Demonstranten mit Reichskriegsfahne auf einer Demonstration rechter Gruppen
Bildrechte: IMAGO

Hintergrund Ausstieg: Wege aus der rechtsextremen Szene

Ein Ausstieg aus der rechten Szene, das wissen Sozialarbeiter und Behörden, ist ein Prozess, der viele Jahre dauern kann. Konkrete Zahlen, wie viele Männer und Frauen den Ausstieg geschafft haben, gibt es nicht. In Sachsen gibt es drei Programme, die Aussteigern helfen können.

 Demonstranten mit Reichskriegsfahne auf einer Demonstration rechter Gruppen
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Wie viele Rechtsextremisten gibt es in Sachsen?

Nach Angaben des Landesamtes für Verfassungsschutz wurden 2017 rund 2.600 aktive Rechtsextremisten in Sachsen registriert. Damit ist die Zahl seit 2011 relativ konstant. Bundesweit geht der Verfassungsschutz von etwa 23.100 Rechtsextremisten aus.

Wie viele rechtsextremistische Straftaten wurden 2017 festgestellt?

In Sachsen hat das Landesamt für Verfassungsschutz 2017 insgesamt knapp 2.000 rechtsextremistische Straftaten registriert. Mehr als 400 dieser Straftaten waren fremdenfeindlich begründet, 95 Straftaten waren Gewalttaten und 116 Taten richteten sich gegen Polizeibeamte. Die meisten rechtsextremistischen Straftaten wurden in Dresden registriert, gefolgt von Leipzig und Bautzen.

Welche Warnsignale gibt es dafür, dass jemand in die rechtsextreme Szene abrutscht?

Meist gibt es deutliche Hinweise darauf, dass eine Person sich politisch verändert, schreibt Insa van den Berg in der Veröffentlichung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung mit dem Titel "Und dann wollte ich raus. Extreme politische Szenen verlassen. Am Beispiel Sachsens." Frühwarnzeichen, dass jemand in ein rechtsextremes Milieu abdriftet, könnten demnach Musik mit rassistischen Texten oder Kleidung mit szenetypischen Symbolen sein. Aber das muss es nicht. Die Zeiten, in denen man Nazis an Springerstiefeln und Bomberjacken erkennen konnte, sind van den Berg zufolge lange vorbei. Man müsse demnach das Gesamtbild betrachten.

Gerade bei Jugendlichen spielen psychische Gründe bei der Faszination für politische Extreme eine Rolle – weil sie sich in einer Phase befinden, in der sie sich von ihrer Familie lösen und ihren eigenen Platz in der Gesellschaft suchen. Wenn es Gruppierungen gelingt, das jugendliche Bedürfnis nach Abenteuer, Selbstbehauptung und Protest aufzugreifen und diese eng in Gruppenaktivitäten eingebunden werden, übernehmen Jugendliche oft zunehmend die dahinter stehende Ideologie.

Insa van den Berg "Und dann wollte ich raus. Extreme politische Szenen verlassen. Am Beispiel Sachsen"

Wie viele Aussteiger aus der rechtsextremen Szene gab es in den letzten Jahren?

Ein Schild weist den Weg zu einem Notausgang.
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Konkrete Zahlen für Sachsen und Deutschland liegen nicht vor. Es gibt eigenständige Ausstiege, die nirgendwo dokumentiert werden. Laut Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen geben viele Aussteigerprogramme - auch die des Verfassungsschutzes - ihre internen Zahlen nicht preis. Die "ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur" hat ermittelt, dass in den Jahren 2000 bis 2017 auf begleitetem Weg 1.588 Rechtsextreme aus der Szene ausgestiegen sind.

Das nichtstaatliche Programm "exit" hilft seit dem Jahr 2000 Menschen, die die rechte Szene verlassen wollen. Nach Angaben der Bundesregierung gelang seit der Jahrtausendwende mit "exit" 601 Männern und 96 Frauen der Ausstieg aus der rechtsextremen Szene.

Wie können Familie oder Freunde auf Radikalisierungs-Anzeichen reagieren?

Zuerst sollten Angehörige auf Anzeichen achten, die in der Pubertät auftreten: Ändert sich der Freundeskreis, dass plötzlich ältere, fremde Jugendliche zu Hause auftauchen? Wird das Auftreten des Jugendlichen militanter? Hat er plötzlich einen ganz anderen Musikgeschmack, interessiert sich für Kriegsliteratur und deutsche Geschichte. Zudem pflegen Rechte eigene Zahlencodes, Musikstile, Symbole bei Tattoos und Kleidermarken. "Das Wissen um Symbole, Codes, Musik- und Kleidungsstil, in denen sich die Inhalte und Wertvorstellungen von Neonazis wiederfinden, ist eine wichtige Voraussetzung, um auf neonazistische Gefahren reagieren zu können", empfiehlt die Bundeszentrale für politische Bildung Eltern und Freunden. Allerdings warnen die Autoren der Bundeszentrale auch: In den vergangenen Jahren haben sich rechte Codes mit anderen Modemarken, Stilen und Teilen der Jugendkultur vermischt, so dass es Laien schwer falle, den Überblick zu behalten.

Nicht wegschauen!

Einige Neonazis stehen mit ihren kahl rasierten Köpfen nebeneinander.
So eindeutig und offen plakativ treten Neonazis und Rechtsradikale heute nicht mehr auf. Eltern müssen bei ihren Kindern genauer hinsehen, um rechte Tendenzen zu erkennen. Bildrechte: dpa

Experten sehen Eltern als wichtigsten Partner des Kindes. "Nehmen Sie sich Zeit für Ihr Kind. Fragen Sie nach seinen Zielen, Wünschen, Träumen und entwickeln Sie gemeinsam Perspektiven. Durch regelmäßige, positive Zuwendung ist es möglich, Anerkennung zu vermitteln und zu erhalten. Nehmen Sie die Bedürfnisse und Interessen Ihres Kindes ernst", empfehlen hessische Jugendschützer rings um das "BeratungsNetzwerk Hessen – Mobile Intervention gegen Rechtsextremismus". Was Polizei und Psychologen noch raten, erfahren Eltern und Familien hier.

Wer hilft beim Aussteigen aus extremistischen Gruppen?

In Sachsen gibt es drei Aussteiger-Programme
Name des Programms Aussteigerprogramm Sachsen Koordinierungs- & Beratungsstelle Radikalisierungsprävention (Kora) Aussteigerprojekt "ad acta"
Wer bekommt Hilfe?
  • Anhänger politischer Extreme, die Gewaltmonopol des Staates, Gewaltenteilung und demokratischen Grundlagen des Staates nicht anerkennen oder zeitweise nicht anerkannt haben: Rechts- & Linksextremisten, islamische Extremisten, Rocker, Hooligans, Eltern und soziales Umfeld der Extremisten, Häftlinge
  • Menschen, die sich aus einer sozialen Abhängigkeit bzw. aus sektenartigen Strukturen befreien möchten
  • Kora ist Ansprechpartner für Angehörige (Familien, Partner, Freunde)
  • Mitglieder der rechtsextremen Szene (unabhängig von Verstrickung u. Position in der Szene)
Was wird angeboten?
  • Für Aussteiger: psychosoziale Beratung, Beratung zur Distanzierung von extremistischen politischen Positionen u. menschenfeindlichen Haltungen, Arbeitssuche, Wohnortwechsel, Behördengänge, Sicherheitsfragen u. Gefährdungssituationen klären, Suchtberatung, Schuldenberatung


  • Für Angehörige: Hilfe bei der versuchten Annäherung an Aussteiger, Vorbereitung auf Mithilfe im Ausstiegsprozess, Hilfe bei Verarbeitung u. Bearbeitung mit der Situation, dass der Angehörige einer extremen Gruppierung angehört
  • Für Aussteiger: Arbeitssuche, Vermeidung von Selbst- u. Fremdgefährdung, Entwicklung von Dialogfähigkeit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Aufbau neuer sozialer Kontakte, Aufarbeitung der eigenen Biographie


  • Für Angehörige: Hilfe bei der Deutung von Radikalisierungsanzeichen, Stärkung der Handlungskompetenz bei der Begegnung mit Ideologien, Beantwortungen von Fragen, Hilfen, eine sich radikalisierende Person zu erreichen
  • Für Aussteiger: Wohnungs-, Arbeitssuche, neue soziale Kontakte finden, ideologische Aufarbeitung durch Diskussion, Klienten können bei Eignung auch bei Präventionsarbeit mitmachen (z. B. durch Vorträge an Schulen, bei denen sie ihre eigene Geschichte erzählen)
Kontakt
  • Kontaktaufnahme durch Austrittswillige oder Dritte (z. B. Angehörige) per Brief, Anruf oder E-Mail.
  • Kontaktadresse finden Sie hier.
  • Kontaktadresse für den Erst-Kontakt finden Sie hier.
Angaben für den Erst-Kontakt mit Folge-Treffen auf neutralem Boden finden Sie hier.

Quelle: MDR/nj/kk/kh

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 10.04.2019 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2019, 16:50 Uhr

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12 Kommentare

12.04.2019 15:50 NN 12

@ Der Beobachter(11): Sie missverstehen mich, mein frei erfundenes Beispiel für das Weglassen von 69% Information hätte auch von Gartenstühlen, Insekten, Fehldiagnosen oder Pflanzensterben handeln können. Wenn man auf einem medizinischen Beipackzettel 69% der Nebenwirkungen unerwähnt ließe, hätte das sogar juristische Konsequenzen.

11.04.2019 23:28 DER Beobachter zu NN 7 11

Da ist es doch glatt beruhigend, dass um die 70% der Sachsen und Mitteldeutschen sich nicht dazu entschließen können oder wollen, jenen Parteien und Bewegungen ihr Kreuz zu setzen, von deren Kandidaten sich überdurchschnittlich viele sich im rechtsäußeren Spektrum bewegen. Gott sei dank gibts noch das Grundgesetz und die Sächsische Landesverfassung... ;) ;(

11.04.2019 21:58 DER Beobachter @ Sachse 43 10

Danke für Ihren Kommentar. Manche Formulierungen sind wie von Ihnen gewohnt so schön eindeutig zu Ihrer Selbstverortung... ;)

11.04.2019 21:52 DER Beobachter 9

Wenn ich mich recht entsinne, sieht die Polizeistatistik etwas anders aus...

11.04.2019 21:48 DER Beobachter @ Berndnauer 8

Auch wenn Radikalisierte (nicht nur) der rechten Szene überdurchschnittlich häufig in BTMG-Verstöße involviert sind, ist ein solches als solches zuerst mal kein extremismusermittlungsrelevantes Tatmerkmal, obwohl umgekehrt die Rechtsfreunde das ganz gern dazu machen wollen und sogar die aktuelle Polizeistrategie in DD/Sa. darauf hinausläuft, im entsprechenden linken und fremden Szenemillieu genauer hinzuschauen, aber die rechte Drogenszene eher aus dem Auge zu verlieren scheint.

11.04.2019 21:45 NN 7

@2 und @3: Egal worum es geht, wenn in einem Bericht 69,45% der Information unerwähnt bleibt, dann informiert er schlecht. Meine Frage würde bei einem vollständigen Artikel garnicht existieren. Ich möchte auf garnichts "hinaus", möchte informiert werden und nicht mir "selber beantworten" . Natürlich sind Beleidigung & Bedrohung auch Straftaten, hier ging es aber um rechtsextremistische Straftaten, deren Bandbreite hier zu 31% erwähnt wird. Hätte mir auch einen Kommentar des MDR selbst unter meinen Kommentar gewünscht, wie er ja manchmal auch gegeben wird. - Zum Verständnis: Falls es um das Wahlverhalten von Menschen ginge und ein Artikel beschriebe, dass 31% eine bestimmte Partei wählen und der 69% der Wähler unerwähnt lässt, dann ist der Artikel einfach nicht vollständig, nicht einmal tendenziös, einfach unvollständig(Punkt)

11.04.2019 19:46 Sachse43 6

Da gibt es also allerhand ABM Massnahmen für Gesinnungsfreunde. Wenn ich den Aufwand sehe, also die hunderttausende an Steuergeldern und das Ergebnis, dann sollte man diesen Unfug einstellen. Die ABM Angestellten können es dann mal auf dem richtigen Arbeitsmarkt versuchen.

11.04.2019 11:28 MuellerF 5

@4: Ein Ausstieg beginnt mit dem WILLEN der Aussteiger, unter Zwang funktioniert das nicht. Bei den NSU-Mitgliedern war ein Ausstieg das Letzte, was die wollten-allein schon wegen der zu erwartenden Haftstrafen, die ja durch einen Ausstieg nicht aufgehoben worden wären.

11.04.2019 10:01 Ichich 4

Wenn die Aussteigerprogramme so gut funktionieren, warum hatte man dann 10 Jahre keine Informationen über den sog. NSU, wo doch angeblich "alle es gewußt" haben ?

11.04.2019 08:51 MuellerF 3

@1: Sie wollen sicher auf die "Propagandadelikte" hinaus...aber das ist ein billiger Ablenkungs-& Relativierungsversuch! Auch völlig unpolitische Worte & Zeichen können Straftaten sein; Beleidigung & Bedrohung beispielsweise. Auch diese stören den sozialen Frieden, sind also nicht anders zu bewerten als die "Propagandadelikte".

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