Pflegerin kämmt bettlägrigen Senior.
Bildrechte: IMAGO

Waschen, Kämmen, Zähneputzen für 15,67 Euro So viel ist ambulante Pflege in Sachsen wert

80 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt – auch durch ambulante Pflegedienste. Die Mitarbeiter helfen im Haushalt und beim täglichen Leben, dürfen aber oft nicht jede Leistung bei der Pflegekasse abrechnen.

Pflegerin kämmt bettlägrigen Senior.
Bildrechte: IMAGO

Wie viel Geld ambulante Pflegedienste für ihre Leistungen abrechnen dürfen, müssen sie mit den Pflegekassen individuell verhandeln. Ist der Pflegedienst Mitglied in einem Wohlfahrtsverband wie der Caritas, dem DRK oder der Diakonie verhandeln die Verbände gemeinschaftlich mit den Krankenkassen, denen die Pflegekassen angegliedert sind. Wie die Vergütung der ambulanten Pflegedienste aussieht, die Mitglied in einem der folgenden fünf Wohlfahrtsverbände sind, haben wir mal aufgeschlüsselt: Arbeiterwohlfahrt, Caritas, DRK, Diakonie, Paritätischer Wohlfahrtsverband und Zentralwohlfahrtsstelle der Juden. Die Regelungen gelten für etwa 300 Pflegedienste sachsenweit.

Unterschied ob Spritze geben oder Waschen

Die ausgehandelten Vergütungsvereinbarungen umfassen verschiedene Leistungsbereiche, die entweder von der Krankenkasse oder von der Pflegekasse bezahlt werden. Alles Medizinische wie zum Beispiel Blutzuckermessung, Medikamentengabe oder Verbände anlegen zählt zur sogenannten Behandlungspflege und wird von der Krankenkasse bezahlt. Waschen, Zähneputzen, Kochen oder Aufräumen gehören zur Grundpflege und werden von der Pflegekasse bezahlt. Auch hauswirtschaftliche Leistungen wie aufräumen, einkaufen oder Wäsche waschen werden von der Pflegekasse übernommen.

Pflegekasse zahlt pro Tag nur einmal Mundpflege

Allerdings kann der Pflegedienst nicht jede erbrachte Leistung auch tatsächlich abrechnen. So kann zum Beispiel die Grundpflege für Patienten, die aus dem Krankenhaus kommen, zwar keinen Pflegegrad haben, aber dennoch Pflege benötigen, nur einmal pro Tag abgerechnet werden. Kommt der Pflegedienst also morgens und abends zum Waschen, anziehen oder Zähneputzen, darf er für diesen Tag trotzdem nur einmal 15,67 Euro abrechnen.

Pflegedienste dürfen auch Investitionskosten* in Rechnung stellen. Bei den Investitionskosten handelt es sich um Betriebsausgaben wie beispielsweise Leasingraten fürs Firmenauto. Soweit Pflegedienste keine öffentlichen Fördermittel erhalten, dürfen sie solche "betriebsnotwendigen Investitions­aufwendungen" auf die Pflegebedürftigen umlegen. Die Pflegekassen beteiligen sich nicht an den Investitionskosten. Pflegebedürftige müssen diese Kosten aber nur zahlen, wenn dies im Vertrag vereinbart wurde. *Quelle: Verbraucherzentrale

Krankenkassen zahlen auch nicht alles

Auch bei der Behandlungspflege darf nicht jede Leistung, die erbracht wird, auch abgerechnet werden. Dort sind die einzelnen Leistungen in Leistungsgruppen eingeteilt und für jede Gruppe gibt es einen festen Betrag, der pro Einsatz abgerechnet werden kann. Für die Abrechnung bedeutet das: Es ist egal, ob nur eine oder mehrere Leistungen einer Gruppe erbracht werden, der Preis bleibt der Gleiche.

Beispiel: Muss eine ambulante Pflegekraft bei einem Patienten Blutzucker messen (Leistungsgruppe I), kann sie dafür 7,27 Euro abrechnen. Muss sie bei einem Patienten neben dem Blutzucker messen, auch noch Medikamente geben und einen Kompressionsverband abnehmen (auch Leistungsgruppe I), dann kann sie ebenfalls nur 7,27 Euro abrechnen.

Erbringt die Pflegekraft noch eine Leistung einer anderen Leistungsgruppe, wird  beim Patienten zum Beispiel noch ein Kompressionsverband angelegt (Leistungsgruppe III), dann kann er diese Leistung, nicht zusätzlich abrechnen. Denn werden Leistungen verschiedener Leistungsgruppen erbracht, kann nur die Gruppe abgerechnet werden, die mit einem höheren Entgelt honoriert wird. Der Pflegedienst bekommt also nicht 7,27 Euro und 11,52 Euro, sondern nur 11,52 Euro.

Abrechnung der Behandlungspflege je nach Leistungsgruppe (LG)*
LG Leistungen (Beispiele) Entgelt je Einsatz
I - Blutzuckermessung
- Blutdruckmessung
- Medikamentengabe
- Kompressionsverband abnehmen
7,27 Euro
II - Injektion
- Überprüfen und Versorgen von Drainagen
- Katheter-Versorgung
8,98 Euro
III - Einlauf
- Kompressionsverband anlegen
- Venenkatheter-Pflege
11,52 Euro
IV - Versorgung von mehr als 2 Wunden
- Wechsel der Trachealkanüle (zur Unterstützung der Beatmung)
12,29 Euro
V - Wechsel von Infusionen
- Wechsel des Blasenkatheters
- Magensonde legen
13,32 Euro

*Quelle: Vergütungsvereinbarung zwischen Wohlfahrtsverbänden und Krankenkassen

Was zahlt die Kasse und was der Pflegebedürftige?

Aber wieviel zahlt die Pflegekasse denn nun eigentlich? Und was muss der Pflegebedürftige eventuell aus eigener Tasche zahlen?

Grundsätzlich gilt: Alle Leistungen der Behandlungspflege rechnet der ambulante Pflegedienst mit der Krankenkasse ab, die einen Großteil der Kosten übernimmt. Für den Patienten bleibt meist nur ein Zuzahlungsbetrag.

Tritt der Pflegefall ein und man will einen ambulanten Pflegedienst beauftragen, dann schätzt der Pflegedienst zunächst den Pflegebedarf ein und macht einen Kostenvoranschlag. Der Pflegebedürftige oder Angehörige schließt dann auf dieser Grundlage einen Vertrag mit dem Pflegedienst ab. Die Rechnung schickt der Pflegedienst dann monatlich direkt an die Pflegekasse - aber nur über den Teil, der von der Pflegekasse bezahlt wird. Denn die übernimmt keinesfalls die tatsächlichen Kosten, sondern nur die sogenannten Pflegesachleistungen. Deren Höhe wiederum richtet sich nach dem entsprechenden Pflegegrad.

Über den Rest bekommt der Pflegebedürftige dann eine Rechnung. Aber keine Angst: Es wartet keine böse Überraschung. Der Kostenvoranschlag informiert bereits vorab darüber, ob ein Eigenanteil zu leisten wäre. Sollte das so sein und diese Zuzahlung kann nicht geleistet, kann entweder mit dem Pflegedienst besprochen werden, welche Leistungen eventuell nicht erbracht werden müssen oder ob es eventuell finanzielle Hilfe vom Sozialamt gibt.

Pflegesachleistungen pro Monat*
Pflegegrad Pflegesachleistung
2 689 Euro
3 1.298 Euro
4 1.612 Euro
5 1.995 Euro

Was viele nicht wissen!

Zusätzlich steht allen Pflegebedürftigen von Pflegegrad 1 bis 5 ein sogenannter Entlastungsbetrag von 125 Euro pro Monat zu. Dieser Betrag ist zweckgebunden für die Unterstützung der Pflegebedürftigen und Angehörigen im Alltag gedacht. Sie können das Geld beispielsweise für Haushaltshilfen oder die vorübergehende Unterbringung in einer Kurzzeitpflege ausgeben. Wird der betrag in einem Monat nicht ausgeschöpft, kann er auch im Folgemonat noch verbraucht werden.

Tipp Nimmt der Pflegebedürftige die ihm zustehende Pflegesachleistung nur teilweise in Anspruch, erhält er ein anteiliges Pflegegeld von der Pflegekasse.

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2018, 15:33 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

2 Kommentare

09.03.2018 15:49 Matthias Steindorf 2

In den z.B. 7,27 Euro oder 11,52 Euro für die Leistungsgruppen in der Häusliche Krankenpflege stecken auch die Fahrzeit zum Einsatz, die Parkplatzsuche, das Geld für Kraftstoffe und die Parkgebühren in Städten, für Ausfallzeiten wie Urlaub, Krankheit und Weiterbildung, Nacht- und Feiertagszuschläge, die Mitnahme einer zweiten Arbeitskraft (z.B. bei schwierigen häuslichen Verhältnissen), die Dokumentation der erbrachten Leistungen, Qualitätssicherung, Abstimmungen mit Ärzten sowie die Allgemeinkosten des Pflegedienstes wie Leitung, Verwaltung und sämtliche Sachkosten.
Wer steigt dafür heute überhaupt noch ins Auto ein? Wahrscheinlich nur die Pflege - wir brauchen dringend bessere Arbeitsbedingungen und Finanzierungen.

08.03.2018 17:56 Aronia 1

Da krieg ich so einen Hals! Genau dort gehört deutsches Steuergeld hin und nicht an den bekannten Stellen verpulvert! Weiterhin muss privaten Pflegedienstleistern, die aus dem Elend der Einen noch Profit generieren, genau auf die Finger geschaut werden. Doch hierzu bedarf er eines starken deutschen Staates und nicht dieser Lobbykratenriege im Land.
Eine kranke Gesellschaftsordnung in der Krankenhäuser, Pflegeheime, Kindergärten, Schulen etc. wie Kapitalistenbetriebe funktionieren sollen/müssen. Ebenso muss die Grundversorgung mit Gas, Wasser und Energie in staatliche Hand kommen. Das Rentensystem gehört ebenfalls umgekrempelt - sinnvolle Vorbilder gibt es ganz in der Nähe!
Deutsches Steuergeld sollte nur zum deutschen Steuerzahler zurückfließen. Er darf nicht länger in den Taschen geldgieriger Bonzen landen. Das Grosskapital soll vor dem Staat sitzen und mit dem Schwanz wedeln, nicht umgekehrt.
Mann, hört sich ja heute ganz schön linkslastig an, oder?

Aus dem Pflegealltag