Mediziner gründen Interessenvertretung Ärzte in Sachsen wollen keine politische Verschiebemasse mit Maulkörben sein

Sie wollen fairere Arbeitsbedingungen und keine politische Gängelei. Deshalb ruft der Interessenverband "IG Med" Ärzte am Mittwoch zu bundesweiten Aktionen auf. Warum sich auch sächsische Ärzte daran beteiligen und weshalb viele ihrer Kollegen so wütend sind, erklärt Kyra Ludwig, Fachärztin für Neurologie in Seifhennersdorf im MDR SACHSEN-Interview.

Ein Schild mit der Aufschrift Heute keine Sprechstunde
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Frage: Die Interessengemeinschaft Medizin hat für den Mittwoch, 23. Januar zu bundesweiten Aktionen aufgerufen. Was bedeutet das für sächsische Ärzte?

Kyra Ludwig: Einige Kollegen fahren nach Hannover zu einer Versammlung. Auf Bundesebene sind etwa 1.000 Ärzte engagiert. Das Ziel ist eine bundesweite Gewerkschaft zur Interessenvertretung. In Sachsen werden wir heute offiziell den Landesverband IG Med gründen. 100 bis 150 niedergelassene Ärzte und Kollegen aus Heilberufen in Sachsen unterstützen das derzeit.

Warum? Es gibt doch Ärztevertretungen und Krankenkassen? Wofür soll sich die neue Vertretung einsetzen?

Ein Frau mit kurzen schwarzen Haaren steht vor einem Bild und schaut in die Kamera. Es sit die Fachärztin für Neurologie, Kyra Ludwig. Sie hat ihre Praxis in Seifhennersdorf.
Bildrechte: Kyra Ludwig

Die Arbeitslage für niedergelassene Ärzte und Heilberufe wird immer schlechter. Die Selbstverwaltung und Berufsverbände verwalten sich selbst und die Politik sieht Ärzte als politische Verschiebemasse. Uns geht es um die Verbesserung unserer Freiberuflichkeit. Ärzte in Deutschland werden politisch immer mehr gegängelt. Es wird versucht, immer stärker Einfluss auf uns zu nehmen. Ein Beispiel: Es ist politisch gewollt, dass wir fünf freie Sprechstundentermine am Tag vergeben. Im Prinzip eine gute Sache. Die Terminservicestellen vermitteln Kassenpatienten freie Termine, die wir vorher angeboten haben. Die Realität sieht aber so aus, dass Fachärzte mancher Fachrichtungen gar keine freien Termine mehr vergeben können. Es fehlen vor allem im ländlichen Raum Fachärzte. Die offizielle Statistik weist für meinen Fachbereich eine Überversorgung von Ärzten mit 144 Prozent aus. Das kann gar nicht sein, wenn ich erlebe, wie viele Neu-Patienten Tag für Tag in meiner Praxis Terminanfragen stellen, denen ich unmöglich nachkommen kann. Ein anderer Punkt ist die Telematikstruktur, die das E-Health-Gesetz fürs Gesundheitswesen vorschreibt.

Die soll doch helfen, dass Patientendaten schneller ausgetauscht werden können, Arztbriefe elektronisch erfasst vorliegen und doppelte Arbeit vermieden wird. Oder nicht?

Richtig. Es gibt gerade in Sachsen immer noch viele kleinere Orte, die nicht ans Internet angeschlossen sind. Aber das ist nicht das größte Problem in den Praxen. Das sehen wir in der Datensicherheit der neuen Netzwerk-Technik. Patientendaten sind hochsensible Daten. Das Telematik-System muss sicher sein, die Daten dürfen nicht in falsche Hände gelangen. Wir als Ärzte sollen aber rechtlich unseren Kopf hinhalten, wenn Daten verloren gehen. Darüber müssen wir reden. Und eine große Rolle für die IG Med werden auch Honorarverhandlungen spielen.

Schaut man sich die Einkommen anderer Berufszweige an, die für Mindestlohn kämpfen, hält sich das Mitleid mit Ärzten sehr in Grenzen.

Ja, ich kenne die Diskussionen. Es geht nicht ums große Geld verdienen. Es geht um die eklatanten Unterschiede zwischen Ärzten in Ballungsräumen und den niedergelassenen Kollegen, die viele Patienten in großen, ländlichen Einzugsgebieten versorgen. Denn sie werden für ihren Fleiß bestraft. Im Quartal dürfen Kassenärzte 780 Stunden arbeiten. Wer die Stundenanzahl erreicht, schließt die Praxis, damit er keine Probleme wegen der Leistungsabrechnung bekommt oder er riskiert Regress-Forderungen der Kassenärztlichen Vereinigung. Aber was sollen die Ärzte auf dem Land machen? Wir können die Patienten nicht alle massenhaft wegschicken. Wo sollen die Patienten auch hingehen? Also behandeln die Ärzte die Menschen, weil der Bedarf so groß ist und werden dafür bestraft. Das System der Berechnungsgrundlage für Ärzte halten wir für falsch. Es belohnt die, die es sich gemütlich machen und bestraft die Fleißigen und die mit hohen Patientenzahlen. Zudem berücksichtigt es keine Unterschiede, wenn die Nachfolge von Praxen unklar ist oder Kollegen verstorben sind. Da kommen auf einmal 2.000 bis 2.500 Patienten auf einen Arzt zu, die versorgt werden müssen. So kann es nicht mehr weiter gehen.

Wen sehen Sie in der Pflicht?

Zuerst Bundesgesundheitsminister Spahn, dass er kompromissbereiter mit uns spricht. Wir haben ihm bei einer Anhörung vor einigen Tagen 13.000 Unterschriften überreicht. Die hat er gar nicht zur Kenntnis genommen. Es war erschreckend, wie wenig Wertschätzung Ärzten entgegen gebracht wurde. Wir wollen die Wut, die sich aufgestaut hat, konstruktiv bündeln. Es nützt ja nichts, wenn sich alle Seiten zunehmend im Ton vergreifen. Wir wollen, dass sich etwas ändert und sind in Sachsen nicht bereit, uns den Mund verbieten zu lassen. Man kann mit uns sprechen.

Viele Patienten sitzen in einem Wartezimmer einer Landarztpraxis.
Volle Praxen, lange Wartezeiten - Patienten auf dem Land in Sachsen kennen das seit Jahren. Bildrechte: dpa

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.01.2019 | 15:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

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Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2019, 15:02 Uhr

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