Z1013 und 1024 Bytes Zocken in der DDR – Computerspieler erinnern sich

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Sie waren 16 und 18 Jahren alt, als die Mauer vor 30 Jahren fiel. Aber schon vorher haben sie Systeme an ihre Grenzen gebracht: Die Rede ist von Computersystemen. Volker Strübing aus Roßlau und Mario Keller aus Halle waren in der DDR Computerfans, sie spielten und sie programmierten – mit allen Geräten, die sie in die Finger kriegen oder auch nicht kriegen konnten.

Schwarz-weißes Foto von einem Mann vor einer Tastatur
Volker Strübing an einem seiner ersten Rechner. Bildrechte: Volker Strübing

Volker Strübing ist durch und durch Computerfan. Er erinnert sich an alles computerähnliche, vor dem er einmal stand. "Als erstes war da der programmierbare Taschenrechner von Onkel Burkhard. Sogar mit einer Art Spiel: Per Zufall wurde eine Zahl angezeigt und man musste dann möglichst schnell die entsprechende Ziffern-Taste drücken."

So groß wie eine Turnhalle

Deutlich beeindruckter war Volker aber von dem Computer, vor dem er als 11-Jähriger in Dessau stand. Sein Vater arbeitete dort im Rechenzentrum des VEB Elektromotorenwerks. "Und dort stand eine Großrechenanlage, ein EC 1036. Rechner, Drucker und Speicher – zusammen war alles riesig, so groß wie eine kleine Turnhalle." Mehrere Tonnen schwer, vier Megabyte Speicherplatz.

Das große Aha-Erlebnis hatte Volker aber erst vor dem Heimcomputer eines Freundes, ein Sinclair ZX81. Ein britischer Rechner: Arbeitsspeicher 1024 Bytes, Folientastatur, ohne Ton und mit Schwarz-Weiß-Grafikausgabe. "Steffen hatte den und das Irrste war, dass man das Ding an den Fernseher anschließen und so bestimmen konnte, was auf dem Fernseher passiert." Das war – nicht nur im Osten – in den 1980er Jahren eine Art Offenbarung, auch weil es nur eine Handvoll Fernsehprogramme gab. Ein Gerät, das die Dinge auf einen Bildschirm brachte, die der Nutzer wirklich sehen wollte. Plötzlich ließ sich mit dem Fernseher sogar interagieren. "Ich schrieb 'Hallo Welt‘ und auf dem Bildschirm stand 'Hallo Welt'.'"

Hallo Welt!

Portrait von einem Mann mit Brille (Volker Strübing)
Volker Strübing heute Bildrechte: Volker Strübing/Stefanie Fiebrig

Heute ist Volker Strübing 48 Jahre alt. Geboren ist er in Sondershausen und aufgewachsen in Roßlau, bevor er mit seinen Eltern nach Ost-Berlin gezogen ist. Dort überzeugte er seinen Vater, ihm einen C64 und ein Bandlaufwerk, die so genannte Datasette, zu kaufen – im Intershop, vom West-Geld seines Opas, zusammen für fast 500 West-Mark. Sehr viel Geld für die Wünsche eines DDR-Teenagers: "Ich nehme an, ich habe meinen Eltern erzählt, wie wichtig das für meine Ausbildung sein würde, dass ich wissenschaftliche Berechnungen damit anstellen würde – aber es ging vor allem darum, Computerspiele spielen zu können."

Volker Strübing

Volker Strübing ist 48 Jahre alt und in Sondershausen geboren. Aufgewachsen ist er in Roßlau und Berlin-Marzahn. Weil er in der DDR nicht studieren konnte, hat er eine Lehre zum Facharbeiter für Datenverarbeitung gemacht – in einem geheimen Hightech-Rechenzentrum in Ost-Berlin, in dem auch West-Technologie im Einsatz war. Nach der Wende hat Strübing sein Abitur nachgeholt und ist heute Autor. Er schreibt und erzählt Geschichten, zum Beispiel in seiner Trickfilm-Serie "Kloß und Spinne" oder seinem Podcast "Schnipselfunk". Und ab und an macht er solche Dokumentarfilme wie "Auferstanden aus Platinen".

Ein C64 war keine Spielekonsole im heutigen Sinne, jeder Nutzer musste zumindest eine Idee vom Programmieren haben, Software laden und Befehle eintippen gehörten dazu. Viele haben sich auch in Textverarbeitung oder Datenbanken versucht. "Aber die Grafik und der Ton explodierender Raumschiffe waren schon das, was junge Männer angesprochen hat", sagt Volker. Sein Lieblingsspiel damals: "Elite", ein Weltraumspiel, bei dem sich dutzende Planeten erkunden ließen und der Spieler sich entscheiden musste, ob er Händler, Pirat oder Kopfgeldjäger sein wollte. Alles in 3D-Optik – so gut ein C64 das eben konnte. "Das war fantastisch", schwärmt Volker.

Programmieren ohne Computer

Bevor Volker aber mit seinem C64 glücklich wurde, hat er sich am Rechner seines Freundes Steffen probiert, sein Lehrbuch für die Programmiersprache BASIC gelesen und die Programme auf Papier entworfen. "Ich habe in der Schule und zu Hause Programme auf Papier geschrieben und dann bei Steffen in den Rechner getippt." Das war wie Kochen ohne Küche, sagt Volker.

Diese Programmier-Trockenübung war nicht selten unter Computerfreaks in der DDR. Auch Mario Keller aus Halle-Neustadt hat so angefangen. Auf Papier hat er ein Spiel entworfen, bei dem ein Floh in Pfützen hüpfen musste. "Das habe ich fein säuberlich auf meine Erika-Schreibmaschine getippt, ordentlich abgeheftet und als Exponat der 'Messe der Meister von Morgen' an meiner Schule eingereicht", sagt Mario Keller. Auf einem Computer sei es nie gelaufen, auch einen Preis gab es nicht. Es ging nur ums Ausprobieren.

Ich habe in der Schule und zu Hause Programme auf Papier geschrieben.

Volker Strübing

"Aber vielleicht war es auch damals schon absurd, auf Papier zu programmieren", sagt Mario rückblickend. Doch auch der Programmierkurs, den Mario genutzt hat, kam auf Papier. "Das war ein gelbes Sonderheft der Zeitschrift 'Urania' mit einem Grundkurs in Basic." Danach konnte Mario die grundsätzlichen Abläufe in BASIC steuern: Variablen zuweisen, bedingte Anweisungen, Sprünge und einfache for-Schleifen programmieren.

Mario Keller

Mario Keller ist 46 Jahre alt, in Halle-Neustadt geboren und aufgewachsen. An seiner Schule mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Ausrichtung war er im ersten Jahrgang, der ein "West-Abi" gemacht hat. Nach einer Lehre als Einzelhandelskaufmann und dem Zivildienst hat er ein Informatik-Studium in Potsdam begonnen und abgebrochen, weil er einen IT-Job nach dem anderen hatte. Bei der IHK hat Mario seinen Fachinformatiker Anwendungsentwicklung abgeschlossen. Er hat im Webhosting, als IT-ler bei einem Schulbuchverlag und auch unterwegs aus einem Wohnmobil gearbeitet. Heute lebt Mario in Werder (Havel) und arbeitet als Systemadministrator in der Satelliten-Sparte von Airbus.

Trotzdem: Ein Computer fehlte. "Es war nicht so, dass es keine Computer gab, als Privatmensch konnte man aber nicht in einen Laden gehen und einen kaufen", sagt Mario. Schließlich durfte die DDR keine CPUs importieren und musste alle Computerbauteile selbst herstellen. Konsumenten-Computer standen deshalb nicht weit oben auf dem Plan der Planwirtschaft.

Kommt ein Computer per Postkarte?

Trotzdem tauchten sie auf. Auch in einer anderen DDR-Zeitschrift, durch die Mario blätterte. "In der 'Praktika' habe ich einen Bericht über den Z1013 gelesen, der kostete 800 DDR-Mark und man konnte ihn mit einer Postkarte in Erfurt bestellen." Auch bei Mario dauert es eine Weile, seine Eltern von der enormen Investition in die Zukunft ihres Sohnes zu überzeugen und die Postkarte nach Erfurt zu schicken. Nur: Der Z1013 von Robotron kam nie an. "Aber das war irgendwann nicht mehr so schlimm, weil mein Vater einen gebrauchten C64 für deutlich mehr Geld gekauft hat."

Auf dem West-Rechner hat dann auch Mario in Halle gespielt. Allerdings war ein Joystick-Port defekt. Das ist mehr als blöd, wenn die Flugzeuge im Spiel nur starten, aber nicht wieder landen konnten. "Das hat mich dazu gebracht, ein Assembler-Programm zu schreiben, um bestimmte Spiele mit dem anderen Joystick-Port zu steuern." Aus der Not eines Computerspielers im Teenager-Alter wurde so das Wissen eines Computer-Experten.

Computer-Klub in Ost-Berlin

Volker Strübing dagegen saß Zuhause in Berlin-Marzahn meist spielend vor seinem C64. Aber für ihn standen Computerspiele nicht nur Zuhause hoch im Kurs. Volker hatte zum Spielen sogar den offiziellen Segen der FDJ. In ihrem "Haus der Jugend" traf sich nämlich einmal wöchentlich der Computer-Klub, um über Ideen und Projekte zu sprechen. Vor allem aber, um Computerspiele zu tauschen. "Auf zehn Tischen standen Schwarz-Weiß-Fernseher und davor stand jeweils eine Traube junger Männer." Ihre C64 haben sie eingewickelt in Handtüchern oder in Aktenkoffern mitgebracht, genauso wie die Datasette. Nur mit ihrer Hilfe ließen sich Spiele per Kassette tauschen.

Im 'Haus der Jugend' gab es niemanden, der sich dafür interessiert hat, dass wir West-Computerspiele getauscht haben.

Volker Strübing

Spiele, die vor allem aus dem Westen kamen. Raubkopien. Das war den Computerspielern, aber wohl auch der Staatsführung egal. "Mehrere Leute haben mir später gesagt, dass in der DDR das Urheberrecht nicht für Software galt. Vermutlich, weil ein Großteil der professionell eingesetzten Software in der DDR raubkopierte aus dem Westen war", sagt Volker Strübing. Außerdem konnten so auch DDR-Betriebe einfacher Software untereinander tauschen. "Aber im 'Haus der Jugend' gab es niemanden, der sich dafür interessiert hat, dass wir West-Computerspiele getauscht haben."

1 Kommentar

Altlehrer vor 41 Wochen

So sehr die DDR-Führung gegen jeden westlichen Einfluss war, aber ZX81, C64 oder Atari600 waren in jeder Arbeitsgemeinschaft und in allen Spezialistenlagern der DDR in den 80ern immer gern gesehen. Neben der üblichen BASIC-Anwendungen haben wir mit den Schülern auch in Assembler programmiert. An fast jeder Schule gab es entsprechende AG's und Zirkel. Diesen Spass am Programmieren wünscht man sich heute gerne wieder zurück.

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