22.10.2019 | 15:35 Uhr | Update Sachsens Landwirte protestieren gegen Bauernbashing

Demo Landwirte in Chemnitz gegen das Agrarpaket
"Wir sind mit der ganzen Agrarpolitik unzufrieden und die Bauern werden immer als Buh-Mann hingestellt. Wir werden für alles verantwortlich gemacht", sagen Martin Rößler und Robert Hoffmann. Bildrechte: Anett Linke

Mit hunderten Traktoren haben Bauern in Leipzig, Chemnitz und Görlitz am Dienstag für mehr Mitsprache bei der Agrarpolitik protestiert. Die Landwirte beteiligten sich mit den Sternfahrten an dem bundesweiten Protest "Land schafft Verbindung", wie Paul Kompe, Organisator der Demo in Leipzig, erklärte. An der Fahrt in Leipzig beteiligten sich laut Kompe mehr als 150 Landwirtschaftsbetriebe aus der Region. Mehr als 200 Traktoren rollten auf insgesamt vier Routen zum Völkerschlachtdenkmal. Die Bauern machten mit lautem Hupen und Plakaten an ihren Traktoren auf sich aufmerksam. "Ist der deutsche Bauer tot, woher kommt denn dann das Brot?" stand auf einem Transparent geschrieben, "Der Bauer ist kein Spielzeug" auf einem anderen Plakat.

Landwirte in Leipzig: "Bauernbashing muss aufhören"

Bei der Auftaktkundgebung am Völkerschlachtsdenkmal kritisierte Sprecher Paul Kompe die mangelnde Wertschätzung den Landwirten gegenüber. Zudem forderte er, dass das "Bauernbashing" in den sozialen Netzwerken aufhören müsse. "Keine andere Berufsgruppe wird so beschimpft wie wir", meint der Landwirt aus dem Muldental. Neben der mangelnden Wertschätzung kritisierte er den bürokratischen Aufwand, den die Bauern betreiben müssen und forderte die Politik dazu auf, mehr mit den Landwirten zu sprechen. "Die Akteure der grünen Branche wollen sich nicht mehr ausschließen lassen."

Bildergalerie Demonstrationen der Landwirte gegen das Agrarpaket in Sachsen

Auch in Sachsen gingen am bundesweiten Aktionstag der Landwirte gegen das neue Agrarpaket zahlreiche Bauern auf die Straße. In Leipzig, Chemnitz und Görlitz demonstrierten sie für mehr Dialog und Wertschätzung.

Demo Landwirte gegen das Agrarpaket in Leipzig
Am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig versammelten sich zahlreiche Landwirte zur Auftaktkundgebung. Bildrechte: Moritz Arand
Demo Landwirte gegen das Agrarpaket in Leipzig
Am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig versammelten sich zahlreiche Landwirte zur Auftaktkundgebung. Bildrechte: Moritz Arand
Demo Landwirte gegen das Agrarpaket in Leipzig
Paul Kompe (vierter von links) kritisierte die mangelnde Wertschätzung der Arbeit der Landwirte. Zudem müsse das "Bauernbashing" aufhören, meint Kompe. "Keine andere Berufsgruppe wird so beschimpft wie wir", meint der Landwirt. Verantwortlich sei zum einen die Politik, aber auch die Landwirte selbst, die den Verbraucher viele Jahre lang vernachlässigt haben. Bildrechte: Moritz Arand
Demo Landwirte gegen das Agrarpaket in Leipzig
Wichtig ist den Landwirten, dass sie mit allen Beteilgten wieder ins Gespräch kommen. Bildrechte: Moritz Arand
Demo Landwirte gegen das Agrarpaket in Leipzig
Laut Veranstalter nahmen rund 300 Traktoren an der Demonstration teil. Diese sorgte auf dem Leipziger Innenstadtring für längere Verkehrseinschränkungen. Bildrechte: Moritz Arand
Demo Landwirte in Chemnitz gegen das Agrarpaket
Auf dem Parkplatz vor der Johanniskirche in Chemnitz haben sich Landwirte mit rund 150 Traktoren versammelt. Bildrechte: Anett Linke
Demo Landwirte in Chemnitz gegen das Agrarpaket
"Wir sind mit der ganzen Agrarpolitik unzufrieden und die Bauern werden immer als Buh-Mann hingestellt. Wir werden für alles verantwortlich gemacht", sagen Martin Rößler und Robert Hoffmann. Bildrechte: Anett Linke
Demo Landwirte in Chemnitz gegen das Agrarpaket
Die meisten Traktoren in Chemnitz haben Plakate mit Aufschriften, wie "Achtung, hier fahren Arbeitsplätze. Noch." und "Lieber Verbraucher, wir lieben Lebensmittel. Und du?". Bildrechte: Anett Linke
Demo der Landwirte in Görlitz gegen das Agrarpaket.
Auch in Görlitz nahmen laut Reporterangaben rund 150 Traktoren an der dortigen Demonstration teil. Bildrechte: Danilo Dittrich
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Knapp 160 Traktoren in Chemnitz

In Chemnitz waren es etwas weniger Maschinen als erwartet: Knapp 160 Traktoren und 300 Teilnehmer wurden gezählt, wie Mitorganisator Georg Stiegler berichtete. Rund 120 Betriebe seien bei der Fahrt dabei gewesen. Stiegler freute sich über die positiven Reaktionen der Passanten. Viele hätten sich erstaunt gezeigt über die Situation der Bauern. Ziel in Chemnitz war die Johanniskirche. In Görlitz waren den Angaben nach über 100 Traktoren unterwegs. "Wir wollten nicht außen vor bleiben", sagt Hagen Stark. Deshalb habe er für die Oberlausitzer Bauern eine Demo in Görlitz angemeldet. In Chemnitz, Leipzig und Görlitz kam es wegen der Demonstrationen zu Behinderungen im Straßenverkehr.

Sternfahrten in knapp 20 Städten bundesweit

Bundesweit protestierten Tausende Landwirte gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. Im Rahmen der Bewegung "Land schafft Verbindung - Wir rufen zu Tisch" starteten sie am Morgen mit Traktoren zu Sternfahrten in knapp 20 Städten. Zentrum des Protests war Bonn. Dort versammelten sich laut Schätzungen der Polizei knapp 6000 Teilnehmer mit 2000 Traktoren. Hintergrund ist, dass die Bauern durch die aktuelle Umwelt-, Landwirtschafts- und Handelspolitik die regionale Lebensmittelproduktion und ihre Existenz in Gefahr sehen. Die Bauern wollen mit ihrem Motto eine Verbesserung des Miteinanders bei gesellschaftlich wichtigen Themen, wie Tierwohl, Insektenschutz und Lebensmittelsicherheit erreichen.

Traktoren stehen auf einer Straße
Mit Traktoren gegen Bauernbashing. Bildrechte: MDR/M. Arand

Grüne Kreuze auf Feldern und Wiesen

Ihren Anfang nahm die Protestbewegung mit grünen Kreuzen, die viele Landwirte bundesweit als Zeichen ihrer Existenzängste auf Feldern und Wiesen aufstellen. Auch in Sachsen gab es diese Form des Protests: Im Landkreis Zwickauer Land wurden die Kreuze Ende September auf mehreren Feldern errichtet. «Da dieser stille Protest ignoriert wurde, gehen wir jetzt auf die Straße», erklärte Georg Stiegler. Für Kompe und Stiegler ist das Besondere an den Demos am Dienstag, dass diese von der Basis getragen werden.

Grüne Liga plädiert für Tierwohl

Landwirtschaftsministerium Sachsen äußert sich nicht

Das sächsische Landwirtschaftsministerium (SMUL) wollte sich nicht zum Agrarpaket äußern. "Da viele Gesetzesentwürfe noch nicht vorgelegt wurden, kann das SMUL zum derzeitigen Zeitpunkt keine Angaben zum Abstimmungsverhalten des Freistaates Sachsen machen", hieß es auf Anfrage von MDR SACHSEN aus dem Ministerium. Das Agrarpaket umfasse zudem eine Reihe von Gesetzen und Gesetzesänderungen, die nur "teilweise zustimmungspflichtig im Bundesrat behandelt werden". Ein Teil der Regelungen seien Einspruchsgesetze, die ohne Zustimmung des Bundesrates - also der jeweiligen Landesregierungen - in Kraft treten können.

Überblick: Darum geht es im Agrar-Paket Das Agrar-Paket der Bundesregierung hat im Wesentlichen die folgenden Schwerpunkte:

Insektenschutzprogramm:
Es umfasst unter anderem die schrittweise Begrenzung und den Ausstieg aus der Glyphosat-Nutzung sowie den Schutz von Streuobstwiesen. Außerdem sieht es einen Mindestabstand zu Gewässern von 10 Metern bei Anwendung von Pflanzenschutzmitteln vor. Ab 2021 sollen Herbizide und bestimmte Insektizide in Schutzgebieten verboten werden.

Tierwohllabel:
Ein Tierwohllabel soll Standards, die über dem gesetzlichen Minimum liegen, garantieren. Seine Verwendung ist freiwillig.

Umschichtung der Direktzahlungen:
Aus dem Budget der Direktzahlungen an Landwirte sollen im Jahr 2020 sechs Prozent in Subventionen, die an Agrarumweltprogramme gekoppelt sind, umgeschichtet werden.

Kleinbauern stimmen Teil der Forderungen zu

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) geht davon aus, dass sich auch AbL-Landwirte an den Protesten in Chemnitz, Görlitz und Leipzig beteiligt haben. Anders als bei vielen anderen Themenfeldern kann sich die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft mit einem Teil der Forderungen der Bauernverbände identifizieren. Die AbL vertritt Betriebe mit kleinbäuerlichen Strukturen, die sowohl biologisch als auch koventionell wirtschaften, und setzt sich gegen die Agrarindustrie mit Massentierhaltung und Riesenäckern ein. Danilo Braun, Landessprecher Sachsen der AbL Mitteldeutschland, sagte MDR SACHSEN, es gäbe Schnittmengen bei den Protesten gegen das Agrarpaket der Bundesregierung.

Direktzahlungen von Nachhaltigkeit abhängig machen

Allerdings haben die kleinbäuerlichen Betriebe eigene klare Forderungen: Sie wollen, dass Direktzahlungen künftig von der nachhaltigen Wirtschaftsweise der Landwirte abhängig gemacht werden und damit ökologische und klimaschonende Bewirtschaftung gefördert wird. Es sei unstrittig, so Dorn, dass sich in der Landwirtschaft etwas ändern muss. Insektenschutzprogramme mit zeitnahem Glyphosat-Ausstieg passen zur Arbeitsweise der AbL-Betriebe. Auch das Tierwohl ist diesen Betrieben seit jeher wichtig.

Ein junger Landwirt füttert braune Kühe mit Stroh
Landwirte, wie Clemens Risse, fordern, dass die Förderung der Landwirtschaftsbetriebe sich nach deren umweltfreundlicher Wirtschaftsweise richtet. Bildrechte: MDR/L. Müller

Insbesondere bei Neuerungen der Düngeverordnung bräuchten alle Landwirte eine fachliche Beratung. Viele wüssten gar nicht genau, welche Veränderungen und notwenigen Investitionen nun auf sie zukommen. Bei einer Aktion der AbL im August in Dresden hatte sich der Landesbauernverband hingegen distanziert. Mit Blick auf die aktuellen Koalitionsverhandlungen sagte AbL-Sprecher Dorn auf Anfrage, er könne sich ein Landwirtschaftsressort unter Leitung der Grünen durchaus vorstellen. Allerdings sollten Umwelt und Landwirtschaft weiter unter einem Dach bleiben. "Umweltschutz kann man nur gemeinsam mit der Landwirtschaft betreiben", ist Dorn überzeugt.

Quelle: MDR/lam/kt/mar

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.10.2019 | 09:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2019, 15:35 Uhr

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