Fakt ist! "Ohne Bargeld können wir uns in der Krise nicht mehr selbst helfen"

Eine Umfrage des Bankenverbandes bringt es an den Tag: Jeder fünfte Bundesbürger hat mehr als 500 Euro Bargeld zu Hause. Dennoch wird immer wieder über die Abschaffung des Bargeldes diskutiert. Vor allem jüngere Menschen setzen vermehrt auf Kartenzahlung. Doch was bedeutet eine bargeldlose Welt für unsere Freiheit und was passiert in der Krise, wenn der Strom ausfällt und es nicht mehr möglich ist, digital zu bezahlen? Darüber haben wir mit dem Verhaltensökonomen Prof. Hartmut Walz gesprochen.

Ein Mann steht vor einer Mauer und schaut freundlich in die Kamera.
Der Verhaltensökonom Prof. Dr. Hartmut Walz ist kommenden Montag zu Gast im MDR Fernsehen bei "Fakt ist!". Bildrechte: Ulrich Bosetti

Herr Prof. Walz, lange Zeit hatten die Deutschen ein inniges Verhältnis zum Bargeld. Noch immer horten sie es in großen Mengen. Trotzdem scheint sich durch Corona etwas zu verändern. Sehen Sie darin einen kurzfristigen Trend oder eine langfristige Veränderung?

Prof. Hartmut Walz: Ich würde zwischen der Bargeldhortung und dem Bezahlverhalten unterscheiden. Die Bargeldhortung hat keineswegs abgenommen – eher im Gegenteil. Jedoch wird immer häufiger mit Karte bezahlt. Dieser Trend hat schon lange vor Corona eingesetzt. Das ist eine Generationenfrage: Je jünger jemand ist, desto seltener benutzt er Bargeld. Allerdings hat Corona die Entwicklung beschleunigt. Und das, obwohl es bisher keinen Nachweis einer Corona-Infektion durch Bargeld gibt. 

Warum hat man dann beispielsweise im Supermarkt den Eindruck, dass das so wäre?

Weil es ein Interesse daran gibt, Bargeldnutzung zu verdrängen. Niemand weiß genau, welchen Doppelpass Supermärkte und Zahlungsdienstleister spielen. In jedem Fall erhalten die Dienstleister wertvolle Daten über die Einkommensverhältnisse und Vorlieben der Kunden.

Neben dem Alltag gibt es auch Krisensituationen, in denen die Frage des Bargelds existenziell sein kann. In seinem Roman "Blackout" erzählt der Autor Marc Elsberg, wie durch einen großflächigen Stromausfall in Europa innerhalb kürzester Zeit die Zivilisation zusammenbricht. Bargeld ist auf einmal Trumpf. Da stellt sich die Frage: Wie krisenfest ist eigentlich die bargeldlose Welt?

Meine persönliche Antwortet lautet: Ich würde auf Bargeld nicht verzichten. Es verleiht uns eine gewisse Robustheit. Statt Corona könnte es ja tatsächlich auch mal ein Computervirus geben, das die Stromversorgung stilllegt oder digitales Bezahlen unsicher macht. Ich würde die Situation mit einem Bild beschreiben: Wenn sie einen Gasanschluss haben und das Gas wird abgestellt, dann ist sofort Schluss. Haben sie hingegen einen gut gefüllten Öltank im Keller, dann müssen sie sich erstmal keine Sorgen machen. So ist das auch mit dem Geld: Ohne Bargeld können wir uns in der Krise nicht mehr selbst helfen.

Bargeldloses Zahlen
In der Corona-Pandemie nutzen immer mehr Menschen die Möglichkeit, bargeldlos zu zahlen. Bildrechte: imago images / Klaus Martin Höfer

Wer hat dann etwas von der Abschaffung des Bargelds?

Zum Beispiel die Europäische Zentralbank (EZB). Aktuell hat sie die Zinsen auf minus 0,5 Prozent gesenkt. Erste Bankkunden müssen deshalb bei ihren Hausbanken Verwahrentgelte zahlen. An dieser Stelle endet bisher die Macht der Zentralbank. Würde sie die Zinsen beispielsweise auf minus vier Prozent senken, würden die Bürger in Scharen ihr Geld abheben. Ohne Bargeld könnten sie das nicht und müssten folglich auch vier Prozent Negativzinsen zähneknirschend hinnehmen. Eine schleichende Enteignung wäre die Folge.

Hand entnimmt Bargeld von einem Bankautomaten
Negativzinsen veranlassen Menschen, ihr Erspartes vom Bankkonto zu holen. Bildrechte: imago/Peter Widmann

Allerdings ergeben sich auch für die EZB in einer rein digitalen Welt neue Herausforderungen. Soziale Netzwerke wie Facebook mit über zwei Milliarden Nutzern überlegen, eigene Kryptowährungen zu etablieren. Aufgrund der Marktmacht wäre das für die Zentralbanken brandgefährlich. Wie bewerten Sie diese Vorhaben?

Ganz neu ist das Phänomen nicht. Aber die Regierungen und Zentralbanken werden das Währungsmonopol nicht einfach aufgeben. Im Mittelalter wurden diejenigen, die die Währungshoheit des Herrschers angegriffen haben, immer am grausamsten öffentlich hingerichtet. In der Sache hat sich daran nichts geändert. Ein Zentralbanker sagte mir mal unter der Hand: "Wenn die Schmuddelkinder an den Erwachsenentisch wollen, werden wir ihnen auf die Finger hauen." Am Ende könnte also gerade dann ein Verbot von Kryptowährungen stehen, wenn diese sich vom Spekulationsobjekt zu einer echten Währungsalternative gemausert haben. 

Zum Schluss noch eine grundsätzliche Frage. Nicht wenige Menschen haben die Vorstellung, dass ihr Geld bei der Bank in Form von Scheinen in einem Fach liegt. In Wirklichkeit hat die Bank das Geld aber häufig gar nicht. Würde unser gegenwärtiges Finanzsystem noch funktionieren, wenn das alle wüssten?

Das Zauberwort lautet Vertrauen. Es gibt ein schönes Märchen, das das Prinzip veranschaulicht: Ein Bauernpaar bekommt von einem Zauberer einen Wunschring für schlechte Zeiten. Obwohl es hart arbeiten muss, vermeidet es das Paar, den Ring zu benutzen. Am Ende sterben die Eheleute alt und glücklich. Die Pointe an der Geschichte ist, dass der Ring eigentlich von einem Betrüger vertauscht wurde. Nur er hatte den Wunschring und wünschte sich ohne zu zögern einen Goldregen. Von den Goldmünzen, die vom Himmel fielen, wurde er jedoch erschlagen. Vertrauen ist der Anfang von allem.

Hartmut Walz ist zu Gast bei "Fakt ist!" aus Dresden am Montagabend. Dort diskutiert er unter anderem auch mit Menschen, die den bargeldlosen Zahlungsverkehr begrüßen oder sogar befördern.

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR FERNSEHEN | 08.02.2021 | 22:15 Uhr

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