Notizen in unruhigen Zeiten Ein Virus, das die Welt verändert?

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Deutschland schaltet sich ab, zumindest in vielen Bereichen der Wirtschaft, des Handels und der Kultur. Selbst Kirchen sind geschlossen. Das Coronavirus hat innerhalb weniger Tage das Leben jedes Einzelnen geändert – und das zum Teil dramatisch. Zwar arbeiten die demokratischen Strukturen, Parlamente und Regierungen sind handlungsfähig, doch den Entscheidungsspielraum bestimmen nicht politische Überzeugungen, sondern Virologen und Seuchenforscher. Uli Wittstock mit Anmerkungen.

Schattenriss eines Pärchens vor einem unscharfen Viruskörper.
Das Coronavirus und seine Folgen: Für die Gesundheit der Menschen werden zahlreiche Rechte eingeschränkt. Bildrechte: imago images/Future Image

Der Graseweg in Halle führt vom Markt in Richtung Saale, eigentlich eine kleine Gasse, die allerdings mit einer interessanten Geschichte in Verbindung gebracht wird. Denn seinen Namen verdankt der Graseweg einer alten Legende, die sich auf den Ausbruch der Pest im Jahr 1350 bezieht.

Renaissance-Fachwerkhäuser stehen DDR-Plattenbauten in der Großen Klausstraße in Halle gegenüber
Das Graseweghaus am Eingang der engen Straße in der Nähe des Hallmarkts. Bildrechte: dpa

Seinerzeit sollen nämlich alle Ausgänge des Graseweges zugemauert worden sein, um die Pest einzudämmen, trotz des Flehens und Jammerns der Betroffenen. Erst nach zehn Jahren seien dann die Mauern wieder abgetragen worden und zu diesem Zeitpunkt habe bereits Gras die bleichen Knochen der Toten überwuchert. So soll der Graseweg zu seinem Namen gekommen sein.

Da wirken die aktuellen pandemischen Eindämmungsversuche in Halle vergleichsweise human: Die Ausrufung des Ausnahmenzustands verbunden mit der Drohung des Oberbürgermeisters, Ausgangssperren zu verhängen, sollten die Menschen sich weiterhin uneinsichtig zeigen. Allerdings wurde die Anforderung zusätzlicher Polizeikräfte vom Magdeburger Innenministerium umgehend abgelehnt.

Das ganze Ausmaß der Krise

Unbestreitbar befinden wir uns derzeit in einer außerordentlichen ungewöhnlichen Situation und auch ich selbst habe ein paar Tage gebraucht, um die Dramatik zu realisieren. Denn natürlich erinnern wir uns an so manches Katastrophenszenario der letzten Jahrzehnte: BSE werde ganz Europa befallen und verblöden lassen, die Vogelgrippe werde ganz Landstriche entvölkern und auch der Schweinegrippe wurde ähnliches nachgesagt. Letztendlich brauchte es erst die Einlassung von Wirtschaftsminister Altmaier. Die Welt der Zahlen ist mir eben näher als die Welt der Viren.

leerer Biergarten
Eingeschränkt: Versammlungsfreiheit, Gewerbefreiheit, das Recht auf Asyl Bildrechte: MDR/imago images/Future Image

Als aber Altmaier wie ein postkommunistischer Jungsozialist ankündigte, im Notfall auch bedrohte Firmen verstaatlichen zu wollen, wurde mir das Ausmaß der Probleme klar. Denn eine solche staatliche Maßnahme war nicht einmal zum Höhepunkt der Bankenkrise erwogen worden.

Seitdem sind in der Bundesrepublik innerhalb kürzester Zeit Eingriffe in zahlreiche fest verbriefte Rechte erfolgt. Eingeschränkt wurden die Versammlungsfreiheit, die Gewerbefreiheit oder auch das Recht auf Asyl. Und von einer Reisefreiheit kann man derzeit wohl auch nicht sprechen. Bemerkenswert ist zudem, dass die politische Kritik an diesen Maßnahmen nur gedämpft zu hören ist. "Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit", an diesen alten philosophischen Spruch scheinen sich nun überraschend viele Mitbürger zu erinnern, auch wenn es wohl eine Weile gebraucht hat, bis eine Mehrheit sich das zu eigen machte.

Legende vom hallischen Graseweg: Scharfe Abgrenzung und Ausmerzung

Dabei ist die Vorstellung, dass unser modernes Leben trotz aller technischen Hochrüstung ziemlich fragil ist, ein fester Bestandteil unserer Alltags- und Popkultur. Regelmäßig spielen Filme mit der Angst vor dem Niedergang von Kultur und Zivilisation, als Folge einer rätselhaften Infektion, welche nette Mitbürger unversehens in bösartige Zombies verwandelt.

Die Stories setzen dabei auf eine klare Unterscheidung von "infiziert" oder "gesund" und folgen dabei eben jener Logik, nach der auch die Legende vom hallischen Graseweg gestrickt ist: Scharfe Abgrenzung und Ausmerzung. Davon sind wir, bei aller Einschränkung des öffentlichen Lebens, entschieden entfernt. Denn nahezu jede politische Äußerung ist mit der Ankündigung verbunden, die Gesundheit des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Was in normalen Zeiten wie eine Krankenkassenwerbung klingt, hat nun aber politisches Gewicht.

Die Kanzlerin ruft in ihrer Ansprache ans Volk zu "gemeinsamen, solidarische Handeln" auf und das verbunden mit der Aufforderung, sich wegen der Gefährdung von Risiko-Gruppen persönlich einzuschränken. Damit scheint nun ein Leitmotiv bundesdeutscher Selbstwahrnehmung plötzlich außer Kraft gesetzt zu sei, dass nämlich persönliche Freiheit und Chancengleichheit von jedem genutzt werden kann, so er es denn wolle. Das Virus hat offenbar eine andere Definition von Chancengleichheit, wie ein Blick auf die Verhältnisse in Italien zeigt.

Aufweichung dessen, was systemrelevant ist

Das zeigte sich auch ziemlich rasch nach den ersten Maßnahmen zur Eindämmung. Denn diesmal waren zunächst nicht gering Qualifizierte, Zeitarbeiter oder Teilzeitbeschäftigte, denen plötzlich wirtschaftlich der Boden unter den Füßen weg brach, sondern es traf die Kreativbranche, die zwar selbst oft prekär bezahlt wird, aber gerne zu jenem Teil der Gesellschaft gerechnet wird, der als urbane weltoffene Mittelschicht die Globalisierung begrüßt. Diesmal jedoch waren die Verhältnisse umgekehrt. So wundert es nicht, dass die in diesen Kreisen beliebte Idee eines bedingungslosen Grundeinkommen reaktiviert wurde, dem die Landesregierung inzwischen in gewisser Weise nachkam, mit der Ankündigung, erwerbslose Künstlerinnen und Künstler monatlich mit vierhundert Euro zu unterstützen.

Überhaupt scheinen derzeit die in Deutschland sehr festgefügten Beziehungen zwischen "Geld" und "Leistung" aufgeweicht zu sein. Die Bahn kündigte an, auf Fahrkartenkontrollen zu verzichten., die Arbeitsagenturen zahlen Geld ohne die üblichen Forderungen an Leistungsempfänger zu stellen und der städtische Vermieter Wobau in Magdeburg kündigte an, bei Zahlungsproblemen die Miete zu stunden. Soviel "sozial" war selten.

Das Geld scheint seine Omnipotenz derzeit eingebüßt zu haben, was auch daran zeigt, dass Bankfilialen geschlossen werden, während plötzlich das Personal in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Supermärkten als systemrelevant gilt. Das nun allerdings ein Ende des Kapitalismus in seiner bisherigen Form anbrechen könnte, wie von so manchem Schwärmer beschworen, scheint mir ein noch zu früher Befund zu sein.

Unbehagen und Angst

Es bleiben jedoch Unbehagen und Angst. Leider hat die Evolution die Menschheit nicht mit einem Organ versehen, um Viren zu riechen oder zu schmecken, so dass die Bedrohung so lange abstrakt bleibt, bis der soziale Nahraum betroffen ist.

Vor einem gesperrten Spielplatz weist ein Schild auf das Coronavirus hin.
Spielplätze sind gesperrt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Auch deshalb reagieren die Menschen sehr unterschiedlich auf diese Verunsicherung: Die einen kaufen verstärkt Toilettenpapier, was immerhin als zivilisatorischer Reflex gewertet werden kann – man stelle sich nur einmal vor, Messer und Beile wären ausverkauft. Andere hingegen negieren die Gefahr, in der Hoffnung durch konsequentes Wegsehen irgendwie davon zu kommen.

Und dann gibt es noch jene, bei denen Virus offenbar nicht die Lunge, sondern das Hirn infiziert hat, meist Wissenschaftler im Ruhestand, die nun mit "alternativen" Erklärungen versuchen, ihre Youtube-Kanäle zu befeuern. Schon immer schwitzen Krisenzeiten allerlei Alchemisten, Wunderheiler und Sterndeuter aus, die in den Randbereichen der Vernunft nach verirrten Seelen fischen.

Grund zur Hoffnung

Ich bin Jahrgang 1962 und war eigentlich lange Zeit der Meinung, mit dem Fall der Mauer Zeuge eines einmaligen historischen Höhepunkts geworden zu sein. Es folgten jedoch ein sogenanntes Jahrtausendhochwasser, eine globale Banken- und Wirtschaftskrise, ein europäisches Flüchtlingsdrama, der Klimawandel und nun auch noch eine Pandemie. Es fehlt nun eigentlich nur noch ein spektakulärer Vulkanausbruch, etwa des Vesuvs, was ja nach Angaben von Fachleuten nicht auszuschließen ist.

Mein Bedarf an historischen Großereignissen ist allerdings erst einmal gedeckt. Allerdings muss man auch sagen, bislang wurden zumindest in Mitteleuropa diese Krisen relativ gut gemeistert. Es besteht also Grund zur Hoffnung.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

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Quelle: MDR/mp

2 Kommentare

Marko vor 16 Wochen

Mir wäre eigentlich lieber, ausführlich informiert zu werden über Kredite und privat Personen. Das Unternehmen finanziell gestützt werden und kein Wort verloren wird über privat vermieter die mit der Miete eine Finanzierung betreiben und nebenbei normal arbeiten gehen. Wenn wir Kurzarbeit machen müssen, der Mieter bei Zahlungs Schwierigkeiten aber dann 6 Monate keine Miete zahlen brauch, dann sind wir Pleite. Dazu hört man nichts aus der Politik.

August vor 16 Wochen

Ein Virus zeigt uns wie schmal der Grad unseres Daseins doch ist ohne großes Untergangsszenario wie im Kino aber wir werden es vergessen oder verdrängen und weitermachen wie immer.

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