Geisterfahrräder und Holzkreuze Wo in Sachsen-Anhalt Radfahrer sterben – und wie es verhindert werden kann

An vielen Stellen im Land, vor allem in Magdeburg und Halle, sieht man weiße Fahrräder am Straßenrand stehen. Diese erinnern an getötete Radfahrer. Vor allem, wenn Fahrzeuge rechts abbiegen, wird es gefährlich. Aber auch, wenn Radfahrende sich nicht an Verkehrsregeln halten.

Weißes Fahrrad im Vordergrund, Radfahrerin mit Kinderanhänger auf dem Radfahrstreifen auf der Albert-Vater-Straße in Magdeburg
Entlang der B1 in Magdeburg kommt es immer wieder zu Unfällen mit Radfahrenden. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Wer aufmerksam durch Sachsen-Anhalt fährt, sieht immer wieder weiße Fahrräder am Straßenrand stehen. Diese Geisterfahrräder sollen an tödliche Radfahr-Unfälle erinnern. Mit großem Abstand findet man die meisten dieser Räder in Magdeburg, nämlich elf. An sieben weiteren Stellen in der Landeshauptstadt gab es ebenfalls tödliche Unfälle mit Radfahrenden. Hier wurde bislang jedoch kein Mahnmal aufgestellt. In Halle stehen vier dieser weißen Fahrräder. Im Landkreis Wittenberg gibt es vier solche Räder, im Salzlandkreis eins. In Mansfeld-Südharz erinnern drei Holzkreuze an getötete Radfahrende.

In der Summe sind das mindestens 30 Menschen, die als Radfahrer nach Unfällen gestorben sind. "Und das müssen noch längst nicht alle sein", weiß Martin Hoffmann, Landesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Häufig kümmern sich Mitglieder seines Verbandes um die Aufstellung der Räder. "Doch nicht immer bekommen diese jeden Unfall mit", erzählt er. Deshalb könne es durchaus sein, dass in den vergangenen Jahren noch mehr Radfahrende auf Sachsen-Anhalts Straßen starben.

Oft Probleme mit Rechtsabbiegern

Eine große Gefahr für Radfahrer sind an vielen Stellen rechtsabbiegende Fahrzeuge und insbesondere Lkw. Denn immer wieder übersehen diese die Fahrräder. Von den vier tödlichen Fahrradunfällen in Halle in den vergangenen Jahren gehen drei auf das Konto rechtabbiegender Lkw, berichtet der ADFC. Jüngstes Beispiel ist ein Unfall aus dem Oktober 2019, unweit des Zoos. Eine Radfahrerin wollte bei grüner Ampel weiter in Richtung Norden fahren. Doch ein rechtsabbiegender Lkw schnitt der 19-jährigen Studentin den Weg ab. Sie hatte keine Chance zu überleben.

Gerade in Städten findet man häufig Fahrrad- und Autoampeln, die parallel geschaltet sind. So glauben beide Gruppen, sie hätten freie Fahrt. Auch in Magdeburg sind mehrere tödliche Unfälle mit rechtsabbiegenden Fahrzeugen vermerkt.

Weitere Holzkreuze?

Die Karte zeigt Geisterfahrräder und Holzkreuze in Sachsen-Anhalt, soweit sie dem ADFC bekannt sind. Sie vermissen einen solchen Gedenkort auf unserer Karte? Schreiben Sie uns gern einen Kommentar oder eine Mail. Dann ergänzen wir diesen Ort in der Karte.

Radfahrerverband fordert Abbiegeassistenten

Der ADFC und der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) fordern deshalb mehr Sicherheit für Radfahrende. In einem gemeinsamen Positionspapier verlangen die Interessenverbände konkrete Maßnahmen, um Abbiegeunfälle mit Lkw künftig zu verhindern. Ein Schritt zu mehr Sicherheit wäre die verbindliche Ausrüstung von Lkw mit elektronischen Abbiegeassistenten. Die erfassen per Sensor Menschen im toten Winkel der Außenspiegel. Doch vorgeschrieben sind sie erst in zwei Jahren – und auch nur bei Neufahrzeugen.

Zumindest in Magdeburg hat die Stadtverwaltung auch schon erste Schritte zum Schutz Radfahrender ergriffen. Das ergab eine MDR-Befragung in den Großstädten Mitteldeutschlands. Zu den zwanzig Abfallsammelfahrzeugen, die bereits einen Abbiegeassistenten aufwiesen, kämen fünf Fahrzeuge, die über ein 360-Grad-Kamerasystem verfügten, teilte die Stadt mit. Halle beteiligte sich dagegen nicht an der Umfrage.

"Keine vorausschauende Verkehrsplanung"

Die scheinbare Untätigkeit ärgert Volker Preibisch vom ADFC in Halle. Drei Monate nach dem tödlichen Zusammenprall am Zoo sagte er: "Ich sehe keine einzige Konsequenz aus diesem Unfall." Dabei hätte die Gefahrenstelle seiner Meinung nach mit wenig Aufwand schon entschärft werden können. Denn die Radfahrer werden erst sehr spät für motorisierte Verkehrsteilnehmer sichtbar. "Man hätte zumindest die Kfz-Stellplätze aufheben müssen, um die Sicht zu verbessern. Zudem hätte man auf den 100 Metern vor der Kreuzung Tempo 30 anordnen können."

Und noch etwas ärgert Preibisch: Denn solche Abbiegesituationen gäbe es zuhauf in der Stadt. Doch weil die Unfälle an diesen Stellen selten sind, werden sie nicht gesondert als Unfallschwerpunkt bei der Verkehrsplanung behandelt. Zu kurzsichtig, meint Preibisch: "Wir haben keine vorausschauende Verkehrssicherheitsarbeit. Das ist ein Problem. Es muss erst jemand tödlich verunglücken oder es muss eine Unfallhäufungsstelle vorliegen, bis wir zu Reaktionen kommen."

Radfahrer bringen sich selbst in Gefahr

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich Radfahrende oft selbst in Gefahr bringen. Das geht insbesondere aus der Übersicht für Magdeburg hervor, die der ADFC-Landesverband MDR SACHSEN-ANHALT zur Verfügung gestellt hat. So gab es in der Landeshauptstadt mehrere Beispiele, in denen vorwiegend ältere Radfahrende Vorfahrtsregelungen und sogar Ampeln missachteten und so zu Schaden kamen. Mehrfach wurden auch Straßen oder Straßenbahngleise überquert, ohne auf andere Fahrzeuge zu achten.

Um sich zu schützen, sollten sich Radfahrende also zunächst unbedingt selbst an die Verkehrsregeln halten. Und zudem darauf achten, dass sie auch bei schlechtem Wetter und im Dunkeln gut zu sehen sind. Gleichzeitig sind die Städte gefordert – vor allem die Großstädte. Denn dort gibt es in der Regel viel mehr Radverkehr als auf dem Land. Sie müssen versuchen, Gefahrenstellen zu entschärfen – auch wenn bislang noch nichts passiert ist. Zu guter Letzt sind Gesetzgeber und Fahrzeugbauer gefragt, Assistenzsysteme, die solche Unfälle verhindern können, in einer möglichst großen Zahl von Fahrzeugen installieren zu lassen.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 11. Februar 2020 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2020, 17:07 Uhr

3 Kommentare

C.T. vor 6 Wochen

"Radfahrer bringen sich selbst in Gefahr" Mehr braucht es zu diesem Thema nicht zu sagen. Hier sollten alle Maßnahmen ansetzen.

Täglich sehe ich dutzende Fahrradfahrer: ohne vorschriftsmäßige Beleuchtung, auf nicht zulässigen Wegen, auf der falschen Straßenseite, keine Ahnung habend von den Vorfahrtsregeln bei gleichrangigen Straßen (Stichwort rechts vor links), keine Abbiegesignal gebend, Kopfhörer/ Headset tragend, und und und...

Meine erste Maßnahme wäre die Einführung einer Warnwestenpflicht für Fahrradfahrer...

Altmagdeburger vor 6 Wochen

Ich gebe den Herausgeber erst einmal recht.
Aber auch ich als Autofahrer könnte jeden Tag bei dieser Witterungsverhältnisse auf die Radfahrer schimpfen, überhaupt keine Beleuchtung weder vorne noch hinten oder Mangelhafte Beleuchtung und dazu noch dunkel Angezogen, falsche Straßenseite, rate mal wo ich jetzt Abbiege, statt Radweg zu benutzen, nein lieber Fahrbahn und so weiter. Als Privater Ordnungshüter würde ich schon längst Millionär sein.

jackblack vor 6 Wochen

Leute, natürlich ist jeder Unfall tragisch, ich selbst fahre seit fast 60 Jahren UNFALLFREI, ( außer eigenen Stürzen ), mal ein Tip, IMMER Vorsicht beim Rechtsabbiegen und auf die Vorfahrt VERZICHTEN und ABWARTEN, der GRÖSSERE gewinnt IMMER.

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