Wasser fehle.

Auch der Bauernverband Stendal schätzt die Situation so ein. Geschäftsführerin Kerstin Ramminger verwies bei MDR SACHSEN-ANHALT auf das Vorjahr. Auch die Dürre 2018 wirke sich heute noch aus. Die Landwirte meldeten deutlich geringere Erträge als im langjährigen Vergleich. Sie lägen aber über den Ergebnissen von 2018. Im Altmarkkreis Salzwedel soll ab Donnerstag, den 11. Juli, die Wasserentnahme aus Oberflächengewässern verboten werden.

Mansfeld-Südharz und Saalekreis: Aufforderung, mit dem Wasser sparsam umzugehen

Ein Verbot der Wasserentnahme aus Oberflächengewässern wird derzeit im Landkreis Mansfeld-Südharz geprüft. Es werde bis Ende des Monats ein solches Entnahmeverbot geben, sollte es nicht langanhaltend regnen, so der Kreis. Umweltbehörden und Ordnungsämter würden die Kontrollen übernehmen. Aktuell liege der Pegel der Wipper in Wippra bei zwei Zentimetern. Der Grundwasserpegel sei noch niedriger als im vergangenen Jahr. Es sei kein Wasser nachgeflossen.

Der Saalekreis plant nach eigenen Angaben derzeit kein Wasserentnahmeverbot. Die Bürger seien aber aufgefordert, mit dem Wasser sparsam umzugehen.

Landkreis Wittenberg und Magdeburg: niedrigste bisher gemessene Pegel erwartet

Auch an der Elbe wird die anhaltende Trockenheit sichtbar. Am Freitag wird im Landkreis Wittenberg der niedrigste bisher gemessene Pegel erwartet. Am Dienstag betrug er 66 Zentimeter. Da die Kanäle des Wörlitzer Gartenreiches aus der Elbe gespeist werden, könnten auch in diesem Sommer wieder Gondeln an Land bleiben. Aktuell liegen die Wasserstände dort 35 Zentimeter unter normal.

Experten rechnen damit, dass der Elbepegel in Magdeburg am Donnerstag einen neuen Negativrekord erreicht. Im September 2018 waren dort 45 Zentimeter gemessen worden. Die Elbeschifffahrt ist eingestellt. Die "Weiße Flotte" weicht mit ihren Touristenbooten auf den Mittellandkanal aus. Der Güterverkehr kann jedoch vom Mittellandkanal kommend den Hafen dank der Niedrigwasserschleuse problemlos erreichen.

Salzlandkreis und im Jerichower Land: Wasserentnahme verboten

Im Salzlandkreis und im Jerichower Land ist die Wasserentnahme aus Oberflächengewässern verboten. Im Kreis Harz und in der Börde ist das aber vorerst kein Thema. Die Regenfälle am Wochenende hätten die Lage etwas entspannt, hieß es auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT.

Sachsen-Anhalt und die Folgen des Klimawandels

Für die Wissenschaft ist klar: Die anhaltende Dürre ist ein Merkmal des Klimawandels. Einzeln betrachtet sind Hitzetage oder Starkregen einfache Wetterphänomene. Es gab sie auch schon vor 100 Jahren. In der Forschung ist jedoch entscheidend, wie häufig diese Wetterphänomene auftreten.

Dr. Inke Schauser, Umweltbundesamt
Inke Schauser Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Inke Schauser arbeitet am Umweltbundesamt zu den Klimafolgen in Deutschland. In ihren Analysen stellt sie fest, dass die Folgen des Klimawandels bereits heute messbar seien und Deutschland vor große Herausforderungen stellen würden. "In Deutschland sehen wir die ansteigenden Temperaturen. Die Anzahl der Hitzetage steigt, die Gletscher schmelzen. Wir beobachten mehr und mehr Wetterextreme", sagt sie.

Und auch Andreas Marx vom Umweltforschungszentrum kann diesen Trend bestätigen. In einer Studie habe man sich an angeschaut, welche Auswirkungen unter anderem in Mitteldeutschland eine globale Erwärmung um 1,5 Grad, zwei Grad oder drei Grad auf den Wasserkreislauf hat. "Und bei 1,5 Grad und zwei Grad hat man Zunahmen der Dürre in der Größenordnung bis 30 Prozent." Bei einer Drei-Grad-Erwärmung müsse man in Mitteldeutschland um 70 Prozent längere Zeiten unter Dürre erwarten.

Erst im Oktober 2018 wurde in einem Sonderbericht des als Weltklimarat bekannten IPCC veröffentlicht, dass die weltweiten Treibhausgas-Emissionen bis 2030 radikal reduziert werden müssten, um die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen.

Wann spricht man von Dürre?

Abweichung von der langjährigen Statistik im jeweiligen Monat: "Das ist die Definition von Dürre." So beschreibt das Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) den Unterschied zwischen Trockenheit und dem statistischer Vergleich mit dem Betrachtungszeitraum von 1951 bis 2015. UFZ-Forscher Marx sagte: "Dürre ist, wenn es trockener ist, als langjährig erwartet – in den unteren Perzentilen." Anders als beim Mittel werde bei den unteren Perzentilen die 20 Prozent niedrigsten Werte betrachtet.

Was ist das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)?

Nach eigenen Angaben werden am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Ursachen und Folgen der Veränderungen der Umwelt erforscht. Gearbeitet wird zu den Themenbereichen Wasserressourcen, Ökosysteme der Zukunft, Umwelt- und Biotechnologien, Chemikalien in der Umwelt, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen.

Am UFZ arbeiten an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg rund 1.100 Mitarbeiter. Der Bund sowie die Länder Sachsen und Sachsen-Anhalt finanzieren das Forschungszentrum.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Martin Paul ist seit 2014 Onlineredakteur bei MDR SACHSEN-ANHALT. Zuvor arbeitete er als Redakteur und in der digitalen Produktentwicklung bei der Mitteldeutschen Zeitung und absolvierte dort ein online-journalistisches Volontariat. Er studierte Kulturwissenschaften in Leipzig und Multimedia & Autorschaft an der Uni in Halle.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Juli 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2019, 08:22 Uhr

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9 Kommentare

11.07.2019 21:15 Susan 9

Tja, solange wir Kapitalismus haben, wird es bis zum Crash weitergehen. Denn dieses Wirtschaftssystem hat nur einen irrationalen Selbstzweck: Profitmaximierung > endloses Wachstum. Ein Kapitalist, der sich dem nicht unterwirft, geht pleite. Ein Lohnabhängiger, der sich nicht an die Profitmaschine verkauft, versinkt in Armut und wird vom Staat mittels Sanktionen gezwungen, sich doch wieder zu verkaufen. Die Folge: Alle machen mit. Auf in den Untergang.

Einzige Lösung: Die Wirtschaft von profitgetrieben auf bedarfsorientiert umstellen und global planen. Blöderweise wollen das die Eigentümer der Konzerne nicht. Und dummerweise gehört ihnen der Staat, der ihre Interessen vertritt. Und der hat Polizei und Militär dafür. Wenn die Menschheit das aber nicht in den nächsten 20, 30 Jahren hinkriegt, sind wir alle am Arsch. Wir werden unsere Lebensgrundlage sterben sehen. Geld kann man nun mal nicht essen.

11.07.2019 10:13 W. Merseburger 8

@7, Sachsen denkt,
ich kann ihnen nur versichern, dass nach diesem Debakel damals als die Maltertalsperre in vollem Strom überlief Maßnahmen ergriffen wurden. Der Wasserspiegel wurde in der Folge erheblich abgesenkt, um, wie sie flapsig schreiben, es nicht wieder dumm laufen zu lassen.

10.07.2019 19:58 aus Sachsen und denkt 7

@6: "Es wäre also kein Problem in den extrem regenarmen Zeiten diese Talsperren als Wasserquelle zum Aufrechterhalten bestimmter Pegelstände in größeren Flüssen zu verwenden." - Passiert schon. Unsere Zwickauer Mulde hat nur deshalb noch um die 65 cm, weil uns Muldenberg regelmäßig ein paar Schlucke gönnt. Wer weiß, wie wir sonst dastünden (und wer weiß, wie lange das noch gehen kann).

"und den Zweck des Hochwasserschutzes links liegen zu lassen" - na das mit Malter 2002 wird wohl keine Nachlässigkeit gewesen sein. Ist einfach dumm gelaufen. Im Ausmaß von Ilse, dem Tiefdruckgebiet damals, haben sich alle verschätzt. Ist auch nicht so einfach, alle Eventualitäten abzupuffern, das hat so viele Unwägbarkeiten. Hut ab vor den Wasserwirtschaftern. Trinkwasser ist schon ein besonderer Wertgegenstand.

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