Auf den Spuren der Wendekinder Fasziniert vom Umbruch: Susan Baumgartl und das Erinnern als Lebensgeschichte

Plötzlich war die vertraute Welt einfach weg. Als die Mauer fiel, waren die "Wendekinder" nicht einmal in der Pubertät. Für rund 2,4 Millionen Kinder, geboren zwischen 1975 und 1985, war vom einen auf den anderen Tag alles anders. Viele von ihnen sind gegangen, manche zurückgekommen. Auch Susan Baumgartl war viel unterwegs – und ist doch geblieben. Sie ist ein Wendekind. Dem MDR hat sie ihre Geschichte erzählt.

Wendekind Susan Baumgartl 6 min
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"Dieser radikale Umbruch, und was das mit Menschen macht, das hat mich schon immer fasziniert."

MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE Mo 28.09.2020 19:00Uhr 06:16 min

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Kann man seine eigene Geschichte zum Beruf machen? Das Erinnern? All die Umbrüche, erlebt in jungen Jahren?

Man kann.

Susan Baumgartl macht es vor. Als sie im thüringischen Berka an der Werra – wenige Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt – aufwächst, sind es noch zehn Jahre, bis die Mauer fallen wird. Es sind zehn Jahre, die gezeichnet sind von Umbrüchen in einer bewegten Zeit. Nicht nur politisch und gesellschaftlich, auch privat. Als Susan Baumgartl acht Jahre alt ist, trennen sich ihre Eltern. Susan zieht mit ihrer Mutter nach Eisenach, der Vater bleibt in Berka. Neue Schule, ungewohntes Umfeld. Zwei Jahre später fällt die Mauer. Wieder: Alles anders.

Gelernt, mit Neuem umzugehen

Heute ist Susan Baumgartl 41 Jahre alt und leitet die Gedenkstätte Deutsche-Teilung in Marienborn. Fragt man Baumgartls Vater, sagt der, es gebe keinen besseren Job für seine Tochter. Fragt man Susan Baumgartl, sagt sie: "Ich denke schon, dass ich gelernt habe, mit neuen Situationen umzugehen. Nicht nur durch 1989, sondern auch durch familiäre Umbrüche." Sich auf neue Dinge einzustellen, auf sich selbst zu vertrauen – das ist Teil ihrer Identität.

Nahaufnahme einer Frau, die in die Ferne blickt
Wendekind: Als die Mauer fiel, war Susan Baumgartl zehn Jahre alt. Von der Umbruchserfahrung profitiert sie auch heute noch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Susan Baumgartl ist überzeugt davon, dass ihre Eltern ihr all das vorgelebt und mitgegeben haben. Die Mutter, studierte Nachrichtentechnikerin, wird nach der Wende arbeitslos. Aufgeben? Für Baumgartls Mutter keine Option. Auch nicht für ihren Vater, Elektroingenieur mit eigenem Fachgeschäft. "Beide sind Menschen, die immer im Tun sind. Die irgendwie weitermachen. Egal, was ist." Beide tragen einen "Grundoptimismus" in sich, sagt die Tochter.

Zwei Frauen stehen nebeneinander und lächeln in die Kamera.
Susan Baumgartl und ihre Mutter Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neue Rahmenbedingungen, neue Arbeit, neuer Staat. [...] Das kommt eigentlich schon aus der Generation meines Großvaters: Aus Nichts wieder irgendwie einen Neuanfang zu beginnen. Es wird auch nicht viel zurückgeschaut. Es geht irgendwie, es geht immer weiter. Man guckt einfach: Wo kann ich wieder was tun? Wo kann ich wieder wirksam sein?

Susan Baumgartl über ihre Eltern

Susan Baumgartl hat viel von der Welt gesehen. Sie hat in Amerika gelebt, in Rom und Leipzig studiert. Germanistik, Kulturwissenschaften, Journalistik. Später hat sie promoviert. "Irgendwie spielt dieser Hintergrund immer eine Rolle", sagt sie. Natürlich stelle sie sich im Ausland in erster Linie als Deutsche vor. "Aber oft kommt das Gespräch dann doch relativ schnell auch irgendwie darauf. Dass es da noch einen anderen Erfahrungshintergrund gibt." Das Sperrgebiet und der Osten, beides spielt dann doch eine Rolle. Susan Baumgartl kramt dann in ihrem "inneren Archiv an Ost-Erfahrungen", wie sie das nennt.

Fasziniert vom Umbruch und was er mit Menschen macht

Heute, als Leiterin der Gedenkstätte, fasziniert Baumgartl noch immer der radikale Umbruch und was er mit Menschen macht. "Ich habe mich schon immer gefragt: Wie wäre mein Leben gelaufen, wenn dieses oder jenes in meiner Familie nicht passiert wäre? Oder: Was wäre gewesen, wenn ich da oder da eine andere Entscheidung getroffen hätte?"

TV-Tipp: "Auf den Spuren der Wendekinder"

Das MDR-Fernsehen zeigt am Tag der Deutschen Einheit den Film "Generation Umbruch: Auf den Spuren der Wendekinder". Der Film ist das Ergebnis vieler Gespräche mit Menschen, deren Lebenswege stark von den Nachwendejahren beeinflusst worden sind. Zu sehen ist der FIlm am 3. Oktober um 18:05 Uhr und ab sofort vorab in der ARD-Mediathek.

Als die Mauer fiel, war Susan Baumgartl erst zehn Jahre alt. Und doch steckt dieses andere Leben in ihr. "Ich habe ein anderes Leben kennengelernt", sagt sie. "Diese Erfahrung war für mich zum Glück total früh zu Ende und ich kam in ein neues System, in dem ich in ganz andere Perspektiven einnehmen konnte."

Sie hat die DDR erlebt und doch ist dieses System so befremdlich für Susan Baumgartl. "Wenn mein Vater mir Dinge erzählt aus dem Erwachsenenleben in der DDR, was auf mich erst noch zugekommen wäre, sind das manchmal absurde Geschichten." Sie fühle sich dann mitunter, als erzähle ihr Vater ihr von einem Land aus einem anderen Kulturkreis. "Es ist so komplett anders, als wir das heute kennen."

Wie lange wäre das gut gegangen?

Eine von der Seite aufgenommene Frau blickt in die Ferne.
Susan Baumgartl hinterfragt Dinge gern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Jahre des Umbruchs haben die 41-Jährige geprägt. Susan Baumgartl sagt von sich, dass sie gern hinter die Dinge schaut. Dass sie hinterfragt, Dinge in Zweifel zieht. Und lieber noch einmal nachsieht, ehe sie etwas weitererzählt. Auch deshalb glaubt sie, dass es in der DDR irgendwann schwierig geworden wäre für sie. Wann, das kann sie nicht genau sagen. Vielleicht in der Pubertät. Hätte sie sich auch dann zufrieden gegeben mit so einfachen Antworten? "Es hängt schon mit meiner Persönlichkeit zusammen, Dinge durchdringen zu wollen."

Kürzlich ist Susan Baumgartl Mutter geworden. Sie will dem neuen Leben Raum geben und doch etwas weitergeben an ihren Sohn – ohne sich darauf festzulegen, was genau das sein wird. Ein wacher Blick für die Gesellschaft, das könnte so etwas sein. Und: Sich klar und eindeutig selbst wahrzunehmen, im Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten. Und noch etwas möchte sie ihrem Sohn geben – etwas, das schon ihre Eltern ihr mitgegeben haben: Liebe.

Generation Umbruch: Kinder der Wende

Ein Mann in seiner wohnung
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„Auf einmal habe ich in diesem Staat gelebt, vor dem ich mein ganzes Leben lang gewarnt wurde.“

MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE Mo 14.09.2020 19:00Uhr 05:57 min

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Wendekind Wiebke Neumann
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„Meine Mutter hat Vollzeit gearbeitet. Ich war in der Kita. Es war immer klar: Frauen sind nicht dafür da, sich um Kinder und Haushalt zu kümmern."

MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE Di 15.09.2020 19:00Uhr 06:12 min

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Wendekind Andreas Brohm
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„Wenn du an etwas glaubst, wenn du dich einbringst, dann entsteht etwas. Was alle für unwirklich halten."

MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE Mi 16.09.2020 19:00Uhr 05:54 min

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Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Generation Umbruch – Auf den Spuren der Wendekinder | 03. Oktober 2020 | 18:05 Uhr

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