Ausstellung via Regia
Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal

Sächsische Stationen an der Via Regia Görlitz – das Kind der Straße

Görlitz ist eine alte Handelsstadt an der Via Regia. Ihr verdankt die Stadt einstigen Ruhm und Reichtum, vor allem in Mittelalter. Heute ist allerdings nicht auszuschließen, dass ohne die Via Regia an dieser Stelle vielleicht gar keine Stadt gegründet worden wäre.

Ausstellung via Regia
Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal

Am Anfang war der Untermarkt

1071 wurde Görlitz als "Gorelic" erstmals erwähnt. Damals handelte es sich um ein slawisches Dorf, das Heinrich IV. dem Bischof von Meißen übereignete. Um 1220 entstand dann im Bereich des heutigen Untermarktes die Stadt Görlitz als Handelsplatz.

Die Lage der Stadt an der Via Regia war für die Stadtentwicklung entscheidend. Ende des 13. Jahrhunderts wurde die Ost-West-Achse der Via Regia erweitert. Daraufhin entstand in Görlitz der heutige Obermarkt, der zum neuen, großen Handelsplatz wurde. Eine Mauer umschloss die gesamte Stadt, die 600 Jahre lang in dieser Größe fortbestand und heute die Historische Altstadt ist. Dort finden sich zahlreiche bedeutende Baudenkmäler unterschiedlicher Stilepochen.

Auf dem Weg zur Handelsmetropole

1303 wurde Görlitz das Stadtrecht verliehen. Görlitz zählte damals zwar nicht zu den tonangebenden und stilbildenden Metropolen in Europa, war jedoch über Jahrhunderte hinweg ein bedeutender Warenumschlagplatz. Schon im 14. Jahrhundert war die Stadt wirtschaftlich so stark, dass man es sich leisten konnte, eine hölzerne Neißebrücke zu errichten. Erwähnt wurde die Brücke erstmals 1376. Man vermutet allerdings, dass sie damals schon 100 Jahre alt war.

Auch die Zollfreiheit für die Görlitzer Kaufleute und das Waidstapelrecht brachten der Stadt und der gesamten Region großen Reichtum. 1339 erhielt Görlitz das Stapelrecht für Waid. Und so musste das aus Thüringen stammende Waid mehrere Wochen lang in der Stadt angeboten werden, erst dann durften nicht verkaufte Mengen Waid weiter transportiert werden. So gelang es den Görlitzern, den unmittelbaren Kontakt zwischen Anbietern und Verbrauchern fast vollständig zu unterbinden und den gesamten mitteleuropäischen Waid-Markt unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Stadt kaufte selbst einen erheblichen Teil des Waids auf und verkaufte es an Tuchmacher weiter. Das System brach allerdings zusammen, als auch Großenhain 1477 ein Waidstapelrecht erhielt, damit büßte Görlitz seine Bedeutung als Fernhandelsplatz enorm ein.

Görlitz im Sechs-Städte-Bund

1346 schloss sich Görlitz mit Zittau, Kamenz, Löbau, Lauban/ Lubań und Bautzen zum Sechsstädtebund zusammen. Der Bund sollte vor allem dem Schutz des Handels dienen. Und so erlebten die Städte entlang der Via Regia in dieser Zeit eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Zwischen den Städten des Bundes ging es aber keinesfalls immer friedlich zu. Ein Beispiel ist der sogenannte Bierstreit, der im 15. und 16. Jahrhundert zwischen Görlitz Löbau, Zittau und Lauban ausbrach. Dabei ging es um das Recht, "stadtfremdes" Bier zollfrei verkaufen zu dürfen. Viele Städte besaßen zwar das Recht, ihr Bier auch in anderen Städten zu verkaufen, doch hingenommen wurde das von den einheimischen Bierbrauern nicht immer. Und so kam es gelegentlich zu Auseinandersetzungen: Biertransporte wurden überfallen und das Bier wurde vernichtet.

Der Streit mit Zittau

Görlitz musste seine Stellung als Umschlag- und Stapelplatz auch immer wieder gegen konkurrierende Straßenverläufe verteidigen, so versuchte z.B. im Süden die Stadt Zittau den Verkehr abzuziehen. Diese Nebenstrecke zweigte in Bautzen von der Via Regia ab und führte über Löbau, Zittau und Seidenberg und schwenkte bei Lauban und Löwenberg wieder in die Hauptstrecke ein. Diese Nebenstrecke war auch der Grund, warum es zwischen Görlitz und Zittau am Ende des Mittelalters einen jahrzehntelangen Kleinkrieg gab, der mehrmals zu eskalieren drohte. Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte um die Gründung der Siedlung Neuhaus an der Tschirne.

Herzog Bolko II. von Schweidnitz errichtete im 14. Jahrhundert eine neue Siedlung namens Neuhaus an der Tschirne, um die Via Regia zwischen Görlitz und Lauban hierhin umzulenken. In Görlitz allerdings wurde das als Straßenraub betrachtet. Und so wurde 1366 der Ort komplett niedergebrannt und alle Fuhrleute wurden gefangen genommen, die diese „falsche“ Route genutzt hatten. Daraufhin verklagte die Herzogin von Schweidnitz den Städtebund beim Kaiser, der 1.600 Schock Strafzahlung und den Wiederaufbau von Neuhaus anordnete. Görlitz musste alle Kosten alleine tragen.

Mit dem allmählichen Rückgang des Handels auf der Via Regia schwand im 17. und 18. Jahrhundert auch die Bedeutung der Stadt. 1847 wurde Görlitz an das Eisenbahnnetz angeschlossen.

Görlitz heute: ein Gesamtkunstwerk

Görlitz ist heute das größte Flächendenkmal Deutschlands mit mittelalterlichen Marktplätzen und zahlreiche Denkmälern. Insgesamt 4.000 größtenteils restaurierte Baudenkmäler gibt es in der Stadt. Damit ist Görlitz ein städtebauliches Gesamtkunstwerk mit Bauwerken der Spätgotik, Renaissance, des Barocks und Jugendstils. Das historische Stadtbild zählt zu den am besten erhaltenen in Mitteleuropa.

Görlitz verkörpert bis heute eine Vielfalt an Erfahrungen aus fremden Ländern, die nur über die damals modernen Verkehrsachsen des Mittelalters möglich wurden. Am Schnittpunkt der zwei Handelsachsen Via Regia und Bernsteinstraße war der europäische Austausch besonders groß. Die Zeugen dieser kulturellen Verflechtungen finden sich in Görlitz noch heute in dem dichten Nebeneinander prachtvoller Bürgerhäuser aus Gotik, Barock und Renaissance.


Quellen:

  • Inge und Lothar Küken: Die Via Regia – Kulturstraße mitten durch Europa, Senfkorn Verlag Alfred Theisen, Görlitz und St. Annaberg (2007)
  • EUROPA-HAUS GÖRLITZ e.V. (Hrsg.): Dokumentation zum Internationalen Workshop „Via Regia kontrovers – Dialog der Horizonte“ in der Europastadt Görlitz-Zgorcelec (2006)
  • Bildungswerk für Kommunalpolitik Sachsen e.V. (Hrsg.): Via Regia. Kulturstraße des Europarates. Aktuelle Trends und Entwicklungen. Dokumentation 44 (2010)
  • Gert Zenker: Die Straße der Könige zwischen Görlitz und Bautzen. Impressionen zur Via Regia in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts (2008)
  • Marketing-Gesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien mbH: Ausflugstipps zur 3. Sächsischen Landesausstellung
  • Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2011, 18:19 Uhr

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