Idee des Oberförsters Wie der deutsche Wintersport im Harz geboren wurde

Auch wenn der Schnee allmählich verschwindet: Der Harz gilt als Wiege des Wintersports. Skifahren und Co. haben dort eine große Tradition – und die begann durchaus kurios: nämlich mit einem Förster unter Zeitdruck.

Eine Menschengruppe posiert mit Ski in winterlicher Landschaft.
So sah das damals aus: eine Skigesellschaft im Harz während der Anfänge des Wintersports. Bildrechte: FIS-Ski- und Heimatmuseum Braunlage

Alles begann mit einem Orkan. Anfang Dezember 1883 fegte er über den Harz. Bäume wurden entwurzelt, Wege waren unpassierbar, obendrein fiel Schnee. So war Arthur Ulrichs, der Oberförster in Braunlage, gefragt. Die Waldschäden sollte er feststellen. Doch er merkte an: Bei dem tiefen Schnee komme er gar nicht erst in den Wald hinein. Seine Vorgesetzten? Denen war das egal. Sie setzten ihm gar eine Frist.

Selbst war also der Mann. Mit einer Zeichnung, auf der zwei norwegische Jäger bei der Schneehuhnjagd auf Ski zu sehen waren, ging Ulrichs zum örtlichen Stellmacher und ließ sich nach diesem Abbild zwei Ski anfertigen, mit Lederriemen zum Befestigen der Schuhe. Mit Hilfe dieser Ski gelange Ulrichs in den Wald und konnte seine Schadensmeldung rechtzeitig erstellen – so wird es erzählt.

Postboten und Hebammen auf Ski

Auch wenn der Schnee in diesem Jahr im Harz ein knappes Gut ist: Das Mittelgebirge ist eine Wiege des Wintersports. Der Harz spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Skifahren, Skispringen, Bobfahren und Eishockey.

Zwar hatten gelegentlich schon vorher in Deutschland lebende Studenten aus Norwegen ihre Ski mitgebracht. Und auch der Begründer der deutschen Turnbewegung, Johann Christoph Friedrich Guts Muths, soll 1795 im Thüringer Wald das Skifahren ausprobiert haben. Doch Arthur Ulrichs gilt als erster Deutscher, der das Skifahren systematisch betrieb. Mit ihm beginnt die Geschichte des Skisports in Deutschland.

Im Heimat- und Skimuseum Braunlage ist ihm deshalb ein Teil der Ausstellung gewidmet. Dort ist zu erfahren: Ulrichs hat sich das Skilaufen selbst beigebracht – und wurde von der Bevölkerung anfangs dafür belächelt. Doch das änderte sich. Schon bald schnallten sich Jugendliche gebogene Fassbretter unter die Stiefel. Hebamme, Arzt und Postbote nutzten die Ski beruflich, um im Winter besser voranzukommen.

Skimuseum Braunlage Relikte aus den Anfängen des Wintersports

Skimuseum Braunlage
Das ist Arthur Ulrichs. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Skimuseum Braunlage
Das ist Arthur Ulrichs. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Skimuseum Harz
Arthur Ulrichs war Oberförster in Braunlage. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Skimuseum Harz
1883 ließ er sich anhand dieser Zeichnung aus Norwegen die ersten Ski anfertigen. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Skimuseum Harz
Es war der Beginn einer famosen Entwicklung des Wintersports im Harz – und in ganz Deutschland. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Skimuseum Harz
Heute wird diese Geschichte im Skimuseum in Braunlage ausgestellt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Skimuseum Harz
Diese Plakette erinnert an die Gründung des Oberharzer Skiklubs. Sie ist auf dem Brocken im Vorraum zur Brockengaststätte angebracht. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Skimuseum Harz
Auch im Skimuseum Friedrichsbrunn sind alte Wintersportgeräte wie diese Schlitten zu sehen. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Skimuseum Harz
Übrigens: Begrüßt und verabschiedet werden die Besucher des Skimuseums in Braunlage von Urvater Arthur Ulrichs persönlich – zumindest von seiner Statue vor dem Museum.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 02.03.2020 | 19 Uhr

Quelle: MDR/dg
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Schon 1890: Skilaufen als Unterrichtsfach

Bereits im Winter 1890 wurde Skilaufen an der Schule von Braunlage zum Unterrichtsfach. Nachdem im selben Jahr in München und ein Jahr später in Todtnau im Schwarzwald bereits erste Skivereine entstanden waren, gründeten Enthusiasten im Harz den dritten deutschen Skiverein: den WSV Braunlage. Heute ist der WSV der älteste noch existierende Skiverein Deutschlands.

Ein Meilenstein bei der Verbreitung des Wintersports: das erste deutsche Winterfest 1896 in Sankt Andreasberg nahe Braunlage. Denn: Hoteliers und Gastronomen erkannten damals den touristischen Wert des Wintersports, den es bis dahin kaum gab. Fortan warben sie damit. Zeitgenössische Berichte erzählen noch heute vom großen Engagement der Einwohner. Sie organisierten Schlittenfahrten, transportierten Gepäck der Gäste und bauten sogar Schanzen für erste Skisprungwettbewerbe.

"Man muss sich das Skilaufen damals wie eine Trendsportart vorstellen", sagt der Wernigeröder Historiker Uwe Lagatz. Normalerweise habe es damals im Winter keinen Tourismus gegeben, so der Autor einiger Bücher zur Tourismusgeschichte im Harz. Der Wintersport habe dem Gastgewerbe völlig neue Perspektiven aufgezeigt. "Das Winterfest kann man dafür als Initialzündung bezeichnen", sagt Lagatz.

Und tatsächlich: Zehn Tage nach jenem Winterfest gründeten einige Teilnehmer auf dem Brocken den Oberharzer Skiclub. Nur wenige Jahre später hatte der Klub bereits über 2.000 Mitglieder.

Neue Sportstätten nach zweitem Weltkrieg

Wintersport wurde immer populärer. Auch andere Orte im Harz veranstalteten Winterfeste. Immer mehr Unterkünfte wurden auch im Winter zur Verfügung gestellt, spezielle Wege für den Winter präpariert. Ein Ort profitierte besonders von dieser Entwicklung: Schierke am Fuße des Brockens. "St. Moritz des Nordens" – mit diesem Titel warb der Ort im Harz schon bald.

Skihänge, Skischanzen, Eislaufflächen und eine Bobbahn entstanden in Schierke. Der 1909 gegründete Bobsleigh Club Schierke war der zweite Bobverein Deutschlands. Zwei Jahre später gehörten die Schierker Bobfahrer zu den Gründungsmitgliedern des Deutsche Bobsleigh Verbandes, einer Vorgängerorganisation des heutigen Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wintertourismus wiederbelebt. Im Ostharz begann mit den ersten Wintersportmeisterschaften der DDR 1950 in Schierke ein nachhaltiger Aufschwung. In kürzester Zeit wurden die Sportstätten für die Meisterschaft modernisiert, teilweise sogar neu gebaut. Am Eckerloch beispielsweise entstand eine neue Schanze. Die Slalomwettbewerbe wurden am Großen Winterberg ausgetragen, die Abfahrtswettkämpfe auf der berühmten über drei Kilometer langen "Brockenabfahrt".

Die Erfolge von Wintersportlern aus dem Harz

Immer wieder konnten Wintersportler aus dem Harz im Laufe der Jahre große Erfolge feiern. Eine Auswahl:

  • Skispringer Dieter Bokeloh aus Benneckenstein wurde 1964 Olympiavierter. 1963 hatte er bereits die Skiflugwoche von Planica gewonnen und war damit inoffizieller Skiflug-Weltmeister geworden.
  • Veronika Hesse aus Harzgerode gewann 1976 Bronze bei Olympia mit der Frauenstaffel und Olympia-Gold mit der Staffel 1980.
  • Rennrodlerin Tatjana Hüfner aus Blankenburg gewann bei drei Olympischen Spielen Medaillen und erkämpfte fünf Einzel-Weltmeistertitel.
  • Biathlet Arnd Pfeifer aus Clausthal Zellerfeld gewann fünf Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften und wurde 2018 Olympiasieger im Sprint.
  • Toni Eggert aus Ilsenburg ist aktueller Weltmeister im Doppelsitzer Rodeln und gewann 20180 Olympiabronze.
  • Der 20 Jahre alte Danilo Riethmüller aus Hasselfelde ist amtierender Juniorenweltmeister im Biathlon.
  • Christopher Grotheer aus Wernigerode wurde in der vergangenen Woche Skeleton-Weltmeister.

Preisgekröntes Eisstadion

Doch mit dem Errichten des Grenz-Sperrgebiets verschwanden viele Schierker Sportstätten. In anderen Orten wurden dafür jedoch Skispringen, Skilanglauf und Rodelsport betrieben. Kleinere Skilifte gab es zu DDR-Zeiten in Wernigerode, am Erdbeerkopf bei Schierke und in Friedrichsbrunn. 1988 wurde am Hohnekopf zwischen Wernigerode und Schierke ein alpiner Skihang mit Liftanlage eingeweiht, der aber 2001 eingestelt wurde. Das Gelände gehört heute zum Nationalpark Harz, so wie die meisten der ehemaligen Wintersportgebiete in Schierke. Einzig das Eisstadion konnte erhalten werden und kam schließlich als Feuersteinarena mit Kunsteisfläche und preisgekrönter Dachkonstruktion zu neuen Ehren.

Zahlreiche Wintersportanlagen entstanden auch im Westharz. 1972 erhielt Clausthal-Zellerfeld eine Kunststoffloipe zum Training der Skilangläufer. 1987 wurde dort eine Skirollerstrecke gebaut und mit dem Aufbau des heute noch bestehenden Landesleistungszentrums begonnen. In St. Andreasberg wurden Skilifte gebaut. In den 1960er und 1970er Jahren gab es dort sogar eine Sommerabfahrtspiste mit einem Untergrund aus Barytgestein.

Am Wurmberg in Braunlage entstanden eine Seilbahn und Skipisten. Die große Wurmbergschanze war lange Austragungsort internationaler Skisprung-Wettkämpfe. Die Schanze wurde vor einigen Jahren abgerissen, das Skigebiet aber erweitert. In Wernigerode wurde 1963 die große Schanze im Zwölfmorgental eingeweiht, die mehrmals modernisiert wurde und heute die größte Skischanze im Ostharz ist, die Skispringern zur Verfügung steht.

Wie sich der Harz als Wintersportgebiet einmal entwickeln würde, das konnte Oberförster Arthur Ulrichs damals nicht ahnen – doch es lässt sich wohl sagen: Der Urvater wäre stolz gewesen.

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Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 02. März 2020 | 19:00 Uhr

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