Senioren sitzen an einem Tisch, essen und winken in die Kamera.
Einsamkeit tut kaum einem Menschen gut. In Sachsen-Anhalt gibt es deshalb mehr und mehr Angebote, um einsamen Senioren zu helfen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alt und einsam Wohnen im Alter: Alternative Angebote stehen noch am Anfang

Die Zahl alter Menschen in Sachsen-Anhalt steigt. Das stellt Politik und Gesellschaft auch vor die Frage nach geeigneten Wohnformen im Alter. Eine Recherche von FAKT IST! zeigt: Alternative Wohnformen sind in Sachsen-Anhalt zwar im Kommen – um den Bedürfnissen von Senioren gerecht zu werden, hapert es jedoch grundsätzlich an einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Älterwerden. Und: Barrierefreie Wohnungen fehlen.

von Lisa Hentschel, MDR SACHSEN-ANHALT

Senioren sitzen an einem Tisch, essen und winken in die Kamera.
Einsamkeit tut kaum einem Menschen gut. In Sachsen-Anhalt gibt es deshalb mehr und mehr Angebote, um einsamen Senioren zu helfen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer alt ist, geht ins Heim? Das entspricht weder den Bedürfnissen von Senioren noch vorhandenen Statistiken – auch nicht in Sachsen-Anhalt. Laut Statistischem Landesamt waren zuletzt, also im Jahr 2015, nur rund 4,4 Prozent der Sachsen-Anhalter pflegebedürftig. Und selbst, wer pflegebedürftig ist, wird im Bundesdurchschnitt in drei von vier Fällen im eigenen Zuhause statt im Heim gepflegt.

Eine zentrale Frage, mit der sich Politik und Gesellschaft also zwangsläufig auseinandersetzen müsste, ist die Frage nach alternativen Wohnformen im Alter. Erst Recht, weil in Sachsen-Anhalt bereits jeder vierte Einwohner älter als 65 Jahre alt ist. So legen es Zahlen aus dem vergangenen Jahr nahe. Und: Die Zahl alter Menschen steigt. Nach Prognosen des Statistischen Landesamts sollen in fünf Jahren schon mehr als 545.000 Senioren über 67 Jahren in Sachsen-Anhalt leben – rund 30.000 mehr als heute. Welche Wohnkonzepte gibt es und vor welchen Herausforderungen stehen wir? Ein Überblick.  

FAKT IST! – Wege aus der Einsamkeit Wenn der Partner gestorben ist, sind viele alte Menschen einsam. Das kann auf die Gesundheit schlagen. Manche Forscher sagen, dass Einsamkeit genauso schädlich ist wie das Rauchen von 15 Zigaretten am Tag. Was aber kann man gegen Einsamkeit tun? Und welche Wohnformen für alte Menschen gibt es? Das ist Thema bei FAKT IST! aus Magdeburg, am Montag ab 22:05 Uhr live im MDR-Fernsehen.

Der größte Wunsch: Das eigene Zuhause nicht verlassen

Beispiel Dessau: Wer in der Stadt offiziell als Senior gilt – also 60 Jahre oder älter ist –, der möchte mit großer Mehrheit in seinen eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Und tut das auch. Das zeigt die Studie "Jenseits der 60 – wie wollen wir leben?" von 2015. Von den befragten Senioren, die in Dessau bleiben wollen, möchten demnach mehr als 80 Prozent ihr Zuhause nicht verlassen. Im Gegenteil. Die große Mehrheit ist mit ihrer Wohnung zufrieden. Allerdings offenbart die Studie ein Problem: die fehlende Barrierefreiheit der Wohnungen. Nur rund acht Prozent des Mietwohnbestandes genügen laut Statistik den Anforderungen an ein altengerechtes und seniorenfreundliches Wohnen. Stand der Studie: das Jahr 2015.

Und heute? Hat sich seit der Studien-Veröffentlichung vor drei Jahren etwas getan?

Mann im Portrait.
Jürgen Wolf ist Professor für Alternswissenschaft. Bildrechte: Jürgen Wolf

Ein wenig, aber nicht genug. Mittlerweile sind zwar barrierefreie Zugänge in einigen Häusern durch Fahrstühle geschaffen. Das Problem bleibt aber nach wie vor bestehen, sagt Astrid Salewski vom Sozialamt Dessau auf Nachfrage. "Wir müssen also alternative Wohnformen fördern." Auch aus einem anderen Grund, sagt Prof. Dr. Jürgen Wolf, Professor für Alternswissenschaft an der Hochschule Magdeburg-Stendal: "Senioren sitzen oft alleine Zuhause. Etwa die Hälfte der Älteren mit erwachsenen Kindern wohnt rund eine Stunde von ihren Angehörigen entfernt. Wenn dann noch das eigene Netzwerk wegstirbt, kann das Alleinsein einsam machen." Experten wie Wolf sind sich deshalb einig: Alte Menschen müssen gesellschaftlich integriert werden. Und zwar mit Hilfe alternativer Wohnformen.

Beispiel 1: Senioren-WGs

Zwei Rentnerinnen sitzen in einer Senioren-WG beim Frühstück.
In Aken gibt es Senioren-WGs. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und zwar mit Wohngemeinschaften, die die Selbstständigkeit im Alter fördern und sich gleichzeitig als Chance gegen Einsamkeit im Alter verstehen. Dazu zählen sogenannte Senioren-WGs wie in Aken: "Wir vermieten nicht nur, wir leisten soziale und kulturelle Betreuung", beschreibt Anja Schwalenberg. Die Akenerin hat 2013 mit ihrem Mann eine Villa umgebaut. Bereits ein Jahr später ist die erste Senioren als Mieterin in eine der sechs Wohnungen eingezogen. Hauptmotivation: Etwas gegen die Einsamkeit im Alter unternehmen.

Zwei der Wohnungen sind gerade freigeworden. Dass sich ein Nachmieter findet, davon ist die Vermieterin der Senioren-WG überzeugt. Die Nachfrage sei schließlich da. Aber: "Es braucht noch ein paar Jahre, ehe das Konzept bei den Senioren ankommt. Die Villa gilt oft als 'Senioren-Residenz' oder 'Pflegeheim' und das stößt Betroffene ab". Jürgen Wolf von der Hochschule Magdeburg-Stendal kann das bestätigen: "Alten-WGs sind in Sachsen-Anhalt ein heißes Thema." Schließlich setze das voraus, dass Betroffene die eigenen vier Wände samt Erinnerungen verlassen.   

Beispiel 2: Wohnquartiere

Ein Mann steht vor einem sanierten Wohnblock in Magdeburg.
Jörg Ebeling sorgt dafür, dass am Heumarkt in Magdeburg ein vernetztes Wohnquartier entsteht. Bildrechte: MDR/Uta Kroemer

Ein Wohnkonzept schafft es, beides – das eigene Zuhause mitsamt neuem Netzwerk – zu vereinen: das so genannte Wohnquartier. Plan ist, dass Senioren in ihren Wohnungen bleiben und Kommunen für die notwendige Infrastruktur in unmittelbarer Umgebung sorgen. In Dessau funktioniert das bereits am Leipziger Tor und im Johannesviertel gut, sagt Astrid Salewski vom städtischen Sozialamt.

In Magdeburg sorgt derzeit einer dafür, dass hier ein vernetztes Wohnquartier entsteht: Jörg Ebeling. Und zwar am Heumarkt, im Stadtteil Cracau. Dort hat er in zwei Straßen 80 Wohnungen saniert und barrierefrei umgebaut. "Was bis Jahresende fertig wird, ist ein Platz der Kommunikation für alle Generationen", sagt der Projektentwickler.

So gebe es auf dem Gelände beispielsweise eine Kita, in der die Senioren Kindern etwas vorlesen könnten. Die Kinder kämen einmal im Monat zu den Senioren und sängen ihnen ein Geburtstagsständchen. Gemeinsam pflegten Jung und Alt einen Garten der Generationen. Zusammengearbeitet hat Ebeling mit den Pfeifferschen Stiftungen, einem nahegelegenen kirchlichen Träger. Das Ziel des Konzepts: den Bewohnern zu ermöglichen, bis zum Lebensende im eigenen Viertel wohnen zu bleiben. Das heißt: Für diejenigen, die nicht mehr alleine in ihrer Wohnung wohnen können, betreiben die Pfeifferschen Stiftungen zwei Pflege-WGs inklusive Präsenzkraft in der Nacht.

Sanierter Wohnblock mit Seniorenwohnungen in Magdeburg
Am Heumarkt in Magdeburg ist ein Seniorenquartier entstanden. Bildrechte: MDR/Uta Kroemer

Alternative Wohnformen stehen hierzulande erst am Anfang

Die Beispiele zeigen: In Sachsen-Anhalt sind alternative Wohnformen zwar im Kommen, aber noch am Anfang. Auf Nachfrage verweist das Sozialministerium zwar auf Empfehlungen und Fördermöglichkeiten des Landes. Aber ein landesweites Konzept gebe es nicht. Kommunen ist es also selbst überlassen, wie sie mit dem Thema Wohnformen im Alter umgehen. "Was diejenigen, die alternative Wohnformen anbieten, schaffen müssen, sind Transparenz und Offenheit“, betont Wissenschaftler Jürgen Wolf.

Astrid Salewski vom Sozialamt in Dessau geht noch einen Schritt weiter: "Wir brauchen zentrale Wohnberatungsstellen." Und die setzten wiederum mehr Personal und entsprechende Schulungen voraus.

Bis es so weit ist, dauert es. Sachsen-Anhalter, die sich informieren wollen, wissen nicht, wo. Diejenigen, die sich im Alter bereits einsam fühlen, bleiben auf der Strecke. Denn die, sagen Experten, ziehen sich bereits in ihre Wohnungen zurück. "Dem lässt sich mit aufsuchender Arbeit entgegensteuern", meint Wissenschaftler Wolf. Also mit städtischen Mitarbeitern, die unabhängig vom genutzten Pflegedienst an Türen der Senioren klopfen und ältere Menschen beraten. Das setze jedoch ein Umdenken der Gesellschaft voraus. Eines, das das Älterwerden überhaupt auf die Tagesordnung setzt.

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Quelle: MDR/pat,ld

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | FAKT IST! | 10. Dezember 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2018, 05:08 Uhr

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