Eine Broschüre
"Die Zeit der Wendekinder ist jetzt", sagt Adriana Lettrari. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Führungskräfte im Osten "Die Zeit der Wendekinder ist jetzt"

Das Netzwerk "3te Generation Ostdeutschland" versucht seit knapp zehn Jahren, die mediale Darstellung von Menschen im Osten zu verbessern. Gründerin Adriana Lettrari sieht eine historische Chance – aber auch die Verpflichtung, Ostdeutsche in Führungsverantwortung zu bringen. Im Interview erklärt sie, wie das gelingen soll.

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"Die Zeit der Wendekinder ist jetzt", sagt Adriana Lettrari. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Frau Lettrari, Sie sind mit ihrem Netzwerk die Stimme für alle, die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. Was gab den Ausschlag, ein solches Netzwerk zu gründen?

Adriana Lettrari: Wir haben das Netzwerk vor knapp zehn Jahren gegründet. Ziel war es, einen konstruktiven Beitrag zur medialen Berichterstattung über diese Generation zu leisten.

Damals, 20 Jahre nach der friedlichen Revolution, wurden Ostdeutsche unserer Generation in den Medien vor allem als biertrinkend an der Bushaltestelle stehend beschrieben. Rechtsradikal, arbeitslos, aussichtslos. Es gab keine differenzierte Darstellung. Dabei umfasst unsere Generation 2,4 Millionen Menschen und viele haben Großartiges geleistet. Das wurde aber nicht gezeigt und das hat uns geärgert.  

Wir haben uns dann gefragt, ob das nur jeder einzelne ab und zu erlebt, oder ob das kollektive Erfahrungen sind. Das war so und deshalb ist das Netzwerk entstanden, das dann fünf Jahre lang sehr aktiv war.

2015, als mit Joachim Gauck und Angela Merkel zwei Ostdeutsche die höchsten Ämter in Deutschland innehatten, legte das Netzwerk eine Pause ein. Zuletzt waren Sie aber wieder sehr aktiv. Warum?

Bis 2015 hatte sich vieles verbessert. Doch seitdem gab es wieder Rückschritte. Die Ostdeutschen werden wieder sehr stereotypisch dargestellt. Auch nach den Geschehnissen in Chemnitz 2018 wurde ein Bild produziert, das auf den gesamten Landstrich und alle, die hier leben, gelegt wurde.

Wendekinder Als Wendekinder gelten diejenigen, die zwischen 1973 und 1985 in der DDR geboren sind. Sie haben ihre Kindheit in der DDR verbracht, sind aber im vereinten Deutschland erwachsen geworden. Alternativ werden sie auch als "Dritte Generation Ost" oder "Eisenkinder" bezeichnet.

Was kann man gegen dieses Bild machen?

Wir haben damals auf drei Ebenen gearbeitet. Die erste ist biografisch. Unser Slogan war "out and proud". Die Leute sollten also selbstbewusst zu ihrer Identität und ihrer Herkunft stehen. Und sich nicht etwa den sächsischen Dialekt abgewöhnen, um unerkannt zu bleiben.

Auf der zweiten Ebene haben wir gemeinschaftlich gearbeitet und Konferenzen veranstaltet. Es macht einen Unterschied, ob man selbst ein Phänomen wahrnimmt, oder ob man sich mit verschiedenen Personen darüber austauschen und einen Weg nach vorne suchen kann.

Die dritte Ebene ist die Pressearbeit. Da kamen zum Glück viele Medien auf uns zu – national und international. Merkwürdigerweise waren anfangs aber kaum ostdeutsche Medien dabei. So konnten wir unseren Beitrag zu einer differenzierteren Berichterstattung leisten. Und auf diesen drei Ebenen müssen wir auch jetzt wieder arbeiten.

Es gibt immer noch zu wenig ostdeutsche Top-Kräfte in den Führungs-Etagen. Wo setzt Ihr Netzwerk an, um diesen Fakt zu ändern?

Zunächst ging es ja darum, den Wendekindern eine Stimme zu geben. Mittlerweile ist das Thema aber Nachfolge in Ostdeutschland. Da sprechen wir von dieser Generation. Unsere Eltern werden keine Führungspositionen mehr einnehmen. Die gehen bald in Rente. Also sind wir gefragt.

17 Prozent der Bevölkerung sind Ostdeutsche, in der Top-Elite liegt der Anteil aber nur bei 1,7 Prozent. Jetzt gibt es eine historische Chance, dass die Ostdeutschen auch die Führungsverantwortung in Ostdeutschland übernehmen. Dazu müssen sie aber auch gestärkt und sensibilisiert werden. Wenn das nicht gelingt, wird es für die Nachwendegeneration noch schwieriger.

Und was befähigt die Wendekinder für diese Positionen?

Die Wendekinder sind für Führungsaufgaben prädestiniert, weil sie eine Transformationserfahrung gemacht haben. Sie haben "Changemanagement" nicht nur an der Uni gelernt, sondern selbst erlebt, wie sich Dinge rasant verändern können. Wenn wir diese Erfahrung als Führungskompetenz begreifen, gerade auch für Themen wie Digitalisierung oder demografischen Wandel, sind die Menschen hier unglaublich gut ausgestattet.

Wie sieht die konkrete Unterstützung aus?

Es gibt gerade eine Reihe, die durch Ostdeutschland tourt. Der Auftakt fand in Berlin statt. Dort haben sich 90 Führungskräfte aus dieser Generation getroffen. Auch in Magdeburg waren wir schon. Dort gab es politische Statements, wir haben in kleinen Gruppen die Haltung zu Führungsaufgaben besprochen und Ideen für die Zukunft entwickelt. Das gleiche ist jetzt noch in weiteren Oststädten geplant.

Viele Menschen haben Ostdeutschland nach der Wende verlassen und große Lücken, gerade auf dem Land, hinterlassen. Nun gehen die alten Führungskräfte Schritt für Schritt in Rente. Ist es die Verantwortung der Wendekinder, zurückzukehren und diese Lücken zu füllen?

Porträt Adriana Lettrari
Adriana Lettrari Bildrechte: Adriana Lettrari

Wer seinen Platz in Westdeutschland oder im Ausland noch nicht gefunden hat, hat jetzt eine absolut sinnstiftende Möglichkeit, zurückzukommen und zu sagen, hier kann ich richtig mitmischen. Auch um es nicht anderen zu überlassen, die vielleicht nicht so einen konstruktiven Zugang haben.

Es geht aber auch darum, dass die, die noch da sind, jetzt Verantwortung übernehmen. Natürlich reiben sich manche an den Begriffen Elite und Führung. Aber das sind mentale Hürden, die wir abbauen müssen. Die Zeit der Wendekinder ist jetzt.

Die Fragen stellte Oliver Leiste.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 15. Juli 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2019, 07:39 Uhr

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7 Kommentare

17.07.2019 15:43 Willy 7

@ 6 , ja und deswegen sind wir 1993 für 10 Jahre noch in den Westen arbeiten gegangen um uns nicht ausbeuten zu lassen von den damaligen neue Chefs aus dem Westen im Osten ,wo der Einheimische froh war diese los zu werden diese 5 Kolonie an Wessis, und mußten uns damals neu orientieren mit dem Beruf den wir nicht gelernt haben an Weiterbildung vom Arbeitsamt 1991 für 2 Jahre.

17.07.2019 13:43 Hagen Kater 6

Wenn es uns als "3te Generation Ostdeutschland" endlich gelingt, dieses Dauergenörgel und Beleidigtsein über die Nichtanerkennung der Lebensleistung hinter uns zu lassen, dann kommen wir auch aus dem Sumpf heraus.
Meine Eltern haben den Untergang des Zeiss-Konzerns nach der Wende nie verwunden. Nie akzeptiert, dass das Leben auch mal Haken schlägt und man selbst etwas tun muss, um sich wieder aufzurappeln. Schuld waren immer die Umstände, der Westen, die Politik ... jedenfalls immer ein anderer. Bei meinem Arbeitgeber ist es nicht anders - ein größerer Teil der Generation 50+ liegt wie Mehltau auf Allem und scheut jede Veränderung oder Entwicklung. Man verweist auf seine 'Lebensleistung', als wäre das eine Rechtfertigung dafür, sich der Weiterentwicklung zu verschließen. Und für das berufliche Fortkommen und mehr Arbeitsentgelt soll gefälligst der Arbeitgeber sorgen ... darauf hat man nach 30 Berufsjahren ja Anspruch! Das ist das eigentliche Problem hierzulande.

16.07.2019 16:35 Willy 5

also ich muß zugeben ich war in der Schule sehr schlecht hatte keine Lust was zu lernen ich glaube aber jetzt ich hätte eine sehr gute Chance in der Regierung als nichtsbringeder Minister mit zu arbeiten und wenn das nicht klappt dann den nächsten Ministerposten zu erhalten oder aufzusteigen für die EU .

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