Lernen während der Coronakrise Wie Schüler die Schulen vermissen – und umgekehrt

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Schulen in Sachsen-Anhalt sollen schrittweise für alle öffnen, viele Kinder durften bislang trotzdem nicht hin. Das bringt viele Probleme mit sich. Aber auch Chancen und unerwartet positive Erfahrungen berichten Schülerinnen und Lehrer aus Magdeburg, Halle und Landsberg.

Gymnasium Landsberg
Der Einlass am Gymnasium Landsberg wird derzeit über verschiedene Eingänge geregelt. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Ein bisschen aufgeregt war Ella schon. Am Donnerstag sollte die 14-Jährige zum ersten Mal seit zwei Monaten in die Schule. "Wir werden in mehrere Gruppen geteilt. Und dann findet der Unterricht mit zwei Lehrern parallel statt. Sechs Stunden stehen insgesamt auf dem Plan", erzählte sie im Vorfeld. Vor allem aus einem Grund freute sich die Schülerin auf die Rückkehr ans Magdeburger Domgymnasium. "Ich kann endlich meine Freunde wiedersehen." Das war in den vergangenen Wochen nicht möglich.

Den Schulalltag selbst hat Ella dagegen seit der coronabedingten Schulschließung kaum vermisst. "Anfangs sind mir Schularbeiten zuhause schwer gefallen. Denn zuhause hat man ja normalerweise so ein Wohlfühl-Feeling. Mit der Zeit konnte ich das besser vereinbaren und habe gelernt, dass mir ein strukturierter Tagesplan hilft." Von der Schule fühlte sich die 14-Jährige einigermaßen gut betreut, mit dem Aufgabenpensum kam sie zurecht.

Schülerin: "Bin eifersüchtig auf meine Schwester"

Doch als ihre Schwester Emma vor zehn Tagen zurück ins Schulhaus durfte, änderten sich Ellas Gefühle. "Einerseits habe ich dadurch zuhause mehr Ruhe. Aber ich bin ein bisschen eifersüchtig, dass sie ihre Freunde sehen kann und ich nicht. Deswegen ist es schade, dass ich bisher nicht in die Schule durfte."

Nach der Premiere am Donnerstag und nach den Ferien soll Ella dann im Zwei-Tages-Rhythmus zur Schule. Ihre Schwester ist derweil längst wieder in der Normalität angekommen. Oder was man heutzutage eben so Normalität nennt. Die 16-Jährige will nächstes Jahr ihr Abitur ablegen. Deswegen darf sie täglich zur Schule, "Manche Lehrer wollen, dass wir im Unterricht Masken tragen. Und wir müssen nach jeder Stunde die Tische desinfizieren", benennt Emma die markantesten Unterschiede zur Zeit vorher. Sie berichtet, dass sie – im Gegensatz zu ihrer Schwester – zunächst gut mit der Heimarbeit klarkam. "Später wurde es dann schwieriger, sich immer wieder selbst zu motivieren. Der Austausch mit Lehrern, aber auch mit Mitschülern hat einfach gefehlt."

eine junge Frau
Emma darf wieder regelmäßig zur Schule. Ihre Schwester muss sich noch gedulden. Bildrechte: MDR/ Katja Luniak

Lernatmosphäre zuhause fehlt

Emma glaubt, dass sie aus den zurückliegenden Wochen auch etwas gelernt hat, was über den reinen Schulstoff hinausgeht. "Ich habe gelernt, mich zu organisieren. Und auch verstanden, mir Dinge selbst zu erarbeiten." Das half ihr, den Ablenkungsmöglichkeiten, die es zuhause gibt, zu trotzen. Doch sie ist sich nicht sicher, ob das all ihren Klassenkameradinnen und -kameraden gelungen ist. "Viele hatten Probleme mit der Organisation. Zuhause herrscht eben keine konzentrierte Lernatmosphäre."

Dieser Punkt bereitet auch Andreas Slowig Sorge. Der 47-Jährige leitet das Christian-Wolff-Gymnasium in Halle. Er befürchtet: "Die Schere zwischen starken und schwächeren Schülerinnen und Schülern ist noch weiter auseinander gegangen." Bei der Rückkehr ins Schulhaus überwog jedoch die Freude. Bei ihm, genau wie bei seinen Schützlingen. "Sieben Wochen Schule zu Hause hinterlassen Spuren", sagt Slowig. "Die Schüler sind strahlend wiedergekommen. So etwas habe ich in 20 Jahren als Lehrer noch nicht erlebt. Aber klar, zuhause herrscht auf Dauer auch eine bedrückende Lernatmosphäre."

Schüler und Lehrer des Christian-Wolff-Gymnasiums
Andreas Slowig ist Schulleiter am Christian-Wolff-Gymnasium in Halle. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Schulleiter Feudel: "Krise bringt auch positive Erfahrungen" 

Das hat auch Slowigs Kollege Lutz Feudel beobachtet. Der 60-Jährige ist Schulleiter am Gymnasium Landsberg. "Man lernt Dinge erst zu schätzen, wenn man sie plötzlich nicht mehr hat. Deswegen sind die Schülerinnen und Schüler froh, dass sie wieder kommen dürfen. Die Krise bringt auch positive Erfahrungen mit sich" fasste Feudel zusammen. Und denkt dabei auch an die Digitalisierung, die die Schule in den zurückliegenden Jahren in kleinen Schritten vollzogen hat. "Innerhalb von einer Woche konnten wir auf digitalen Unterricht umstellen und für alle Klassen Videokonferenzen anbieten", berichtet er stolz.

Nun hofft er, dass diese Erfahrungen auch in den kommenden Wochen und Monaten helfen. Deshalb soll für die Schülerinnen und Schüler, die nach Pfingsten im Wechsel jeweils eine Woche zuhause und eine in der Schule sind, weiterhin die Möglichkeit geben, im Videochat Fragen zu stellen.

Planungen für neues Schuljahr

Sachsen-Anhalts Bildungsministerium plant das kommende Schuljahr in unterschiedlichen Szenarien. Minister Marco Tullner sagte MDR SACHSEN-ANHALT, man fahre wegen der Coronavirus-Pandemie ein stückweit im Nebel, der sich nur langsam lichte. In Planung sei ein normaler Modus, aber auch andere Szenarien. Dabei müsse man die Virologen und die Auflagen der Gesundheitsbehörden im Blick haben. Solange es die aktuellen Einschränkungen mit den Abstandsregeln gebe, könne in den Schulgebäuden kein normaler Unterricht organisiert werden. Tullner zufolge soll die Öffentlichkeit rechtzeitig informiert werden.

Schwierigkeiten der Schule auf dem Land 

Für viele von ihnen beginnt erst nach den Ferien wieder der Schulalltag. Bisher war es neben den Abiturienten in Landsberg nur den zehnten und elften Klassen erlaubt, die Schule zu besuchen. Dass die meisten Kinder und Jugendlichen aus den umliegenden Orten mit dem Schulbus anreisen müssen, macht die Organisation dabei noch schwieriger. 

"Modelle aus der Großstadt funktionieren bei uns nicht", sagt Feudel deshalb. Und ärgert sich über die fehlende Flexibilität des Busunternehmens. "Die Busse fahren nur zu den normalen Zeiten – oder gar nicht. Deswegen ist ein stundenweiser Unterricht nicht möglich." Und auch deshalb kann nur die Hälfte der Schülerinnen und Schüler gleichzeitig in die Schule kommen.

Ausnahmezustand wird zur Normalität

Hoffnungen auf einen baldigen Normalbetrieb wischt der 60-Jährige beiseite. Durch den zweiten Teil der Abiturprüfungen und die mündlichen Prüfungen herrscht bis zum Schuljahresende Ausnahmesituation. Zusätzlich zu den Umständen, die ohnehin alles andere als normal sind.

Für die Zukunft wünscht sich Feudel mehr Geduld und Vertrauen. Von der Politik, aber auch von den Eltern. Denn in seinen vielen Jahren als Lehrer habe man in schwierigen Situationen oft gute Lösungen gefunden. "Und bestimmt nicht zum Nachteil der Schülerinnen und Schüler", bekräftigt er. Er ist überzeugt, dass ihm das, gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen, auch in Zukunft gelingt – bei allen Problemen, die Corona so mit sich bringt. 

Nur eine Sache macht ihn traurig: "Ein letzter Schultag und ein Abiball sind Dinge, die erlebt man nur einmal. Solche Momente kommen nie wieder. Dass unsere Abiturienten sie in diesem Jahr verpassen, ist ein unwürdiges Ende ihrer Schulzeit." Doch zumindest daran kann auch Lutz Feudel nichts ändern.

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Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. Mai 2020 | 05:00 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 35 Wochen

Danke für Ihre Anregungen. Eine Korrektur müssen wir aber vornehmen: Die Ideen für diesen Text sind ausschließlich in der Redaktionskonferenz entstanden.

Das Schindluder vor 35 Wochen

Dieser Artikel ist ein Machwerk im Auftrag der Staatspartei CDU; ein paar naive Schüler mit dem Versprechen von "Prominenz" locken und vom tollen Schulleben schwärmen lassen, einen Schulleiter als Zeugen zu Wort kommen lassen, der als Beamter Mündigkeit und eigene Meinung gegen üppige monetäre Gaben verhökert hat... Was für eine Schmietenkomödie. Fragt doch mal die Lehrenden aus der Risikogruppe, die man jetzt im Zweifelsfall über die Klinge springen lassen wird, nur um dem Kapital zu Willen zu sein und diesen armseligen "Corona-Kritikern" was zur Beruhigung zu servieren.

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