Zweijähriger stirbt nach Kita-Ausflug "Ruhe in Frieden, kleiner Engel" – Menschen am Neustädter See trauern um ertrunkenen Adam

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Eltern, Erzieherinnen, Rettungskräfte und Kinder – nach der Tragödie am Neustädter See in Magdeburg kümmern sich Seelsorger um alle Beteiligten. Das Mitgefühl eint die Menschen im Stadtteil. Die Anteilnahme ist groß.

Kerzen und Kuscheltiere stehen am Zaun einer Kindertagesstätte.
Kerzen, Kuscheltiere, Blumen und Beileidsbekundungen – die Gedenkstätte vor der Kindertagesstätte. Bildrechte: MDR/Thomas Schulz

Manchmal steckt all das Mitgefühl in einem Satz. "Es hätte mein Kind sein können" – unzählige Eltern haben diese Worte am Wochenende ausgesprochen oder niedergeschrieben oder gedacht.

Die Empathie zeigt sich am Montag dann auch in den Blicken der Mütter und Väter. Sie bringen ihre Töchter und Söhne in die Integrative Kindertagesstätte "Am Neustädter See". Es ist sieben Uhr. Es scheint ein normaler Morgen zu sein – doch nichts ist mehr, wie es mal war.

Nach dem Tod eines Zweijährigen in Magdeburg ist die Anteilnahme groß. Der Junge war am Freitag auf einem Kita-Ausflug verschwunden und später leblos im Neustädter See gefunden worden. Sein Name ist Adam.

Leblos auf dem Neustädter See

Es nieselt an diesem Montagmorgen im Oktober. Dutzende Kuscheltiere werden nass. Sie liegen vor der Kita-Tür in Gedenken an den "kleinen Engel", wie es auf mehreren Beileidsschreiben geschrieben steht. Genau wie diese Worte der Anteilnahme: "Wir können nicht das Leid aus der Welt schaffen, nicht den Schmerz lindern. Alles, was wir tun können, ist mit den Menschen zu fühlen, die dieses kleine Menschlein verloren haben."

Noch ist unklar, wie die Tragödie passieren konnte. Die Kriminalpolizei hat Ermittlungen aufgenommen. Die Obduktion des Verstorbenen war für den Montag geplant. Was bislang bekannt ist: Die Kita-Gruppe war bei einer Spielstunde wenige hundert Meter am Neustädter See entlanggegangen. Kurz nachdem sie umgekehrt war, fiel das Fehlen des Jungen auf. Gegen 12 Uhr alarmierten die Erzieherinnen die Polizei.

Mit mehreren Einsatzkräften, einem Hubschrauber und Fährtenhunden wurde nach dem Zweijährigen gesucht. Um 13.20 Uhr entdeckten Polizisten den Jungen leblos im See. Ärzte versuchten, ihn vor Ort zu reanimieren. Doch am Nachmittag starb das Kind im Krankenhaus.

Ein Schock – vor allem für die Eltern, aber auch für die Erzieherinnen, Beamten und Rettungskräfte. Eine Psychologin und sieben Seelsorger vom Kriseninterventionsdienst des Magdeburger Vereins "Hilfe für Helfer in Not" waren bereits am Freitag vor Ort.

Ein Kind fragt: "Warum liegen die Teddys hier?"

Die spontan eingerichtete Gedenkstätte vor der Kita zog am Montag die Blicke der Kinder auf sich. "Natürlich bekommen sie mit, dass etwas nicht stimmt", sagt Stefan Perlbach. Der Vorsitzende von "Hilfe für Helfer in Not" und sein Team leisteten den Erzieherinnen, Eltern und Kindern auch am Montag wieder Beistand. So hätten die Kleinen gefragt: "Warum stehen hier Kerzen? Warum liegen die Teddys hier?"

Also traten die Seelsorger vor die Kita-Gruppen und erklärten, was geschehen ist. "Nicht im Detail", erzählt Perlbach. Details sind ohnehin noch nicht bekannt. Aber: "Es ist wichtig, dass sie eine Erklärung bekommen. Danach haben sie ihr Spielzeug genommen und weitergespielt. Auch Kinder trauern, nur anders als Erwachsene."

Stefan Perlbach, Vorstand des Vereins "Hilfe für Helfer in Not"
Bildrechte: MDR/Daniel George

Es herrscht bei allen eine große emotionale Überwältigung. Einfach eine große Leere nach dem Verlust des kleinen Jungen.

Stefan Perlbach, Vorsitzender des Vereins "Hilfe für Helfer in Not"

In den sozialen Netzwerken entbrannte – neben unzähligen Beileidsbekundungen – nach dem Unglück vor allem eine heftige Diskussion ob der Schuldfrage. In Hunderten Kommentaren drückten Eltern ihr Unverständnis aus, wie so etwas passieren könne. Eine Mutter schrieb: "Meine Kleine geht in dieselbe Gruppe! Ich werde sie keinen weiteren Tag dorthin geben. Ich bin so fassungslos und traurig. Ich versetze mich in die Eltern und könnte nur weinen!"

Erzieherinnen von der Arbeit befreit

Tatsächlich blieben weit mehr als die Hälfte der Kita-Kinder der Einrichtung "Am Neustädter See" am Montag fern. "Wahrscheinlich auch, weil sich die Eltern nicht sicher waren, ob genügend Personal da ist", sagt Stefan Perlbach. Die drei Erzieherinnen der Gruppe des Spaziergangs sind laut dem Kita-Träger auf unbestimmte Zeit von der Arbeit befreit. "Es ist schwer zu beschreiben, was in ihnen vorgeht", sagt Stefan Perlbach, dessen Team die Frauen am Freitag noch vor Ort betreut hatte.

Ein Vater schrieb auf Facebook: "Viel Kraft allen Beteiligten! Und ja, auch dem kompletten Erzieherinnen-Team der Einrichtung. Auch diese machen eine verdammt schwere Zeit durch. Auf sie verbal einzuprügeln und zu hetzen, ist das allerletzte! Wir sind seit über sieben Jahren in der Einrichtung. Ich lege meine Hand ins Feuer für jede Einzelne."

Ein gemaltes Bild mit einem Regenbogen und Worten des Gedenkens hängen am Zaun einer Kindertagesstätte.
Bilder des Gedenkens wie dieses hängen zahlreich am Zaun der Kindertagesstätte. Bildrechte: MDR/Thomas Schulz

Generell sagt Perlbach: "Es herrscht eine große emotionale Überwältigung bei allen – dem Kita-Personal, den Eltern, den Beamten, die an dem Einsatz beteiligt waren. Einfach eine große Leere nach dem Verlust des kleinen Jungen." Kein Gespräch würde ohne Tränen verlaufen. "Das muss man erstmal verdauen. Das geht nicht von heute auf morgen."

Bis Freitag sind die Seelsorger mindestens noch in der Kita im Einsatz. Die seelischen Narben der Tragödie werden bei vielen Beteiligten für immer bleiben.

"Adam ging, um Frieden fern von dieser Welt zu finden"

Der Vater des kleinen Adam war am Freitag während der Suche nach seinem Sohn am Ort des Unglücks. Seelsorger begleiteten ihn und seine Frau ins Krankenhaus, betreuten die Eltern auch nach der Nachricht des Todes ihres Sohnes.

"Das war eine große innere Leere für sie, sie haben das zuerst gar nicht begreifen können. Damit umzugehen, ist bei so einem Verlust unheimlich schwer", sagt Stefan Perlbach. Aber: "Ich denke, wir haben sie gut auffangen können, dass sie nicht von der Wut übermannt wurden aufgrund dessen, was da passiert ist."

Blick auf den Neustädter See in Magdeburg
Blick vom Hochhaus auf den Neustädter See: Dort wurde der Zweijährige leblos gefunden. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Auf einem Schild am Zaun der Kita stand am Montag geschrieben: "Adams Familie kam (aus Syrien, Anm. d. Red.) wegen des Krieges hierher, um hier in Frieden zu leben. Aber der Frieden will Adams Familie nicht begleiten. Adam ging, um Frieden fern von dieser Welt zu leben. Ruhe in Frieden, kleiner Engel."

Die Anwohner eint das Mitgefühl

Eingerahmt von Plattenbauten liegt die Kindertagestätte "Am Neustädter See" auf einem Hinterhof. Ein schöner Spielplatz, viel Grün drumherum. Die umliegenden Wohnblöcke haben zehn Geschosse, dutzende Eingänge mit jeweils 40 Wohnungstüren. Hinter jeder einzelnen versteckt sich eine ganz eigene Geschichte.

Für gewöhnlich leben viele Menschen hier anonym. Doch das Schicksal des kleinen Jungen verbindet sie nun. Bei den Gesprächen unter Nachbarn gibt es kaum ein anderes Thema. Immer wieder legen Menschen Kuscheltiere oder Blumen nieder oder halten vor der Gedenkstätte einen Moment inne.

"Die Anteilnahme der Bevölkerung im Wohngebiet", sagt Stefan Perlbach, "ist sehr groß." Denn alle eint die Trauer, das Mitgefühl – und das Schreckensszenario: Es hätte mein Kind sein können.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Er ist in einem Wohnblock am Neustädter See aufgewachsen, hat als kleiner Junge auch die Integrative Kindertagesstätte am "Neustädter See" besucht und wohnt noch immer in der Gegend.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 02. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

wer auch immer vor 14 Wochen

Ich bekomme immer ein Schaudern, mir läuft es eiskalt über den Rücken wenn ich solche Nachrichten lesen muss.
Der Kampf eines so kleinen Menschen, das noch nicht wusste was Leben bedeutet.

Aus meiner Sicht : Totalversagen vom Personal.


Anni22 vor 14 Wochen

Tut mir echt leid für das Kind. Entweder passen die Erzieher auf die Kinder auf oder sie sollten lieber im umzäunten Gelände bleiben. Sowas darf einfach nicht passieren.

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