Schokoladen-Konfekt aus Russland
Bildrechte: dpa

15.09.2019 | 09:00 Uhr Spätaussiedler treffen sich in Chemnitz

Schokoladen-Konfekt aus Russland
Bildrechte: dpa

Spätaussiedlertreffen in Chemnitz

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens hat am Sonnabend einen Begegnungstag für Aussiedler in Chemnitz veranstaltet. Angeboten wurden ein zweisprachiger Gottesdienst in der St. Petrikirche mit Landesbischof Carsten Rentzing sowie ein buntes Bühnenprogramm auf dem Markt mit folkloristischen Tanzdarbietungen und Chorgesängen. Oberkirchenrat Friedemann Oehme sagte MDR SACHSEN: "Stärken kann man sich beim syrischen Bäcker. Auch ein Russland-Laden wird vor Ort sein."

Opernhaus, St. Petrikirche und Hotel "Chemnitzer Hof" am Marktplatz in Chemnitz
Die Landeskirche rechnet mit bis zu 700 Teilnehmern. Der Begegnungstag wird bereits seit 1996 ein Mal pro Jahr an unterschiedlichen Orten im Freistaat ausgerichtet. Das Motto ist dieses Mal "Suche Frieden". In der Petrikirche wird es einen zweisprachigen Gottesdienst geben. Bildrechte: IMAGO

Was sind Aussiedler?

Zuwanderer deutscher Abstammung, die ab 1950 bis zum 1. Januar 1993 aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik immigriert sind, werden als Aussiedler bezeichnet.

Was sind Spätaussiedler?

Spätaussiedler sind nach der gesetzlichen Definition diejenigen, die nach dem 31. Dezember 1992 nach Deutschland gekommen sind. Sie können nur dann als Spätaussiedler in Deutschland aufgenommen werden, wenn sie sich in ihrer Heimat zum deutschen Volkstum bekannt haben. Zudem müssen sie die Fähigkeit zu einem einfachen Gespräch auf Deutsch nachweisen.

Was sind Umsiedler?

Als Umsiedler bezeichnete man in der DDR Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemals deutschen und (auch) deutsch besiedelten Territorien im östlichen Europa.

Osteuropa

Mann vor russischem Spezialitäten-Laden 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hier geht's zum Erklärvideo.

Mo 25.09.2017 11:19Uhr 02:07 min

https://www.mdr.de/heute-im-osten/video-140924.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Wie viele (Spät-)Aussiedler leben in Sachsen?

Allein unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sind mehr als eine Million Heimatvertriebene und Aussiedler nach Sachsen gekommen. Schätzungen gehen davon aus, dass ihr Bevölkerungsanteil heute bei rund fünf Prozent liegt. Jens Baumann, der Beauftragte für Vertriebene und Spätaussiedler in Sachsen, schätzt die Zahl der Aussiedler, die seit den frühen 1990er-Jahren in den Freistaat gekommen sind, auf über 100.000.

Die deutschstämmige Ruߟland-Aussiedlerin Tatjana Mesler steht in einem Laden im Greifswalder Stadtteil Eldena vor Regalen.
Gehört ins Straßenbild jeder größeren Stadt: Ein "Russlandladen". Bildrechte: dpa

Nach Deutschland sind seit 1989 über 2,5 Millionen Aussiedler nach Deutschland gekommen. Das Bundesinnenministerium schreibt: "Während Anfang der 1990er-Jahre aus vielfältigen Gründen jährlich noch bis zu 400.000 Aussiedler in der Bundesrepublik Deutschland eintrafen, ist die Zahl im Jahre 2012 auf 1.817 Spätaussiedler gesunken." Durch gesetzliche Erleichterungen bei der Spätaussiedleraufnahme und der Familienzusammenführung habe sich der Zuzug seit 2013 wieder erhöht. "Im Jahr 2018 lag der Zuzug bei 7.126 Spätaussiedlern und deren Familienangehörigen. Für das Jahr 2019 ist weiterhin mit einem steigenden Zuzug zu rechnen."

Welchen Glauben haben Spätaussiedler?

In Sachsen gehören nur rund ein Viertel der Menschen offiziell einer Religion an. Im Vergleich dazu sind Spätaussiedler sehr religiös. Allein 43 Prozent der Spätaussiedler sind evangelisch.

Welche Anlaufstellen haben sie in Sachsen und beim Bund?

Seit 2018 gibt es im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ein eigenes Referat, das ausschließlich für die Integration von Spätaussiedlern zuständig ist. Damit solle der "besondere Status" der Spätaussiedler berücksichtigt und "auch nach außen hin sichtbar" werden. In Sachsen gibt es auch seit 2018 einen Beauftragten für Vertriebene und Spätaussiedler. Jens Baumann ist im Sächsischen Innenministerium angesiedelt. Vergleichbare Landesbeauftragte gibt es in Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Baden-Württemberg. Wer ein Anliegen hat, kann sich an den Beauftragten wenden.

Mit welchen Problemen haben die Spätaussiedler in Sachsen zu kämpfen?

Jens Baumann nennt hier als erstes die Rentenfrage. "Die meisten Spätaussiedler kommen mit diesem Thema zu mir." Russlanddeutsche müssen mit Abzügen von bis zu 40 Prozent leben. Weitere Themen seien die teils schwierige Anerkennung von Bildungsabschlüssen. Diskriminierung beziehungsweise mangelnde Integration sei bei den Jüngeren kaum noch ein Thema.

Sind Spätaussiedler alle AfD-Wähler?

Russlanddeutsche sind politisch im Durchschnitt rechts der Mitte positioniert. Das hatten die Universitäten Köln und Duisburg-Essen 2018 in einer gemeinsamen Studie belegt. Doch die Bindung an die Union scheint zu bröckeln. Kreuzten die Russlanddeutschen bei früheren Bundestagswahlen auf dem Wahlzettel noch mehrheitlich die CDU/CSU an, entschieden sich 15 Prozent von ihnen im Jahr 2017 für die AfD. Das ist etwas mehr als der Bundesschnitt. Professor Achim Goerres erläutert: "In der Tat punktete die AfD bei den Russlanddeutschen stärker als bei den Wählern ohne Migrationshintergrund. Aber sie blieb als dritte Kraft hinter der Union und den Linken weit hinter den Erwartungen zurück, die medial geschürt wurden."

Die Gründe dafür beschreibt Jannis Panagiotidis, Experte für Russlanddeutsche an der Universität Osnabrück: "Die Spätaussiedler stehen traditionell der Union nahe, weil sie unter der Regierung von Helmut Kohl nach Deutschland kamen." Aus Dankbarkeit hätten die Spätaussiedler jahrelang überproportional für die Union gestimmt. Zudem hätten viele eine eher konservative Einstellung, auch weil der Glaube bei ihnen zum Teil eine größere Rolle spiele, so der Wissenschaftler zu "Die Welt". Doch seit Kanzlerin Angela Merkel die Union führt, wandten sich viele Russlanddeutsche ab.

Screenshot der Website https://ok.ru/afdrus
Die AfD wirbt aktiv um Russlanddeutsche - und hat eigene parteiinterne Aussiedler-Gruppen gegründet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Bundeszentrale für politische Bildung sieht einen weiteren Aspekt im Medienkonsum vieler Russlanddeutscher. Vor allem die ältere Generation beziehe ihre Informationen aus den russischen Medien. Im Fernsehen macht die AfD Wahlwerbung, oft auf Russisch. Themen wie die Flüchtlingsfrage sowie die Sanktionen gegen Russland werden aus russischer Perspektive geschildert.

Nicht zuletzt dürfte eine erlebte soziale Ungerechtigkeit in Wahlentscheidungen hineinspielen: Spätaussiedler, die nach dem 6. Mai 1996 nach Deutschland gezogen sind, müssen mit nach dem Fremdrentengesetz Rentenkürzungen von bis zu 40 Prozent leben. Schon seit Jahren verspricht die Politik hier Abhilfe zu schaffen. Jens Baumann hofft auf eine Klärung im nächsten Jahr: "Nach einer Bundesratsinitiative prüft Berlin eine Rentenanpassung. Die ist dringend nötig. Sehr viele Spätaussiedler müssen im Rentenalter Grundsicherung beantragen. Die maximale Rentenhöhe für eine Einzelperson liegt in Ostdeutschland für sie bei rund 770 Euro, als Paar darf man nur rund 1.200 Euro beziehen."

Wieso gab es überhaupt eine deutsche Minderheit in Russland?

Weil Zarin Katharina im 18. Jahrhundert Ausländer dazu einlud, sich im russischen Reich anzusiedeln. Den Siedlern wurde Landbesitz, Religionsfreiheit und Selbstverwaltung. 1764 wurde die erste wolgadeutsche Kolonie gegründet.

Quelle: MDR/st/bmi/smi/bpb

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2019, 09:00 Uhr

Mehr aus Sachsen