André Poggenburg
André Poggenburg benötigt Nachhilfe in Heimatkunde, meint der Kolumnist von MDR SACHSEN-ANHALT, Uli Wittstock. Bildrechte: dpa

Notizen in unruhigen Zeiten Poggenburg und die Frage, was ein Kümmelhändler ist

Da hat er wieder mal kräftig ausgeteilt, Sachsen-Anhalts AfD-Chef André Poggenburg. Beim politischen Aschermittwoch der AfD in Sachsen zog er über türkische Mitbürger her. Allerdings mit ziemlich falschen Vergleichen, meint MDR-SACHSEN-ANHALT-Kolumnist Uli Wittstock.

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

André Poggenburg
André Poggenburg benötigt Nachhilfe in Heimatkunde, meint der Kolumnist von MDR SACHSEN-ANHALT, Uli Wittstock. Bildrechte: dpa

Menschen, die man weit weg wünscht, verbannt man ja liebend gern dorthin, "wo der Pfeffer wächst", also irgendwo nach Hinterindien. Die Redewendung "wo der Kümmel wächst" gibt es hingegen nicht. Und das aus gutem Grund, denn derjenige müsste sich dann allenfalls bis nach Halle an der Saale verdünnisieren.

Dort nämlich, mitten in Mitteldeutschland, ist die Heimat des Kümmeltürken, so stellt es jedenfalls das Welterklärungsportal Wikipedia fest. Demnach habe sich im 18. Jahrhundert die Sitte eingebürgert, dass sich Studenten in Halle gegenseitig als "Kümmeltürke" begrüßten. Kein Zufall, denn seinerzeit war die Region ein Zentrum des Kümmelanbaus, was allerdings die Menschen höchstens satt, aber nicht reich machte. Denn wie Wikipedia weiter ausführt, war es seinerzeit üblich, rückständige Gebiete in Deutschland als "Türkei" zu bezeichnen. Politisch korrekt war das natürlich nicht, aber Spuren dieser Geschichte finden sich heute noch im berühmten Halleschen Zwiebelkuchen, in welchem die großzügige Beimischung von Kümmel ein wichtiger Bestandteil ist.

Heimatministerium – für Heimatkunde

Nun möchte der Herr Poggenburg die Kümmelhändler bis hinter den Bosporus verjagen. Hoffen wir mal für die Hallenser, dass der AfD-Landeschef nicht sie vertreiben will. Das Beispiel zeigt jedoch, wie dringend notwendig es ist, in Deutschland so ein Heimatministerium zu gründen, wenn schon harmlose einheimische Gewürze herhalten müssen, um Menschen zu beschimpfen, die dem einen oder anderen fremd vorkommen. Dabei hatte sich Poggenburgs Kümmelfrust genau an diesem Ministerium entzündet. Besser gesagt an dem Einwurf der türkischen Gemeinde, so ein Ministerium möge doch bitte nicht Tendenzen der Ausgrenzung fördern.

Dass diese Befürchtung durchaus berechtigt ist, zeigte dann ja auch der Auftritt von André Poggenburg. Mit Blick auf die türkische Gemeinde sprach er von vaterlandslosem Gesindel, das niemand mehr haben wolle und das zurückgeschickt gehöre hinter den Bosporus, zu den Lehmhütten und Vielweibern, wie der offenbar weitgereiste AfD-Mann seinen Anhängern zu verkünden wusste. Die waren so begeistert von den aufmunternden Worten, dass sie in rhythmisches Grölen verfielen: "Abschieben, abschieben, abschieben" dröhnte es in der Halle.

Alles Satire

Wer sich nun angesichts dieser Szene politisch gruselt, der ist nach Poggenburgs Lesart ein wenig zu zart besaitet, zumal es sich ohnehin um ein Missverständnis handele. Ziel war es nämlich nicht, die Masse aufzuwiegeln, sondern die Menschen zu unterhalten, denn es handelte sich eigentlich um Satire. Das zumindest betont Poggenburg inzwischen.

Die Frage ist nur, wer oder was wurde da eigentlich karikiert? Nahm sich der Herr Poggenburg als größter Landesvorsitzender aller Zeiten selbst auf die Schippe oder ging es ganz allgemein um die Parodie eines populistischen Wutpredigers?

Poggenburg gegen Pirinçci?

Da bietet sich also viel Stoff für Interpretationen, ganz im Gegensatz zum Inhalt der Rede, der nämlich ganz und gar nicht satirisch war. Denn ein Jan Böhmermann ist André Poggenburg nicht. Während Böhmermann mit seinem Schmähgedicht konkret den türkischen Präsidenten anging, bezog Poggenburg seine rassistischen Urteile auf alle in Deutschland lebenden Türken. Im Fachjargon heißt so etwas ein wenig verschämt gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Dabei hätte sich ja Poggenburg einen Gegner auf Augenhöhe aussuchen können, den deutsch-türkischen Autoren Akif Pirinçci zum Beispiel, der nach seinem Auftritt bei Pegida immerhin wegen Volksverhetzung verurteilt wurde: ein Straffälliger mit Migrationshintergrund also. Allerdings würde der wohl von der AfD Asyl bekommen, gilt Pirinçci doch als Islamhasser.

Aschermittwoch, Katholizismus und die Reformation

Und das zeigt das Dilemma mit diesen Kümmelhändlern und Kameltreibern. Sie lassen sich nicht so einfach über einen Kamm scheren. Das ist übrigens kein neues Problem, wie der Blick in die Geschichte zeigt. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn jeder Moslem ein großes "M" auf seinem Mantel tragen würde, am besten in Verbindung mit einem Halbmond. Dann wäre das auch mit der Abschiebung zu den Vielweibern deutlich einfacher. Achtung, verehrte Leserinnen und Leser, das ist jetzt natürlich satirisch gemeint.

Jörg Urban (l-r), Vorsitzender der AfD in Sachsen, Andreas Kalbitz, Vorsitzender der AfD in Brandenburg, André Poggenburg, Vorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt, Björn Höcke, Vorsitzender der AfD in Thüringen, und Jürgen Elsässer, Chefredakteur des Compact-Magazins, stehen zu Beginn des politischen Aschermittwoch der sächsischen AfD nebeneinander.
André Poggenburg (Mitte) beim politischen Aschermittwoch in Pirna Bildrechte: dpa

Aber der Auftritt in Pirna zeigt ein weiteres Problem der AfD, nämlich ein ziemlich unklares Verständnis von Heimat. Der politische Aschermittwoch braucht natürlich eine katholische Umgebung. Denn der Aschermittwoch ist ohne Karneval, Fastenzeit und Buße so beliebig wie ein Weihnachtsmann in Mekka. In Pirna, der Ort, in dem Poggenburg auftrat, gehört der Katholizismus seit der Reformation nicht mehr zu einer wie auch immer gefühlten Heimat.

Poggenburg verteidigt eine konstruierte Heimat 

Noch deutlicher gesprochen gehört die Religion ganz generell nicht mehr zum ostdeutschen Heimatgefühl, was dem Aschermittwoch seine geistige Grundlage entzieht. Indirekt scheint Poggenburg das Problem erkannt zu haben, denn bei seiner Rede präsentierte er sich in einem dezenten Trachtenjäckchen, eine Art Alpenschick, mit dem er gut ins katholische München oder Salzburg gepasst hätte. Die Heimat, die Poggenburg vorgibt verteidigen zu wollen, erweist sich einmal mehr als eine Konstruktion aus zusammengesuchten Zitaten – Politik als erlebbares Heimatmuseum.

Wem das noch nicht heimelig genug ist, der könnte ja jetzt noch einen Kümmelschnaps trinken. Doch Vorsicht, der gehört eben so wenig zu Deutschland wie der Ouzo, denn als erste kümmelten nicht etwa die Hallenser, sondern die Skandinavier.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. Februar 2018 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2018, 13:52 Uhr

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58 Kommentare

20.02.2018 13:33 Krause - "Black Power Salute" 58

@ 51:
Zitat "Übrigens, da Du doch so auf Anstand bestehst, beachte das bitte auch beim anständigen Nennen des Namens Deiner Zielpersonen."

Das mache ich nur bei anständigen Meinungen!

@ 52:
Zitat "Ist es wirklich so schwer, auch gegenteilige Meinungen zu lesen?"

Gegenteilige Meinungen sind das Salz in der Suppe jeder Diskussionen!
Faschismen wie Volksverhetzung, Religionsausgrenzen etc. pp. sind grundgesetzwidrig und daher das 'Gift in der Suppe'.

'Giftige Suppen' willst nicht mal Du auslöffeln - so viel Verstand traue ich Dir zu.

20.02.2018 12:37 @52. Udo K 57

Nicknames sind Schall und Rauch - so mancher wechselt hier munter bzw. versucht sogar, durch Übernahme andere zu diskreditieren - mal merkts die Moderation und mal nicht. - ansonsten: ist es wirklich so schwer zu erkennen, dass in den meisten Foren eine Minderheit der Bevölkerung die Meinungshoheit für sich beansprucht?

20.02.2018 11:11 ich hätte andere Worte gefunden 56

und die die Herren der Türkischen Gemeinde gefragt, aus welchem Grund sie die verabschiedete Armenienresolution als "Politshow" bezeichnet haben.
Ähnliche Aussagen zur düsteren deutschen Vergangenheit und vor allem die damit verbundene Leugnung des Holocaust werden hierzulande zu Recht nach dem StGB geahndet.
Die Armenien-Resolution als Politshow zu disqualifizieren zeigt doch, dass die Vertreter dieser Gemeinde im demokratischen Deutschland nicht einmal bereit sind, sich ernsthaft mit dem Genozid auseinanderzusetzen.
Dies zeigt die scheinheilige Haltung des Vereins.